Willkommen im Musikzimmer! Dies sind die empfohlenen Inhalte, Neuerscheinungen und Veranstaltungsankündigungen.
Mainstream Rock Airplay
Am 21. März 1981 führte Billboard unter dem Namen «Rock Albums & Top Tracks» Charts ein, um das Airplay auf AOR-Radiosendern zu erfassen. Rockbands brachten Alben heraus, von denen Radiosender oft 4–5 verschiedene Songs spielten, obwohl die Plattenfirma nur eine einzige physische Single veröffentlichte. Die Billboard Hot 100 bildeten daher die Popularität von Rock-Tracks nicht vollständig ab.
In den ersten drei Jahren kamen diese Charts für beide Formate: Tracks und Alben, was sich im Namen «Rock Albums & Top Tracks» zeigt. Ab 1984 indes kamen diese Charts nur noch als «Top Rock Tracks».
AOR-Radio
Die Struktur einer typischen AOR-Sendestunde (um 1980) wurde mit starren Rotationszyklen bzw. mit «modal programming» bestritten. Sie bestand aus einer orchestrierten Mischung aus Musik aus drei Töpfen:
- Powers / Heavy Rotation / Tracks aus aktuellen Alben: Das waren Tracks ab den aktuellen Alben der grossen Stadionbands der Zeit: Pink Floyd, Led Zeppelin, Tom Petty, REO Speedwagon, Toto oder Foreigner. Diese Songs liefen alle 3 bis 4 Stunden.
- Medium / Light Rotation: Neue Veröffentlichungen oder vielversprechende Newcomer, die getestet wurden.
- Recurrents / Gold: Ältere, bewährte Klassiker der späten 60er und frühen 70er Jahre, also Bands wie Who, Doors oder Jimi Hendrix zur Hörerbindung.
post festum
Es erstaunt, dass Rock-Airplay erst so spät eigene Charts erhielt – historisch zum Zeitpunkt, als Rock zum ersten Mal an Bedeutung verlor (gegenüber Indierock und Newpop) und sogar spät in der Blütezeit des AOR-Formats, die von ca. 1978–1982 dauerte. 1981 war Rock-Musik homogenisiert, sterilisiert und rassistisch geworden. Schwarze Künstler wurden fast vollständig ignoriert. Die an Kreativität interessierte Hörerschaft wandte sich damals von AOR ab. Es dauerte noch einmal sieben Jahre länger, bis Billboard 1988 mit den Modern Rock Tracks reagierte, um Indie-Rock zu erheben. Auch das geschah zu einem Zeitpunkt, als Indie-Acts in den Mainstream durchbrachen.
Man kann also argumentieren, dass Charts oft viel zu spät – post festum – geschaffen werden. Vermutlich zeigt deren Einführung aber auch den Zeitpunkt, zu dem die Musik eine Mainstream-Kommerzialität erreicht. Charts werden vor allem in den Feldern erhoben, wo grosse Werbeeinnahmen existieren. Wenn eine Musik Mainstream-Kommerzialität erreicht, dann kann sie musikalisch nicht mehr «cutting-edge» sein.
Vor den Billboard Charts
Das führende Branchenblatt Radio & Records lieferte relevante Airplay-Daten bevor Billboard seine «Rock Albums & Top Tracks» einführte. Es hatte um 1981 ein Panel von rund 150 bis 170 Radiostationen. Das waren die einflussreichsten Sender in den wichtigsten Ballungsräumen, deren Playlists wöchentlich die nationalen Charts bestimmten. Diese Stationen spielten ein 24/7-Rock-Vollprogramm. 1980 gehörten WRIF (Detroit), KLOL (Houston) oder KMET (Los Angeles) zu den (ge)wichtigen Stationen.
Um 1980/1981 gab es in den USA schätzungsweise zwischen 300 und 400 kommerzielle Radiosender, die primär als AOR (Album-Oriented Rock) formatiert waren. Das AOR-Format war in dieser Ära ein absoluter Riese. Bei den landesweiten Arbitron-Ratings (der damaligen Währung für Einschaltquoten) lag der Marktanteil von AOR-Stationen in den werberelevanten Zielgruppen (besonders Männer zwischen 18 und 34 Jahren) oft bei über 15–20 %. In den Grossstädten des Midwest wie Detroit, Cleveland oder Chicago dominierten AOR-Sender den Radiomarkt.
Reporting Stations für die Mainstream Rock Airplay Charts von Billboard
Billboard nutzte ein Panel von rund 110 bis 120 ausgewählten «reporting stations» (Berichtsstationen), also ein kleiners Panel als das dominierende Branchenblatt «Radio & Records» (R&R). Billboard berücksichtigte hauptsächlich oder ausschliesslich Stationen aus den offiziellen Arbitron-Metropolregionen («metropolitan areas»). Als «major markets» galten New York Los Angeles und Chicago). Die anderen Städte bildeten «secondary» und «tertiary markets». Die geografische Verteilung der Billboard-Reporting-Stations bildete das soziokulturelle Herzland des amerikanischen Rock ab. Hierbei spielte der Mittlere Westen («midwest») die Schlüsselrolle. Staaten wie Ohio, Michigan, Illinois, Wisconsin waren das industrielle Kraftzentrum des Landes und schlitterten gerade zum Rust Belt ab. Hier lebte die klassische weisse Arbeiterschaft – die primäre Zielgruppe für harten, unprätentiösen Gitarrenrock. Der Midwest Sound galt als Chart-Treiber: Sender in Cleveland (WMMS – eine der einflussreichsten Radiostationen der US-Geschichte), Detroit (WRIF, WLLZ) und Chicago (WLUP, WMET) waren das Mass für AOR-Rock. Was bei diesen Stationen die Rotation dominierte, stieg in den Billboard-Charts sofort nach oben. Bands, die diesem profil entsprachen, waren REO Speedwagon, Styx, Bob Seger, Rush oder Journey verdankten ihre Karrieren den Radiostationen des Midwest. Entsprechend enthielt das Panel um die 35-40% Stationen aus dem Midwest. Der Northeast war mit etwa 25% vertreten durch Stationen wie New York (WPLJ, WNEW-FM), Boston (WCOZ, WBCN) oder Philadelphia (WMMR). Hier war das Programm oft einen Tick progressiver oder New-Wave-freundlicher. Der Southwest machte etwa 20% des Panels aus. Das waren Stationen wie KLOL (Houston) oder KZEW (Dallas). Schliessliche die West Coast mit ca. 15 % mit Stationen wie KMET oder KLOS aus Los Angeles.
Namenswechsel der Charts
Diese Charts wurden über die Jahre mehrfach umbenannt: Von «Top Rock Tracks» (1984) über «Album Rock Tracks» (1986) bis hin zu den heutigen «Mainstream Rock Airplay-Charts» (seit 1996).
Querverweise
– Top-Mainstream-Rock-Hit – die Top Hit Songs dieser Hitparade
– AOR-Rock (Genre)
– Joel Whitburn: Joel Whitburn's Rock Tracks: Mainstream Rock 1981-2002 – die Standard-Dokumentation der Mainstream Rock Airplay Charts, greifbar im Internet Archive
Link zum Inhalt: [M]