Musikzimmer von Christian Schorno: Inhaltsübersicht / Overview

Willkommen im Musikzimmer! Dies sind Hinweise auf Archivalien, aktuelle Themen, kuratierte Playlisten, neue Tracks, Alben, Bücher und Artikel.

Billie Eilish: Hit Me Hard and Soft

Billie Eilishs drittes Album «Hit Me Hard and Soft» ist ein ehrgeiziges Projekt. Es stellt ihre Entwicklung als Sängerin heraus und ist eine Reise in zwei Etappen, die von akustisch geprägtem Pop zu eher rockigen Klängen geht.
beeindruckend ist Eilishs weiter Stimmumfang, der von Whisperpop und ätherischen Läufen bis zu kraftvollem Belting reicht. Die Themen des Albums befassen sich – typisch beim zeitgenössischen Altpop – mit persönlichen Erfahrungen und erforschen Sexualität, Beziehungen und Körperbild. Eilishs Texte sind direkt und poetisch und der Erzählbogen des Albums erkundet die Komplexität von Liebe und Herzschmerz. Die Produktion von Bruder Finneas zeichnet sich durch bemerkenswerte Beatwechsel und experimentelle Outros aus, die den Titel des Albums widerspiegeln.
Insgesamt ist «Hit Me Hard and Soft» ein fokussiertes und eigenständiges Werk, das Eilishs Position als einzigartige und einflussreiche Figur in der Popmusik der Gegenwart festigt. Es ist ein reifes und introspektives Album, das ihre Entwicklung als Songwriterin und Sängerin zeigt. Auch wenn einige Titel weniger eindringlich sind als andere, liegen die Stärken des Albums in der emotionalen Tiefe, dem lyrischen Können und der experimentellen Produktion. (Text erzeugt mit Gemini durch eingabe der Rezensionen von Clash, Best Fit, Slant, Quietus und Paste).

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Nachrufe für Jimmy Buffett, Jazz Bassist Richard Davis (p. 118 f.). My Life in Music mit Juliana Hatfield (p. 122).

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Sia: Reasonable Woman

Sias zehntes Album «Reasonable Woman» schenkt uns 15 neue maximalistische Altpop-Songs, die die Songwriterin wie zuvor schon zusammen mit Jesse Shatkin und Greg Kurstin geschrieben hat. Sia hat es vollkommen drauf, Ohrwürmer zu schreiben, und sie ist am besten, wenn sie ihre imposant mächtige Stimme voll ausfährt. Das ist es, was sie auf ihrem neuen Album ausfürlich tut. Das bringt dem Album keine Rezensionen, die es abfeiern. Ganz im Gegenteil, es wird ihr formelhaftes Songwriting und die übertriebene Produktion vorgeworfen.
Fans, die sich nach Sias typischen Hymnen über Resilienz und Selbsterrmächtigung sehnen, werden in den Songs «Little Wing», «I Forgive You» oder «Immortal Queen» finden, was sie suchen.
Die Zusammenarbeit mit Kylie Minogue auf «Dance Alone» und mit Chaka Khan auf «Immortal Queen» gehören zu den stärkeren Songs auf dem Album. Dagegen wirken einige Songs auf «Reasonable Woman» zu uninspiriert und mit Elementen gestrickt, die man von Sia schon kennt. Die Lyrics von «Gimme Love» oder «Champion» arbeiten am von der Singer-Songwriterin okkupierten Thema der Überwindung von Widrigkeiten weiter, ohne allerdings die Tiefe oder den Witz von früher zu erreichen. Die Produktion ist zweifellos ausgefeilt, erstickt jedoch oft das Potenzial vielversprechender Ideen mit einem weiteren bombastischen Drop. Ener zuviel?
Letztendlich leidet «Reasonable Woman» unter einer übermäßigen Abhängigkeit von der Sia-Formel. Während es Momente unbestreitbarer Gesangsleistung gibt, mangelt es dem Album an der Innovation und künstlerischen Risikobereitschaft, die ihre früheren Arbeiten auszeichneten.
Teile der Rezension sind mit Gemini geschrieben, das mit den Rezensionen von Neil Z. Yeung (AllMusic), Caitlin Welsh (Guardian), Eric Torres (Pitchfork) und Moses Jeanfrancois (Beats Per Minute) gefüttert wurde.

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Jessica Pratt: Here in The Pitch

Jessica Pratt verblüfft mit «Here in the Pitch», ihrem bisher besten Album, mit immersiver und rätselhafter Stimmung.
Pratt hatte schon immer ein Händchen für ausserweltliche Klanglandschaften und intimes, nachdenkliches Songwriting. Auf ihrem vierten Album hebt sie ihr Talent auf die nächste Stufe. Sie liefert ihr bisher fesselndstes und einprägsamstes Werk ab.
Das Album beginnt mit dem üppigen und weitläufigen «Life Is». Man hört verhallte Trommeln und kaskadierende Keys und stellt eine stilistische Abkehr von ihren früheren Arbeiten fest. Sie greift – nicht nur bei diesem Song – gekonnt auf Einflüsse des Orchesterpops der 60er Jahre zurück (Beach Boys sowie Walker Brothers) und unterlegt einige ihrer neuen Songs mit sanften Bossa-Nova-Rhythmen. Diese Elemente schaffen die einzigartige Anmutung von «Here in The Pitch» und machen musikalisch einen spürbaren Schritt nach vorn, während ihre unverwechselbare Stimme und die gefühlsvolle Lyrik im Mittelpunkt stehen und für Kontinuität sorgen.
Lyrisch ziehen sich durch «Here in the Pitch» Themen wie Zeit, Transformation und Beständigkeit der Liebe. Zu den Highlights zählen «Better Hate», eine verträumte Hommage an klassischen Girlgroup-Pop mit der charakteristischen Pratt-Melancholie, oder «By Hook or By Crook» das eine 70er-Lounge-Musik-Atmosphäre mit subtiler psychedelischer Note vermittelt. Titel wie «Get Your Head Out» und «Empires Never Know» zeigen das wachsende Selbstvertrauen und die Experimentierfreudigkeit der Künstlerin. Diese Stücke gehören zu Pratts dynamischsten und faszinierendsten Kompositionen.
Während die Arrangements eine neue Weitläufigkeit aufweisen, bringt Pratt eine bei ihr zuvor nicht gehörte Intimität zum Vorschein. Songs wie «World on a String» erinnern an die gedämpfte Schönheit ihrer früheren Werke, während der reduzierte, ergreifende Schlusstitel «The Last Year» ein einfaches, aber tiefgründiges Zeugnis von Resilienz und der überdauerden Kraft menschlicher Verbindungen ablegt.
«Here In The Pitch» ist ein persönlicher Triumph für die Singer-Songwriterin. Jessica Pratt hat ihre drei bisherigen Alben mit neun ihrer bisher fesselndsten und faszinierendsten Songs übertreffen können. Ihre eindringlichen Melodien, rätselhaften Texte und vielsschichtigen Arrangements haben das potential, langjährige Fans zu begeistern sowie neue Hörerinnen und Hörer, die ihre Musik gerade entdecken, in ihren Bann zu ziehen. (AI generiert aus den Reviews von AllMusic, Pitchfork, Paste, Treblezine, Best Fit und überarbeitet)
Einflüsse
In einem Feature des Amoeba Youtube Kanals What's in My Bag? zeigt Jessica Pratt ein paar Platten von Acts, die sie beeinflusst haben: eine Greatest Hits Compilation von Mark-Almond (der Band, nicht dem Sänger!), Someday Man von Paul Williams, Nina Simone In Concert, Scott von Scott Walker, Rich Kid Blues von Marianne Faithfull, Soon Over Babaluma, Can, Poison Season von Destroyer und Domo Arigato von Durutti Column.

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UNCUT: Uncut_2024_05

Rosanne Cash und Ricky Lee Jones würdigen Lou Reed als einen Einfluss (p. 6), Fotos von Caroline Coon aus der Punk-Zeit (p. 10f.), Artikel/Review über die AC/DC Alben (p. 46), Album by Album: Iron And Wine (p. 66ff.), David Bowie: Velvet Goldmine – Artikel über die neue Ausgabe von The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars (p. 94ff.), My Life in Music: Neil Finn (p. 122)

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Janis Joplin: Little Girl Blue

Wenn ich es recht sehe, ist «Little Girl Blue» ein Lied, das nicht die übliche AABA Struktur von Tin Pan Alley Kompositionen aufweist. (Ich weiss nicht, wie die Noten geschrieben sind.) Doris Day singt das Lied AABC(B)(A) (Youtube), Margaret Whiting als AABC(B). Ich vermute aber, dass der C-Teil in diesen Interpreatationen ursprünglich ein Sectional Verse war, der am Anfang des Songs stand.
Nina Simone machte aus dem Tin Pan Alley Song eine Simple Verse Form. Sie lässt den Sectional Verse weg:

When I was very young
The world was younger than I
As merry as a carousel
The circus tent was strung with every star in the sky
Above the ring I love so well
Now the young world has grown old
Gone are the tinsel and gold
sowie den B-Teil (die Bridge):
No use, old girl, you may as well surrender
Your hope is getting slender
Why won't somebody send
A tender blue boy to cheer up little girl blue
und verdoppelt den mittleren der drei Verses. Davon geht auch Joplin aus.
Augenfällig ist, wie sehr Janis Joplin in den Liedtext eingreift und ihn auf verschiedene Arten personalisiert. In den Slides wird das am Beispiel des ersten Verses vorgeführt. Eingefärbte Textstellen zeigen, wie viel Joplin zum Originaltext hinzufüht.
1. singt Joplin viele Füllwörter: «hmm», «Ah», «Yeah», .... Das macht den Song emotional oder noch emotionaler als er ohnehin ist.
2. phrasiert Joplin auf ungewöhnliche Weise: Sie dehnt die einzelnen Stanzen, indem sie Sätze oder Satzteile abricht, neu beginnt, wiederholt. («what else - what else is there to do»). Das machten andere Sängerinnen und Sänger vor ihr nicht. Im zweiten und dritten Verse dreht sie in dieser Beziehung noch mehr auf. Auch dieses Stilmittel steht im Dienst der Emotion. Wichtiger indes ist, dass die Sängerin improvisierend mit der Literatur umgeht. Sie nimmt Textteile, Phrasen und spielt mit ihnen. Dieser freie Umgang mit der musikalischen Vorlage macht sie gewissermassen zu einer zweiten Autorin des Songs. Die Sängerin begibt sich aber nicht in die Rolle der Interpretin, in die Rolle der Puppe der beiden Autoren. Sie setzt auf den Song eine eigene Erfindung drauf.
3. führt Janis Joplin ein «Ich» in den Text ein («I know, you feel that you’re through»). Im Originaltext gibt es nur ein selbstadressiertes «you». Die Erzählinstanz bleibt anonym und so singt Doris Day das Lied. Im Musical ist die Erzählerin die Figur, die den Song singt. Joplins Trick gibt der Interpretation einen neuen Dreh: Sie singt wie aus dem Blickwinkel einer wissenden mitfühlenden Instanz. Es ist als würde der liebe Gott (als Frau) sprechen oder ein verstehender Engel. Das gibt «Little Girl Blue» etwas Tröstendes.
«Little Girl Blue» von Janis Joplin ist ein perfekter Song, um herzhaft über sich selbst oder die Welt zu weinen, dabei aber die Sängerin als tröstende Stimme zu erfahren. Sie evoziert das Elend und spendet zugleich Trost. Wo der Song im Musical für das tröstende Element den B-Teil braucht, da macht das Janis Joplin mit einem erzählerischen Trick, den sie improvisierend an den Song heranträgt.

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Bill Martin: Listening to the Future: The Time of Progressive Rock, 1968-1978. Diskografie

Eine Referenzliste mit Progrock-Releases aus einem Musikbuch über das Genre.
Die Alben werden zum Teil falsch geschrieben und eines der Alben, scheint gar nicht zu existieren: «PFM: Entrata». Dabei wird es sich vermutlich um das erste Album der italienischen Band Premiata Forneria Marconi handeln.
Die Liste enthält viele der «klassischen» Alben, aber auch Veröffentlichungen aus Finnland und Italien.

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St. Vincent: All Born Screaming

St. Vincents neues Album «All Born Screaming» ist eine Rückkehr zu ihren musikalischen Wurzeln und eine kraftvolle Erkundung des menschlichen Daseins.
Das Album beginnt mit dem stimmungsvoll geisterhaften Song «Hell Is Near» und geht dann mit dem geflüsterten «Reckless» weiter. «Broken Man», die rockige und theatralische Leadsingle, erinnert an Bands wie Nine Inch Nails. Andere bemerkenswerte Tracks sind die Bond-artige Hymne «Violent Times», das von den 1980er Jahren inspirierte «Big Time Nothing» und das funkige und kantige «Flea».
Kritiker heben Annie Clarks Fähigkeit hervor, unverwechselbare musikalische Landschaften zu erschaffen, in den sich Elemente von Industrial Rock, Trip Hop, Disco und Electronica vereinen. Das Album wird als eine kathartische Erfahrung beschrieben, die sowohl Momente der Verzweiflung als auch der Euphorie einfängt.
«All Born Screaming» ist ein ehrgeiziges und emotionales Album, das Clark als eine der einzigartigsten und talentiertesten Künstlerinnen ihrer Generation festigt. Es ist eine fesselnde Reise durch die Höhen und Tiefen des Lebens, die die Zuhörer*innen sowohl herausfordert als auch tröstet. (AI generiert aus fünf verlinkten Reviews: AllMusic, Pitchfork, Stereogum, Clash Music, PopMatters)

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The Wire: TheWire_189

Artikel über Usbekistan (p. 20), Invisible Jukebox mit Lee Konitz (p. 22-24), Artikel aus der Serie Undercurrents #11: «Generation Ecstasy» – über Wiliam Parker, Charles Gayle und David S. Ware von Tom Roe (p. 34), The Primer zu Lee 'Scratch' Perry (p. 42)

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Taylor Swift: THE TORTURED POETS DEPARTMENT (= Tortured Poets)

«Tortured Poets Department» kombiniert über weite Strecken die Intimität und die Altpop-Sensibilität von Folklore und Evermore mit dem Synthpop-Glanz von Midnights zu neuer ambitionierter Mainstream-Popmusik.
Der erste Höreindruck war: Das habe ich alles schon mal gehört. Vertraut. Musik nach alten Formeln. Dann fällt plötzlich auf, dass es keinen Superhit auf diesem Album gibt. Jeder Song klingt gut – wie ein Taylor-Swift-Song eben –, aber am zweiten Tag musste ich nachschauen, welchen Track sie als «Single» ins Rennen geschickt hat. Es ist Fortnight und ich hätte es nicht erraten können.
Am Veröffentlichungstag kamen weitere 15 Tracks als Überraschungsrelease unter dem Titel «The Tortured Poets Department: The Anthology» heraus. Schläft Taylor Swift noch weniger als ich?
Muchness ohne einen, zwei, drei «Bangers». Kein Karriereschritt, kein Monument, eher der literarische Spiegel eines Lebens auf der Bergspitze einer einzigartigen Karriere, die sie bisher in keinen der drohenden Seitengräben der Strasse des Erfolgs gesteuert hat. Sie und Lana Del Rey sind die grossen Literatinnen der heutigen stillstehenden Popmusik, die Kulmination einer Kultur, die ich bis zu Carole King, Bob Dylan und den Lennon-McCartney zurück führe, wahrscheinlich sogar zu Cole Porter.
Die Tracks von «Tortured Poets» sind makellos arrangiert und produziert. Taylor Swift und ihre beiden eingespielten Produktionspartnerschaften mit Aaron Dessner und Jack Antonoff funktionieren traumwandlerisch. Das Vokabular ihrer Arbeitsweise hat sich hörbar noch nicht erschöpft. Aber man wundert sich, ob sie irgendwann aus diesen bewährten Strukturen aussteigen wird, um ihrer Karriere einen neuen, lateralen Impuls zu verleihen. Vielleicht macht sie auch so weiter und irgendwann stelle ich mir vor, werde ich beim Hölren ihrer Songs etwas müde und zerstreut. Gerade noch nicht. Gerade noch nicht.

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Jens Balzer: Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik

Es war einmal in Deutschland. Dort gab es einen Echo-Preis für erfolgreiche Popmusik. 2018 waren zwei Gangstarapper für den Preis nominiert: Kollegah und Farid Bang. Sie veröffentlichten das bis dahin erfolgreichste Kollaborations-Album «Jung, brutal und gutaussehend 3». Die Texte auf diesem Album sind frauenfeindlich, homophob, faschistisch und antisemitisch. Ein Ethik-Beirat des Echo stellte fest, dass dieses Album zwar einen Grenzfall darstelle, aber keinen Anlass für einen Ausschluss der nominierten Künstler böte. Eigenartig war, dass der Beirat sein Urteil vor allem auf den Track «0815» abstützte, der gar nicht auf dem nominierten Release zu finden ist, sondern auf einer Deluxe-Ausgabe des Albums. In diesem «0815» furzen Päng und sein Kollega in einem schlechten Reim was von Auschwitz-Insassen. Trotz Ethik-Beirat traten die beiden Grenzfälle tatsächlich in der Awardshow auf! Während ihrer Performance fielen Flaggen von der Decke, die an Nazi-Veranstaltungen erinnert hätten. War das eine Provokation oder ein Spiel mit der faschistischen Architektur des Raumes? War es beides? Jedenfalls kam dann der Aufruhr: Campino von den Toten Hosen fand noch in der Show, dass eine Grenze überschritten sei. Die Rapper wurden vom Publikum ausgebuht, aber die Show nahm ihren Lauf und alle schauten zu, die einen amüsiert die anderen angwidert. Nach dem Abend wurden reihenweise Preise zurückgegeben. Der Echo wurde entwertet wie das Geld am schwarzen Donnerstag. Die Show von 2018 war nicht nur das Letzte sondern die letzte. Zwei unbeliebte, junge, brutale und gutaussehende Rapper haben den selbstgefälligen deutschen Popbetrieb mächtig gestört und sind – geben wir es ruhig zu – in die Geschichte eingegangen.
Jens Balzer setzt sich in diesem Buch unter anderem mit Rechtspopulismus im Pop auseinander, mit Hassreden im Rap, mit antisemitischen, homophoben, sexistischen oder deutschtümelnden Lyrics in der Gegenwartsmusik. Dabei deckt er eine rhetorische Figur auf, die verwendet wird: Zuerst wird provoziert, Hass verbreitet, diskriminiert und wenn die Künsterinnen und Künstler zur Rechenschaft gezogen werden, dann haben sie es nicht so gemeint (es ist ja Kunst und nicht das Leben, uneigentliche Rede in einem Feld, in dem die Sprechenden und sich Verhaltenden prinzipiell frei sind, zu sagen und zu tun, was sie gutdünkt). Zuletzt sehen und inszenieren sich die so Angegriffenen als das Opfer einer missgünstigen Gesellschaft. Es sei ein «rhetorischer Dreischritt» von (1) aggressiver Grenzüberschreitung, (2) Relativierung und (3) larmoyanter Selbstviktimisierung. Die Kunst werde offensichtlich dazu benutzt, ungestraft «hate speech» von sich zu geben. Balzer wundert sich, weshalb «diese Art der musikalischen Hassrede in den letzten Jahren so wenig kritisiert worden» sei. Es geht ihm darum, wieder zu einer Kritik zu gelangen, die Grenzen des Zulässigen benennen könne (S. 36).
Weitere Themen
Neben dem Gangsta-Rap (Kapitel 2) behandelt Balzer den Antisemitismus (Kapitel 3), den Seximus in der Musikindustrie und die MeToo Reaktion dagegen (Kapitel 4), queere Selbstermächtigung (Kapitel 5), den Heimatrock von rechts (Kapitel 6), Heimatmusik von links (Kapitel 7), die Neue Rechte und der Rechtspopulismus, die keine Musik haben, weil buchstäblich niemand gewillt ist, sich hinter diese Parteien zu stellen, nicht mal Heimatrocker*innen und Gangsta-Rapper*innen (Kapitel 8), Pop und Identitäten (Kapitel 9), in dem es darum geht, dass Pop eklektizistisch ist, ein Stilgemisch, und schliesslich eine Art Fazit mit der Überschrift «Freundschaft im Pop» (Kapitel 10). Dieses Kapitel hält noch einmal fest, «dass guter, schöner, emanzipierter Pop immer eine Ästhetik des Werdens und der Grenzüberschreitung verfolgt, eine Ästhetik der Verunsicherung und Überschreitung überkommener Verhältnisse; und eine Ästhetik des Empowerments all jener Menschen, die nicht so leben wollen oder können, wie es ihnen von den Verhältnissen vorgegeben wird. [...] schöne, gute und wahre Kunst ist gerade jene die sich mit ästhetischen Mitteln an der Erschaffung von solidarischen Verhältnissen versucht» (S. 186).
Bewegung ohne Musik
Die Neue Rechte sei eine soziale Bewegung ohne Musik. (Man sieht das offensichtlich in den USA, wo kaum eine Künstlerin oder ein Künstler an Donald Trumps Wahlkampfveranstaltungen oder an seiner Inaugurationsfeier auftreten möchte.) Auch die deutsche AfD findet kaum Musikerinnen und Musiker, die sich hinter die Partei stellen oder mit ihr assoziiert werden möchten. Das ist in vielen Fällen schlicht erstaunlich. Die Gangstarapper mit ihrem islamischen Hintergrund haben natürlich ein ambivalentes Verhältnis zur AfD, das versteht man, aber auch deutsche Formationen lassen sich politisch nicht ein.
Nützliche Idioten eines rassistischen Systems
Bei der Auseinandersetzung mit Gangstarap im zweiten Kapitel arbeitet Balzer heraus, wie der Gangsarap der Nullerjahre ein «Laboratorium der politischen Inkorrektheit» darstellte. In diesem klar umgrenzten Freiraum wurden «reaktionäre Fantasien, Haltungen und Vokabulare» ausprobiert, die im Verlauf der folgenden Jahre in den Mainstream einsickern konnten. Eine Bedingung der Möglichkeit für diese Diffusion in den Mainstream ist, dass die Protagonisten als gesellschaftliche Aussenseiter wahrgenommen werden. Wenn das Leute wären, die in Deutschland von heimischen Eltern abstammten, würde die Gesellschaft das nicht tolerieren. «Bushido und seine Kollegen fungieren auch als ungezähmte, gefährliche Wilde, für die die Gesetze der Zivilisation nicht gelten und die sich als Identifikation für all jene anbieten, die diesen Gesetzen für die Dauer des Musikhörens entfliehen möchten.» (S. 47) Damit nennt Balzer zwei verschiedenartige Publika für diese Musik: die einen haben ähnliche Biografien wie die Rapper selbst, die anderen, leiden an den Zwängen der Zivilisation und brechen für die Dauer des Musikhörens aus ihrer engen Welt aus.
Die linke Kritik versucht tolerant zu sein, macht aber auch einen auf Vogel-Strauss. Theoretisch wird die kognitive Dissonanz dann mit einer dialektischen (oder wie soll man das nennen?) Denkfigur bewältigt: Nicht die Gangstaraper tragen die Schuld am Hass, den sie verbreiten, sondern die Gesellschaft, die selbst rassistisch, sexistisch und homophob sei. Statt die Rapper zu kritisieren, werden sie als Spiegel oder als nützliche Idioten einer kranken Gesellschaft gesehen. Aber wie ist das mit rechten Kulturkritikern (falls es sie gibt): Nehmen sie die Sprechweise und die Werte tatsächlich auf? Dazu sagt Balzer leider nichts. Er hinterfragt auch nicht den Zusammenhang des Gangstaraps mit dem Rechtsrutsch in Europa und Amerika. Es steht offenbar nicht in Frage, dass es diesen Zusammenhang gibt.
Würdigung und Bedenken
Diese Auseinandersetzungen mit dem Populismus in der Gegenwartsmusik sowie mit Musikgenres, die bei Musikjournalist*innen wenig beliebt sind, ist löblich. Welcher Musikjournalist lässt sich schon gerne in die Niederungen von Deutschem Gangstarap, Heimatrock und Helene Fischer hinab. Die Anstrengung, sich auf fremdes Territorium zu begeben, war es wert.
Als Leser von «Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik» denke ich über folgendes nach: Zuerst einmal glaube ich nicht so recht an den Verantwortungs-Appell, den Balzer in den Untertitel seines Buchs geschrieben hat. Radikale Kunst von links und rechts kann nicht mit Vernunft therapiert werden. Vermutlich sollten wir die Grenze zwischen Kunst und Politik hüten. So lange Avantgarden oder in neuerer Zeit Genres wie Gangstarap (früher war es Musik die man «Rock von rechts» titulierte oder rechtsextremer Metal) von ausserhalb des gesellschaftlichen Mainstreams agieren, sind sie relativ harmlos. Klar, sie provozieren und das sehr. Aber erst wenn die Ästhetik in die Politik und in den Alltag der Massen eindringt, wird es gefährlich (Nazi-Deutschland). Und wir sollten uns bewussts sein, dass Dünkel unsererseits, Verachtung und Ekel vor radikaler Kunst, diese nur noch umso mehr anstachelt. Acts wie Kollegah und Farid Bang haben nicht nur kraft ihrer Performance eine so grosse Anhängerschaft. Es sind Wertungen in der Gesellschaft, die Klassen und Gruppen bilden, die inkludieren und ausschliessen. Wen wundert's wenn die Ausgeschlossenen sticheln und provozieren? Es ist die Art, wie man als Outsider doch eine authentische Stimme erheben kann. Man inszeniert sich als Outsider und provoziert die Insider. Deren Verachtung bestätigt die Provozierenden in ihrem Outsidertum. Ein Teufelskreis.
In den 1980er Jahren bewirkten Politikergattinnen wie Tipper Gore, dass an Schallplatten mit radikale Musik Parental Advisory Kleber aufgebracht wurden. Die Aktion war so lächerlich, dass man in der alternativen Szene bald stolz darauf war, wenn der Kleber aufgebracht wurde.
Der Befund, dass Gangstarapper und Heimatrocker sich nicht an den Wagen neuer Rechtsparteien anspannen lassen, zeigt eigentlich deutlich, dass sie, auch wenn sie sich in ihren Texten rassistisch, sexistisch, antisemitisch äussern, dies bewusst im Feld der Kunst machen und darum herum eine klare Grenze ziehen – wenigstens bisher. Vielleicht lohnt sich eine opportunistische Haltung gegenüber der rechten Politik gegenwärtig noch nicht, aber wenn der Wind mal ändert, dann könnten sich auch die Grenzen auflösen. Das wissen wir (noch) nicht.
Es zeigt sich bei Aufzeichnungen der Echo-Awardshow deutlich, dass auch Kollegah und Farid Bang begriffen haben, dass im Feld von Pop und Kunst Dinge gesagt werden dürfen, die eben nicht so gemeint sind. Die Gesellschaft mutet sich selbst zu, dass ihre Künstlerinnen und Künstler mit Identitäten, Lebensformen, Diskursformen oder Inszenierungen experimentieren dürfen. Und das nehmen sie für sich und ihre Raps in Anspruch, auch wenn die Elite ihnen unterstellt, dass sie als Einwanderer und dümmliche Gangsterrapper diesen Unterschied gar nicht begreifen würden. Dieser Dünkel stachelt die Rapper umso mehr an, weiter zu provozieren, und ihr Publikum «Nutte bounce» mitzujohlen. Wer selbst einmal auf radikale Musik gestanden ist, weiss das.
Update nötig
Nach nur fünf Jahren ist im Feld der Politik so viel geschehen, dass ein Update des Buchs sehr spannend zu lesen wäre. Putin der Gangsta oder die polarisierten Wahlen in den USA gäben den Stoff her.
Weitere Quellen
– Deutschrap ideal: ECHO-SKANDAL 2018: War es nur eine Wette zwischen Kollegah & Farid Bang? | + Geleaktes Handyvideo (5. Februar 2023)

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Beyoncé: Cowboy Carter

Das ist keine Rezension, sondern eine Meinung:
Es wird diskutiert, ob weisse Kids, die mit Dreadlocks herumlaufen, kulturelle Aneignung betreiben und Beyoncé, eine der reichsten Frauen in der Musikwelt macht dieses Album? In dieser Zeit, in der die politischen Fronten in den USA sich erneut verhärten und wir auf die unangenehmsten Wahlen in der Geschichte zu steuern? Ist das nicht dumm, ungeschickt und ein unschönes Spiel mit der kulturellen Aneignung?
Es ist schon klar, dass Beyoncé in Texas aufgewachsen ist und in einer Welt lebt, in der Country und afroamerikanische Musik gleichermassen zuhause sind. Ich ärgere mich nicht darüber, dass Beyoncé ein Country-Album macht (wenn es denn eines ist, vielleicht nennt man es besser ein «Crossover» Album). Daddy Lessons war ein grossartiger Song, den ich bis heute gerne höre. Ich ärgere mich über den Zeitpunkt von «Cowboy Carter», der unnötig provozierend wirkt.
Warum muss eine Spitzenkünstlerin andere Spitzenkünstlerinnen und Künstler covern («Blackbird» und «Joleene»)? Fördert das nicht die populistische Erzählung von der Elite, die sich selber begünstigt? Die USA würden andere Zeichen als dieses brauchen!

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