Streams

Tags
Release «New Electronic Music From Leaders Of The Avant-Garde» von John Cage & Milton Babbitt & Henry Pousseur.
Fakten
Veröffentlichungsdaten: 1967 (Ed.), 1961 (Werk), 1964 (Werk), 1961 (Werk), 1967 07 14 (Rec.)
Label: Columbia Masterworks MS 7051, Sony Japan SICC 78
Produktion: David Behrman
Genre: Akademica - Live-Elektronische-Musik, Akademica - Elektronische-Musik - Computer-Musik
Annotationen
«New Electronic Music From Leaders Of The Avant-Garde» versammelt drei Werke aus der elektronischen Musik (i.w.S.).
John Cage: «Ensembles For Synthesizer» (1961)
John Cages «Variations II» (1961) ist ein zentrales Werk seiner experimentellen Musik und ein Paradebeispiel für seine radikalen Ansätze zur Indetermination, Zufallskomposition und offenen musikalischen Strukturen. Das Werk ist für «jeden beliebigen Interpreten oder jede Kombination von Interpreten» konzipiert. Schon dieser Ansatz zeigt Cages radikale Öffnung der Kompositions- und Aufführungspraxis. «Variations II» ist ein Werk der «Indeterminacy». was bedeutet, dass viele Aspekte der Komposition – wie Klangmaterial, Instrumentierung, Struktur und Aufführung – nicht vom Komponisten festgelegt sind, sondern den Interpreten überlassen werden. Cage wollte die Kontrolle des Komponisten über das musikalische Ergebnis minimieren und die Kreativität der Aufführenden sowie den Zufall in den Vordergrund stellen. Dabei ging es oihm aber um etwas Drittes, die Offenheit und Vorurteilslosigkeit des Publikums beim Hören. Der Komponist wird nicht etwa obsolet, in dem er die Komposition den Interpret:innen überlässt, sondern er gibt die Struktur des Werkes vor. In dieser Struktur haben dann die Interpret:innen die Freiheit, egal was zu spielen. Cage war stark von der Philosphie des Zen-Buddhismus und vom I-Ging inspiriert, einem alten chinesischen Orakelbuch, das auf Zufall basiert.
Milton Babbitt: «Variations II» (1962–1964)
Milton Babbitts «Ensembles For Synthesizer» (1962–1964) ist ein wegweisendes Werk der elektronischen Musik, seine Pionierarbeit im Bereich des totalen Serialismus sowie eine innovative Nutzung des RCA Mark II Sound Synthesizers des Columbia-Priceton Electronic Music Center. Babbitt war Mathematiker und mehr interessiert an der präzisen kompositorischen Kontrolle der rhythmischen und strukturellen Elemente der Musik, was mit traditionellen Instrumenten kaum erreichbar war. Um die Erzeugung neuartiger Klänge ging es ihm hörbar nicht.
«Ensembles For Synthesizer» wurde erzeugt durch die Programmierung der musikalischen Parameter: Frequenz, Intensität, Klangfarbe, Hüllkurve und Dauer. Der Komponist gab diese Parameter ein, und das Gerät perforierte die Informationen auf eine Papierrolle, die dann in Echtzeit abgespielt wurde, um den Klang zu erzeugen und auf Band aufzunehmen.
«Ensembles For Synthesizer» ist ein Werk, das mathematische Präzision menschlicher Fehlerhaftigkeit und Emotion vorzog. Die Komposition gehörte zu den frühsten Werken der Computer-Musik und und hört sich auch so an. Als Maschinenmusik wurden die «Ensembles» auch als unzugängliche Musik kritisert. Alex Ross beschrieb Babbitts Musik positiv: Sie «tanzt und schimmert wie Jazz von einem anderen Planeten.»
Henri Pousseur: «Trois Visages de Liège» (1961)
Pousseurs «Trois Visages de Liège» (1961) ist ein bedeutendes Werk der elektroakustischen und konkreten Musik. Es wurde im Frühjahr 1961 im Studio de musique électronique in Brüssel komponiert und ist ein dreiteiliges Werk, das die industrielle, kulturelle und natürliche Identität der Stadt Liège (Lüttich) in Belgien musikalisch darstellt.
Die «trois Visages» wurden für die audiovisuelle Produktion «Formes et Lumière» von Nicolas Schöffer komponiert, die im Kongresspalais von Liège aufgeführt werden sollte. Diese Produktion kombinierte Lichtprojektionen, Skulpturen und Musik. Pousseur nutzte die Gelegenheit, um die «realistischen» Möglichkeiten elektroakustischer Materialien zu erkunden, die er in den Jahren zuvor erforscht hatte. Das Werk wurde jedoch von den städtischen Behörden als zu avantgardistisch empfunden und nach der Premiere durch zugänglichere Musik ersetzt.
Pousseur nutzte Klangmaterial aus der Umgebung von Liège: industrielle Geräusche (z.B. von Schmieden und Fabriken), Naturgeräusche (wie Wasser) und menschliche Stimmen, die er im Studio de musique électronique in Brüssel manipulierte. Diese Klänge wurden auf Magnetband fixiert und mit elektronischen Klängen kombiniert, die durch Synthesizer oder andere Geräte erzeugt wurden. Das Werk ist stark von Pousseurs Interesse an der Verbindung von Realismus und Abstraktion geprägt: Die Klänge sind nicht nur abstrakte Klangexperimente, sondern sollen die Geschichte und Atmosphäre von Liège, einschließlich der Streiks von 1960, evozieren.
Obwohl Pousseur ein Anhänger der seriellen Musik war, integrierte er in «Trois Visages» auch aleatorische Elemente. Diese waren von seiner Zusammenarbeit mit Stockhausen und Cage inspiriert. Anders als Babbitts streng serialisierte Ensembles for Synthesizer oder Cages radikale Indetermination in Variations II findet Pousseur eine Balance zwischen strukturierter Organisation und offener Klanggestaltung. Die Klänge werden durch serielle Prinzipien organisiert, aber die Verarbeitung der Musique concrète erlaubt Flexibilität und Spontaneität im serialen Rahmen.
Personen und Querverweise
John Cage
Milton Babbitt
Henry Pousseur
David Behrman
Trackliste
Seite A 1. John Cage: Variations II - 26:29 *Seite B 1. Milton Babbitt: Ensembles For Synthesizer - 10:42 2. Henri Pousseur: Trois Visages De Liège - I - L'Air Et L'Eau - 5:11 3. Henri Pousseur: Trois Visages De Liège - II - Voix De La Ville - 4:00 4. Henri Pousseur: Trois Visages De Liège - III - Forges - 8:49