Willkommen im Musikzimmer! Dies sind die empfohlenen Inhalte, Neuerscheinungen und Veranstaltungsankündigungen.
Dolly Parton ist tot
Dolly Parton, deren Lieder Millionen berührten, ist im Alter von 80 Jahren verstorben – Mit unverwechselbarem Auftreten, enormer Willenskraft und herausragendem musikalischem Talent stieg sie aus tiefster Armut zu einer der erfolgreichsten Sängerinnen, Songwriterinnen und Unternehmerinnen der Welt auf.
Dolly Parton, die US-amerikanische Country-Ikone, Songwriterin, Entertainerin und Unternehmerin, ist am Dienstag in Nashville im Alter von 80 Jahren verstorben. Ihre aussergewöhnliche Lebensgeschichte – der sprichwörtliche Aufstieg von «rags to riches» – gepaart mit ihrer charismatischen Persönlichkeit und ihrem schöpferischen Talent machten sie zu einer Ausnahmeerscheinung der Musikgeschichte.
Der Tod wurde von ihrem Neffen Bryan Seaver in einem in den sozialen Medien veröffentlichten Video bekannt gegeben; Angaben zur Todesursache wurden zunächst nicht gemacht. (Am Mittwoch Morgen wurde bekannt, dass sie Krebs hatte.) Sorgen um ihren Gesundheitszustand waren bereits im vergangenen Jahr aufgekommen, nachdem sie eine geplante Konzertreihe in Las Vegas zunächst verschieben und schliesslich absagen musste. Nach Gerüchten stellte sie damals noch mit ihrem typischen Humor klar: «Ich bin noch nicht tot.» Im Mai dieses Jahres erklärte sie, dass Behandlungen gut angeschlagen hätten, nachdem ihr Immun- und Verdauungssystem in den vergangenen Jahren aus dem Gleichgewicht geraten war.
Dolly Parton ist in Europa erst spät ein Haushaltsname geworden. Das von ihr geschriebene Titelstück zu «9 to 5» war ein Top-Hit in den Billboard Hot 100, der offiziellen Hitparade der USA. In der Schweiz wurde es noch weitgehend ignoriert. Countrypop war nicht auf dem Spielplan von Musikredakteuren, weder beim staatlichen Radio, noch beim damals sehr neuen Radio 24.
Wenn man an Dolly Parton denkt, kommen einem zuerst ihre barocken Perücken in den Sinn und Holy Moly, wie es im Film «Strait Talk» heisst. Ihre Oberweite. Ach ja, und im Film «Steel Magnolias» sagt sie: «There’s no such thing as natural beauty». Schönheit ist gemacht, Die «public persona» ist gemacht. Erfolg ist gemacht. Willkommen in Amerika!
Zu ihrem Aussehen prägte Dolly Parton ein geflügeltes Wort: «Es ist teuer, so billig auszusehen» («It costs a lot of money to look this cheap.»)
Dolly Parton ist am 19.1.1946 in einem damals unbedeutenden Ort namens Locust Ridge, in TE, geboren. 13-jährig singt sie in der Kirche, im Radio und in der Grand Ole Opry, der grossen Country Music Radioshow aus Nashville.. 18-jährig geht sie als Songwriterin nach Nashville. 20-jährig heiratet sie den Bauunternehmer Carl Thomas Dean, mit dem sie bis zu seinem Tod im März 2025 verheiratet blieb. Er soll kein einziges Konzert seiner Ehefrau besucht haben. 21-jährig Engagement in der Porter Wagoner Show.
In den 1970er Jahre hatte sie ihre ersten Country Hits: Joshua (1971), der erste Solohit,
Coat of Many Colors (1971), das biblische und meist autobiografisch verstandene Lied. Darin singt sie über die Armut: «one is only poor / Only if they choose to be». Dann Jolene (1973), wie Bohemian Rhapsody einer der Popsongs, die generationenübergrieifend mitgesungen werden. I Will Always Love You (1974), ihr Abschiedssong für Porter Wagoner, der von Whitney Houston in den 1980er Jahren vergoldet worden ist. Islands in the Stream (1983) (ein Duett mit Kenny Rogers) – 9 W in den CH-Top-Ten und bis auf Platz 2 aufgestiegen – der erste Hit von ihr, an den ich mich erinnern kann, neben «9 to 5».
Dolly Parton war eine Meisterin des Melodrams. Ihre Musik wagte das grosse Gefühl und traf mitten ins Herz, falls es uns gelang, unseren gewohnten Zynismus im Zaum halten, der uns vor Gefühlen schützt. In ihren besten Momenten half sie uns, die schützende Rüstung auszuziehen, weil sie vollkommen entwaffnend wirkte – wie die Erzählerin im Song «Jolene» ihre Ohnmacht eingesteht und die Rivalin mit tränenerstickter Stimme bittet, ihre Ehe zu verschonen.
Ihre Lebensgeschichte war eine typische Aufsteiger-Biografie, wie sie Amerika liebt. Sie führte Parton «from rags to riches»: die «Rags», Lumpen, zementierte sie im Song «Coats of Many Colors», in dem die Erzählerin in Lumpen umher läuft und von den anderen Kindern ausgelacht wird und trotzdem ihre Würde behält.
Zu ihrer Jugend in Armut schrieb sie in ihrer Autobiografie: «Da wo ich aufgewachsen bin, gab es schon laufendes Wasser, wenn man bereit war, aus dem Haus hinaus zu laufen und es zu holen.»
Was sie an ihrer Aufstiegsgeschichte nicht so sehr betont: Ihre Familie hatte Kontakte zur Unterhaltungsindustrie, was es möglich machte, dass das Talent der Tochter früh entdeckt wurde und dass sie bereits als Kind auf der Bühne stand.
Der Mann mit den Kontakten war ihr Onkel Bill Owens (der Bruder ihrer Mutter), der selbst Musiker und Songwriter war. Er erkannte Dollys Talent früh, förderte sie aktiv und brachte sie in Nashville in die entscheidenden Kreise.
1980 begann Parton in Filmen zu spielen und trug meist auch Songs zu den Soundtracks bei. Jedenfalls in vier der fünf Filme, in denen sie zwischen 1980 und 1992 mitspielte, komponierte sie Musik. Der bekannteste war 9 to 5 (1980), eine herrlich anarchistische Utopie, in der drei Frauen – gespielt von Dolly Parton, Jane Fonda und Lily Tomlin –, die Gelegenheit ergreifen, gegen ihren arroganten, übergriffigen und heuchlerischen Chef zu intrigieren, ihn Schachmatt zu stellen und die Kontrolle im Büro zu übernehmen.
Der Film «Steel Magnolias» (1989) hatte keinen Soundtrack mit Dolly Parton Liedern. Von ihren Filmrollen ist es nicht die prominenteste, aber der Film bleibt als wundervoller Südstaaten-Film in meinem Herzen.
Mit ihrer fast 70-jährigen Karriere mit über 3000 Songs, dutzenden Nummer-eins-Hits und mehr als 100 Millionen verkauften Alben gehörte Dolly Parton vor ihrem Tod zu den erfolgreichsten lebenden Musikerinnen der Gegenwart. Als schrille, überspitzte Kunstfigur wurde sie zur Ikone weit über das Country-Genre hinaus bis in die LGBTQ-Szene – faszinierend durch die ständige Spannung zwischen greller Künstlichkeit und entwaffnender Aufrichtigkeit.
Hinter der Fassade agierte Parton als eine der klügsten Unternehmerinnen des Showgeschäfts. Ihr Vermögen von rund 650 Millionen Dollar verdankt sie nicht nur ihrer Musik – deren Verlagsrechte sie im Gegensatz zu vielen Kollegen konsequent behielt –, sondern ihrem untrüglichen Geschäftssinn in dieser Männerdomäne.
Ihr wertvollster Aktivposten war ihr 1986 gegründeter Freizeitpark Dollywood in Tennessee. Der Komplex inklusive Wasserpark und Resorts bleibt der wichtigste Wirtschaftsmotor der Region: Er sichert direkt und indirekt über 20'000 Arbeitsplätze und generiert jährlich 1,5 Milliarden Dollar für die lokale Ökonomie. Über ihre Stiftung und Programme wie die weltweite Imagination Library wurde Parton zudem zu einer der bedeutendsten Philanthropinnen der USA – geschicktes Image-Building und echter gesellschaftlicher Impact greifen dabei nahtlos ineinander.
Dass Dollywood die ländliche Kultur der Appalachen kommerziell vermarktete, barg ein Paradox. Die Autorin Sarah Smarsh hält im hervorragenden Buch «She Come by It Natural» fest, Zyniker könnten Parton vorwerfen, die Kultur der Armen zur Schau zu stellen. Der entscheidende Unterschied liege jedoch in Partons Herkunft:
«Der Unterschied bei Dollywood liegt jedoch darin, dass Parton selbst aus dieser Region stammt und dort verwurzelt bleibt. Sie macht gelegentlich Witze darüber, «white trash» zu sein – ein Begriff, den ich als weisse Person, die in ländlicher Armut aufgewachsen ist, ablehne, den sie sich jedoch aufgrund ihrer Herkunft zurückerobern darf. Der Herabwürdigung kann man entweder direkt entgegentreten oder ihre Mittel an sich reissen; beide Ansätze sind legitim, wobei Parton den zweiten bevorzugt. Um die Entmenschlichung der ländlich Armen zu bekämpfen, wurde sie reich, kehrte in ihre Heimat zurück und verwandelte [die Region der Appalachen] selbst in eine Inszenierung, bevor wohlhabende städtische Investoren dies tun konnten. Dies ähnelt ihrer Gewohnheit, einen Witz über ihre Brüste zu machen, bevor ein männlicher Talkshow-Moderator die Gelegenheit dazu erhält.»
Dolly Parton besass die seltene Gabe, Menschen über alle gesellschaftlichen und politischen Gräben hinweg zu verbinden. Die New York Times brachte diese generationen- und kulturübergreifende Zuneigung 2019 treffend auf den Punkt: «Gibt es überhaupt noch etwas, worauf wir uns alle einigen können? Ja: Auf Dolly Parton.»
Nachrufe
– Guardian / Ben Beaumont-Thomas: Dolly Parton, country star, actor and philanthropist, dies aged 80
– New York Times / Bill Friskics-Warren: Dolly Parton, Superstar Whose Songs Spoke to Millions, Dies at 80
– NZZ / Jonathan Fischer: Glitzer für die Ewigkeit: Die Country-Sängerin Dolly Parton ist gestorben. Ein Nachruf
– Andy Edwards: DOLLY PARTON RIP | 1946-2026
– Rick Beato: Remembering an American Icon: Dolly Parton (1946-2026)
– Ueli Bernays: Dolly Parton: Ein Darling für die Armen und die Reichen, die Schwarzen und die Weissen, die Republikaner und die Demokraten
Link zum Inhalt: [M]
Link zur Online Quelle: [M]