Print-Factsheet: Friederich Nietzsche: «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» (Sachbuch)

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Friederich Nietzsche   :


Friederich Nietzsche [D]: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik

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Datum (JJJJ MM TT)
– 1872 [D]
Verlag
– E.W. Fritzsch (Leipzig)
Nachweis
– Projekt Gutenberg, http://www.gutenberg.org/ebooks/7206 (PDF), 2005
Links
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Tags
– Ästhetik [Tag]
– Kulturtheorie [Tag]
– Philosophie [Tag]

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Nietzsche schrieb mit seinem Buch Die Geburt der Tragödie eine Fundamentalästhetik. Als Philologe geht es ihm um die Korrektur des Bildes der Griechen, die sich die Neuzeit von der Renaissance bis zu den Klassikern (Goethe und Schiller) gemacht haben. Diese fassten die klassischen Griechen im Kontrast zum europäischen Mittelalter auf, nach dem Schema: Mittelalter dunkel und kulturlos, Griechen hell und mit Sinn für Schönes. Nietzsche hält dagegen, dass die Griechen in ständige Kriege verwickelt und in ein schweres und als tragisch empfundenes Leben verstrickt gewesen seien. Sie erfinden Wissenschaft und Tragödie nicht wegen ihrem Sinn für Schönes und einer aussergewöhnlichen Kultiviertheit, sondern als Daseinsbewältigung. Die hellenische Kultur ist ein Sublimat. Die alten Griechen hätten gelitten, darum haben sie uns so viel Schönes und Erhabenes hinterlassen!
Nietzsche korrigiert etwas am Schluss vom Kontext auf das Werk. Die Tradition vor ihm zog einen direkten Rückschluss von den schönen Werken auf die Anlage der «Volksseele». Das ist wie wenn wir eine Person kennenlernen, die uns ihre wunderschön eingerichtete Wohnung zeigt und wir annehmen, dass diese Person diesen Sinn für Schönes hat, dass sie begabt für das Schöne ist, dass sie eine Veranlagung für das Ästhetische hat. Nietzsche stellt dieser Art des Schliessens eine andere entgegen: Unsere Person mit der schönen Wohnung hat diese, um ihr Dasein erträglich zu gestalten. Im Grunde nämlich sei dieses Dasein ein Tragisches. Das Leiden steht an der Wurzel des Schönen. Dabei stellt er sich das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung bereits ähnlich vor wie später Sigmund Freud, nämlich als ausgleichender Haushalt zweier Kräfte: Bei Freud heissen die beiden Grundkräfte «Es» und «Über-Ich», bei Nietzsche heissen sie das «Dionysische» und das «Apollinische». Die dionysische Kraft drängt aus den Tiefen des Daseins an die Oberfläche. Die apollinische Kraft der Illusion und des Scheins legt sich als Schleier darüber. «Dabei darf von jenem Fundament aller Existenz, von dem dionysischen Untergrund der Welt, genau nur so viel dem menschlichen Individuum ins Bewusstsein treten, als von jener apollinischen Verklärungskraft wieder überwunden werden kann, so dass diese beiden Kunsttriebe in strenger wechselseitiger Proportion, nach dem Gesetz ewiger Gerechtigkeit, zu entfalten genötigt sind» (siehe: Die Geburt der Tragödie, Kapitel 25). Mit Nietzsche und Freud schliesst man nicht aus der Erscheinung eines Werks auf einen Trieb zurück, sondern auf eine dualistische Psycho- oder Kulturdynamik.
Diese Dynamik ist der Widerstreit zweier Prinzipien oder kultureller Grundkräfte: das Dionysische und das Apollinische. Das erste ist ein rauschhaftes, musikalisches Prinzip, das zweite ein traumhaftes und wissenschaftliches. Das Apollinische zielt auf eine Illusion, die Illusion der Ordnung und des Wohlgefallens, das Dionysische auf die Erfahrung einer ursprünglichen Verbundenheit zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur. Kunst und Kultur sind das Resultat beider Kräfte. Bedeutsame und grosse Kunstwerke schöpfen aus dem tiefen Grund des Daseins und müssen folglich um so mehr apollinische Ordnung enthalten.

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