Musikzimmer Blog Post: The Velvet Sundown: «Cardboard Sky»

Willkommen im Musikzimmer! Dies sind die empfohlenen Inhalte, Neuerscheinungen und Veranstaltungsankündigungen.

Velvet Sundown: Cardboard Sky

«Cardboard Sky» ist eine Non-Album-Single der virtuellen Band The Velvet Sundown, der neuste Coup von der AI-Front. Die Alben der virtuellen Band sind allerdings auf einem anderen Kanal erschienen als diese digitale Single. Nach weniger als einem Monat ist der Track wieder verschwunden.
Ich höre in der Musik von Velvet Sundown Corporate-Rock aus der Mitte der 1970er Jahre. Es ist beeindruckend, wie gut AI-Generatoren – hier handelte es sich um Suno – mit Musik umzugehen weiss. Nichts an ihr ist neu, die Überraschung ist nicht die Musik, sondern die Maschine, die sie herstellt. Es ist wie «One, Two testing, testing!» Ja, es funktioniert! Suno kann Musik machen, die sich in die Playlisten von Streaming-Plattformen fügt. Sie ist redundant, auf ihre Weise «Retro», nämlich mehr als jedes Sampling kann die Maschine nun Versatzstücke aus dem Archiv neu kombinieren, so dass man es wiedererkennt, aber nur annäheungsweise. Samples lassen sich identifizieren, die Elemente von AI-Musik sind Anklänge, die sich nur erraten lassen.
Struktur
Der Song kommt in einer Verse-Chorus-Bridge-Struktur, was für die Rockmusik, die hier rekreiert wird, stimmt. Allerdings kann man fragen, ob der Pre-Chorus wirklich passt oder ob er eine Rückprojektion gegenwärtig aktueller Songstrukturen aus dem Altpop in die Vergangenheit ist. Am Pre-Chorus fällt nämlich vor allem auf, dass er sich energetisch kaum vom Verse unterscheidet. Die Sequenz Verse–Pre-Chorus–Chorus hat hier kaum die Steigerung, die er in einem Rocksong der 1970er Jahre hat (z.B. bei Because The Night).
Auffällig am Song ist der versetzte frühe Gesangs-Einsatz bei Pre-Chorus und Chorus. Es kommt tatsächlich häufig in der Rockmusik vor, dass der Gesang sich von der Struktur löst. Entstanden dürfte das sein, weil die Rock-Lyrics rhythmisch sehr frei gehalten waren, manchmal zu kurz für die Struktur, manchmal zu lang. Dieses Element des frühen Vokal-Einsatzes finde ich sehr überraschend. Das gibt einen Punkt für die AI. Wenn aber die Zeile, die gesungen wird «We were running past the questions» heisst, so beisst sich das etwas, Gesang der vor-, Text der hinterherläuft. Das sind so unbequeme Details, die einem guten Songwriter eher nicht passieren.
Lyrics
Die Lyrics bestehen aus Klischees, genau wie die Musik. ich denke, für die meisten von uns ist es einfacher AI-generierte Songs an den Lyrics zu erkennen als an der Musik. Alle Stanzen sind semantisch in sich geschlossen. Es gibt nur wenig Kohärenz zwischen den einzelnen Aussagen. Aber es fügt sich ein Gesamteindruck wie bei der Betrachtung eines Mosaiks oder einer Montage. Es geht um wunderbare Tage der Jugend, die man leicht berauscht in der Natur verbracht hat. Diese Tage waren wie ein Traum und sind nun vorüber. Hippie-Klischees a-gogo! Die süsse Erinnerung an die Jugend macht den Song insgesamt melancholisch.
Apropos Erkennen von AI oder nicht – Turing Test for everybody
Rick Beato zeigt in seinem Video zu The Velvet Sundown, dass AI-generierte Musik schlechte Stems macht, wenn man mit einer Software die Instrumente separiert. Ich benutze Virtual-DJ dazu, man kann es auch mit Logic machen. Tatsächlich kommt das Synth-Riff total kaputt aus der Separation heraus. Man glaubt gar nicht, was man hört. Aber im Mix von «Cardboard Sky» klingt es perfekt. Erstaunlich!
Musik
Weitere auffällige musikalischen Merkmale von «Cadboard Sky» sind das Synth-Riff, das sehr an As it was erinnert. Es ist nicht typisch für die Zeit des Corporate-Rocks, eher für die Zeit danach (z.B. Bette Davis Eyes). Das Gitarren-Arpeggio klingt auch zu digital für die evozierte Zeit. Damals hat man analoge Geräte verwendet, z.B. das Echoplex, das wärmer klingt (höre Us and Them). Der Bass spielt funktional, indem er mit immer derselben Figur den Harmonien ein Fundament gibt. In der Rockmusik war der Bass in der Regel interessanter, stellenweise fast polyphon (höre Hotel California oder Rikki Don't Lose That Number).
Warum ist «The Velvet Sundown» ein Thema?
Es geht hier um einen fundamentalen Konflikt innerhalb der Musikindustrie. Spotify zahlt viel Lizenzgebühren an die Labels und ist deshalb interessiert daran, mit künstlich generierter Musik die Kosten zu drücken. Viel Musik, die auf Streaming-Plattformen gehört wird, ist funktional. Die entsprechenden Playlisten werden schon seit geraumer Zeit mit AI-generierten Tracks gespeist, an denen Spotify wesentlich mehr Geld verdient als an der Katalogmusik. Es würde mich nicht wundern, wenn Spotify die Musik von The Velvet Sundown pushen würde, um zu zeigen, dass AI-generierte Musik gut genug ist, um es mit der Katalogmusik aufzunehmen. Vielleicht schafft Spotify sich damit Verhandlungsmacht, vielleicht treibt es die Benutzer:innen aber sanft zu immer mehr KI-generierter Musik. Gegenwärtig ist es den Endbenutzer:innen noch weitgehend egal, was für Musik sie hören, wenn diese Musik in Playlisten vorkommt. An ein Konzert von The Velvet Sundown gehen sie vermutlich eher nicht. Mittelfristig kann es sein, dass die Mehrzahl der Spotify-User fast nur noch generierte Musik hört und damit stillschweigend zufrieden ist.
Was eine Band wie Kansas wohl zu The Velvet Sundown sagt?
Krass kann diese Musik den Musiker:innen einfahren. Die offenischtlichen Referenzen in der Musik werden nicht abgerechnet. Was die KI ausspuckt «gehört» dem Menschen, der die Anfrage gestellt, den Promt geschrieben und optimiert hat. Für die verwendeten Trainingsdaten haben die KI-Plattformen nie etwas zahlen müssen. Im Konflikt (oder im «kalten Krieg») zwischen Streaming-Services und den Labels als Rechteinhaber der Musik spielen Musiker:innen kaum eine Rolle. Das ist schon länger so, liebe Kinder. Musiker:innen speisen das System, es ist wahr, aber bezahlt dafür werden nur die ganz Erfolgreichen und von denen haben die meisten früher Musik gemacht, nicht heute. AI-Firmen haben den Content der Welt gestohlen, remixen diesen nun zu immer neuen Überraschungen und wir kaufen sie.
Die zugehörige Lektion in Kapitalismus: Nimm dir ein Stück Land, das vorher allen gehört hat, verstecke es hinter deiner Paywall und verdiene Geld damit. «AI companies steal artists' work to build their products, then flood the market with knock-offs, meaning less money goes to human musicians.» So schreibt es Zoe Kleinman auf der Seite der BBC.
Die Tech-Companies sind in den USA so gross und mächtig, dass der Staat den Teufel tut, um sie zu Abgaben zu verpflichten. Warum? Die Tech-Branche ist die einzige bedeutende «Industrie», die die USA noch hat. Trump möchte die USA zwar wieder «great» machen – und das heisst, zu einem Produktionsland. Doch der Zug ist nach 50 Jahren Deindustrialisierung vermutlich abgefahren. Die einzige Zukunft für die USA sind Google, Meta, Amazon, open AI etc.
Der Track ist mittlerweile aus dem Internet verschwunden. Daran sieht man ein Problem der digitalen Musikwirtschaft in Kombination mit der Artificial Intelligence. Man verliert Musik, wenn die Techfirmen es aus irgendwelchen Gründen so wollen und beschliessen. Die Digitale Musikwirtschaft hat den Besitz von Tonträgern ersetzt durch den universellen Zugang zur Musik. Aber wenn ein Stück Musik aus dem Angebot entfernt wird, dann ist es verloren.

Link zum Inhalt: [M]