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Simon Frith [D]: Zur Ästhetik der Populären Musik / Towards An Aesthetic Of Popular Music   [PDF]

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Datum (JJJJ MM TT)
– 1992 [D]
Verlag
– PopScriptum (Berlin)
Nachweis
– PopScriptum 1/92: Begriffe und Konzepte, S. 68-88
Links
– [Quelle]
Tags
– Gattungen [Tag]
– Ästhetik [Tag]
– Wertung [Tag]
– Authentizität [Tag]
– Identität [Tag]
– Sound [Tag]

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Wissenschaften haben ein Wertproblem mit der populären Musik: Wenn sich eine Wissenschaft mit Popmusik befasst, dann ist das in der Regel die Soziologie. Ästhetische (literatur- oder musiktheoretische) Ansätze bleiben der U- oder akademischen Musik vorbehalten. Die E-Musik wird ernst genommen, weil sie gesellschaftliche Kräfte transzendiert; populäre Musik dagegen gilt als ästhetisch wertlos, weil sie von diesen determiniert ('nützlich' oder 'funktional') ist (S. 1). In diesem wichtigen theoretischen Aufsatz ist es Frith ein Anliegen, dass das soziologische Herangehen an Popmusik eine ästhetische Theorie nicht ausschliesst, sondern – ganz im Gegenteil – eine solche erst ermöglicht (S. 1). Dabei geht der Autor von der These aus, dass populäre Musik produziert wird, um verkauft zu werden (S. 3). Die Soziologie nun setzt den Verkaufserfolg mit dem musikalischen Wert gleich. Wegen welchen ästetischen Werten sich die Käufer für oder gegen eine Musik/einen Tonträger entscheiden, bleibt ausser Acht. Befragt man aber Rezipienten oder beobachtet ihre Werturteile, so zeigt sich, dass die Authentizität eine wichtige Rolle spielt: Gute Musik ist Ausdruck von etwas – einer Person, einer Idee, eines Gefühls, eines gemeinsamen Erlebnisses, des Zeitgesistes. Schlechte Musik istunauthentisch – sie drückt somit nichts aus. (S. 3) Diese Authentizität ist aber auch etwas, was ausserhalb der Musik liegt, in einem Autor, der Subkultur (der Strasse – meine Ergänzung). Die Rockkritik verbreitet den Mythos von der Gemeinschaft Jugendlicher und den Mythos des auteurs. Wie aber erkennt man Autentizität? Warum ist Springsteen autentischer als Duran Duran?
Die alternative Annäherung von Frith an die populäre Musik geht nicht mehr von der Frage aus, was diese Musik über die Leute (Autoren, Szenen) offenbart, sondern wie sie diese konstruiert (S.4). Man kann sich das am Beispiel von Frauenmusik oder Musik von Schwarzen veranschaulichen: Diese versucht das Frau- oder Schwarz-Sein zu definieren – als Vorstellung und Lebensform. Im Unterschied zu anderen Kunstformen kann Musik diese Konstrukte fühlbar machen.
Musik hat für Frith mindestens vier soziale Funktionen zu erfüllen: Sie beantwortet die Frage nach der Identität (wer bin ich in der Gesellschaft?), sie stellt zweitens eine Beziehung zwischen öffentlichem und privatem Gefühlsleben her (ein Lied, das um Liebe wirbt, macht keiner Frau den Hof für den Hörer, aber es lässt seine Gefühle reicher und überzeugender scheinen – es ist als ob wir uns selbst über die Musik kennen lernen). Drittens organisiert die Musik den Zeitsinn (Musik hat eine Form, die sich in der Zeit offenbart, und sie zeigt uns, was Jugend und Jugendlichkeit ist.) des Hörers und ist viertens etwas, das man in Besitz nimmt. Gute Musik bietet ein Erlebnis in mindestens einer dieser vier Dimensionen.
Die vier sozialen Funktionen von Musik gelten auch für E-Musik. Und so fragt Frith noch nach den der Ästetik der populären Musik. Hier referiert er zunächst Andrew Chester, der geschrieben hat, dass Pop in seiner musikalischen Konstruktion komplex intensional und nicht wie E-Musik extensional sei. Statt Tonalität, Kontrapunkt, Harmonie und Variation sind Melodik, Modulation und Inflexion des Beats wichtig. (Heute würde man vielleicht eher sagen: Statt um Tonalität geht es in der Populären Musik um Sound – meine Ergänzung). Wichtig ist im 20. Jahrhundert auch die Stimme. Es ist eine Tatsache, dass die grössten Popstars stets Sänger/-innen waren. Interessant ist die Idee, dass sich die populäre Musik für eine (soziale) Genreanalyse anbietet: Verschiedene Genres konstruieren verschiedene Identitäten und Arten, Emotionen zu artikulieren (Cockrock und Teenpop dienen als Beispiel, über die der Autor bereits gearbeitet und veröffentlicht hat). So lässt sich populäre Musik je nach dem klassieren, ob sie sich vor allem als Kunst, Gemeinschaftserlebnis oder Emotion verkauft.

Der Link geht auf die deutsche Übersetzung des original englischen Aufsatzes, aus der auch die verwendeten Zitate in der Zusammenfassung stammen.

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Formel: Autor: «Titel». Nachweis Ort, Verlag.