Musikzimmer Blog Post: Netflix Dokuserie «Trainwreck: Woodstock '99»

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Netflix: Trainwreck: Woodstock '99. Episode 1: How The Fuck Did This Happen?

Diese Dokuserie geht Tag für Tag – das ist eine mittlerweile etablierte Formel – den Ereignissen am Woodstock Festival 1999 nach, an dem eine glamuröse Backstage-Welt wenig davon mitbekommt oder mitbekommen will, was draussen im Publikum abgeht. Dieses kämpfte mit den Bedingungen, die der Austragungsort auf einem ausrangierten Fluggelände der Armee an es stellte. Die Sonne beschien das zubetonierte Gelände. Die Hitze war unerbittlich. Wasser war rar und spätesten am dritten Tag vergiftet mit Fäkalien. Genau das wird schon vom ursprünglichen Woodstock-Festival überliefert. Der Veranstalter hat offenbar erstaunlich wenig aus eigenen Fehlern gelernt. Die Preise für Getränke und Food bei ‹oodstock III» oder «Woodstock 99» waren ein Rip-off, zu dem die Security beitrug, indem sie den Besucher*innen die selbst mitgebrachte Verpflegung abnahm.
Von Anfang an herrschte eine überzogene sexuelle Freizügigkeit. «Toxic masculinity» lautet das Stichwort im Film. Die jungen Leute waren auf Sex aus. Sie zeigten ihre Oberkörper, zogen sich teils ganz aus, Männer begrapschten die jungen Frauen und forderten von Sheryl Crow, sie soll «ihre Titten zeigen».
Die Stimmung kippte während den drei Tagen ins Apokalyptische: Es kam – wen wundert's – zu Vergewaltigungen. Das Festivalgelände wurde zerstört und alles Brennbare entzündet, nachdem die Veranstalter die Kerzen dafür verteilt haben. Das ist eine Parabel über die beiden Generationen, die Hippies bzw. frühen Babyboomer und die Generation X bzw. die späten Babyboomer. Letztere konnte mit den Mythen der Hippies noch nie viel mehr anstellen, als sie zu verachten und zu demaskieren. An diesem Festival wurde die Spannung der Generationen handgreiflich und sichtbar. Der Hippietraum wurde abgefackelt.
Die Dokuserie interviewt Stars, die auf der Bühne standen und Besucher*innen, die sich erinnern. Alle sind sich einig, dass sie dem Ereignis ihrer Jugend beiwohnten, dass das Festival aber schlecht organisiert war. Es wird nahe gelegt, dass die Festivalmacher, insbesondere Michael Lang, mit einer Mischung aus Quijoterie und verantwortungslosen Geldgier handelten. Die verschiedenen Aspekte wie Sicherheit, Versorgung und Sanität wurden Vertragspartnern übergeben, die machen konnten, was sie wollten. Die Securitay nahm ihre Pflicht nicht war, beschäftigte nicht ausgebildete junge Leute. Die Getränke- und Food-Verkäufer konnten Preise selber festlegen.
Einigen Bands, vor allem den prolligen Nu-Metallern Limp Biskit wird vorgeworfen, die Stimmung angeheizt statt beruhigt zu haben. Dann aber kommt die beschwichtigende Stimme eines ehemaligen Securitymitarbeiters, der sagt: «You can’t blame a bear for being a bear». Und das gilt tatsächlich für die Ereignisse im Gesamten, so schrecklich sie für die Opfer waren. Die Masse der Festivalbesucher*innen haben sich auf ihre Art für die schlechte Organisation gerächt, Mein Eindruck beim Schauen war, dass die Apokalypse relativ koordiniert ablief. Alle wollten dasselbe: «Get the negative Energy out of your system», wie Fred Durst von der Bühne herab aufforderte. Die Destruktion lief gezielt gegen die Veranstalter und ihren Event, aus dem das Publikum trostlos etwas Eigenes machte.
Die Doku wurde kritisiert, dass sie Fragen aufwirft und unbeantwortet lässt. Es ist zu hoffen, dass jemand die Mühe auf sich nimmt, Quellen zu suchen und sie mit kritischer Distanz behandelt. Dokuserien sind nicht das Medium dafür.

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