Musikzimmer Blog Post: Populäre Künste

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Populäre Künste

Populäre Künste sind Ausdrucksformen, die an ein nicht elitäres, urbanes Publikum gerichtet sind. Populäre Künste unterhalten primär, aber nicht ausschliesslich die Mittel- und Unterschicht. Örtlich sind Populäre Künste mit Städten und ihren Vororten und Aglomerationen verbunden. Entstanden sind sie vermutlich mit und nach der Industrialisierung unter den Bedingungen von sozialer Mobilität (sozialer Aufstieg, Migration), medialer Ausdifferenzierung der Gesellschaft (vor allem der Entstehung von Ton- und Bildaufzeichnungsmedien) und bürgerlichen Freiheiten (Öffentlichkeit, unternehmerische Freiheit von Verlagen, Konsum- und Rezeptionsfieheiten).
Viele relevante Funktionen der Schönen Kunst («fine arts») spielen bei der Populären Kunst keine Rolle. Vor allem muss sie nicht repräsentieren – weder Land, Region, Regierung noch herrschende Klasse. Sie verlangt nicht notwendigerweise die selbe Professionalität bei den Ausübenden, wenn gleich diese unter Konkurrenzdruck erheblich steigen kann.
Charakteristisch für Populäre Künste sind ausgeprägte Modetrends in der stilistischen Ausgestaltung. Ihre Formensprache bedient sich an Versatzstücken aus den anderen Kunstgattungen (Folklore und Schöne Künste), an alten Stilen (Revivals), fremden Kulturen. Sie verwenden neuen Medien und Materialien, sobald diese genug günstig verfügbar sind.
Populäre Künste sinf oft wenig kontrovers (das macht ihre Popularität aus), andererseits sind sie oft schneller als die Schönen Künste fähig, kontroverse Themen über den Weg der Sensation aufzunehmen.
Kommerzialität ist essentiell: Produkte und Inhalte der Populären Künste werden stets kommerziell verwertet und zielen in der Regel auf ein möglichst grosses Publikum. Mit zunehmender Ausdifferenzierung des Marktes entstehen aber auch Nischenmärkte.
Wie jeder der drei Kunstgattungen kommen den Populären Künsten auch soziale Funktionen zu, z.B. die Konstitution von persönlicher und kollektiver Identität.
Medialität der Populären Künste
Die drei Kunstgattungen, die Folklore, das Populäre und die schöne Kunst, lassen sich nicht eindeutig bestimmten Medien zuordnen. Aber umgekehrt diente eine bestimmte Medialität immer wieder dazu, Kunstwerke gattungsmässig einzuteilen: Nachdem Märchen, Sagen, Legenden, Balladen aufgeschrieben wurden, nahm man sie nicht länger als als Folklore, sondern als Literatur wahr. Oder wenn Schallplatten der Populären Musik ins Museum gestellt werden, wertet es sie auf. Auch die Musik gilt dann nicht mehr nur als Unterhaltung. Seit dem Aufkommen der Fotografie als Massenmedium (1880er Jahre), der Tonträger (USA, 1890er Jahre) und des kommerziellen Radios (USA, 1920er Jahren) gilt als populär, was vorwiegend in den modernen massenmedialen Kanälen verbreitet wird und der Unterhaltung dient. Vor diesem massenmedialen Einschnitt galt tendenziell das, was oral weitergetragen wurde als folkloristisch und was niedergeschrieben wurde als schöne Kunst.
In der Musik wurden einige Operetten, z.B. Carmen oder die Die Lustige Wittwe in den klassischen bürgerlichen Kanon aufgenommen. Man könnte in diesen Fällen von «Gattungs-Crossover» sprechen. Der Begriff «Gattungs-Crossover» würde dann als Sammelbegriff alle sechs möglichen Arten von gattungsmässigen Übersprüngen bezeichnen.
Inventarisierung
Die Britannica nennt Tanz, Literatur, Musik, Theater und lässt andere Formen zu, ohne sie zu nennen. Hier sind Ergänzung denkbar. Film (Blockbuster, B-Movies, aber vermutlich nicht Studiofilme), Body Art (Tattoos, Piercings, Frisuren), Kleidung, Gebrauchsdesign, Comix, Kleinkunst, Cabaret, Zirkuskünste, Burlesque, Standup Komik, Innenarchitektur z.B. von Clubs, Grafik, Computergrafik, Animationsfilme, Video, ...
Das Zielpublikum der Populären Künste wird bestimmt als die «gewöhnlichen Leute», die aber gebildet sind und in einer technologisch fortgeschrittenen Welt leben. Medien- und Reproduktionstechnologien gelten als eine Voraussetzung für Populäre Künste: Radio, TV, Personal Computer, Mobilgeräte, Kopiergeräte, Tonbandgeräte, Datenträger, Fotoapparate, Videokameras usw.
Systematisierung
Wenn man die Populären Künste systematisieren wollte, dann könnte man von ihrem Aufführungsort ausgehen und käme so auf folgende Einteilung:
1. Künste, die im Freien aufgeführt werden: Akrobatik, Strassenmusik, Strassentheater
2. Künste, die in mobilen Einrichtungen wie Zelten oder Wagen aufgeführt werden: Zirkus, Medicine Show, Minstrel Show, ...
3. Künste, die in ortsgebundenen Institutionen wie Theatern, Hallen, Clubs oder Stadien aufgeführt werden: Vaudeville Shows, musikalische Konzerte, Tanzveranstaltungen, Sportveranstaltungen, ...
4. Künste, die in bestimmten medialen Settings produziert werden: Bücher, Tonaufzeichnungen, Filme, Radio- und TV-Programme
Denkbar sind selbstverständlich auch andere Systematisierungskriterien.
Historisierung des Populären
Hans-Otto Hügel historisiert die Populären Künste mit verschiedenen Phasen/Epochen (die Liste aus dem Handbuch Populäre Kultur ist mit eigenen Stichworten ergänzt):
1) 1850–1870: Leitmedium: Familienblatt: Verbürgerlichung der Unterhaltung
2) 1870–1890: Leitmedien: Familienblatt und Kolportageroman, Differenzierung von privater Unterhaltung und öffentlichem ästhetischen Genuss – in dieser Phase entsteht erst die Abwertung des Populären und die Übersteigerung der bürgerlichen Hochkultur.
3) 1890–1920: Entstehung von Unterhaltungsinstitutionen (Panoptika, Vergnügungsparks, Kinos, Vaudevilletheater mit Revues), Unterhaltung wird personalisiert, ideologisiert und heroisiert, Leitmedien: Unterhaltungsblätter, Groschenheft, Stummfilm, Schallplatte, Zirkus, Revues.
4) 1920–1955: Leitmedien: Film, Radio, Schallplatte, Illustrierte
5) 1955–1970: Leitmedien: Fernsehen, Schallplatte, Film.
6) 1970–2000: neue Rezeptionsformen wie das Zapping, Medien dringen in den Alltag ein: Begleithören und sehen, zunehmende Spezialisierung (MTV, CNN). Übertragung von Events (Sport, Kunst).
Gegen diesen relativ späten Anfang des Populären spricht, dass bereits im 18. Jahrhundert in Frankreich die Opéra-comique, in Deutschland das Singsspiel und aus diesem später die Spieloper und in England die Ballad Opera entsteht. Letztere bringt bereits 1728 die berühmte «Beggars opera» von John Gay hervor. Solche populären Formen der Oper verzichten alle auf das Rezitiv und ersetzen es durch Erzählungen.
Ausbildung
In Berlin gibt es die Berlin School of Popular Arts (SoPA), die sich das Populäre auf die Flagge schreibt. Studiengänge, die dort angeboten werden, sind

  • Film und Motiondesign
  • Fotografie
  • Film und Fernsehen
  • Visual and interactive media
  • Audiodesign
  • Musikproduktion
  • Popularmusik

Bemerkung zur Schreibweise
Ich schreibe «Populäre Kunst» und «Schöne Kunst» mit Majuskeln, weil ich die Begriffe als zusammengesetzte Nomen und nicht als Nomen mit Adjektiv verstehe.
Querverweise
Das Populäre
Populäre Literatur
Popliteratur
Genres der Populären Literatur
Populäre Figuren
Populäre Musik
Popmusik
Populärkultur
Links
– Encyclopedia Britannica: Popular Art

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