Nina Simone: Wild Is The Wind | Release-Factsheet

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Release «Wild Is The Wind» von Nina Simone.

Fakten

Veröffentlichungsdaten: 1966 06
Label: Philips PHS 200-207
Produktion: Bryan Koniarz & Hal Mooney
Genre: Jazz - Vocaljazz - Jazzsinger

Annotationen

Das Album «Wild Is the Wind» entstand nicht als durchdachtes Konzeptalbum, sondern wurde vom Label aus unveröffentlichtem Material früherer Aufnahmesessions zusammengestellt – primär Überbleibsel von Pastel Blues. Dass die Platte dennoch wie aus einem Guss wirkt, liegt an Simones stilistischer Einzigartigkeit und ihrer biographischen Verfassung zu diesem Zeitpunkt.
Höre den Titelsong! Dimitri Tiomkins Original von «Wild Is the Wind» (1957 für Johnny Mathis geschrieben) war ein typischer, üppig arrangierter Hollywood-Schmachtfetzen. Simone halbiert das Metrum, entkernt die orchestrale Begleitung und reduziert das Fundament auf isolierte Kontrabass-Tupfer (Lisle Atkinson) und schwebende Flöten- bzw. Klaviernoten. Sie verwandelt eine sentimentale Ballade in eine tranceartige, beklemmende Studie über emotionale Abhängigkeit.
Bei Nina Simone hört man immer Bach-Einfluss. Ihr Jugendtraum war es, die erste schwarze klassische Konzertpianistin Amerikas zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, übte sie jahrelang die Literatur des deutschen Komponisten. Auf Stücken wie «Black Is the Color of My True Love's Hair» oder «Lilac Wine» spielt sie daher Klavier nicht wie eine traditionelle Jazz-Akkordbegleiterin, sondern setzt lineare, polyphone Gegenstimmen zu ihrem eigenen Gesang ein, was ihren Jazz mächtig aufhellt – eben «Pastel Blues».
Reduktion und ungeschliffene Dynamik statt Studio-Politur
Simone weigerte sich, Gesangslinien durch Kompression glattzubügeln. In «Wild Is the Wind» hört man das Anströmen der Luft, mikrotonale Schleifer und unvermittelte Dynamiksprünge von gehauchten Pianissimo-Passagen zu harschen Fortissimo-Ausbrüchen im Brustregister. Ihre Songarrangements sind dünn, ja skelettal: Zum Beispiel der Rhythmus. Statt eines dichten Jazz-Schlagzeugs setzt Rudy Collins auf der Platte häufig nur Besen, Tamburin oder Shaker ein. Dieser extreme Negativraum zwingt das Gehör, sich vollständig auf Simones atemberaubende Phrasierung zu fokussieren.
Stilistische Bandbreite
Auf «Wild Is the Wind» findet man Songs mit politischer Sprengkraft («Four Women») neben romantischen Songs. «Four Women» ist eines der sprechendsten Stücke der Musikgeschichte über den Schnittpunkt von Rassismus und Misogynie. Simone porträtiert vier archetypische schwarze Frauen, geprägt von den Traumata der Sklaverei und Segregation: Aunt Sarah mit ihrem unterjochten Körper; Saffronia, das Kind einer Vergewaltigung einer schwarzen Frau durch einen weissen Plantagenbesitzer und nun eine Mischling, der nirgends dazugehört; Sweet Thing: Die Sexualisierung des schwarzen Körpers in der Prostitution; sowie Peaches, die militante Bürgerrechtskämpferin. Musikalisch bleibt der Song über Minuten in einem fast monotonen, schleifenden Blues-Ostinato gefangen, bis Simone im Finale den Namen «Peaches» buchstäblich herausschreit und das Klavier mit dem ganzen Schmerz und der Last der Geschichte anschlägt.
Im Radio lief der Song nicht, weil das Stück angeblich beleidigend für schwarze Frauen sei. Das war ein durchschaubarer Vorwand, um den Äther frei von brisanten Themen zu halten.
Biografischer Kontext
Nina Simone wollte Musik studieren und wurde 1951 vom renommierten Curtis Institute of Music in Philadelphia abgelehnt – laut Simone aus rein rassistischen Gründen. Dieser Misserfolg prägte ihre gesamte Karriere. Der Zwang, im Nachtclub-Milieu Geld verdienen zu müssen, schuf jene explosive Synthese aus europäischer Klassik und Blues, die auf Wild Is the Wind ihren Höhepunkt fand.
Hinzukam 1966 zweitens die Radikalisierung der Bürgerrechtsbewegung. Damals wendete sich Simone enttäuscht vom Prinzip des gewaltlosen Widerstands à la Martin Luther King ab. Beeinflusst von Malcolm X, James Baldwin und Lorraine Hansberry, die eine enge Freundin von Simone war, spiegelte ihren musikalischen Übergang zum militanten Black Power wider.
Drittens hatte Simone bei den Aufnahmen die jahrelange toxiche Ehe mit ihrem damaligen Manager Andrew Stroud hinter sich gelassen. Diese latente seelische Zerrüttung und Verzweiflung floss ungefiltert in Balladen wie «Lilac Wine» oder «What More Can I Say» ein.

Personen und Querverweise


Nina Simone
Bryan Koniarz
Hal Mooney

Trackliste

Seite A 1. I Love Your Lovin' Ways (Bennie Benjamin, Sol Marcus) - 2:39 2. Four Women (Nina Simone) - 4:28 3. Lilac Wine (James Alan Shelton) - 4:16 4. Break Down and Let It All Out (Van McCoy) - 2:41 5. Why Keep on Breaking My Heart (Bennie Benjamin, Sol Marcus) - 2:37 *Seite B 1. Wild Is the Wind (Dimitri Tiomkin, Ned Washington) - 6:59 2. Black Is the Color of My True Love's Hair (Traditional) - 3:28 3. If I Should Lose You (Ralph Rainger, Leo Robin) - 3:58 4. Either Way I Lose (Van McCoy) - 2:46 *Bonustracks 1. What More Can I Say? (Wade Jr. Brown, Horace Ott) - 2:52 2. That's All I Ask (Horace Ott) - 2:31