Musikzimmer Blog Post: Nemo: The Code

Willkommen im Musikzimmer! Dies sind die empfohlenen Inhalte, Neuerscheinungen und Veranstaltungsankündigungen.

Nemo: The Code

Der Siegersong des Eurovision Song Contest von 2024 in Malmö. Der Song wurde bereits vor dem Wettbewerb als Favorit gehandelt, oft mit einem Hinweis, dass er aussergewöhlich gekonnt inszeniert und gesungen sei.
Analyse
«The Code» kommt in einer Verse-Chorus-Bridge Form mit Pre-Chorus und Drop, dem ein zwei Takte kurzer Build voraus geht (siehe: «Slide»). Intro und Coda sind äusserst kurz gehalten. Die Hauptteile des Songs, Verses, Chorus und Bridge sind kommen in der klassischen Länge von 8 bzw. 16 Takten. Der erste Verse ist gesungen, der zweite gerappt. Der Prechorus wird mit operatischer Stimme gesungen, was Nemos vokale (und performative) Vielseitigkeit zeigt. Der Text handelt von der Selbstfindung der Erzähler-Person als nonbinär. Der Chorus erzählt die Identitätsfindung als Heldengeschichte. Der Weg führt über die Hölle ins Paradies. Die Bridge erklärt den Titel denen, die ihn nicht verstehen:

Somewhere between the 0's and 1's
That's where I found my kingdom come
My heart beats like a drum
Der binäre Code, mit dem zum Beispiel Computer arbeiten, Null und Eins, Strom bzw. Nicht-Strom, sei nicht die einzige Wahrheit. Die Erzähler-Person fand ihr Königreich zwischen der Null und der Eins.
Der Popdrop repräsentiert das charismatische Glück der Menschen, die sich gefunden haben.
Geprägt ist der Song von einem schnellen Rhythmus. Das könnte ein Merkmal der Campness sein, die hier nicht nur mit dem hohen Stimmregister und der Künstlichkeit operatischer Stimmen arbeitet, sondern eben auch mit einem Rhythmus, der «over the top» ist. In diesem Zusammenhang fallen auch die kurzen eintaktigen «Interludes» auf, die erste zwischen Verse und Pre-Chorus, die zweite zwischen Prä-Chorus und Chorus, in denen der Rhythmus wie eine surreal laut tickende Uhr erscheint, die dem Song eine gewisse Dringlichkeit verleiht, die subkutan wirkt. Das ist geschickt in diesen kurzen Zwischenspielen we in kleinen existenziellen Fenstern aufgehoben, die Durchblick auf eine tickende existenzielle Uhr geben. Im Song heisst es:
Like ammonites
I just gave it some time
Now I found paradise
I broke the code
Das ist die Theorie, wonach Ammoniten während ihrer Jugend geschlechtlich unspezifiziert waren und erst im Erwachsenenstadium ein Geschlecht angnommen hätten (siehe: Geschlechtsunterschiede bei Ammoniten: Ungewöhnliches Beispiel aus dem Oberjura). Der Subtext des Songs lautet, dass man zwar Zeit hat, seine Genderidentität zu finden, dass diese Zeit aber beschränkt ist. Glücklich, wer sie findet bzw. gefunden hat. Die Nemo-Person hat dieses existenzielle Glück in ihrer Performance am ESC überzeugend zum Ausdruck gebracht. Kaum einer der anderen Songs hatte eine vergleichbar überzeugende Botschaft.

Link zum Inhalt: [M]