Musikzimmer Blog Post: George Harrison: Extra Texture (Read All About It)

Willkommen im Musikzimmer! Dies sind die empfohlenen Inhalte, Neuerscheinungen und Veranstaltungsankündigungen.

George Harrison: Extra Texture (Read All About It)

«Extra Texture (Read All About It)» ist George Harrisons sechstes Solo-Studioalbum und das letzte, das er als Beatle oder Ex-Beatle mit Apple Records veröffentlichte. Das Album entstand grösstenteils zwischen April und Juni 1975 in den A&M Studios in Los Angeles – nach der anstrengenden und von der Kritik verrissenen Dark-Horse-Tour durch Nordamerika Ende 1974. Harrison befand sich in einer schwierigen, demoralisierten Phase: Seine Stimme war noch immer angegriffen, die Tour hatte ihn erschöpft, und er zweifelte zunehmend am Musikgeschäft.
Im Kontrast zu den spirituellen Songs auf All Things Must Pass (1970) oder Living in the Material World (1973) ist «Extra Texture» von einem melancholischen, introspektiven Soul-Einfluss geprägt. Ein warmer, dämmriger Sound, die Dominanz von Fender-Rhodes-E-Pianos, zurückhaltenden Bläsern und vereinzelten Streicherarrangements prägen das Album. Die meisten Stücke sind getragene Balladen, in denen Harrisons Stimme nah und oft verletzlich aufgenommen ist. Sein charakteristisches Slide-Gitarrenspiel bleibt präsent, dient hier jedoch häufiger warmen Begleittexturen als dominanten Riffs.
Anspieltipps
«You» ist der stärkste Song und die schwungvolle Vorabsingle des Albums. Das Stück wurde 1971 für Ronnie Spector geschrieben und war liegen geblieben. «The Answer's at the End» wurde von einer Inschrift in Harrisons Anwesen Friar Park inspiriert («Scan not a friend with a microscopic glass, you know his faults, now let his foibles pass.»). Der Song ist eine gefühlvolle Betrachtung über menschliche Fehlbarkeit und Vergebung. «This Guitar (Can't Keep from Crying)» ist ein direkter autobiografischer Nachfolger seines Beatles-Klassikers While My Guitar Gently Weeps, in dem Harrison seinen Frust über zynische Musikkritiker verarbeitet. Schliesslich ist «Tired of Midnight Blue» ein souliger, düsterer Einblick in das Nachtleben von Los Angeles und Harrisons Ernüchterung über das Rockstar-Dasein.
Cover
Die Covergestaltung spiegelt den Albumnamen wörtlich wider: Die Originalhülle bestand aus einem dicken, orangefarbenen Karton mit tastbarer Leder-/Papiermaserung («Texture»). Der ausgestanzte Schriftzug gab den Blick auf das Innenfutter frei, das ein Foto von Harrison zeigte. Als ironischen Schlusspunkt auf Apple Records zeigte das Etikett auf der LP-Rückseite nicht den gewohnten Apfel, sondern einen zum Gehäuse abgenagten Apfel.
Rezeption
Zur Zeit der Veröffentlichung wurde «Extra Texture» von Kritikern gemischt bis zurückhaltend aufgenommen; vielen fehlte die Energie und der spirituelle Biss früherer Werke. Harrison selbst nannte das Album später unaufgeräumt («grubby») und erklärte dies mit einer Depression. Im Rückblick schätzen Fans und manche Musikjournalisten es jedoch als authentisches, intimes Zeugnis einer Umbruchphase – eine ungeschönte, soulige Platte, die den Übergang zu Harrisons gelassenerem Spätwerk ab 1976 markiert.
Vergleich mit «Walls and Bridges»
Das Album lässt sich mit Lennons Walls and Bridges vom Vorjahr vergleichen. Beide Ex-Beatles wandten sich in einer Phase existenzieller künstlerischer Not dem amerikanischen Soul, Funk und R&B zu – und zwar just als Disco aufkam, um ihre persönlichen und beruflichen Krisen musikalisch aufzufangen. Fame, Lennons Kollaboration mit David Bowie muss in diesem Kontext ebenfalls genannt werden. Bei «Fame» findet Lennon in Bowie einen Partner auf Augenhöhe, was seinem Beitrag zum Song – die markant minimalistische Gitarre – mehr Biss gibt. Hier ereichte er Beatles-Qualität.

Link zum Inhalt: [M]