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Eva Illouz: Der 8. Oktober: Über die Ursprünge des neuen Antisemitismus
«Am 7. Oktober 2023 verübte die radikalislamische Terrormiliz Hamas verheerende Anschläge in Israel. Doch am nächsten Tag dominierte nicht Mitgefühl für die Angegriffenen die öffentliche Meinung. Vielmehr wurden die Attacken in progressiven Kreisen von Berlin über Paris bis New York als Akt des Widerstands legitimiert, ja teilweise sogar bejubelt. Woher kommt dieser Hass, der sich selbst für moralisch überlegen hält? Die Ereignisse vom 7., aber auch die vom 8. Oktober haben Eva Illouz tief erschüttert. In ihrer kämpferischen Intervention zeichnet sie nach, wie Identitätspolitik und vom französischen Poststrukturalismus inspirierte Theorien zum Nährboden für ein Denken werden konnten, das historische Tatsachen und die ihnen innewohnende Komplexität ausblendet und Israel zum Inbegriff des kolonialistischen Bösen stilisiert.»
Am 8. Oktober lief etwas schief mit dem Mitleid, das linke Parteien üblicherweise für Opfer aufbringen. «Joseph Massad, ein Professor
jordanischer Herkunft an der Universität Columbia, bezeichnete das Massaker als ‹atemberaubend›, ‹innovativ› und ‹eindrucksvoll›. Russell Rickford, Historiker an der Universität Cornell mit dem Forschungsschwerpunkt Black Radical Tradition, äußerte sich ‹begeister› über die Nachricht von dem Massaker. Im britischen Brighton pries eine Demonstrantin bei einer ähnlichen Versammlung die Attentate mit einem Megafon als ‹schön›, ‹inspirierend› und ‹geglückt›.» «Die postkoloniale Bewegung PIR (Parti des Indigènes de la République) feierte das Massaker als heldenhaften Akt des Widerstands.» «In dem US-amerikanischen Podcast Democracy now! sah Judith Butler, Professorin für Rhetorik und
Komparatistik in Berkeley, in den Gräueltaten einen Akt des Widerstands.»
Israel gilt in Kreisen der postmodernen, postkolonialen Theorie als ein Siedlerstaat, ein imperiales und koloniales Unternehmen.
Judenhass, nahm man an, ging vor allem im 20. Jahrhundert von totalitären Regimes aus. Heute stimmt das nicht mehr.
Das postmoderne Denken oder die «Theorie» aus der der neue Antisemitismus hervorging, zeichnet sich laut Illouz durch vier Kriterien aus:
- Pantextualismus: Jacques Derrida: «Il n'y a pas de hors-texte». Die Kritik am Phonozentrismus, mit der die Dekonstruktion angefangen hat, schaffte das (politische) Subjekt ab bzw. wies es als eine Fiktion aus.
- Pouvoirisme (das ist die Nietzsche–Foucault-Linie dieses Denkens, der es um den Willen zur Macht bzw. um die Macht geht. Kombiniert mit dem Pantextualismus wird die Kritik von Texten so zu einer moralischen Praxis. Derrida hielt die Gerechtigkeit für nicht dekonstruierbar. Was das zeichentheoretisch heisst: Jeder Text besteht aus Selektionsleistungen. Alles, was geschrieben und gesagt wird, aktualisiert nur einen Teil der Möglichkeiten. Diese Wahl oder Selekton ist notwendigerweise Machtausübung.
- Superkritik: Israel wird dem Pinkwashing bezichtigt. Dass Israel tolerant gegenüber einer grossen eigenen LGBTQ-Community ist, täusche darüber hinweg, dass Israel ein kolonialistischer Staat sei.
- die umherwandernde Struktur: die Strukturen des Strukturalismus sind im Poststrukturalismus zu einem akteurslosen Konzept geworden. Nicht Subjekte und Institutionen schaffen diese Strukturen. Da sie keine empirische Existenz führen (nicht real sind), können sie a) nicht falsifiziert werden, was die Theorie zu einem Dogma macht und b) können sie von einer Disziplin auf eine andere und von einem Kontext auf einen anderen übertragen werden, ohne zu prüfen, ob das stimmt oder nicht.
Der Antizionismus ist eine intellektuell und moralisch respektable Version des Antisemitismus. Er verhilft zu kognitivem und identitärem Trost. Er reduziert die Komplexität der Welt. Die heutige Linke scheint nach dem 8. Oktober kein humanistisches Projekt mehr zu sein, denn den Humanismus hat sie dekonstruiert und abgeschafft.
Den Palästinensern wäre mit einem Wiederaufbau besser geholfen als mit Hass auf Israel. Um einen palästinensischen Staat Wirklichkeit werden zu lassen, müsste daran gearbeitet werden, dass die Juden sich nicht mehr für die Existenz Israels rechtfertigen müssen. Dafür müssen weiterhin Brücken im Namen umfassender Brüderlichkeit gebaut werden.
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