Musikzimmer Blog Post: Vor 60 Jahren lief «A Hard Day's Night» an

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Beatles: A Hard Day's Night (Film)

Vor sechzig Jahren, am 6.7.1964, hatte «A Hard Day's Night» im London Pavilion am Piccadilly Circus Premiere.
Unter dem Titel «A Hard Day's Night» sind im Sommer 1964 drei Werke von und mit den Beatles erschienen, die eine Schlüsselstelle in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts einnehmen. Die Musik ist für die Musikgeschichte, der Film für die Geschichte des Musikfilms relevant.
Ich plädiere dafür, dass das Soundtrack-Album das erste Rock Album überhaupt war.
Der Hit-Song, Titeltrack von Album und Film, war der fünfte Top-Hit der Beatles in Serie (je nachdem, welche britische Hitparade man präferiert, auch der sechste).
Der Film übertraf alles, was man zur Zeit als Musikfilm für Teenager kannte ...
Beatlemania
Damals waren die Beatles und ihre schreienden Fans das Medienereignis schlechthin, die grösste Sensation der westlichen Welt und die vier Musiker gehörten zu den berühmtesten Menschen der Welt. Die jungen Leute verehrten sie grösstenteils, die jungen Frauen schrien sich bei ihren Konzerten die Seele aus dem Leib. Man nannte das Phänomen Beatlamania. Das ältere Publikum war in verschiedene Parteien gespalten. Einige liessen sich beeindrucken. Diese Fraktion wurde mit jedem Album der Band stärker. Eine andere grosse Partei bestand aus denjenigen, die die westliche Kultur davonschwimmen sahen.
Das Bild ist ein Still aus der Ed Sullivan Show, in der die Beatles am 9. Februar zum ersten Mal im US-Fernsehen aufgetreten sind. Es zeigt eine junge Frau, der man die Möglichkeit zu einer solchen Extase im Alltag nicht angesehen hätte. Sie sieht aus wie eine Erwachsene (Schmuck, Frisur, Schminke).
Interessant sind auch die älteren Männer hinter ihr. Derjenige links scheint mir vergnügt die Frauen zu beobachten, wie sie in Verzückung geraten. Er sieht aus, als würde er im Schreien der Mädchen sein Geschäftsmodell oder das seiner Firma erblicken. Der Mann rechts scheint sich virtuell gerade auf seinem Sitz anzuschnallen. Er scheint zu verstehen, dass hier so etwas wie eine Revolution stattfindet, die die Werte seiner Welt erschüttern wird.
60 Jahre später hat der Film ein anderes Publikum als damals. Die hysterischen Fans sind längst verschwunden. Heute schaut man «A Hard Day’s Night˚ als Zeitzeugnis und als kulturgeschichtliches Monument, entweder mit nostalgischem Blick oder mit einer neuen Art der Verwunderung: Was war an diesem Film so revolutionär?
Teenage Exploitation Movies
Seit Mitte der 1950er Jahre hatte der gleichzeitige Aufstieg eines jugendlichen Kinopublikums und des Rock 'n' Rolls zu einem stetigen Strom von Low-Budget-Musikfilmen geführt. Diese an Teenager gerichteten «Exploitation Movies» waren angeregt durch den Erfolg von Rock Around the Clock (1956), einem Streifen, den Sam Katzman produziert hat, ein auf solche «Exploitation Movies» spezialisierter «staff producer» von Columbia. Diese Filme bauten auf dem massenwirksamen Erfolg von Rock ‘n’ Roll auf, dem kontroversen Modetanz der jungen Amerikaner*innen. Die musikalische Hauptrolle spielte Bill Haley, der schmalzlockige Ur-Rock-‘n’-Roller mit seiner Band Bill Haley And His Comets.
Man nannte solche Filme Jukebox-Musicals, weil der Musikfilm wie eine Jukebox mit Platten bestückt ist. Diese Filme haben keinen eigens produzierten Soundtrack, sondern verwenden Songs, die in den Hitparaden bereits erfolgreich waren. Zudem treten in vielen Jukebox-Musicals Hitparaden-Stars der Zeit auf und spielen sich selbst.
Jukebox-Musicals waren wie alle Exploitation Movies vor allem ein interessantes Geschäftsmodell für Hollywood und die britische Filmindustrie. Die Produktion dieser Filme war preiswert und Gewinne waren nahezu garantiert. Man baute einen seichten Plot um die Songs herum. Eine Boy-meets-Girl-Geschichte, am Ende ein Konzert mit begeisterten Fans. Es entstanden rein kommerzielle Produkte mit wenig künstlerischem Anspruch. Sie existieren, weil sie der schwächelnden Filmindustrie Geld einbrachten. Das Kino kam damals wegen der Einführung des Fernsehens massiv unter Druck und musste sich eine neue Generation als Publikum erarbeiten.
So sind Jukebox-Musicals im besten Fall Zeugnisse ihrer Zeit, die ein mit der Filmmusik assoziierte Lebensgefühl junger Leute vermitteln.
Ein amerikanisches Label als Financier
«A Hard Day's Night» begann als ein weiterer Eintrag in dieser wachsenden Liste von Teen-Exploitation-Filmen. Der Film wurde von der Plattenabteilung von United Artists in Auftrag gegeben. Das kam so: Noel Rodgers arbeitete in der Londoner Niederlassung von United Artists Records. Er stellte fest, dass der Vertrag der Beatles mit der EMI Filmsoundtracks nicht vorsah und meldete das an seinen Chef, Bud Ornstein. Dieser begann 1963 mit Brian Epstein, dem Manager der Beatles, zu verhandeln und konnte tatsächlich einen Exklusivvertrag für einen Film samt Soundtrack mit ihm abschliessen.
Showbizz-Manager sind Haifische: Sie nützen Lücken in einem Vertragswerk kaltblütig aus.
Brian Epstein auf der anderen Seite hätte das Filmgeschäft auch mit EMI machen können, aber er war daran interessiert, die Beatles in den USA herauszubringen und da konnte ein amerikanischer Partner, wie United Artists ihn darstellte, natürlich hilfreich sein. So kam es, dass ein amerikanischen Plattenlabel in Grossbritannien einen Film finanzierte, von dem niemand wusste, ob er erfolgreich sein wird. Die Beatles waren in den USA bei Abschluss des Vertrags noch völlig unbekannt.
United Artists rechnete sich aus, dass der Film sogar floppen könnte, wenn nur das Album mit der Musik sich so gut verkauft wie die bisherigen zwei Beatles-Alben. Ornsteins Rechnung ging mehr als auf: Nicht nur kam das Soundtrack-Album auf Platz 1 der Hitparaden, auch der Film wurde ein Kassenschlager.
Unter der Aufsicht des Produzenten Walter Shenson wurde das Budget des Films auf 500'000 US-Dollar festgelegt. Das war ein mittlerer Betrag für diese Art von Film. American International Pictures (AIP) z.B. produzierte seine Beach-Party-Filme für etwa 350'000 US-Dollar pro Stück, während Elvis-Musicals im Allgemeinen etwa 1 Million US-Dollar kosteten. Als «A Hard Day's Night» im Sommer 1964 veröffentlicht wurde, hatten die Beatles bereits ihren berühmten Auftritt in der Ed Sullivan Show und belegten die Spitzenplätze der US-Hitparade. UA war in einer erstklassigen Position, um aus der stetig wachsenden Beatlemania Kapital zu schlagen. Der Soundtrack wurde in den USA im Voraus veröffentlicht und verkaufte sich in den ersten zwei Wochen 1,5 Millionen Mal. Der Film war, wie von Ornsteins erwartet, amortisiert, bevor er in die Kinos kam.
Die Illustration zeigt das Verhältnis zwischen Produktionskosten und Ticketverkäufen: Vergleichbare Filme vor «A Hard Day's Night» rentierten mit Faktor 9–10, der Beatles Film mit Faktor 22!
In den USA wurde «A Hard Day’s Night» am 27. Juli in einer Grossauflage von 1000 Exemplaren veröffentlicht (in England waren 700 Kopien im Umlauf). Das war viel, aber damals galt es, die Zielgruppe schnell zu erreichen, bevor die nächste Modeerscheinung folgte.
Bereits 1974 hat «A Hard Day’s Night» 11 Millionen Dollar eingespielt, 20 Mal mehr als er gekostet hat (Quelle Alexander Walker, Hollywood, England, Stein and Day, 1974 p. 241 via Wikipedia).
Wo die meisten Jukebox- oder Pop-Musicals der Zeit auf dem Müllhaufen der Kulturproduktion landeten – das Schicksal der doppelt so teuren Elvis-Filme – schaffte es «A Hard Day's Night» sich ins kulturelle Gedächtnis einzubrennen und bis heute als relevant zu gelten, beim Publikum sowie bei der Kritik (siehe IMDB: 1964 Year’s Best Movies).
Kritiker Andrew Sarris attestierte dem Film: Er sei «der Citizen Kane unter den Jukebox-Musicals».
Drehbuch von Alun Owen
«A Hard Day’s Night» ist gut gealtert (z.B. https://michaeljcinema.com/2014/08/23/a-hard-days-night/). Die Zeitlosigkeit des Films kommt u.a. daher, dass die vier Beatles, John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr, die wie fast alle Musiker*innen keine grossartigen Schauspieler waren – wer will es den Musikern verübeln –, sich keine Blösse geben. Ihr schauspielerisches Manko wird im Film nicht sichtbar. Das Drehbuch von Alun Owen stimmte die Rolle der vier Musiker im Film genau auf die vier Persönlichkeiten ab und auf ihr Image, das sie bei öffentlichen Auftritten an Pressekonferenzen oder Interviews hatten. Owen war wie die Beatles in Liverpool aufgewachsen und kannte den trockenen Humor der Stadt. Der Scriptwriter belässt die Musiker in ihrem Element, zeigt sie in Szenen, die aus ihrem Leben geschnitten sind. Er beschränkte die Dialoge der Beatles geschickt auf witzige Einzeiler. Folglich fallen ihnen die Rollen, die sie spielen, leicht, wo bei anderen Rockstars die mangelnde Schauspielerfahrung peinlich herausstechen kann. Die vier Beatles sind so entspannt, cool, selbstbewusst und frech, wie sie auf der Bühne oder ihren Pressekonferenzen waren. Die kluge Satire im Film brachte Owen eine Oscar-Nominierung für sein Drehbuch ein.
Regie von Richard Lester
Die Regie wurde mit Richard ‘Dick’ Lester besetzt, einem Amerikaner in England. Er wurde für seine innovativen Komödien bekannt, die beiden Filme mit den Beatles «A Hard Day's Night» und Help! sowie mit Abenteuerfilmen wie «Die drei Musketiere» (1973). Die Beatles waren grosse Fans der Goon Show einer Radioshow mit führenden Komödianten der Nachkriegszeit: Spike Milligan, Peter Sellers und Harry Secombe. Richard Lester drehte mit Sellers und Milligan 1959 einen Experimentalstreifen The Running, Jumping & Standing Still Film. 1960 gab es Pläne, dass Lester einen Film aus der Goon Show machen sollte. Leider kam der Film nie zu Stande. Die vier Beatles waren der Meinung, dass Lesters Stil, der sich durch Humor, Energie und unkonventionelle Herangehensweisen auszeichnete, gut zu ihnen passen würde. Manager, Brian Epstein, hatte zunächst Zweifel an Lesters mangelnder Spielfilmerfahrung, doch das Beharren der Beatles führte schließlich zu seiner Verpflichtung.
Richard Lesters Kurzfilm «The Running, Jumping & Standing Still Film» von 1959 ist ein bemerkenswertes Beispiel für britischen Surrealismus und absurden Humor, der die Filmgeschichte auf mehreren Ebenen beeinflusst hat.
Der Film zeichnet sich durch seine skurrile Bildsprache und eine unkonventionelle Erzählweise aus. Er besteht aus einer Reihe lose verbundener absurder Slapstick-Szenen, die in einer ländlichen Umgebung spielen. Am Anfang sieht man, wie ein Fotograf eine Frau beobachtet, die die Wiese mit einer Bürste fegt wie einen Holzboden. Dann baut ein Mann eine Zelt auf, vor dessen Eingang er eine Türmatte legt. Der Fotograf entwickelt den Film in einem Bach, und um eine Dunkelkammer zu haben, legt er das schwarze Tuch von seiner Kamera über sich und den Film. Die Szenen bestehen aus lauter solchen witzigen Bildbrüchen. Der elfminütige Film hatte keine Budget und ein herausragendes Beispiel für das britische Autorenkino geworden. 1960 wurde er für einen Oscar nominiert.
Rock’n’Roll-Filme vs. Rock-Filme
Lester drehte «A Hard Day’s Night» als «Genre-bender». Der Film ist nicht nur ein Jukebox-Musical, sondern auch eine Art Dokumentarfilm, auch eine surreale Komödie, sowie stellenweise ein avantgardistischer Experimentalfilm. Das alles natürlich in verträglichen Dosen, die den Erfolg des Films nicht gefährdet haben.
Damit steht «A Hard Day’s Night» an einer Scharnierstelle zwischen Rock ‘n’ Roll Jukebox-Musical und Rock-Dokumentarfilm.
«A Hard Day’s Night» zeigt zwei Tage im Leben der Beatles, ohne ihren Namen je zu nennen! Man ging davon aus, dass alle diese Marke kannten. Die zwei Tage im Leben der Beatles sind zwar ein Konstrukt, aber ein ziemlich glaubwürdiges. Die Band fährt im Zug von Liverpool nach London, übernachtet in einem Hotel und hat anderntags einen Auftritt beim Fernsehen, für den sie proben müssen, dann kurz Pause haben, bevor das Konzert auf Sendung geht. Mit diesem Plot vermeidet der Beatles-Film das gängigste Klischee des Genres: das Boy meets Girl Szenario. Mehr d’accord mit dem Genre ist das Filmende mit der gelungenen Inszenierung eines Konzerts, sowie den kleinen Schwierigkeiten zuvor, die der Sache etwas Würze verleiht. Ringo Starr kommt der Band abhanden und kommt erst in letzter Minute vor dem TV-Auftritt wieder zurück.
Dass der Film als Dokumentarfilm wahrgenommen wird, liegt zum Beispiel daran, dass viele Szenen mit Handkamera gedreht wurden. Kameramann war Gilbert Taylor. Das Stilmittel der Handkamera kommt aus dem cinéma vérité. Die bewegten Kameras schaffen einen ständigen Live-Eindruck.
Wo andere Filme inszeniert wirken, da kommt «A Hard Day’s Night» über weite Strecken spontan und authentisch herüber.
«A Hard Day’s Night» ist so gesehen der erste Rockfilm, so wie der Titelsong und das Soundtrackalbum die ersten Rock-Platten waren. Es ist die Stelle in der Filmgeschichte, wo der Rock-’n’-Roll-Film zum Rock-Film wird. Typisch für den Rock ‘n’ Roll waren eben die Jukebox-Musicals, typisch für die Rockmusik hingegen die Dokufilme im Stil des cinéma vérités: Konzertfilme («The Last Waltz»), Dokus von Festivals («Woodstock», «Monterey») oder Tourneen («Renaldo and Clara»).
Keine Showeinlagen! Am auffälligsten ist, dass «A Hard Days Night» weitgehend ohne theatrale Showeinlagen und ohne Orchestermusik auskommt. Noch Summer Holiday mit Cliff Richard (1963) wirkt furchtbar altmodisch wegen diesen Elementen: Die Geschichte einer Europareise in einem doppelstöckigen Londoner Bus wäre gar nicht so schlecht, wenn nur diese vollkommen künstlichen Tanzeinlagen, die gesungenen Dialoge, die lange Pantomime-Szene nicht wären. Die Jukebox-Musicals wurden gewöhnlich wie eine Vaudeville-Show gestaltet – das war die «Show» als Grundmuster amerikanischer Unterhaltung.
«A Hard Day’s Night» orientiert sich nicht daran, sondern an britischer Comedy und Slapstick. Das machte den Film einzigartig! Die Rockgruppe wurde im Stil oder Genre des cinéma vérité präsentiert: Wackelnde Handkameras und lose Aneinanderreihung von Alltagsszenen schaffen es, den Film als Pseudo-Dokumentarfilm zu präsentieren. Dies ist das Leben dieser Jungs, so sind die Stars im Privaten. Das wirkte bei den Fans.
Lester beschränkt sich indes nicht auf den Look des Dokumentarismus. Wie der Kritiker George Melly erklärt, legt Lester einen «schamlosen elsterartigen Eklektizismus» an den Tag, indem er sein Wissen über Surrealismus, modernistisches Filmemachen, Avantgarde-Experimente, TV-Werbespots und populäre Musik in einem einzigartigen und offensichtlichen Regiestil vereint.
Coole Hauptfiguren
Klassischen Slapstick der coolen Sorte erleben wir in der Szene mit dem versteckten Hotel Butler in Unterwäsche im Schrank. Es sind die zwei Beatles, Ringo und George, die die Szene gut machen, in dem sie etwas Unerwartetes tun. Sie schauen in den Schrank und sehen einen Mann darin versteckt. Sie schliessen die Türe wieder und erwähnen die Tatsache ohne jede Hysterie, wo wir Schreck und Skandal erwarten. Das ist sooo cool!
Die Figur des «troublemakers»
Wilfrid Brambell in der Rolle von Pauls Grossvater spielt eine ironische Figur, eine mit doppeltem Boden. Äusserlich ein charmanter Schelm, im Plot aber ein durchtriebener «troublemaker», der es faustdick hinter den Ohren hat. Mit seinen Eskapaden stört er den eng getakteten Tagesablauf der Beatles. Er schleicht sich aus dem Zug, macht in einem Casino Schulden und sorgt im Allgemeinen überall für Zwist und Chaos. Dabei bleibt er sympathisch, weil er aus einer existenziellen Verzweiflung heraus zu handeln scheint (Paul stellt ihn als Mann vor, der gerade an einem gebrochenen Herzen leidet.). Diese Figur ist ein geschickter erzählerischer Kniff: Die Beatles wirken dank ihm als Ruhe im Sturm und die Handlung wird durch ihn (und durch das Managerpaar) vorwärts getrieben, was die Beatles ohne Schauspielerfahrung vermutlich nicht bewerkstelligt hätten.
Clowns
Keine der fünf Hauptfiguren machen Blödmänner aus sich. Sie behalten ihre coole Haltung in jeder Situation. Die Blödmänner, die linkischen Clowns sind die Manager und die Medienleute. Hier steht der Film wiederum in der Tradition der Jukebox-Musicals: Typischerweise werden in Teenagerfilmen sorglose junge Helden in einer Welt idiotischer alter Narren gezeigt. [Jonathan Gold: «The prime convention of the teen-market movie is elegantly simple: a collection of carefree young heroes in a world of anxious old fools.»]
Der eine Manager der Beatles öffnet am Anfang des Films die Milchpackung und verschüttet den Inhalt. Dies ist die Figur des unbeholfenen Clowns oder Pechvogels. Durch diese Szene wird die Figur von Anfang an als Trottel codiert. Der Film schafft in den Konzertszenen weitere Trottel, nämlich den Werber und den Produktionsleiter der Fernsehshow am Ende des Films. Da diese Figur die Züge eines überaffektierten schwulen Mannes trägt, sind Szenen mit ihm latent homophob.
Nebenfiguren
Im Film treten neben den Beatles weitere bekannte Figuren auf. Pattie Boyd spielt Jean, eines der Schulmädchen im Zug. Sie lernte George Harrison auf dem Set kennen. Die beiden wurden ein Vorzeige-Paar von Swinging London. Eric Clapton schrieb den Song «Layla» über sie. Die Dreiecksgeschichte zwischen Patti George und Eric ist eine der bekannten Rocklegenden geworden. Charlotte Rampling spielt eine Tänzerin im Nachtclub. Und Phil Collins sitzt als Junge im Publikum der TV Show, wurde aber aus dem Film herausgeschnitten.
Für welches Lebensgefühl steht «A Hard Day’s Night»?
Der Film steht für die Sechzigerjahre, denn die Beatles sind die Sixties und umgekehrt.
Beatlemania: Der Film wurde auf dem Höhepunkt der Beatlemania veröffentlicht und trug dazu bei, die Begeisterung für die Band weiter anzuheizen. Er bot den Fans einen Einblick in das Leben ihrer Idole und verstärkte die Identifikation mit der Band. Die gezeigten Szenen sind aber gerade nicht dokumentarisch, sondern inszeniert. Das ist eine der grössten Schwächen des Films. Die Fans, die die Beatles verfolgen, sind zu wenig und die Inszenierung während der Fernsehshow sorgt leider für ein antiklimaktisches Ende. Mode und Jugendkultur: Der Film prägte die Mode und Jugendkultur der 1960er Jahre. Die Kleidung, Frisuren und der lockere Stil der Beatles wurden von Jugendlichen auf der ganzen Welt nachgeahmt. Kühle Moderne. Auch dass der Film in schwarz-weiss gedreht wurde, trägt zu dieser kühlen Modernität bei.
Swinging London: London begann 1964 zu swingen, d.h. es vollzog sich eine Kulturrevolution, eine Art Lockerung der steifen Oberlippen, ein gesellschaftlicher Umbruch, die Auflösung des anhaltenden grauen Nebels der Nachkriegszeit. Die Beatles verkörperten diese Aufbruchsstimmung zusammen mit Mödeschöpfer*innen, Fotografen, Filmemachern und Medienleuten, die eine neue Generation von Professionals bildeten, bei denen Herkunft und Tradition keine Rolle mehr spielen sollte. Ein Angriff auf die britische Klassengesellschaft.
Die Jugend war zur treibenden Kraft des Wandels. Sie forderte mehr Freiheit, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe. Junge Leute besetzten wichtige Stellen in der aufstrebenen Unterhaltungs- und Medienindustrie. Sie kamen oft aus den 1944 geschaffenen Art Schools, an denen auch Jungs und Mädels aus nicht privilegierten Kreisen zugelassen waren. Die Gesellschaft wurde offener für neue Ideen und Lebensweisen. Themen wie Sexualität, Drogenkonsum und alternative Lebensformen wurden diskutiert und weitgehend akzeptiert. Grossbritannien war in den 1960er Jahren ein liberaleres Land als die Schweiz – solange Dinge hinter verschlossener Türe stattfanden und keinen Wirbel verursachten, wurden sie toleriert. Anders gesagt: die soziale Kontrolle hörte an der Haustüre auf, die einen privaten Raum vor dem Zugriff der Öffentlichkeit schützte.
Zugszene
Die vier Beatles, der amerikanische Regisseur und sein Team galten nicht als Establishment. Sie waren junge Vertreter der Arbeiterklasse bzw. nicht privilegierten Kreisen die in einem modernen Beruf zu Professionals geworden sind und Erfolg haben. Diese Herkunft und der Konflikt mit dem Establishment wird in der Szene mit dem älteren Gewohnheitsreisenden, einem blasierten britischen Snob, dramatisiert.
Die Szene ist aufschlussreich: Sie zeigt die Bereitschaft, es mit diesen alten Kräften im Land mit Witz, Ironie und Sarkasmus aufzunehmen. Am Ende räumen die vier Beatles allerdings das Feld («leave the kernel to lassie») – das sind noch nicht die Rock-Rebellen, wie sie die Rolling Stones etwas später verkörpern werden.
Sie weichen, vom Grossvater getrieben, in den Gepäckwagen aus, wo sie Karten spielen und ein Lied zum besten geben: I Should Have Known Better – junge Schülerinnen als Publikum.
Die Botschaft davon ist: Die Jugend verfügt zwar nicht über den Status des Establishments, aber sie ist unerschrockenen frech. Sie kann sich anpassen und sucht sich ihren Platz in den Nischen. Aber sie hat als Trumpf die Aufmerksamkeit der jungen Frauen in der Hand – sie verfügt über Vitalität und Sex.
Jugendkultur
Die satirische Szene mit dem Teenage Markt Analysten, dem zynischen Vertreter der Unterhaltungsindustrie, der in den Teenagern nur Umsatzzahlen sieht. Das könnte heute ein sarkastischer Dialog über eine Youtube Influencerin sein.
Marktforscher: Nun... diese [Hemden] werden dir gefallen. Du wirst sie wirklich mögen. Sie sind fabelhaft und all die anderen pickeligen Übertreibungen.
GEORGE: Ich würde mich nicht mal tot in denen sehen lassen. Sie sind absolut «grotty».
Marktforscher: Grotty?
GEORGE: Ja, grotesk. Marktforscher: [zu einem Assistenten]: Notieren Sie sich dieses Wort und geben Sie es Susan. Das ist wirklich allerliebst. Da ist dieser Junge, der versucht, mir seine völlig wertlose Meinung mitzuteilen, und ich weiss mit Sicherheit, dass er innerhalb von vier Wochen unter einem heftigen Minderwertigkeitskomplex und einem Statusverlust leiden wird, wenn er keins dieser blöden Hemden trägt. [Zu George] Natürlich sind sie «grotty», du elender Trottel! So wurden sie entworfen und genau das wirst du haben wollen! Ausserdem wirst du unsere Susan nicht kennenlernen, wenn du nicht kooperierst ...
GEORGE: Und wer ist diese Susan, wenn sie zu Hause ist?
Marktforscher: Nur Susan Campy, unsere hier ansässige Teenagerin. Du musst sie lieben. Sie ist dein Vorbild.
GEORGE: Du meinst dieses vornehme Rehlein, das alles falsch macht?
Marktforscher: Bitteschön?
GEORGE: Oh ja. Die Jungs sitzen um den Fernseher herum und schauen ihr kichernd zu.
Marktforscher: Sie ist eine Trendsetterin. Es ist ihr Beruf.
GEORGE: Sie nervt! Sie nervt total! Wir stellen den Ton leiser und sagen unhöfliche Dinge wenn sie auf Sendung ist...
Marx-Brothers
Die amerikanische Kritik verglich «A Hard Day’s Night» mit den Filmen der Marx Brothers: Variety schrieb, der Film sei eine Art filmischer Wahnsinn, den es seit den Marx-Brothers in ihrer Blütezeit nicht mehr gegeben habe. Die York Times schrieb: «Die große Überraschung des Jahres war diese ausgelassene und wilde, freizügige Komödie, in der die Beatles, das Liverpooler Rock-n-Roll-Quartett mit ihren Moptop-Frisuren, vorgestellt wurden. Es war eine Farce in der alten Manier der Marx-Brothers – das heißt, extravagante, exzentrische Action, gemischt mit einem Geklapper verrückter Dialoge – was die Illusion völliger Spontaneität vermittelte. Die Jungs waren charmant und entwaffnend. Wilfrid Brambell [der Pauls Großvater spielt] befeuerte ihren Witz.»
Einflussbeziehungen
Der Film hatte einen Einfluss auf Rock Filme, die meist im Stil von Dokumentarfilmen und im Stil des cinéma vérité aufgenommen wurden (z.B. Don’t Look Back, Feast of Friends oder die Festival-Dokumentationen von Monterey und Woodstock). Sodann beeinflusste er die New-Hollywood-Filme der späten 1960er-Jahre und natürlich die Filme von Monty Python, welche die Vorliebe für absurde Situationen und die Überspitzung alltäglicher Ereignisse ins Groteskeweiter führten.
Der Film ist mit den schnellen Schnitten auch von zentraler Bedeutung für die Geschichte der Musikvideos, in denen viele der Techniken übernommen wurden.
Filmtitel
Der Filmtitel «A Hard Day’s Night» ist dem gleichnamigen Beatles-Song entnommen. Der Songtitel war einer der «Ringoisms», Aussprüche von Ringo Starr, dem Drummer der Band. Wie viele Dialoge im Film ist er nur schwer übersetzbar. «It’s been a hard day’s night» pflegte Ringo zu sagen, wenn die vier Beatles am frühen Morgen nach einem Auftritt den Club verliessen. Das Wortspiel arbeitet mit dem semantischen Gegensatz von Tag und Nacht, wobei der Genitiv eine Doppeldeutigkeit von Tag sichtbar macht. Tag ist, wenn es hell ist und Tag bezeichnet 24 h, von denen ein Teil hell und der ander dunkel ist. Richard Lester wählte Ringos Ausspruch als Filmtitel und bat Lennon und McCartney einen Song als Titelmelodie zu schreiben. Dieser Song wurde zur bisher grössten musikalischen Meisterleistung der Beatles. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich in der Vorlesung im Februar behandelt habe. Im Film macht der Titel wenig Sinn, ausser dass er die Art des Humors exemplarisch verkörpert, der sich zuweilen gut versteckt: Am Ende besteigen die Beatles einen Helikopter und entschweben in die Luft. Der Heli ist BEA – British European Airlines – angeschrieben, woraus im Film «BEAtles» wird – die eigene Fluggesellschaft. Man sieht solche Details kaum beim ersten Mal.
Haltung
Jonathan Gold nennt «A Hard Day’s Night» einen Trainingsfilm für Beatlemaniacs. Der Film hat aber nicht nur reihenweise Fans kreiert, sondern auch Musiker*innen den Weg gewiesen. Jenes Training fand auf der Ebene der künstlerischen Haltung statt. Der Film lehrte die Nachfolger*innen der Beatles, dass Musik gut ist, wenn sie mit der richtigen Haltung gemacht ist. Die Haltung, die die Beatles hier präsentieren wurde zu einem frühen Modell für die Rockmusik. Die vier Beatles bewegen sich mit grosser Selbstachtung durch den Film. Sie machen sich über das Image, das die Medien von ihnen kreiert haben und weiterverbreiten, lustig. Sie sind insofern aufrichtig als sie sich selbst und anderen nichts vormachen. Sie wissen, was die ironische Botschaft des Film ist: Jugendmoden sind gemacht. Aber auf die Haltung, mit der man musiziert, Filme dreht, ein Idol ist, auf diese Haltung kommt es an.
Querverweis
A Hard Day's Night [Dokufilm] (Making of)
Links
– zur Geschichte des Films: John Covach (2014). A Hard Day's Night: From Loophole to Surprise Hit. Publikationsdatum 2. Juli 2014
–Ray Morton: A Hard Day's Night (Limelight Editions, Milwaukee, 2011)
– Steven Soderbergh und Richard Lester: Getting Away With It or, The Further Adventures of the Luckiest Bastard you Ever Saw (Faber and Faber, London, 1999)
– Amanda McQueen: A HARD DAY'S NIGHT: «The CITIZEN KANE of the Jukebox Musical» (Cinematique, 28. April 2015)

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