Musikzimmer Blog Post: Hans Ulrich Gumbrecht: Wo liegen die Gründe für die Phobie vor dem Begriff «Nation»?

Willkommen im Musikzimmer! Dies sind die empfohlenen Inhalte, Neuerscheinungen und Veranstaltungsankündigungen.

Hans Ulrich Gumbrecht: Wo liegen die Gründe für die Phobie vor dem Begriff «Nation»?

«Nation» ist ein geschichtlich belasteter Begriff. Viele rümpfen die Nase, wenn von «national» oder «Nation» die Rede ist. Hans Ulrich Gumbrecht bringt das schön auf den Punkt: «Mit Fremden-, Fortschritts- oder Demokratiefeindlichkeit verbinden wir seine Bedeutung und mit einem Geist der Enge, der ebenso auf Grenzen wie auf ererbte Privilegien besteht.» Der Autor betreibt hier etwas Begriffsgeschichte und stellt heraus, dass Aufklärung und Romantik den Begriff erst aufgeladen haben: Die Aufklärung sah in jedem lokalen Fortschritt ein Fortschritt der Menschheit (nämlich der universellen Vernunft) und diese Idee lebt im Marxismus bis heute fort. Die Romantik suchte eine kollektive Identität in der Vergangenheit, um sie in der Gegenwart durch Identifikation nutzbar zu machen. Es gibt seither eine tendentiell rechtspolitische Position, die auf den Philosoph Johann Gottlieb Fichte zurückgeführt werden kann und die «Nation» mit «Volk» gleichsetzte. Auf der anderen linken Seite gibt es die Position, die den Fortschritt und die Menschheitserfüllung im ewigen Frieden und der Verbrüderung der Nationen sieht. Die initialen Akteure beider Weltkriege im 20. Jahrhundert beriefen sich auf den mit Bedeutung, Pflicht (Mission) und Glorie aufgeladenen und überhöhten Nationenbegriff rechter Prägung, während der Volkerbund und die Uno als Gegengift institutionalisiert wurden, mit dem Zweck den Nationalismus «aufzuheben oder mindestens zu neutralisieren». Auch als Francis Fukuyama nach dem Fall der Mauer und dem Bankrott des real existierenden Sozialismus das Ende der Geschichte prognostizierte, reflektierte diese Idee die Fortschrittshaltung, das Ende nationaler Konfrontationen und den Sieg der universellen Menschlichkeit.
Doch dann kam es anders als gedacht und erhofft ... Die «fortschreitende Durchlässigkeit territorialer Grenzen [hat] uns wieder anfälliger für militärische Expansionsbewegungen gemacht», so Gumbrecht. Zugleich halten «abgeschlossene Räume und Gemeinschaften die Chance von Intensitätserfahrungen bereit»: Konzerte und Sportveranstaltungen. Zufällig nebeneinander stehende Individuen werden hier zu kollektiven, sich ohne jede Koordinationsmassnahme gemeinsam bewegenden Körpern. Gilles Deleuze habe auf diese Weise Identität definiert. Es können an solchen Veranstaltungen «Charismatische Momente» entstehen. Bei Sportveranstaltungen wie der Fussball-WM 2006 kommt es zu begrenzten Phasen rückkehrender National-Euphorie. Bei Konzerten ebenso. Gumbricht nennt das Woodstock-Festival als Beispiel. Dort entstand, was man «Woodstock nation» genannt hat. (CS: Achtung: die «Woodstock nation» war eine eher ideelle Gegen-Gemeinschaft war. Der Eurovision Song Contest wäre möglicherweise ein besseres Beispiel. Die Hippies von Woodstock waren Vertreterinnen und Vertreter universeller Brüderlichkeit und nicht der herrschenden amerikanischen Werte, die es erlaubten in Vietnam einen Krieg im Namen der Freiheit zu führen. Das Woodstock-Beispiel dient hier nur für die spontane Vergemeinschaftung und Verbrüderung von Menschen im relativ geschlossenem Raum. Die Identifikation mit der nationalen Zuschreibung «Amerikaner» macht im Beispiel von Woodstock keinen Sinn, aber im Sport schon. Nationalmannschaften sind Stellvertreter einer wie immer verstandenen Nationalität. Die «Woodstock nation» vertrat eine Ideologie mit transnationaler Wirkung. Habe ich möglicherweise Vorurteile gegen den Sport?)
Gumbrichts Urteil lautet: Der Begriff der Nation habe sich «in Ländern bewährt, die ihn an strikt gesetzlich aufgefasste Zufallsvoraussetzungen binden. Unter dieser Prämisse bleibt er nüchtern genug, um von den sonst begründeten Vorbehalten ausgenommen zu werden». Nationalität fällt einem Individuum durch den Ort der Geburt oder durch die Staatsangehörigkeit der Eltern zu. Es ist keine Wahl, sondern ein Schicksal und zuweilen eine Zumutung (CS: die 68er Generation in Deutschland, die sich für die Geschichte ihrer Nation geschämt haben). «In der Legalisierung des Zusammenhangs von individuellem Zufall und Nationalität jedoch liegt eine selten erwähnte Leistung der frühen Neuzeit», befindet Gumbricht. Das heisst also: Je weniger Geschichte, Volk und Glorie man in die Nation hineinliest, desto besser. Ein legaler Status sollte auch die legale Möglichkeit der Veränderung enthalten. (CS: Das wäre auch ein Hinweis auf die drängenden Genderfragen der Gegenwart. Gender sollte – im Gegensatz zum nach Geburt verliehenen biologischen Geschlecht als erste Zuschreibung – legal veränderbar sein, dann wäre Entscheidendes gewonnen. Es braucht hier allerdings noch einen Kategorien-Apparat, der mutmasslich schwieriger zu definieren ist als Nationalität. Gumbrecht: «Solange es bei einem rein gesetzlichen und mithin auch gesetzlich auflösbaren Zusammenhang ohne kollektive Identitätszuschreibungen bleibt, sichert uns Nationalität die Vorteile der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und hält Gewaltbedrohungen auf Abstand.»

Link zum Inhalt: [M]