Musikzimmer Blog Post: Adam Neely: Music Theory and White Supremacy

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Adam Neely: Music Theory and White Supremacy

Ist Musiktheorie eine neutrale oder wertfreie Wissenschaft wie Mathematik? Man kriegt diesen Eindruck, wenn man Lehrbücher liest. Der Bassist und Youtuber Adam Neely greift die Gedanken von Philip A. Ewell im Artikel Music Theory and the White Racial Frame auf, dass Musiktheorie rassistisch gefärbt sei. Neely kam zum Schluss, dass man «Musiktheorie» vielleicht besser durch den Ausdruck «the harmonic style of 18th century european musicians» ersetzen sollte. «Musiktheorie» sei nämlich schlecht darin und helfe wenig, die musikalische Praxis von Jazz, Rock, Country, R&B etc. zu erklären. Dennoch wird an fast allen Musikschulen stur an der «Musiktheorie» festgehalten, die an den Werken deutscher Komponisten wie Bach, Mozart, Beethoven, Schubert etc. geschult ist. Die Vertreterinnen und Vertreter der Musiktheorie lehren, dass ihr Framework universelle Gültigkeit hätte und dieser Anspruch lässt sich historisch zurückführen auf Theorien, die die deutsche Musikkultur über alle anderen Musikkulturen stellten. Da kommt ein nationaler oder kultureller Chauvinismus in die Theorie hinein, deren Vertreter sich nicht selten in rassistische Gedanken verstiegen haben wie: «Nur Deutsche konnen musikalische Genies sein.» Ein solcher Theoretiker war Heinrich Schenker (1868–1935). Schenker war Jude, aber überzeugt von der Überlegenheit deutscher Kultur. Er begrüsste den Aufstieg Hitlers, verstarb aber bevor er als Jude hätte verfolgt werden können. Weil aber seine Schriften in Deutschland auf dem Index standen, entfaltete sich die Wirkung seiner Musiktheorie vor allem in Amerika.
Neely spricht im Video über Anuja Kamat, eine Youtuberin, die auf ihrem Kanal nordindische klassische Musik lehrt. Sie vergleicht Begriffe der nordindischen klassischen Musiktheorie oft mit der westlichen Musiktheorie, die an den Komponisten des 18. Jahrhunderts geschult ist. Sie macht Vergleiche, sie zeigt Kontraste auf und Ähnlichkeiten. Westliche Lehrbücher zur Musiktheorie hingegen tun gerade das nicht. Sie stellen die Musik deutscher Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts als universell dar. Da ist keine Rede von anderen Theorien oder anderen Komponist*innen, die nach anderen Masstäben schreiben und musizieren. Eigenartig, nicht wahr?
Voreingenommenheiten bestehen nicht nur im Sinn von Kulturkreisen (deutsche Komponisten), sondern auch gegenüber Frauen, Gendereinstellungen und der Herkunft bzw. Klasse. Musikgeschichte und Musiktheorie sind Geschichten die weisse privilegierte Männer über weisse privilegierte Männer erzählen. Andere Personen als diese weissen privilegierten Männer haben weder Platz in der Theorie noch in der Geschichte. Auch Musikhochschulen und akademische Gesellschaften sind personell entsprechend zusammengesetzt.
Alex Ross hat im Zusammenhang mit der afroamerikanischen Komponistin Florence Price (1887–1953) geschrieben: «reducing history to a pageant of masters is at the bottom lazy.» Die Musikgeschichte auf eine Parade von Meistern zu reduzieren, ist im Grunde einfach faul. (Nebenbemerkung: das ist genau, was die meisten Rock-Musikzeitschriften tun. Wieder und wieder John Lennon, Bob Dylan, Neil Young, Pete Townsend. Kaum afroamerikanische Musiker, kaum Musikerinnen.)
Niemand behauptet, dass Musiktheorie heute von Rassisten, Männern und weisshäutigen Personen gelehrt wird. Gerade Philip A. Ewell ist da ein Gegenbeispiel. Vorgeworfen wird dem Fach hingegen ein struktureller Rassismus, einer der implizit in der Theorie enthalten ist und nicht hinterfragt wird. Auch das ist am Ende des Tages eine weitere Faulheit, wie diejenige von der Alex Ross spricht. Man ist faul oder nachlässig, wenn man die musikalische Vielfalt auf einen engen Kanon einschränkt und wenn man herrschende Strukturen blind akzeptiert, ohne sich kritisch damit auseinander zu setzen.

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