Musikzimmer Blog Post: Universal vs. TikTok – ein historischer Vergleich

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Universal vs. TikTok – ein historischer Vergleich

Wir wissen (noch) nicht, wie historisch der gegenwärtige Streit zwischen Universal Music und TikTok ist. Man kann nur mutmassen, wie der Konflikt ausgeht. Als Musikhistoriker schaue ich in die Vergangenheit, um Vergleiche herbeizuziehen, die die den Streit etwas erhellen.

Als Radio in den 1920er Jahren aufkam ging es wenige Jahre, bis die Plattenlabels und die grossen Radiobetreiber mergten. RCA mergte 1925 mit dem Victor-Label und wurde zur «National Broadcasting Company» (NBC) – einem giagtischen Medienkonzern mit Standbeinen in der Produktion (Label) von Inhalten und in der Verwertung der Inhalte bei den Konsument*innen (Radio und Platten). Zwei Jahre später, 1927, wurde CBS gegründet, ein zweiter nahezu so gigantischer Konzern. Das Mergen von Radio und Musikindustrie war ein cleverer Zug, um Konflikte über den Gebrauch von Musik zu vermeiden. Im gleichen Handumdrehen wurde der Unterhaltungsmarkt der USA weiter nationalisiert. Musik, die in New York geschrieben und an der Ostküste aufgenommen wurde, konnte man dan den Netzwerk-Radiostationen von NBC und CBS im ganzen Land hören. natürlich wirkte sich das auf das Wachstum der Branche aus (wenigstens bis dann die Weltwirtschaftskrise kam).
Ein weiterer epischer Konflikt tauchte in den 1940er Jahren mit einem Player auf, der nicht im Boot war: die Verwertungsorganisation ASCAP. Die ASCAP boykottierte die Radiostationen, weil sie ihrer Ansicht nach zu wenig Geld erhalten hat. Auch sie heuchelte, es gehe um den Verdienst der Künstlerinnen und Künster. Darauf gründeten die Radios kurzerhand die BMI, eine Radio-freundliche Verwertungsgesellschaft. Die Wirkung dieser neuen Konkurrenz verhalf der Country & Western sowie der Rhythm & Blues Musik zum Durchbruch auf nationaler Ebene. Ohne diesen Konflikt zwischen ASCAP und den Radios wäre Rock 'n' Roll möglicherweise nie entstanden!
Vermutlich werden sich Universal und TikTok einigen. Aber auch dann wird der Konflikt an anderer Stelle wieder aufbrechen. Es geht um die Macht in der Unterhaltungsindustrie: Wie viel Geld sollen die Rechtehalter oder Rechteverwerter erhalten? Wenn mit einem Musikstück 1000.– Franken verdient wird, wer wird wie viel davon erhalten? Dieser Konflikt ist nicht aus der Welt zu bringen, solange die Player nicht fusionieren.
Die Malaise der Rechtehalter besteht aber darin, dass sie entstanden sind, nachdem sich die Msuiklabels nach dem Napsterschock vom Markt zurückgezogen haben und zu diesen reinen Rechteverwaltern wurden. Zuerst hat der Apple Music Store, dann Spotify die Musik für sie abgesetzt. heute ist es TikTok und morgen sind es AI-getriebene Plattformen, auf denen man das bestehende Musikarchiv endlos remixen kann. (Und sonst noch so Dinge, die wir uns noch gar nicht ausdenken können.)
Die Industriestruktur im Musikbusiness bildet die Gesellschaft ab. Universal Music, Sony Music und Warner Music Group besitzen und verwerten Rechte. Die Firmen bestehen hauptsächlich aus Jurist*innen, die Urheberrechte von Katalogen verwalten. Wie man diese Katalog an die Konsument*innen bringt, davon wollen sie nichts wissen. Das ist wie die Autoindustrie, die nur noch Patente hält und die Chinesen und andere Billiglohnländer die Drecksarbeit machen lassen. Die Leute haben ihren Job verloren und Bruce Springsteen singt über diese neoliberale Malaise. Doch jedes Mal, wenn er singt «I got a job working construction For the Johnstown Company / But lately there ain't been much work / On account of the economy» verdienen die Jurist*innen bei Universal Geld. Dabei kümmern sie sich weder um Springsteen noch um die Fans. Sie verdienen lediglich möglichst viel Geld. Früher war eine Industrie eine Industrie mit Management und Arbeitern. Heute besteht eine Industrie vor allem aus Jurist*innen.
Kurz: Ich denke, dass der Streit zwischen Universal und TikTok nachhaltig gelöst werden könnte, wenn die Unterhaltungskonzerne mit den Plattformen fusionieren würden – genau wie damals bei der Einführung des Radios. Es kann aber aus strukturellen oder finanziellen Gründen sein, dass das nicht passiert. Dann könnte das andere historische Modell (ASCAP vs. Radiostationen) angewandt werden: Dann lassen die Plattformen die grossen Konzerne links liegen, gründen einen neuen Plattform-freundlichen Musikverlag, der Künstler wieder ernster nimmt, so dass viele junge Acts eine Chance erhalten, die jetzt keinen Vertrag mit Universal und den anderen Rechtehaltern erhalten. Dann könnte etwas Neues entstehen.
Vielleicht wiederholt sich aber Geschichte aber gar nicht und es gibt einen dritten Weg. Die schlechteste Option für alle ist, den Konflikt über mehrere Jahre in wechselnden Konstellationen neu aufzurollen. Heute Universal und TikTok, morgen Sony und Spotify, übermorgen Warner und die neueste AI-Plattform, die jetzt noch gar nicht auf dem Markt ist.

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