Musikzimmer Blog Post: Kulturkriege / «clash of civilisations»

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Kulturkriege

Samuel P. Huntington schrieb 1996 ein Buch, das zuerst weitgehend ignoriert im Lauf der Zeit aber stark an sachlicher Relevanz und wissenschaftlichem und journalistischem Einfluss gewonnen hat: «Clash of Civilisations». Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks schwor der Westen sich auf eine konfliktarme Zeit ein, in der der Welthandel blühen und der Kapitalismus gesiegt haben würde. Das zugehörige Buch schrieb Francis Fukuyama The End of History and the Last Man (1992). Fukuyamas Lehrer, Huntington, verfasste vier Jahre später eine Replik, die die Welt nach dem Kalten Krieg grundlegend anders portraitierte als sein Schüler: Anstelle der bisherigen globalen Konflikte, die primär ideologisch und ökonomisch motiviert waren, würden in seiner Interpretation des weltpolitischen Klimas Kulturkriege zwischen Nationen und Blöcken treten, die auf verschiedenen Glaubens- und Überzeugungsfundamenten aufbauen und miteinander unvereinbar sind.
Herkunft des Begriffs
Der Ausdruck/Begriff «clash of civilisations» stammt aus der Sphäre der französischen Kolonialgeschichte, in der die schlechte Vereinbarkeit des islamischen und des westlich-kolonialen Staatswesens schon früh zu Tage trat und auf kulturelle Faktoren zurückgeführt wurde. Basil Mathews verfasste 1926 ein Buch mit dem Titel «Young Islam on Trek: A Study in the Clash of Civilizations», 1931 eines mit dem Titel: The Clash of World Forces. A Study in Nationalism, Bolshevism and Christianity und 1932 The Clash of Color. Albert Camus hat 1946 über den Konflikt mit Algerien geschrieben: «Cela ne sera pas un choc d'empires nous assistons au choc de civilisations».
Huntingtons Kulturkreise
Die Kulturkreise, die Huntington in seinem Buch zeichnete, waren der Westen, die Orthodoxie, der Islam, Buddhisten, Hindus, Adfrikaner, Lateinamerikaner, Japan, China. Diese Kulturen scheinen bei ihm sehr geprägt von Religion. Es stehen aber nicht alle Religionen in einem vergleichbar gewalttätigen Verhältnis zur westlichen Kultur, wie zum Beispiel der radikale Islam. Auch ist Islam nicht immer radikaler Islam. Dann lässt sich kritisieren, dass nicht immer religiöse Überzeugungen die Basis der globalen Konflikte darstellen: Im derzeitigen Russisch-Ukrainischen Krieg geht es u.a. um verschiedene Geschichtsinterpretationen und Machtansprüche.
Die starke religiöse Ausrichtung von Huntingtons Argument ist wie der Begriff am Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam gewachsen: Beide Religionen seien (1) missionarisch, (2) ausschliesslich («all-or-nothing» religions) – nur sie haben Recht und (3) teleologisch (d.h. stark mit Sinn und Zweck des Menschlichen Lebens verbunden.
Huntingtons und die westliche Überheblichkeit
Huntintons Buch war ein Angriff auf die westliche Überheblichkeit, dass sein Wertesystem universell sein soll. Huntington rechnete dem Westen anhand der Kriege im ex-yugoslawischen Raum Naivität vor. Die damaligen «challenger civilizations» waren China und der Islam. Huntington zeichnet in seinem Buch die Vision eines Bündnisses zwischen diesen zwei westlichen Herausforderern («Sino-Islamic connection»).
Argumente für einen Clash
Huntington expliziert sechs Erklärungen und Gründe für den «clash of civilastions», also kommende Kulturkriege: (1) Kulturunterschiede sind fundamental und sind über Jahrhunderte gewachsen. Sie werden nicht einfach aufgegeben. (2) Die Welt wird kleiner. Eine Koexistenz in weitgehender gegenseitiger Ignoranz ist kaum möglich. (3) Globale Modernisierungsprozesse und Migration entwurzeln Menschen von ihrer Herkunftskultur, aber nicht von ihrer Religion. (4) Die Rolle des Westens als führender Kulturkreis fördert den Stolz der anderen Kulturkreise: Es entstünden «return-to-the-roots» Bewegungen. (5) Kulturelle Merkmale und Unterschiede seien weniger veränderlich und daher weniger leicht zu kompromittieren und zu lösen als politische und wirtschaftliche. (6) Es gibt einen Anstieg des wirtschaftlichen Regionalismus. Solche regionalen Erfolge werden die eigene kulturelle Identität befeuern, nicht das Überlaufen zum Westen.
Diese Gründe führten zu Kulturkonflikten zwischen dem Westen und anderen Kulturkreisen: Stuart Hall prägte dafür die Formel: «The West and the Rest».
Nicht-westliche Kulturen können sich zum hegemonialen kulturellen Aspruch der führenden Kultur auf drei prinzipielle Weisen verhalten: (1) sie können sich isolieren, (2) sie können profitieren und als Gegenleistung die hegemonialen Werte übernehmen («band-wagoning») und (3) können sie sich modernisieren und mit anderen zusammenschliessen. Dabei werden sie nach aussen militärische oder ökonomische Macht aufbauen, nach innen aber die eigenen Werte erhalten.
Koexistenz der Kulturen vs. Kulturkriege
Huntington äusserte sich positiv über die Lernfähigkeit des Westens mit anderen Kulturkreisen umzugehen. Wenn man die Geschichte anschaut und sein Argument der missionarischen, ausschliesslichen und teleologischen Religion ernst nimmt, dann kann man mit Recht auch zweifeln. Jedenfals würde der kapitalistische Universalismus einer Koexistenz verschiedener Kulturen Platz machen, meinte Huntington.
Innenpolitische Kulturkriege
Auch Klassenkämpfe, regionale Konflikte werden zunehmend als «clash of cultures» dargestellt. Gut ausgebildete Spitzenverdiener*innen können sich in Deutschland nicht mehr mit einfachen Leuten verständigen, weil ihre Kulturen so verschieden sind (Susanne Gaschke: Die Verachtung des Normalen). In den USA beobachtete die Soziologin Katherine J. Cramer ein «rural consciousness» zur politischen Kraft heranwuchs, die gegen das politische Establishment gerichtet ist (The Politics of Resentment: Rural Consciousness in Wisconsin and the Rise of Scott Walker). Die Gespaltenheit des Landes zwischen Trumpisten und der politischen Elite entfaltet sich sichtbar entlang der alten politischen links-rechts Orientierung, ist aber gerade nicht politisch, sondern kulturell motiviert.
Links
– WIkipedia: Clash of Civilizations – Artikel zum Buch von Samuel P. Huntington

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