Willkommen im Musikzimmer! Dies sind die empfohlenen Inhalte, Neuerscheinungen und Veranstaltungsankündigungen.
Chords And Discords: Piracy is about to save music
- Eigentum heisst Besitz und Kontrolle über etwas haben. Mit dem Kauf eines Tonträgers hatten Konsument:innen Besitz und Kontrolle. Mit dem Zugang zu Streamingdiensten geht diese Kontrolle verloren. Dienste können Files oder ganze Alben entfernen, genauso wie sie unerwünschte Musik in unsere Library spielen können (Songs Of Innocence).
- Die Buy-Buttons sind ein Schwindel: Wir kaufen nichts, was in unseren Besitz übergeht, wir mieten lediglich, wir leihen uns ein Recht aus, Musik zu hören, einen Film zu schauen, ein Buch zu lesen. Wenn der Verleiher eine Laune hat oder Bankrott geht, entzieht er uns das Recht wieder.
- Seit 1909 gilt in den USA die «First Sale Doctrine». Was jemand kauft, kann er oder sie wiederverkaufen, ohne dem Hersteller etwas schuldig zu sein. Das galt auch für Musik (trotz einem Versuch in den 1990er von den Major Labels und Garth Brooks, diese Doktrin zu kippen), aber nie für digitale Musik. Denn im Jahr 2012 verklagten die Labels ReDigi, einen Online-Marktplatz, der mit «gebrauchten» digitalen Files handelte. Mit einer CD hat man das Wiederverkaufsrecht, mit einem digitalen File nicht.
- Gestreamte Musik wird vom Verbraucher gehört, aber umgekehrt wird auch der «Verbraucher» beim hören abgehört. Es gilt das geflügelte Wort: «If the product's free, your the product.»
- Die Streamingplattformen haben Algorithmen am Laufen, die jeden Klick, jede Bewegung, jede Stimmung der Hörer:innen aufzeichnet. Algorithmen managen das Hit/Shit-Verhhältnis. Aber sie arbeiten nicht für mich, sondern für Spotify und die Shareholder der Firma.
- Wie Liz Pelly in ihrem Buch Mood Machine darlegte, arbeitet Spotify daran, Musik von Menschen durch günstige Musik von Maschinen zu ersetzen. Auf den Mood-Playlisten tumeln sich «Ghost Artists» mit billiger Musik. Jedesmal, wenn diese Musik läuft, wird menschliche Musik nicht gespielt. Jedesmal wird der Verdienst für Menschen, die von ihrer Musik zu leben versuchen (Songwriter:innen, Interpret:innen, Produzent:innen, Musiker:innen), kleiner.
- Der Spotify-Katalog enthält weitgehend die gesamte Musik, die für irgend jemand interessant sein könnte (nehmen wir an). Eine CD-Sammlung ist dagegen limitiert. Begrenzt vom Budget, vom Platz in der Wohnung, vom Angebot, das in den Plattenläden vorhanden ist. Dennoch kuratieren diese Beschränkungen eine Sammlung, die wertvoll ist. Emphatisch: «meine Musik». Bei Spotify- oder Applekatalogen gibt es keine persönliche Sammlung.
- Wenn man sich selbst beobachtet, stellt man fest: Je mehr Optionen man hat, desto weniger Wert hat das einzelne Werk. je grösser die Auswahl im Streaming Service, desto kleiner die Aufmerksamkeit, desto unwahrscheinlicher eine «deep listening» Erfahrung: ein Song, der ein Leben verändert, ein Album, das einen anders über eine Sache denken lässt. Mit Marshall McLuhan gesprochen: «The Medium is the Message.» Bei Spotify lautet die Message: «Bleibe auf der Plattform.» Bei einem Tonträger hingegen eher «Lebe mit mir!»
- Die digitale Musikwirtschaft ist ein Technofeudalismus (Begriff von Yanis Varoufakis): Techfirmen und Labels besitzen das Land (die Plattformen, die Musik) und die Konsumentinnen besitzen nichts, sie bezahlen noch mit ihren Daten für das Privileg am Besitz der Firmen teilzuhaben.
- Was also passiert, wenn wir die Kultur, die wir geniessen, nicht mehr besitzen? Wir schätzen sie nicht im selben Umfang, wie wenn wir sie besässen. Wir übernehmen auch keine Verantwortung für sie. Sie bleibt äusserlich. Das Feature endet mit dem Aufruf: «Own it, rent it, stream it, steal it, because the music is the message. Just make sure that you're actually listening!»
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