Musikzimmer Blog Post: physikalische Eigenschaften der Musik

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physikalische Eigenschaften der Musik

Das Buch Every Song Ever des ehemaligen New-York-Times-Musikjournalisten Ben Ratliff nimmt eine Art Klassifikation von Musik entlang von physikalischen Eigenschaften vor. Ratliff bespricht Kompositionen, Stücke und Interpretationen, die Repetitiv, langsam, schnell, still, insistent usw. sind und dekliniert zwanzig solche Eigenschaften durch. Manchmal sind sie nach dem Extrem einer Skala benannt: «laut» und «leise», manchmal nach der Skala selbst: «Dichte» («Density») mit den Extremen, die Ratliff als «Granit; und «Nebel» bezeichnet.
Physikalität ist für Ratliff so wichtig, weil er sich als Formalist positioniert und die Physikalität im Anschluss an den Musikwissenschaftler und kritiker Eduard Hanslick dazu braucht, um erklären zu können, warum die Tonsprache, die ein reines Ausdruckssystem ist und nicht wie die menschliche Sprache über eine semantische Bedeutungsdimension verfügt, dennoch Gefühle transportieren kann. Hanslick sagte: Musik sei keine Sprache der Gefühle, aber sie könne die Bewegung der Gefühle nachahmen. Das tut sie mit ihren physikalischen EIgenschaften. Musik kann gewaltig sein. Aber erhabene Machtgefühle sind nur in menschlichen Herzen zu finden, nicht in der Musik. Die Musik muss Erhabenheit mit ihren Mitteln ausdrücken. Musik kann zärtlich sein, aber Zärtlichkeit und Liebe gibt es nur in der Gefühlswelt der Menschen, nicht in der Musik. Musik muss Zärtlichkeit mit ihren physikalischen mitteln ausdrücken.
In einer Vorlesung zu Abba hat Christian Schorno die Physikalität der Musik als die Basis von intermedialen Transformationen oder Übersetzungen bestimmt. Eine Musik kann getanzt oder filmisch dargestellt werden, weil physikalische Eigenschaften aus dem musikalischen Codierungssytem in ein anderes, zum Beispiel visuelles, Codierungssystem übersetzt werden. Es sind die physikalische Eigenschaften der Musik (jeder Kunst), diese es auch erlauben, Kunst in die menschliche Gefühlswelt zu übersetzen. Gefühle in Kunstwerken wahrzunehmen sei immer eine transmediale Übersetzung.
Inventar der physikalischen Egenschaften von Musik
Wenn man physikalische Eigenschaften von Musik inventarisiert, so (das ist eine Hypothese oder Vermutung) hat man immer mit Dimensionen zu tun, die Skalen mit zwei Extremwerten sind:
– Lautstärke: laut vs. leise
– Dichte («Density»): kompakt vs. lose
– Verteilung: repetitiv vs. aleatorisch
– Reinheit: tonal vs. lärmig
– Effekt («impact»): direkt vs. zurückhaltend
– Geschwindigkeit: langsam vs. schnell
– Vielfalt: einfach vs. komplex
– Deutlichkeit: vage vs. präzis
Eine offene Frage ist, wie viele solcher Dimensionen es gibt.

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