Musikzimmer von Christian Schorno: Inhaltsübersicht

Willkommen im Musikzimmer! Dies sind die empfohlenen Inhalte und Neuerscheinungen.

Slapback echo

Slapback echo wurde im Prinzip bereits am Ende der 1940er Jahre von Les Paul erfunden, aber mitte der 1950er Jahre von Sam Philips, dem Produzenten der frühen Singles von Elvis Presley, zum Industriestandard für Rockabilly gemacht. Als Referenzaufnahme gilt Mystery Train . Um den Sound der Rockabilly-Trios und -Quartette dicker oder präsenter zu machen, wurde Musik oder Gesang auf ein Tonband aufgenommen und vom Wiedergabekopf der Maschine, der in Bandlaufrichtung (vor dem Aufnahmekopf) angebracht ist, zurückgespielt. Die beiden Signale wurden schlieslich wieder zusammengemischt. Der mechanische Versatz der Tonköpfe sowie die Bandgeschwindigkeit bestimmt die Delay-Zeit. Die Lautstärke des Singals von der Hinterbandkontrolle bestimmte die Grösse des Raumeindrucks. Dieser Aufnahmetrick wurde ein Standard für Rock-'n'-Roll-Aufnahmen, die zu Beginn des Genres meistens in kleinen Studios von Indie-Labels entstanden sind.
Kulturelle Konnotationen
Der verhallte Sound der Platten aus den 1950er Jahren wurde oft mit der aufkommenden Weltraumtechnologie (Satelliten) und dem Wettlauf ins All asoziiert. Was für heutige Ohren wie ein billiger Trick klingt, war damals ein futuristischer Gimmick.

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Farfisa

Farfisa war eine italienische Herstellerin von Orgeln, Radios und TVs. Die Farfisa Compact de Luxe (1964) war Mitte der 1960er Jahre eine beliebte Comboorgel (eine Antwort auf die Vox Continental, die von vielen Studio- und Live-Bands in der Zeit, als die Orgel neu war, eingesetzt wurde, zum Beispiel von Sam The Sham And The Pharaohs, Blues Magoos, Blues Project, Country Joe And The Fish, Strawberry Alarm Clock, Sly and The Family Stone, Spooner Oldham auf unzähligen Aufnahmen aus Muscle Shoals sowie Pink Floyd (zwischen The Piper at the Gates of Dawn bis hin zu Dark Side of the Moon). Rick Wright schloss seine Orgel meist an ein Binson Echorec Delay-Gerät an, was für den psychedelischen Höreindruck entscheidend war. Neuere Bands, die die Orgel prominent einsetzenen sind Blondie, B-52's, Inspiral Carpets, Yo La Tengo oder American Analog Set.
1968 wurde die Compact- von der Fast- und der Professional-Serie abgelöst. In den 1970er Jahren spielten Rock-Bands eher Hammond- als Comboorgeln. Mit der New Wave kamen sie aber zurück.
Die Firma Farfisa hat sich aus verschiedenen Akkordeon Herstellerfirmen zusammengeschlossen: Settimio, Soprani, Scandalli, Frontallini. Der Firmenname ist ein Akronym und steht für «FAbbriche Riunite de FISArmoniche» («Vereinigte Akkordeonwerke»). Sie wurde 1987 an Bontempi verkauft.

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ADT

ADT oder «Automatisches Double-Tracking» war eine Aufnahmetechnik der mittleren 1960er Jahre, die in den Abbey Road Studios in London entwickelt wurde als sie noch EMI Studios hiessen. Um Doubletracking herzustellen, was zu dieser Zeit ein Produktionsstandard für Stimmen und Soloinstrumente war, musste eine Sängerin, ein Sänger oder eine Band zwei Mal singen. Der Gesang musste genügend ähnlich sein und es brauchte in der Regel mehrere «takes» bis der Produzent zufrieden war. Doubletracking kostete Zeit und eine ganze Aufnahmespur auf der 4-Kanal-Maschine.
Der Anlass, um ADT zu erfinden kam 1966 möglicherweise vom damals führenden EMI-Act, den Beatles, die keine Lust auf zwei Mal singen und spielen hatten, oder von den EMI-Aufnahmetechnikern, die den Aufnahmeprozess beschleunigen, Kosten senken und eine Aufnahmespur mehr zur Verfügung haben wolten.
Es war Techniker Ken Townsend der mit der Lösung kam: Die bei der Aufnahme verwendeten Studer 4-Spur-Tonbandgeräte hatten zwei leicht zeitversetzte Ausgänge pro Aufnahmekanal, die Townsend während dem Mix-Prozess abgriff. Auf einem der Ausgänge schloss er eine EMI BTR 2 Mono Tonbandmaschine an, die das Signal bei einer von einem Kristall-Oszillator gesteuerten und von Hand abgestimmten Geschwindigkeit von rund 30 inch pro Sekunde aufnahm und schliesslich mit dem anderen Signal vom Vierspur-Band zusammen mischte (siehe das Video von Waves Audio mit dem Ken Townsend Interview).
Das ADT-Verfahren erfand mit dem Oszillator gesteuerten Tonband einen Audio-Effekt, den man bis heute «Flanging» nennt (siehe Flanger. Flanging entsteht, wenn man die Geschwindigkeit des zusätzlichen Tonbandgeräts leicht wobbelnd verändert (schnelles hin- und her drehen des Frequenz-Drehreglers. Den Begriff haben laut Mark Cunningham George Martin und John Lennon geprägt. Als lennon fragte, wie man das Problem des ADT nun gelöst hätte, erklärten ihm die Techniker den Trick. Lennon aber hate wenig technisches Flair und verstand die Erklärung, die man ihm gab, nicht. George Martin sprang mit einer metaphorischen Beschreibung ein: «Wir leiten deine Stimme wie durch die Zähne einer Gabel, wobei sie durch das eine oder andere Gerät geht, wodurch ein sprühender Rand/Flansch entstehet» (Cunningham, p. 145). Lennon verstand es zwar noch immer nicht aber er kommunizierte von nun an mit den Technikern so: «Kannst du meine Stimme bei diesem Song flangen?» So bürgerten sich das Wort Wort «Flanging» für den Effekt ein. Wenig später wurden auch Effektgeräte gebaut, die diesen Effekt nutzen und die man Flanger nannte.
Links
Inside Abbey Road: Artificial Double Tracking (13. April 2020)

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Beach Boys: Surfin' U.S.A.

«Surfin'n U.S.A.», ein Thema-Album übers Surfen, etablierte das Markenzeichen der Beach-Boys: der vielstimmige Gesang, der mit Doubletracking noch reicher und gehaltvoller gemacht wurde als er ohnehin war. Solche komplexen Stimmen hörte man zuletzt bei den Four Freshmen, einer Jazz-Vocal-Gruppe, die den Barbershop-Gesang weiterentwickelte. In der jungen Popmusik der frühen 1960er Jahren war ein solcher vielschichtiger Gesang einzigartig.
Das Album hat die typischen Stärken und Schwächen der Zeit vor den Rock Alben: Es ist (nur) 24 Minuten lang, besteht als Thema-Album hauptsächlich aus Songs, die vom Surfen handeln, dabei sind einige Songs Füller («Misirlou» oder «Let's Go Trippin'») oder Übungen auf dem Weg zur Meisterschaft (z.B.: «Stocked», «Noble Surfer» oder «Honky Tonk»).
Es ist wichtig zu betonen, dass hier nicht die Wrecking Crew spielt, sondern die Band selbst. Studiomusiker übernahmen die ständig tourenden Beach Boys im Studio zwei Jahre später beim Album Today. Das blieb so bis zu Pet Sounds 1966.
«Surfin U.S.A.» ging auf Platz 2 der Charts und entfaltete eine mächtige Wirkung: Surfen wurde eine Jugend-Mode im ganzen Land.

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Musikjahr 1973

Das Krisen-geschüttelte Jahr 1973 brachte mit der Ölkrise das Ende des Wirtschaftswunders, die Watergateaffäre, der Putsch in Chile und der Jom-Kippur-Krieg.
Pop – Glam und Rock 'n' Roll Revival
Pop wird vor allem in Grossbritannien von Glamrock beherrscht: Slade, Gary Glitter, Elton John, Sweet oder Suzi Quatro. Ein teil dieser Acts und deren Titel können auch einem Rock-'n'-Roll-Revival zugerechnet werden (z.B. «Crocodile Rock» oder die Gary Glitter Songs).
Afroamericana
Neben Motown etabliert sich 1973 Phillysoul. Den Hit des Jahres landet Roberta Flack mit Killing Me Softly with His Song.
Rock
Am 24. März 1973 veröffentlichten Pink Floyd ihr Konzeptalbum Dark Side Of The Moon. Dieses Album blieb jahrelang in den Charts, verkaufte weit über 50 Millionen Exemplare und war wegweisend für den Progressive Rock der kommenden Jahre.
Eine Hybride aus Progressive Rock und Folk wurde zu einem weiteren Grosserfolg: Tubular Bells von Mike Oldfield. Sein Erfolg war umso bemerkenswerter als «Tubular Bells» der erste Katalognummer des damals neu gegründeten Virgin Labels war.
Hip Hop
Der 11. August 1973 gilt als die Geburtsstunde von Hip Hop. Am Abend war DJ Kool Herc DJ und MC eine Blockparty in der Bronx.
US-Hitprade
Billy Paul: Me and Mrs. Jones (16. Dezember 1972 bis 5. Januar 1973)
Carly Simon: You're So Vain (6. Januar 1973 bis 26. Januar 1973)
Stevie Wonder: Superstition (27. Januar 1973 bis 2. Februar 1973)
Elton John: Crocodile Rock (3. Februar 1973 bis 23. Februar 1973)
Roberta Flack: Killing Me Softly with His Song (24. Februar 1973 bis 23. März 1973)
O'Jays: Love Train (24. März 1973 bis 30. März 1973)
Roberta Flack: Killing Me Softly with His Song (31. März 1973 bis 6. April 1973)
Vicki Lawrence: The Night the Lights Went out in Georgia (7. April 1973 bis 20. April 1973)
Dawn: Tie a Yellow Ribbon Round the Ole Oak Tree (21. April 1973 bis 18. Mai 1973)
Stevie Wonder: You Are the Sunshine of My Life (19. Mai 1973 bis 25. Mai 1973)
Edgar Winter Group: Frankenstein (26. Mai 1973 bis 1. Juni 1973)
Paul McCartney & Wings: My Love (2. Juni 1973 bis 29. Juni 1973)
George Harrison: Give Me Love (Give Me Peace on Earth) (30. Juni 1973 bis 6. Juli 1973)
Billy Preston: Will It Go Round in Circles (7. Juli 1973 bis 20. Juli 1973)
Jim Croce: Bad, Bad Leroy Brown (21. Juli 1973 bis 3. August 1973)
Maureen McGovern: The Morning After (4. August 1973 bis 17. August 1973)
Diana Ross: Touch Me in the Morning (18. August 1973 bis 24. August 1973)
Stories: Brother Louie (25. August 1973 bis 7. September 1973)
Marvin Gaye: Let's Get It On (8. September 1973 bis 14. September 1973)
Helen Reddy: Delta Dawn (15. September 1973 bis 21. September 1973)
Marvin Gaye: Let's Get It On (22. September 1973 bis 28. September 1973)
Grand Funk: We're an American Band (29. September 1973 bis 5. Oktober 1973)
Cher: Half-Breed (6. Oktober 1973 bis 19. Oktober 1973)
Rolling Stones: Angie (20. Oktober 1973 bis 26. Oktober 1973)
Gladys Knight And The Pips: Midnight Train to Georgia (27. Oktober 1973 bis 9. November 1973)
Eddie Kendricks: Keep on Truckin' (10. November 1973 bis 23. November 1973)
Ringo Starr: Photograph (24. November 1973 bis 30. November 1973)
Carpenters: Top of the World (1. Dezember 1973 bis 14. Dezember 1973)
Charlie Rich: The Most Beautiful Girl (15. Dezember 1973 bis 28. Dezember 1973)
UK-Hitparade
Jimmy Osmond: Long Haired Lover from Liverpool (17. Dezember 1972 bis 20. Januar 1973)
Sweet: Blockbuster (21. Januar 1973 bis 24. Februar 1973)
Slade: Cum On Feel The Noize (25. Februar 1973 bis 24. März 1973)
Donny Osmond: Twelfth Of Never (25. März 1973 bis 31. März 1973)
Gilbert O'Sullivan: Get Down (1. April 1973 bis 14. April 1973)
Dawn: Tie A Yellow Ribbon Round The Old Oak Tree (15. April 1973 bis 12. Mai 1973)
Wizzard: See My Baby Jive (13. Mai 1973 bis 9. Juni 1973)
Suzi Quatro: Can The Can (10. Juni 1973 bis 16. Juni 1973)
10CC: Rubber Bullets (17. Juni 1973 bis 23. Juni 1973)
Slade: Skweeze Me Pleeze Me (24. Juni 1973 bis 14. Juli 1973)
Peters and Lee: Welcome Home (15. Juli 1973 bis 21. Juli 1973)
Gary Glitter: I'm The Leader Of The Gang (I Am) (22. Juli 1973 bis 18. August 1973)
Donny Osmond: Young Love (19. August 1973 bis 15. September 1973)
Wizzard: Angel Fingers (16. September 1973 bis 22. September 1973)
Simon Park Orchestra: Eye Level (23. September 1973 bis 20. Oktober 1973)
David Cassidy: Daydreamer (21. Oktober 1973 bis 10. November 1973)
Gary Glitter: I Love You Love Me Love (11. November 1973 bis 8. Dezember 1973)
Slade: Merry Christmas Everybody (9. Dezember 1973 bis 12. Januar 1974)
Top-Hits der CH-Hitparade
Les Humphries Singers: Mexico (21. November 1972 bis 22. Januar 1973)
Monica Morell: Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an (23. Januar 1973 bis 26. Februar 1973)
Elton John: Crocodile Rock (27. Februar 1973 bis 19. März 1973)
Les Humphries Singers: Mama Loo (20. März 1973 bis 23. April 1973)
Bernd Clüver: Der Junge mit der Mundharmonika (24. April 1973 bis 11. Juni 1973)
Demis Roussos: Goodbye My Love, Goodbye (12. Juni 1973 bis 11. September 1973)
Suzi Quatro: Can the Can (12. September 1973 bis 23. Oktober 1973)
Rolling Stones: Angie (24. Oktober 1973 bis 20. November 1973)
Lobo: I’d Love You to Want Me (21. November 1973 bis 21. Februar 1974)
Querverweise
– zur Liste der US-Top-Hits 1973
– zum Tag: US-Top-Hit
– zur Liste der UK-Top-Hits 1973
– zum Tag: UK-Top-Hits
– zur Liste der CH-Top-Hits 1973
– zum Tag: CH-Top-Hits
– zur Monatsdiskografie vom Januar 1973 (mit Navigation zu den anderen Monaten des Jahres)

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Jeff Beck: Shapes of Things

«Shapes Of Things» ist ein Track, an dem man die Entstehung der Rock Musik exemplarisch studieren kann. Jeff Beck hat das Stück 1966 mit den Yardbirds und 1968 mit seinem Trio Jeff Beck Group eingespielt und man kann diese Tracks mit Gewinn vergleichen. Die Yardbirds waren wie die Rolling Stones eine R&B-Formationen aus fünf Musikern: Rhythmussektion (Schlagzeug und Bass), zwei Gitarren (Rhythmus- und Leadgitarre) und Gesang. Die Jeff Beck Group ist ein Powerquartett, das ist ein Powertrio mit Sänger: Jeff Beck (g), Mick Waller (dr), Ron Wood (bg), Rod Stewart (voc), Das Powertrio war eine wesentliche Formation auf dem Weg zur Rockmusik: Cream und die Jimi Hendrix Experience waren solche Powertrio-Formationen. Sie bestanden aus der Rhythmussektion plus einem Gitarristen, der das Rhythmusspiel und das Solospiel vereinen muss.
Gitarristen in Powertrios spielten ganz anders Musik als die Gitarristen in Beat- und R&B-Formationen. Sie spielten riffbasierte Bluesfiguren (zuweilen auch Ragas), die elastisch genug waren, den Song zu tragen und die Virtuosität des Gitarristen in Solos zu demonstrieren. Riffs und Solos gingen plastisch ineinander über.
In der Jeff Beck Group schafft die Rhythmussektion das Fundament der Musik – im Unterschied zu Beat-, Rhythm&Blues- oder Folkrock-Bands spielen beide Instrumente viel komplexere Rhythmen und Tempowechsel. Man kann sagen, dass auch sie virtuos spielen. Das Tempo insgesamt ist gegenüber Beat und R&B verlangsamt, denn Rock war keine Tanzmusik. Die Gitarre im Powertrio lieferte hauptsächlich laute und flamboyante (manche meinen aggressive) Riffs und Solos. In Powerformationen zu spielen, stellt grosse Anforderungen an alle Musiker, besonders an die Gitarristen. Nur die besten (Eric Clapton, Jimi Hendrix, Jimmy Page und eben Jeff Beck) gründeten im zweiten Drittel der 1960er Jahre diese Powertrios und Powerquartette, welche die Musik in der Rock-Tradition innert Monaten auf eine andere Ebene hievten.

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Slant: The 100 Best Dance Songs of All Time

Dies ist der Update einer Liste, die bereits 14 Jahre zuvor, am 30. Januar 2006, publiziert wurde. Die Liste wurde erneuert, weil inzwischen EDM explodiert ist und Tanzmusik wieder zurück in die Hitparaden brachte.

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Adam Neely: Music Theory and White Supremacy

Ist Musiktheorie eine neutrale oder wertfreie Wissenschaft wie Mathematik? Man kriegt diesen Eindruck, wenn man Lehrbücher liest. Der Bassist und Youtuber Adam Neely greift die Gedanken von Philip A. Ewell im Artikel Music Theory and the White Racial Frame auf, dass Musiktheorie rassistisch gefärbt sei. Neely kam zum Schluss, dass man «Musiktheorie» vielleicht besser durch den Ausdruck «the harmonic style of 18th century european musicians» ersetzen sollte. «Musiktheorie» sei nämlich schlecht darin und helfe wenig, die musikalische Praxis von Jazz, Rock, Country, R&B etc. zu erklären. Dennoch wird an fast allen Musikschulen stur an der «Musiktheorie» festgehalten, die an den Werken deutscher Komponisten wie Bach, Mozart, Beethoven, Schubert etc. geschult ist. Die Vertreterinnen und Vertreter der Musiktheorie lehren, dass ihr Framework universelle Gültigkeit hätte und dieser Anspruch lässt sich historisch zurückführen auf Theorien, die die deutsche Musikkultur über alle anderen Musikkulturen stellten. Da kommt ein nationaler oder kultureller Chauvinismus in die Theorie hinein, deren Vertreter sich nicht selten in rassistische Gedanken verstiegen haben wie: «Nur Deutsche konnen musikalische Genies sein.» Ein solcher Theoretiker war Heinrich Schenker (1868–1935). Schenker war Jude, aber überzeugt von der Überlegenheit deutscher Kultur. Er begrüsste den Aufstieg Hitlers, verstarb aber bevor er als Jude hätte verfolgt werden können. Weil aber seine Schriften in Deutschland auf dem Index standen, entfaltete sich die Wirkung seiner Musiktheorie vor allem in Amerika.
Neely spricht im Video über Anuja Kamat, eine Youtuberin, die auf ihrem Kanal nordindische klassische Musik lehrt. Sie vergleicht Begriffe der nordindischen klassischen Musiktheorie oft mit der westlichen Musiktheorie, die an den Komponisten des 18. Jahrhunderts geschult ist. Sie macht Vergleiche, sie zeigt Kontraste auf und Ähnlichkeiten. Westliche Lehrbücher zur Musiktheorie hingegen tun gerade das nicht. Sie stellen die Musik deutscher Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts als universell dar. Da ist keine Rede von anderen Theorien oder anderen Komponist*innen, die nach anderen Masstäben schreiben und musizieren. Eigenartig, nicht wahr?
Voreingenommenheiten bestehen nicht nur im Sinn von Kulturkreisen (deutsche Komponisten), sondern auch gegenüber Frauen, Gendereinstellungen und der Herkunft bzw. Klasse. Musikgeschichte und Musiktheorie sind Geschichten die weisse privilegierte Männer über weisse privilegierte Männer erzählen. Andere Personen als diese weissen privilegierten Männer haben weder Platz in der Theorie noch in der Geschichte. Auch Musikhochschulen und akademische Gesellschaften sind personell entsprechend zusammengesetzt.
Alex Ross hat im Zusammenhang mit der afroamerikanischen Komponistin Florence Price (1887–1953) geschrieben: «reducing history to a pageant of masters is at the bottom lazy.» Die Musikgeschichte auf eine Parade von Meistern zu reduzieren, ist im Grunde einfach faul. (Nebenbemerkung: das ist genau, was die meisten Rock-Musikzeitschriften tun. Wieder und wieder John Lennon, Bob Dylan, Neil Young, Pete Townsend. Kaum afroamerikanische Musiker, kaum Musikerinnen.)
Niemand behauptet, dass Musiktheorie heute von Rassisten, Männern und weisshäutigen Personen gelehrt wird. Gerade Philip A. Ewell ist da ein Gegenbeispiel. Vorgeworfen wird dem Fach hingegen ein struktureller Rassismus, einer der implizit in der Theorie enthalten ist und nicht hinterfragt wird. Auch das ist am Ende des Tages eine weitere Faulheit, wie diejenige von der Alex Ross spricht. Man ist faul oder nachlässig, wenn man die musikalische Vielfalt auf einen engen Kanon einschränkt und wenn man herrschende Strukturen blind akzeptiert, ohne sich kritisch damit auseinander zu setzen.

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AllMusic: The AllMusic 2022 Year In Review (Auswahl)

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Kulturkriege

Samuel P. Huntington schrieb 1996 ein Buch, das zuerst weitgehend ignoriert im Lauf der Zeit aber stark an sachlicher Relevanz und wissenschaftlichem und journalistischem Einfluss gewonnen hat: «Clash of Civilisations». Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks schwor der Westen sich auf eine konfliktarme Zeit ein, in der der Welthandel blühen und der Kapitalismus gesiegt haben würde. Das zugehörige Buch schrieb Francis Fukuyama The End of History and the Last Man (1992). Fukuyamas Lehrer, Huntington, verfasste vier Jahre später eine Replik, die die Welt nach dem Kalten Krieg grundlegend anders portraitierte als sein Schüler: Anstelle der bisherigen globalen Konflikte, die primär ideologisch und ökonomisch motiviert waren, würden in seiner Interpretation des weltpolitischen Klimas Kulturkriege zwischen Nationen und Blöcken treten, die auf verschiedenen Glaubens- und Überzeugungsfundamenten aufbauen und miteinander unvereinbar sind.
Herkunft des Begriffs
Der Ausdruck/Begriff «clash of civilisations» stammt aus der Sphäre der französischen Kolonialgeschichte, in der die schlechte Vereinbarkeit des islamischen und des westlich-kolonialen Staatswesens schon früh zu Tage trat und auf kulturelle Faktoren zurückgeführt wurde. Basil Mathews verfasste 1926 ein Buch mit dem Titel «Young Islam on Trek: A Study in the Clash of Civilizations», 1931 eines mit dem Titel: The Clash of World Forces. A Study in Nationalism, Bolshevism and Christianity und 1932 The Clash of Color. Albert Camus hat 1946 über den Konflikt mit Algerien geschrieben: «Cela ne sera pas un choc d'empires nous assistons au choc de civilisations».
Huntingtons Kulturkreise
Die Kulturkreise, die Huntington in seinem Buch zeichnete, waren der Westen, die Orthodoxie, der Islam, Buddhisten, Hindus, Adfrikaner, Lateinamerikaner, Japan, China. Diese Kulturen scheinen bei ihm sehr geprägt von Religion. Es stehen aber nicht alle Religionen in einem vergleichbar gewalttätigen Verhältnis zur westlichen Kultur, wie zum Beispiel der radikale Islam. Auch ist Islam nicht immer radikaler Islam. Dann lässt sich kritisieren, dass nicht immer religiöse Überzeugungen die Basis der globalen Konflikte darstellen: Im derzeitigen Russisch-Ukrainischen Krieg geht es u.a. um verschiedene Geschichtsinterpretationen und Machtansprüche.
Die starke religiöse Ausrichtung von Huntingtons Argument ist wie der Begriff am Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam gewachsen: Beide Religionen seien (1) missionarisch, (2) ausschliesslich («all-or-nothing» religions) – nur sie haben Recht und (3) teleologisch (d.h. stark mit Sinn und Zweck des Menschlichen Lebens verbunden.
Huntingtons und die westliche Überheblichkeit
Huntintons Buch war ein Angriff auf die westliche Überheblichkeit, dass sein Wertesystem universell sein soll. Huntington rechnete dem Westen anhand der Kriege im ex-yugoslawischen Raum Naivität vor. Die damaligen «challenger civilizations» waren China und der Islam. Huntington zeichnet in seinem Buch die Vision eines Bündnisses zwischen diesen zwei westlichen Herausforderern («Sino-Islamic connection»).
Argumente für einen Clash
Huntington expliziert sechs Erklärungen und Gründe für den «clash of civilastions», also kommende Kulturkriege: (1) Kulturunterschiede sind fundamental und sind über Jahrhunderte gewachsen. Sie werden nicht einfach aufgegeben. (2) Die Welt wird kleiner. Eine Koexistenz in weitgehender gegenseitiger Ignoranz ist kaum möglich. (3) Globale Modernisierungsprozesse und Migration entwurzeln Menschen von ihrer Herkunftskultur, aber nicht von ihrer Religion. (4) Die Rolle des Westens als führender Kulturkreis fördert den Stolz der anderen Kulturkreise: Es entstünden «return-to-the-roots» Bewegungen. (5) Kulturelle Merkmale und Unterschiede seien weniger veränderlich und daher weniger leicht zu kompromittieren und zu lösen als politische und wirtschaftliche. (6) Es gibt einen Anstieg des wirtschaftlichen Regionalismus. Solche regionalen Erfolge werden die eigene kulturelle Identität befeuern, nicht das Überlaufen zum Westen.
Diese Gründe führten zu Kulturkonflikten zwischen dem Westen und anderen Kulturkreisen: Stuart Hall prägte dafür die Formel: «The West and the Rest».
Nicht-westliche Kulturen können sich zum hegemonialen kulturellen Aspruch der führenden Kultur auf drei prinzipielle Weisen verhalten: (1) sie können sich isolieren, (2) sie können profitieren und als Gegenleistung die hegemonialen Werte übernehmen («band-wagoning») und (3) können sie sich modernisieren und mit anderen zusammenschliessen. Dabei werden sie nach aussen militärische oder ökonomische Macht aufbauen, nach innen aber die eigenen Werte erhalten.
Koexistenz der Kulturen vs. Kulturkriege
Huntington äusserte sich positiv über die Lernfähigkeit des Westens mit anderen Kulturkreisen umzugehen. Wenn man die Geschichte anschaut und sein Argument der missionarischen, ausschliesslichen und teleologischen Religion ernst nimmt, dann kann man mit Recht auch zweifeln. Jedenfals würde der kapitalistische Universalismus einer Koexistenz verschiedener Kulturen Platz machen, meinte Huntington.
Innenpolitische Kulturkriege
Auch Klassenkämpfe, regionale Konflikte werden zunehmend als «clash of cultures» dargestellt. Gut ausgebildete Spitzenverdiener*innen können sich in Deutschland nicht mehr mit einfachen Leuten verständigen, weil ihre Kulturen so verschieden sind (Susanne Gaschke: Die Verachtung des Normalen). In den USA beobachtete die Soziologin Katherine J. Cramer ein «rural consciousness» zur politischen Kraft heranwuchs, die gegen das politische Establishment gerichtet ist (The Politics of Resentment: Rural Consciousness in Wisconsin and the Rise of Scott Walker). Die Gespaltenheit des Landes zwischen Trumpisten und der politischen Elite entfaltet sich sichtbar entlang der alten politischen links-rechts Orientierung, ist aber gerade nicht politisch, sondern kulturell motiviert.
Links
– WIkipedia: Clash of Civilizations – Artikel zum Buch von Samuel P. Huntington

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Picardische Terz

Ein Song in einer Mol-Tonleiter würde auf dem Grundton aufgelöst, bei a-mol auf am. Wenn man nun stattdessen auf einem A auflöst, kriegt der Schliuss eine überrschende helle Auflösung, die den schweren oder traurigen Charakter der Musik aufheitert.

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Sweet Smoke: Baby Night

Es gab Rockbands, die in Deutschland oder generell auf dem europäischen Kontinent mehr Erfolg hatten als in ihrer angelsächsischen Heimat. Nektar, die frühen Pink Floyd (jedenfalls tourten sie ausgiebig auf dem Kontinent) und Sweet Smoke, eine amerikanische Band, die sich in Deutschland einrichtete. Die vier Musiker lebten in einer Landkommune in Sulzheim (Unterfranken). Wie viele Krautrockbands spezialisierten sich Sweet Smoke auf lange Jams. Ihr Debutalbum Just A Poke jedenfals enthielt je einen Track auf der A- und der B-Seite. Charakteristisch an Sweet Smoke ist, dass die Band einen leichten Jazzrock spielte - und zwar nicht in der Standardformation dieses Stils zu jener Zeit, mit Horn-Section, sondern mit einer Flöte, gespielt von Michael Paris.
«Baby Night» ist ein Simple Verse Song mit Refrain. Darin eingelassen ist ein langer Jam, der mit mehreren Tempowechseln aufwartet, meist unaufdringlichen Gitarrensolos und einer Coverversion von The Soft Parade von den Doors.
Der LP-seitenlange Track kam auch in einer Single-Version heraus, wo er 3:57 dauert. Dies ist die LP-Version, herrliche 16 Minuten lang.

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