Warum ich keine Musikzeitschriften mehr kaufe

Ich kaufe keine Musikzeitschriften mehr. Im schlechtesten Fall sind sie voll mit Werbung, offensichtliche und versteckte: Jede Rezension und jeder Artikel scheint von der Industrie bezahlt zu werden. Die Musik, die mich interessiert, ist nicht repräsentiert. Diese Aussagen gelten m.E. für den Rolling Stone, Mojo, Uncut und wie sie alle heissen – Magazine als verlängerter Arm der Musikindustrie, Magazine als Marketinginstrument.

Im besseren Fall sind sie langweilig geworden. Spex schon vor langer, de:bug seit geraumer Zeit.

Musikjournalismus, sofern er Neuigkeiten betrifft, findet im Internet statt. Dort gibt es die Blogs und Onlinemagazine: Pitchfork, PopMatters, TinyMixTapes, Dusted usw. veröffentlichen jeden Tag Rezensionen zu Neuerscheinungen. Und es gibt Online-Händler wie Boomkat, die top aktuell sind die wirtschaftliche Tätigkeit mit ansprechendem Musikjournalismus verbinden. Ich sehe nicht, wozu ich noch ein gedrucktes Musikmagazin brauche.

Nun habe ich aber noch immer The Wire abonniert, weil er Hintergrundinformationen bringt, die Onlinemagazine selten bringen. Nur The MilkFactory «featuret» einen längeren Beitrag über einen Act pro Monat. PopMatters hat immer wieder Hintergrundartikel, die aber wie von Schulbuben oder angehenden Doktoranden geschrieben sind. Im besten Fall sind es Auszüge aus bald erscheinenden Büchern (also auch versteckte Werbung?). Dies ist der Schwachpunkt meiner Orientierung auf Internetpublikationen: Ich erhalte wenig Hintergrundinformation und systematisiertes Zusammenhangswissen.

Angfangs März 2011 schrieb Kyle Bylin im Hypebot-Blog, dass sich Musikmagazine (gemeint sind Printmagazine) auf dem absteigenden Ast befänden – weil die Art der Information, die sie publizieren, im Internet schneller verfügbar ist und weil im Internetzeitalter eine Art der Mystifizierung von Musiker/-innen wegfällt, die diese Magazine stets betrieben hätten. Im gegenwärtigen Zeitalter des Direct-to-Fan-Marketings können über die Künstler keine Mythen und Mystifizierungen mehr aufgebaut werden, schreibt Bylin. Der klassische Musikjournalismus lebte aber genau von so einem Hohepriestertum, hatte eine Licence to lie, so der Titel des Blogeintrags.

Blogs machen ihren Leser/-innen weniger vor, sie vermitteln und propagieren Musik als Fans.
Als Fans haben auch die klassischen Musikmagazine wie Rolling Stone einmal angefangen und waren so lange gut, wie Leute in der Redaktion sassen, die diese Fanrolle vor wirtschftlichen Interessen geschützt haben. Dies hat oft etwas Selbstausbeuterisches. Irgendwann muss oder will man von der eigenen Arbeit leben können. Dann geht man Konzessionen ein. Die Art der Schreibe, die Gegenstände verändern sich dann langsam aber sicher. Selten zum Guten.

Um auch schneller und aktueller zu werden, führen viele klassische Musikmagazine mittlerweile ebenfalls einen Blog, beispielsweise der NME, der Rolling Stone, de:bug. Relevant sind sie deswegen nur beschränkt.

Viele Rezensionen entstehen als Gratisarbeit von Fans. Das macht man mal eben so in der Freizeit, auch ohne dafür bezahlt zu werden. Um hingegen einen längeren Gedanken zu formulieren braucht man viel Zeit. Und wenn diese auch unbezahlt sein soll, dann lässt man das in der Regel. Das Resultat ist: Guter Musikjournalismus, der über das Tagesgeschäft der Neuigkeiten hinaus geht, existiert nur in unabhängigen Gefässen wie The Wire oder in wissenschaftlichen Artikeln und Büchern.

Moderne Musik ist an den wenigsten Hochschulen ein anerkanntes wissenschaftliches Fach und somit ist aus dieser Ecke auch nicht viel zu erwarten. Auch bis ein Buch über die Gegenwartsmusik erscheint, muss man wohl warten, bis eine andere Musik als Gegenwartsmusik bezeichnet wird. Das hinkt immer hintennach.

Eine grossartige Ausnahme sind die Blogs von Symon Reynolds, in denen der englisch-amerikanische Musikjournalist mit grosser Umsicht und immensem Wissen über das aktuelle Geschehen schreibt; ein öffentliches Skizzenbuch führt.

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