Musikzimmer Blog Post: Tonartwechsel

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Tonartwechsel

Wechselt ein Song im Verlauf seine Tonart, z.B. von C-Dur nach D-Dur (eine Ganzton-Modulation), dann hat er tonal eine neue Menge von zulässigen Tönen (durch den Tonartwechsel verändern sich eins bis sechs Töne, durch eine Ganzton-Modulation zwei Töne). Harmonisch hat er eine neue Tonika. Das Stichwort «Tonartwechsel» wird für Songs verwendet, die einen solchen Tonartwechsel enthalten.
Tonartwechsel können in der Populären Musik und im Jazz zwischen verschiedenen Formteilen auftreten oder innerhalb eines Formteils. In beiden Fällen können die Ausgangs- und die Zieltonart a) unvermittelt aufeinander folgen oder b) musikalisch mit einer Überleitung gestaltet sein.
Verwandte Begriffe und Bedeutungsdimensionen
Felix Rogge unterscheidet «Rückung» und «Modulation (1)» als zwei Arten des Tonartwechsels im Pop, wobei die Rückung einen unmittelbaren und die «Modulation (1)» einen musikalisch gestalteten Übergang darstellt. Den Unterschied erklärt er auch mit Metaphern aus dem Abmischprozess: die Rückung ist wie ein Schnitt und die «Modulation (1)» wie ein Crossfade. Verwirrenderweise gibt es auch andere Bedeutungen von «Modulation», was wiederum einen Einfluss auf den Bedeutungsumfang von «Tonartwechsel» hat. So unterscheidet Charles Cornell zwischen Tonartwechsel («key change») und «Modulation (2)». Ersteres sei permanent, letzteres temporär. Und dann noch ein wenig anders: «Modulation (2)» sei ein harmonischer Prozess von der Ausgangs- zur Zieltonart und «Tonartwechsel» sei das Produkt dieser Modulation. In diesem Verständnis gehören die Begriffe Tonartwechsel und «Modulation (2)» untrennbar zusammen wie die zwei Seiten einer Münze. Ein weiterer Begriff «Modulation (3)» ist umfassender als der Begriff des «Tonartwechsels» (siehe englischsprachiger Wikipedia-Artikel Modulation (music). Unter «Modulation (3)» fallen alle Arten wechselnder Tonalität: Tonleitern und Modi, kurzfristige und bleibende Änderungen. Eine offene Frage lautet, ob unter «Tonartwechsel» auch der Wechsel zwischen Paralleltonarten fallen (also z.B. zwischen E-Dur und C#-Moll oder zwischen G-Moll und D dorisch). Man kann den Moduswechsel bei gleichem Grundton vom Moduswechsel zu Paralleltonarten und -modi unterscheiden: Can't Buy Me Love von den Beatles hat Verses in C-Mixolydisch und Chorusse in C-Dur. Die beiden Tonleitern haben dieselben Grundtöne, teilen einige Akkorde und unterscheiden sich nur geringfügig durch einen Ton, das B-Flat bzw. das durch einen Halbton verringerte B. Den subtilen Unterschied hört man eigentlich nur, wenn man die Ohren darauf trainiert. Der Song Paranoid Android von Radiohead hingegen wechselt zwischen parallelen Modi: C mixolydisch, D-Moll und G dorisch.
Eher zur «Modulation (3)» als zum «Tonartwechsel» gehören hingegen geborgte Akkorde, die im Rahmen einer Harmoniefolge aus der Tonart ausscheren. Das wird aber nicht als Tonartwechsel, sondern als modal mixture bezeichnet (deutsch als «modale Mischung», «geborgte Akkorde», englisch als «borrowed chord», «mode mixture», «substituted chord», «modal interchange», «mutation» oder «color chords»).
Funktion eines Tonartwechsels
Viele Popsongs weisen keine Tonartwechsel auf. Warum gibt es solche, die dieses harmonische Stilmittel verwenden? Hier sind vor allem zwei Gründe zu nennen: Kontrastierung und Steigerung. Eine Bridge in einer anderen Tonart als Vers und Chorus kann den Kontrast, der zwischen ihr und dem Rest des Songs ohnehin besteht (Lyrics und Musik), noch stärker hervorheben. Ein Beispiel ist From Me To You von den Beatles in C-Dur, das aber eine Bridge in F-Dur aufweist (0:35 bis 0:50). In Powerballaden kann die Hebung der Tonart des letzten Chorus im Song zur Schaffung eines erhabenen Höhepunktes beitragen, z.B. bei My Heart Will Go On (nach 3:20).
Tonartwechsel und Songstruktur
Beim Song von Céline Dion hört man, wie das Flötenmotiv vor dem letzten Chorus den Tonartwechsel vorbereitet. Damit ist der Tonartwechsel keine unmittelbare Rückung, auch wenn der Eindruck durch distinkte Formteile dies suggeriert. Gerückt ist hingegen Beyoncés Love On Top, das nach 3 Minuten zuerst den Chorus hebt und dann bei jedem Auftreten der Titelzeile die Tonart unvermittelt um einen Halbton aufwärts schiebt. Man muss sich darvor hüten, die Rückung gegenüber der Modulation als mindere Qualität der musikalischen Gestaltung wahrzunehmen. Beide Modi des Tonartwechsels – Modulation und Rückung – sind Stilmittel, die, wenn sie recht eingesetzt werden, einen Song interessant machen und ihn musikalisch gelingen lassen.
Arten des Tonartwechsels
Felix Rogge unterscheidet vier Arten von Tonartwechseln je nach der Distanz von Ausgangs- und Zieltonart im Quintenzirkel:
– Quintverwandte Tonarten: Verschiebung der Tonart entlang des Quintenzirkels um eine Stufe
Ganzton-Modulationen: Verschiebung der Tonart um einen ganzen Ton, d.i. auf dem Quintenzirkel zwei Stufen
– Mediantische Rückungen: Verschiebung der Tonart entlang des Quintenzirkels um drei oder vier Stufen
– Entfernte Tonarten: Verschiebung der Tonart entlang des Quintenzirkels um fünf oder sechs Stufen
Um von einer Tonart in die andere zu gelangen, braucht es mindestens einen «Umdeutungs-» oder Pivot-Akkord, der zu beiden Tonarten gehört und der den Wechsel vollzieht.
Historische Entwicklung
In der Populären Musik scheinen Tonartwechsel in der Zeit zu varieren: Man stellt fest, dass zwischen den 1960er und den 1990er Jahren etwa ein Viertel aller Top-Hits in den Billboard Hot 100 einen Tonartwechsel enthielten. In den 2010er Jahren hingegen wies nur ein einziger solcher Hit einen Tonartwechsel auf. Diese zeitlich relative Armut an harmonischer Modulation wird von vielen Kritiker*innen (z.B. Rock Appreciation Channels wie der von Rick Beato) zum Anlass genommen, die Gegenwartsmusik insgesamt als schlechter und ärmer zu bezeichnen.
Querverweise
Ganzton-Modulation
modal mixture
Quellen
– Faster Capital: Modulation Uebergang zwischen Tonarten mit Intervallschemata (4. April 2024)

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