Musikzimmer Blog Post: Musikjahr 1940

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Musikjahr 1940

Was passierte 1940 in der Welt der Populären Musik? In Europa herrschte Krieg und die USA hielt sich vorerst noch aus den Konflikten heraus. Die USA waren das wirtschaftlich mächtigste Land und erlebten seit ca. 1933 einen Wirtschaftsboom, an dem die Kriegsparteien nicht Anteil hatten.
Kino
Am 13. November 1940 hat Walt Disneys Fantasia Premiere, ein Musikfilm, der den Massen Klassische Musik mit fantastischen Animationen näher brachte.
Hitparade
Billboards erste systematisch und landesweit erhobene wöchentliche Verkaufshitparade für Singles wurde im Juli 1940 abgedruckt. Das zweite Halbjahr brachte drei Top Hits hervor, zwei sentimentale Balladen, gesungen von den Jahrhundert-Croonern Bing Crosby und Frank Sinatra, und ein Stück für Swingorchester. Die drei Top Hits waren:

  1. 27. Juli 1940–18. Oktober 1940: Tommy Dorsey And His Orchestra with Frank Sinatra & The Pied Pipers: I'll Never Smile Again
  2. 19. Oktober 1940–20. Dezember 1940: Bing Crosby with John Scott Trotter And His Orchestra: Only Forever
  3. 21. Dezember 1940–14. März 1941: Artie Shaw And His Orchestra: Frenesi
Von den drei Majorlabels in den USA, Victor, Columbia und Decca [USA] brachte Victor zwei Titel und Decca einen auf Platz 1. Columbia ging in diesem Jahr leer aus. Alle drei US-Top-Hits hielten die Spitzenposition viele – 12, 9 bzw. 13 – Wochen lang.
Weitere Hits des Jahres waren Tuxedo Junction und Pennsylvania Six-Five Thousand vom Glenn Miller Orchestra.
Radio
Wesentlich für das Verständnis der damaligen Musikwelt ist, dass Radioprogramme in den 1940er Jahren noch nicht auf Musik spezialisiert waren, sondern auf Radio-Shows. Wenn in einer solchen Show ein Musikstück vorkam, dann wurde es live gespielt und gesungen. Dass Radioprogramme Platten spielten, kam erst mit der Einführung des Fernsehens in den 1950er Jahren auf. Die Verbreitung von Musik, das Bekanntwerden von Hits lief damals noch über Radio-Shows, Filme, Musicals und Unterhaltungsshows in Varietées.
Schallplatten
Schallplatten waren noch lange nicht der dominante Faktor der Musikindustrie. Sie waren ein Nebenprodukt. Das Hauptgeschäft war die Lizenzierung von Songs für Radio, Kino, Bühnen. Ein dort erfolgreicher Song wurde in der Regel von allen Labeln lizenziert und interpretiert. So konnte man von I'll Never Smile Again nicht weniger als sieben Versionen kennen: Zuerst die Live-Version von Percy Faith am kanadischen Radio (CBC), dann die Versionen auf Platten von Tommy Dorsey and His Orchestra (die Erstausgabe auf Platte, im Juni 1940 vom Victor-Label veröffentlicht), von der afroamerikanischen Vokalgruppe Ink Spots (im August 1940 vom Decca-Label veröffentlicht), von Ginny Simms (im September 1940 für das Okeh-Label), von Elton Britt (im August 1940 auf dem Bluebird-Label veröffentlicht), von Tony Martin with Orchestra (1940 von Decca veröffentlicht), von Lang Thompson and His Orchestra (im Mai 1940 vom Varsity-Label veröffentlicht (siehe secondhandsongs). Hit-Songs existierten daher in mehreren Varianten. Keine von diesen Varianten wurde als Original empfunden. Original war nur die Komposition als solche, die Sheetmusik, die ein Musikverlag veröffentlichte meist abgefasst für zweihändiges Klavier und Stimme (drei Notenlinien). Wenn ein Orchester einen solchen Song interpretierte, musste er arrangiert werden. Ein Arrangeur oder der Bandleader selbst schrieb die Noten für die verschiedenen Sektionen in seiner Formation, z.B. für die Posaunen, Saxofone, Klarinetten oder Trompeten.
Sängerinnen und Sänger
Sängerinnen und Sänger waren noch nicht sie Stars, die sie in den 1950er Jahren wurden. Die meisten von ihnen sangen in einem Orchester und waren nichts als ein weiterses Register oder «Instrument» dieses Orchesters. Man hört das den meisten Songs an: Das Orchester spielt eingangs mehr als ein Intro. Die erste Minute gehört auf einer solchen Interpretation dem Orchester. Erst dann setzt die Sängerin oder der Sänger ein und trägt den Song als solchen vor. Eine Ausnahme ist just Dorseys «I'll Never Smile Again». Hingegen bestätigen andere Stücke von ihm (z.B. «Indian Summer») diese Regel, genau wie verschiedene Stücke des Glenn Miller Orchestras.
Deutschland
1940 steht Deutschland unter der totalitären Herrschaft der NSDAP. Die deutsche Armee hat 1939 in einem Blitzkrieg in West und Ost weite Teile Europas besetzt. Jazz, insbesondere Tanzen zu Swing, ist verboten. Homosexuelle und jüdische Musiker*innnen werden verfolgt. Entweder sie können das Land verlassen (oft in Richtung USA) oder kommen, vor allem als der Krieg seinem bitteren Ende entgegen ging, in Konzetrationslagern um.
Der Schweizer Teddy Stauffer, der mit seinem Swing-Orchester in Deutschland grossen Erfolg hatte, muss sich 1940 in die Schweiz zurückziehen und wanderte 1941 in die USA aus.
Einige, wie der Berliner Bandleader Kurt Widmann, hielten in den ersten NS-Jahren aus, indem sie verschiedene Tricks anwandten, um nicht zur Zielscheibe der Propaganda und zensur zu werden. Sie gaben Musikern englische Namen oder versahen die jüdischen oder amerikansichen Komponisten mit deutschen Namen. Das Regime entledigte sich ihrer, indem sie die Musiker in den Krieg einzog. Widmann allerdings kehrte wegen Untauglichkeit vorzeitig nach Berlin zurück und spielte Swing während die Stadt von den Allierten zerstört wurde. Auf deutschen Platten kam Swing seit 1938 nicht mehr heraus.
Im Deutschen Rundfunk wurde zwischen 1939 und 1941 «Wunschkonzert für die Wehrmacht» ausgestrahlt, im Jahr 1940 jeweils am Sonntag. Empfangen wurde die Sendung auf Volksempfängern, die so gebaut waren, dass man damit nur konforme Sender empfangen konnte. Die Sendung sammelte Spenden uns spielte Musikwünsche. Sie war so populär, dass 1940 sogar ein Film «Wunschkonzert» in die Kinos kam (siehe Internet Archiv).
Querverweise
monatliche Zeitdiskografien

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