Titelgrafik von www.musikzimmer.ch

Musikzimmer - News und Archiv für moderne Musik

News-Blog: Am Puls der modernen Musik [–> mehr Musik hören]

Holly Herndon: Minnesang: A Tale Of Bits And Atoms [N]

Kunst. Allein schon deshalb, weil sich das vorliegende Werk erst im Lauf von 20 Minuten erschliesst. So lange dauert ein ganz besonderer Mix der jungen Musikerin Holly Herndon aus San Francisco, die mit ihrer Elektronischen Musik nicht zum ersten Mal Netzpolitik thematisiert. Ihr Video Home war eine Kritik der Machenschaften der NSA. Ihr neustes Werk Minnesang: A Tale of Bits And Atoms setzt sich mit der zunehmenden Feudalisierung des Internets auseinander.
Minnesang: A Tale of Bits And Atoms ist eine Zusammenarbeit mit dem Schweizer Journalisten Hannes Grassegger (siehe das NZZ-Interview mit ihm: Facebook behandelt uns wie Leibeigene) und mit dem Designer Jon Lucas. Veröffentlicht wurde die Arbeit über das Dis Magazine, ein Kunst-Webzine zu Kultur, Mode, Lifestyle und Musik. Sie sehen eine blutrot eingefärbte Karte von Paris, darüber amöben- und lavalampenartige Blasen, die die Sicht auf die Stadt verdecken. Dazu spielt Musik, die Herndon zusammengestellt und gemixt hat. Überraschung: Das ist keine elektronische Musik, sondern Musik aus dem Hochmittelalter, aus der Zeit in der Chorwerke mehrstimmig wurden. Die so ungewohnte wie auch schöne Musik wird hier mit Hannes Grasseggers Botschaft aufgeladen, dass das Internet (die Bildschirmfläche, die Welt, Paris) zunehmend feudalistisch funktioniert. Wir bewegen uns als Nutzende des Internets auf Plattformen, die Monopolen gehören (Facebook, Google, Twitter). Wir akzeptieren Vertragsbedingungen, die wir nicht einmal lesen. Am Ende arbeiten wir als Leibeigene für diese Daten-Konzerne.
Auf der Webseite gibt es einen Link zum Transskript des hörspielartigen Textes, der in den Mix eingewoben ist. Es lohnt sich, dieses Transskript aufzurufen und zu lesen. Es ist ein gebetsartiger Dialog zwischen Menschen (gleich Internetnutzern) und den Daten (gleich ... - vervollständigen Sie selbst, denken Sie dabei an Gott, Feudalherren oder Konzerne).

[Link]

Colleen: Captain of None [N]

Colleen ist die Pariserin Cécile Schott, die seit Jahren wunderbar filigrane Musik veröffentlicht. Die Discogs-Datenbank bringt es mit wenigen Stichworten auf den Punkt: «Singular musical universe: magic and strange. She composes kind of lullabies. Very 'féminin'.» Ihre elektronische Musik klingt immer sehr organisch. Auf der Bühne spielt sie Cello und Gitarre, die sie mit Pedalen und Effektgeräten prozessiert (ohne Laptop!).
Colleens erste CDs kamen alle beim englischen Leaf-Label heraus, das während Jahren wahnsinnig interessante Musik veröffentlicht hat. Doch wie viele Electronica-Label musste es die Zahl der Veröffentlichungen reduzieren und ist mittlerweile vermutlich ganz still gelegt. Das neue Album von Colleen, Captain of None, kommt im April beim Thrill Jockey Label heraus. Der auf Youtube publizierte Titeltrack klingt texturierter und dichter als vieles, was die Musikerin früher veröffentlicht hat. Sie zupft die Saiten ihres Cellos, die Effektgeräte verdichten dieses Spiel zu einem dichten und rhythmischen Klangteppich über den sie singt und weitere musikalische Elemente einflicht.

[Link]

Rezension: Future Brown: Future Brown [N]

ThumbnailDas Future Brown Album der gleichnamigen Supergruppe ist der heisseste Shit unserer globalisierten Welt. Es ist die perfekte Fusion von Globalpop und Electronica und ein Wegweiser in Richtung Musik der Zukunft.Die vier Leute, die sich zum Projekt Future Brown zusammen taten, sind die in Senegal geborene, in Kuwait als Diplomatentochter aufgewachsene, heute in New York und Berlin ansässige Fatima Al Qadiri, die für ihre futuristischen und cineastischen Vaporwave-Releases bekannt geworden ist, die die Welt im Sturm nahmen. Dann das Producer-Paar Daniel Pineda und Asma Maroof, die unter dem beinahe unaussprechbaren Namen Nguzunguzu atemberaubend kühlen Electronic-R'n'B veröffentlichten und schliesslich J-Cush, Produzent und Labelchef von Lit City Trax. Sie sind alle Vertreter/-innen des neuen digitalen Untergrunds (siehe: Adam Harpers Vortrag Indie Goes Hi-Tech: The End Of Analogue Warmth And Cosy Nostalgia).
Future Brown erhält aus mindestens drei Gründen grosse Aufmerksamkeit. Erstens kann man die Kategorie «Supergruppe» auf das Projekt anwenden (eine Band ist es nicht, die Mitglieder sind Produzenten, die auch als Act auftreten und veröffentlichen). Zweitens kommt das Album auf dem Label heraus, das immer wieder elektronische Musik von von Auteur-Produzenten einem breiten Publikum bekannt gemacht hat: Warp. Drittens sind als Gastsänger/-innen eine Armee von zeitgenössischen MCs mit von der Partie: Tink, Shawnna, DJ Victoriouz, Sicko Mobb, Timberlee, Maluca, Ian Isiah, Kelela, Riko Dan, Johnny May Cash, YB, King Rell, 3D Na'Tee, Tim Vocals, Roachee, Prince Rapid und Dirty Danger. Diese Frontleute sollten garantieren, dass der Nerd-Verdacht nicht greift. Future Brown ist nicht das Projekt von verstiegenen Produzenten, die sich im Studio gegenseitig übertrumpfen. Doch das sehen nicht alle so ...
Grosse Aufmerksamkeit heisst nun nicht automatisch frenetischer Applaus. Das Album hat in den vergangenen Tagen Kontroversen zwischen Musikritikern ausgelöst, in die nun auch Fatima Al Qadiri und somit die Band verwickelt ist. Al Qadiri hat sich auf Facebook gegen falsche Implikationen in Reviews von Meaghan Garvey von Pitchfork und Alex Macphearson auf einer Getränkehersteller-Seite gewehrt. Ihr Argument lautet, dass diese Kritiker Vorstellungen an die Band heran tragen, die nicht stimmen. Zum Beispiel, dass Future Brown ein Artschool-Projekt sei, das Musik mit Street-Credibility auf eine Weise kuratiere, dass diese Musik ihre Glaubwürdigkeit verliere. Al Qadiri schreibt darauf, dass diese Musikkritiker besser Future Brown interviewt hätten, um die Wahrheit über das Projekt herauszufinden, statt Theorien an die Gruppe heranzutragen, die keine treibende Kraft hinter Future Brown seien. Das letzte Wort in dieser Auseinandersetzung ist wohl noch nicht gesprochen. Wenn man den Artikel von Macphearson liest, stösst man auf den Ausdruck von Hostilität gegen die jüngere Generation (Generation Tumbler»): «it’s music that appeals to the worst habits of generation Tumblr, by scattering rappers and vocalists such as Jamaican dancehall queen Timberlee, London grime MC Riko Dan and Chicago rising star Tink inconsequently over otherworldly, future-hood beats» oder das Dissing des PC Music Labels: «Similarly linked to this scene is the London-based PC Music label, whose shtick is to justify their amateur takes on happy hardcore with derisory grad student blather about deconstructing pop with supposedly exaggeratedly synthetic effects». Abschätzige Töne einer älteren Generation gegenüber einer Musik, die in meinen Ohren neu klingt und das ist, worauf ich, Retromania-müde, Jahre gewartet habe. Nun, neue Musik gibt es jede Woche, aber wirklich neu ist sie dann, wenn es diese alte Generation gibt, die die junge Generation nicht mehr verstehen will und kann, die dann ausfällig wird und sich abschätzig äussert. Ein gutes Zeichen also für die Zukunft der Musik, für eine Musik, die für ihre Zeit stehen kann. Nicht wie die von Sam Smith, die an der ganzen Soul-Tradition geschult ist. Solche traditionsbewusste Musik ist in meinen Ohren akademisch und nicht Future Brown.
Zukunftsweisend ist das Projekt, weil es von den Mitgliedern, Sänger/-innen und MCs her global angelegt ist. Das Internet ist eine wesentliche Produktionsbedingung gegenwärtiger und zukünftiger Musik. Konzepte wie «Street Credibility» gehören einer alten Logik der Subkulturen an. Heute und in Zukunft geht es nicht um Mainstream vs. Subkultur, Majors vs. Indies, sondern global operierende und global vernetzte Agenten. Grime kommt nicht mehr notwendig aus Südost-London, Dancehall nicht notwendig aus Jamaica. So haben alle vier Mitglieder von Future Brown gemeinsam, dass sie Migrationsgeschichten mit sich herumtragen oder familiäre Wurzeln haben, die man nicht anders als global bezeichnen kann (siehe: Ruth Saxelby: Future Brown Makes Music For The World We Actually Live In (Fader, 4.12.14). Wir werden in ein paar Jahren sehen, ob sich diese global operierende Art des Musikmachens durchsetzen wird. Future Brown wird dann vielleicht Musikgeschichte geworden sein.

Nicolas Jaar vertont Zwet granata von Sergei Paradschanow [N]

Der Film Zwet granata von Sergei Paradschanow («Die Farbe des Granatapfels», 1969) wurde in der SU verboten. Der Film portraitiert den armenischen Dichter und Barden Sayat Nova. Doch da waren zu viele heisse Themen, z.B. die Unterdrückung der Armenier oder die Homosexualität, die in den surrealen Tableaus anklangen. In Westeuropa wurden Paradschanows Filme mit Preisen ausgezeichnet. In der Heimat wurde der Regisseur in den Gulag gesteckt, den er trotz heftiger internationaler Proteste erst nach vier geschlagenen Jahren verlassen konnte. Nicolas Jaar hat dieses Stück Filmgeschichte mit seiner Musik vertont. Er ist nicht der einzige, der diese Bilder verwendet: Die georgische Sängerin Katie Melua hatte schon in ihrem Musikvideo zu Love Is A Silent Thief Bilder aus Zwet granata verwendet.

Logo

Leslie Gore verstorben [N]

Die Teenpop-Sängerin Lesley Gore ist am 16. Februar in New York im frühen Alter von 68 Jahren verstorben. Sie hatte Krebs.
Lesley Gore wurde als Lesley Sue Goldstein in New York geboren und wuchs in nahen New Jersey auf. Im blutjungen Alter von 16 Jahren wurde sie vom Produzenten Quincy Jones entdeckt. Ihre erste Single, das Teenager-Melodram It's My Party, schlug gleich als Hit ein. Absolut bemerkenswert war die vierte Single, der proto-feministische Song You Don't Own Me. Dort sang sie: «Du besitzt mich nicht, ich bin nicht dein Spielzeug, sag mir nicht, was ich zu tun oder zu sagen habe, denn ich bin jung und ich liebe es, jung zu sein, ich bin frei und liebe es, frei zu sein und mein Leben zu leben, wie ich es will.» Neben dem Gesang verfolgte Gore auch eine Schauspielkarriere und graduierte in Amerikanischer Literatur. Mit ihrem Bruder Michael Gore komponierte sie ein Stück für das erfolgreiche Musical Fame und erreichte damit eine Academy Award Nomination. Im Jahr 2005 outete sie sich öffentlich als Lesbisch.
Lesley Gore hat mit ihren Songs das bis dahin von Männern definierte Frauenbild in der Populären Musik durch wichtige Kontrapunkte verändert.

Logo

Nat 'King' Cole [N]

Nat 'King' Cole starb vor 50 Jahren, am 15. Februar 1965 an den Folgen von Lungenkrebs. Der Pianist, Sänger und Leader eines eigenen Trios wurde in Alabama geboren, ging mit seinen Eltern nach Chicago und übersiedelte in den 30er Jahren nach Los Angeles, wo er Karriere machte. Sein King Cole Trio (Piano, elektrische Gitarre, Bass) spielte einen ruhigen Jazz, der über die NBC und CBS-Radionetzwerke populär wurde. King Cole Trio Time hiess eine seiner Shows. In seiner späteren Karriere wurde er immer mehr zum schwarzen Crooner mit der zuckersüssen und romantischen Stimme.
Nat Cole war seit 1943 bei Johnny Mercers Capitol-Label unter Vertrag, das das erste Major-Label war, das an der Westküste ansässig war. Coles Erfolge finanzierten die Headquarters von Capitol Records, den markanten runden Turm unterhalb der Hollywood Hills – ein Wahrzeichen der Musik von Los Angeles. Das Gebäude heisst deshalb auch: «The House That Nat Built».

Sweet Lorraine war der erste Song, den Nat Cole auf der Bühne vorgetragen hatte, weil jemand im Publikum einen Song wünschte

I'm A Shy Guy von 1945, das Video ist vermutlich in den frühen 50er-jahren als Telescription gedreht worden; Musiker neben Nat Cole (Piano Vocals): Johnny Miller (Bass) und Oscar Moore (Guitar)

Route 66 dürfte heute noch der bekannteste Titel von Nat Cole sein

[Link]

Über Musikzimmer

Musikzimmer ist ein Online-Katalog für moderne Musik, der von Christian Schorno betrieben wird, einem Musikliebhaber, Kurator und Dozenten für Populäre Musik aus Zürich.

Die Frontseite von Musikzimmer berichtet regelmässig über aktuelle Musik und über musikgeschichtliche Zusammenhänge. Die Beiträge verweisen auf Inhalte im datenbankgestützten Katalog. Hier auf der Titelseite und auf der Schaufenster-Seite gibt es immer aktuelle und interessante Musik zu hören und Videos zu schauen.

Christian Schorno bietet verschiedene Dienstleistungen im Zusammenhang mit Musik an, z.B. Popquishows oder Vorträge.

Schreiben Sie Christian Schorno gerne eine Mail, wenn Sie Musikzimmer spannend finden oder über seine öffentlichen Popquizzes informiert werden möchten. Falls Sie auf Facebook, Google+ oder Twitter unterwegs sind, folgen Sie Christian Schorno bzw. Musikzimmer: Facebook-Logo Google+-Logo Twitter-Logo. Und natürlich: Sprechen Sie über Musikzimmer! Vielen Dank für jede Form der Unterstützung.

Leitbild

Der Kern des Musikzimmer-Projekts besteht im Aufbau und der Pflege der Datenbank. Die Datenbank enthält Informationen zu Rock, Pop und Electronica, aber auch zu deren Einflüssen, Grenzbereichen und Auswirkungen: zu Jazz, Blues, Folk, Country, moderne Klassik, Improvisation, ... – zu allem, was man als moderne Musik bezeichnen kann. Populäre Musik ist eine historisch und kontextuell bedingte künstlerische Ausdrucksform. Die enthaltene Musik soll möglichst weite Teile der Geschichte der Populären Musik wiederspiegeln. Da gehört Pop für die Massen (Abba oder Backstreet Boys) genauso dazu wie Musiker/-inen und Bands, die in Nischen (Focus Group oder Deafheaven) leben, Musik der Zentren (New York, Los Angels, London) genauso wie Musik, die an der Peripherie blüht (Missisippi Delta, Seattle, Bristol).
Ein weiteres Projekt besteht darin, das Archiv für Moderne Musik (Daten und Musik) der Zielgruppe der Forschenden und künstlerisch tätigen Personen zugänglich machen zu können. Hierfür gibt es zur Zeit leider noch keine erschwinglichen und administrativ bewältigbaren Lizenzmodelle.

Zweck des Projekts

Die Musikzimmer-Datenbank dient zuerst der systematisierung der Musiksammlung von Christian Schorno und damit letztlich seiner Tätigkeit als DJ, Kurator von Popquizshows oder Dozent. Das Schöne an der Internet-Technologie ist, dass die private Arbeit stets öffentlich sichtbar ist. Der private Nutzen ist zugleich der Nutzen der gesamten interessierten Öffentlichkeit.

Musikzimmer hat viele Vorteile gegenüber herkömmlichen Musikdatenbanken (Discogs, AllMusic, Rate Your Music). Zunächst sind die Daten nicht in sich geschlossen: Es gibt viele Verweise zu den genannten Datenbanken, zu Rezensionen und zu schriftlichen sowie audiovisuellen Quellen. Es gibt eine gegenwärtig rasch steigende Zahl von Verlinkungen zwischen Videos, Songs und Veröffentlichungen. Die Musikdatenbank ist mit dem digitalen Archiv verknüpft (diese Funktion ist allerdings nicht öffentlich zugänglich).

Aktuelle Rezensionen aus andern Musikblogs

Rezensionen neuer Alben (Quellen: Pitchfork, TinyMixTapes, DustedMagazine, NoRipCord, Metacritic). Das Widget stammt von Surfing-Waves.