Burial: Tunes 2011 to 2019 | Release-Factsheet

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Release «Tunes 2011 to 2019» von Burial.

Fakten

Veröffentlichungsdaten: 2019 12 06 (Ed.)
Label: Hyperdub HBCD 048 D
Produktion: Burial
Genre: Electronica - Garage - Futuregarage

Annotationen

Tunes 2011 to 2019 von Burial ist eine Compilation mit Tracks von den zahlreichen Single- und EP-Releases des Südlondoner Produzenten aus den 2010er Jahren. Burial hat seit seinen ersten beiden stilprägenden Alben Burial (2006) und Untrue (2007) nur noch sporadisch Musik veröffentlicht. Statt Alben kamen von ihm nur noch EPs und Singles. Das Kleinformat seiner Veröffentlichungen entspricht dem Trend unserer Zeit, in der einzelne Tracks und kurze Formate beliebter und wichtiger geworden sind als Alben. Auch sonst hat diese Musik viel mit dem Sound der 2010er Jahre zu tun.
Burial arbeitet in der Zurückgezogenheit. In den Medien ist er wenig präsent, abgesehen von den blitzschnell verbreiteten Ankündigungen von neuen Tracks. Interviews gab er nur ein paar handverlesene, unter anderem mit dem viel zu früh von uns gegangenen Kulturtheoretiker Mark Fisher (siehe Webseite von The Wire und im Musikzimmer ). Mit dem Wire-Artikel kam auch das ikonische und enigmatische Foto von Georgina Cook (siehe Webseite von Cook). Das Bild zeigt ein schwarz-weisses Spiegelbild des Musikers in einer Wasserlache. Eine mit Herbstlaub besetzte Unpräsenz. Burial ist das Gegenteil der auf Social Media aktiven Popstars. Er ist gewissermassen ein neuer Typ Untergrundmusiker – ein Untergrund-Musiker, der sich unter der Oberfläche sozialer Medien bewegt. Burial spiegelt in seiner Künstlerpersona seine Musik. Beide sind nicht ganz leicht fassbar. Nur wenig Menschen sollen 2007 überhaupt gewusst haben, dass der Mensch hinter dem Künstlernamen neben dem, was er sonst tut, auch Musik macht. Dieser Mensch outete sich ein Jahr später als William Bevan und stellte in der Folge weniger als eine handvoll Fotos online, vermutlich um die seltsamen Mutmassungen über seine Identität ein Ende zu bereiten. Es kursierten hilflose Vermutungen, wonach Burial eine Frau sei, ein Moniker von Four Tet oder gar Aphex Twin.
Über Burials Musik wurde seit seinem ersten Album viel geschrieben. Sie wird als hauntologisch und hypnagogisch charakterisiert, d.h. sie kommt aus dem Zustand zwischen Schlafen und Wachsein bzw. aus einem Zwischenreich, in dem die Vergangenheit respektive die Erinnerung an sie scheinbar gegenwärtig ist. Offenbar war Burial als Teenager von Jungle und UK-Garage obsessiv fasziniert. Er wurde angeregt durch seinen älteren Bruder, der diese Parties erlebte und zu Hause davon erzählte. Burial sammelte diese Musik und stellte mit seinen Platten Mixtapes her. Dann fing er an, eigene Tracks zu produzieren, in denen man seine Obsession für Jungle und vor allem UK-Garage hörte. UK-Garage war der letzte Stil in einer Reihe von stilistischen Entwicklungen der Untergrund-Clubmusik in London während der 90er Jahren. Verschiedene Breakbeat-Stile lösten einander ab aber bildeten ein Hardcore Kontinuum (der Begriff stammt von Simon Reynolds). Da es Mitte der 00er Jahre, als Burial begann, eigene Tracks zu produzieren, bereits etwas ruhig um das Hardcore Kontinuum geworden ist, klangen Burials Tracks nostalgisch. Aber sie klangen nicht einfach altmodisch, sondern alt und neu zugleich. Sie wurde schnell mit der Genrebezeichnung Futuregarage belegt. Hauntologisch war und ist Burials Musik, weil in ihr UK-Garage herumgeistert, hypnagogisch weil seine Tracks wie der Wachtraum einer nur über den Bruder vermittelten Erfahrung klingen – na ja, eigentlich verkörpern Burials Tracks den Mangel einer ursprünglichen Club- und Szene-Erfahrung!
Compilation – warum?
Als Online-Hörer/-in weiss man zunächst nicht so recht, was dieser Release überhaupt soll: Wurde er für die CD-Käuferinnen und -Käufer herausgegeben? Beim Durchhören wird im Lauf der Zeit klar, dass die Tracks in eine Drama-geladene Reihenfolge gebracht worden sind. Sie bilden eine perfekte Burial-Playliste. Die ersten Tracks sind weitgehend frei von Rhythmen und Hooks. Man hört zunächst einmal dreissig Minuten lang elektronische Ambientmusik. Stellenweise klingt diese wie die frühmorgendliche Heimfahrt nach einer Party in der U- oder S-Bahn. Die akustische Wahrnehmung mutet an als erreiche sie uns durch Ohren, die vorher von lauter Musik zugedröhnt wurden. Die Realität ist verzerrt, die Eindrücke werden durch Müdigkeit und Drogen gefiltert. Die Klänge, die durch diese akustische Lupe hereinkommen, sind die Hydraulik der Bahn, mit der die Türen geöffnet und geschlossen werden. Sprechen mag um diese Zeit niemand ausser die automatische Stimme der Stations-Ansage. Alle Heimkehrer/-innen hängen halb liegend in den Sitzen, die Kapuzen ihrer Hoodies knapp über die Augen geschlagen. Paare aneinander angelehnt. In ihrem Halbschlaf mischen sich die Eindrücke aus der Fahrkabine mit eigenen Traumbildern, den Echos einer Clubnacht.
Wenn dann die ersten Hooks und Melodien kommen, stellt sich schnell Euphorie ein. Mit Come Down To Us knallt früh einer der besten Musikstücke des Jahrzehnts ins Gehör. Hier nimmt die Klangreise einen sakrale Wendung. Ich kenne keine emotionalere Musik, die sich in ihren grössten Momenten zum Weinen und zum Freuen eignet. Sie ist wie der Blick in den Sternenhimmel auf dem Land, wo man die Sterne hell leuchten sieht. Angesichts des Himmels fühlt man sich unendlich klein und erhaben zugleich. Burials Tracks liefen im Dezember 2019 bei mir «heavy rotation». Die Tracks klingen wie die introvertiert-psychedelische Version der R&B-Musik von The Weeknd, einem anderen prägenden Musiker der vergangenen Dekade. Burial verblieb aber kompromisslos der Untergrund-Musiker, der er von Anfang an war, während The Weeknd die Charts eroberte.

Personen und Querverweise


Burial
Burial

Trackliste

CD 1 1. State Forest - 8:03 2. Beachfires - 9:54 3. Subtemple - 7:23 4. Young Death - 5:49 5. Nightmarket - 7:25 6. Hiders - 4:42 7. Come Down to Us - 13:06 8. Claustro - 5:41 9. Rival Dealer - 10:45 ^CD 2 1. Kindred - 11:26 2. Loner - 7:28 3. Ashtray Wasp - 11:44 4. Rough Sleeper - 13:47 5. Truant - 11:45 6. Street Halo - 6:44 7. Stolen Dog - 6:20 8. NYC - 7:37 *Alle Tracks: William Bevan.