Jóhann Jóhannsson: Fordlandia | Release-Factsheet

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Release «Fordlandia» von Jóhann Jóhannsson.

Fakten

Veröffentlichungsdaten: 2008 11 03
Label: 4AD CAD 2812
Produktion: Jóhann Jóhannsson
Genre: Post-Millennial-Music - Digital-Underground - Neoklassik

Annotationen

Fordlândia war ein Projekt des Autoproduzenten Henry Ford im brasilianischen Amazonas Gebiet. Weil Gummi für Autoreifen zu teuer in der Anschaffung war, denn die Briten hatten eine de facto Monopolstellung auf dem Weltmarkt, errichtete er mit Fordlândia eine eigene Kautschukplantage. Es war das Schulbeispiel für die vertikale Integration eines vorgelagerten Prozesses in der Wertschöpfungskette. 1928 wurde mitten im Amazonas eine Kleinstadt nach US-amerikanischem Vorbild gebaut, in der rund 8000 Arbeiter und ihre Familien leben konnten. Kautschuk wurde indes kaum produziert. Die amerikanischen Manager waren unfähig, mit den örtlichen Bedingungen zu wirtschaften. Die Arbeiter waren mit den Lebensbedingungen so unzufrieden, dass sie 1930 einen Aufstand machten, der von der brasilianischen Regierung niedergeschlagen wurde. Das Projekt ging als gescheiterter Modernismus in die Geschichte ein. Ab 1945 wurde synthetisierter Kautschuk für Autoreifen verwendet. Damals wurde Fordlândia von der Konzernleitung fallen gelassen und für $250'000 an Brasilien zurück verkauft. Investiert hatte das Unternehmen 25 Millionen Dollar!
Walt Disney drehte 1944 einen Film über die Plantage: The Amazon Awakens.
Die Musik von Jóhann Jóhannsson thematisiert diese Geschichte verfehlter Ambition und gescheiterter Utopie. Sie klingt mitfühlend, bringt eine gegenüber jenem modernen Projekt geradezu antithetische Bedachtsamkeit auf, arbeitet verwirrenderweise aber mit einem grossen Orchesterapparat – dem auf Filmmusik spezialisierten Prager Philharmonie Orchester und Chor (Filharmonici města Prahy) –, der als musikalisches Ausdrucksmittel selbst etwas wie ein Fordlândia erscheint.
Hier lassen sich vielleicht Parallelen ausmachen zu Fitzcarraldo, dem Film von Werner Herzog, der ebenfalls die Hybris eines Kautschukfabrikanten portraitiert, dessen Traum es ist, inmitten des Amazonas ein Opernhaus zu bauen, in dem der grosse Tenor Enrico Caruso auftreten soll. Auch dieser Film führt das Scheitern moderner, utopischer Pläne an der widerspenstigen vorgefundenen Realität und Natur vor. Auch dieser Film arbeitet dabei nicht mit bescheidenen Mitteln.
Als Zwischenspiele eingelagert sind ausserdem Stücke, welche die Geschichte von John 'Jack' Whiteside Parsons erzählen, einem Raketen-Ingenieur, der auch Okkultist, ein Schüler von Alesiter Crowley war. Als solcher trug er den Namen Frater Jopan 210. Er starb 1952 in seinem Labor als er sich selbst in die Luft sprengte. Die Tracks über Jopan oder Pan (die griechische Hirtengottheit, das Sinnbild der Natur) sind mit dem Streichquartett eingespielt, mit dem Jóhann Jóhannsson üblicherweise arbeitet.
Eine dritte Geschichte, die auf diesem Album in Musik umgesetzt wurde, ist diejenige von Burkhard Heim, der an einer «Theory of Everything» arbeitete und bei einem Labor-Unfall beide Hände verlor, Augen und Gehör.
Wie bei jedem Werk des isländischen Komponisten lassen sich Orchester, Soloinstrumente und Elektronik kaum unterscheiden. Alle instrumentellen Zutaten sind perfekt zu einem runden Klangbild integriert.
Fordlandia gehört in eine Trilogie von Johannssons Werken, die sich mit der Hybris technoutopischer Projekte auseinandersetzt, zusammen mit IBM 1401, A User’s Manual und The Miners’ Hymns. Das Werk und diese Trilogie stellt sich in eine Tradition von (post-)minimalistischen Auseinandersetzungen mit der Moderne, zu der ausserdem The Sinking Of the Titanic von Gavin Bryars aus dem Jahr 1969 sowie die Kompositionen von Arvo Pärt gehören. Es sind Werke, die mit grüblerisch melancholischem Blick auf die moderne Vergangenheit zurück blicken.

Personen und Querverweise


Jóhann Jóhannsson
Jóhann Jóhannsson

Trackliste

1. Fordlandia - 13:43 2. Melodia (i) - 1:56 3. The Rocket Builder (Io Pan!) - 6:25 4. Melodia (ii) - 1:49 5. Fordlandia - Aerial View - 4:33 6. Melodia (iii) - 3:12 7. Chimaerica - 3:23 8. Melodia (iv) - 2:45 9. The Great God Pan Is Dead - 4:56 10. Melodia (Guidelines For A Propulsion Device Based On Heim's Quantum Theory) - 9:04 11. How We Left Fordlandia - 15:25 *Alle Tracks: Jóhann Jóhannsson.