Liste / List: Musikzimmer: Popquizshow 15 (Kuratierte Liste)

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Musikzimmer: Popquizshow 15

Titelbild von «Musikzimmer: Popquizshow 15»Ich habe übers Jahr sporadisch wunderbare Songs und Tracks zusammengestellt. Alls es 50 waren, gab es kein Thema, keine Blöcke und ich hatte (noch) nichts dazu zu sagen. «Mixtape» drängte sich als Titel auf. Mit Liebe zusammengestellte Tracks, wie früher. Ich begann in den Erinnerungen zu wühlen und im Archiv Tapes auszugraben. Ich habe sie angehört. Mit dem Resultat, dass ich nostalgisch wurde. Die heutigen Playlisten in iTunes oder Spotify sind staksige, lieblose Anreihungen von Songs. Ich habe früher Stunden damit verbracht, Tracks auszuwählen – das ist zwar auch bei iTunes oder Spotify noch der Fall. Dann aber habe ich weitere Stunden damit verbracht, die Tracks abzumischen. Ich hatte sekundengenaue Regiepläne gemacht: Wann ist ein Track aus-, der andere einzublenden? Mit welcher Geschwindigkeit ist er abzufahren. Es kamen Effekte dazu, Geräusche habe ich eingespielt, Atmosphäre oder Stimmen aus dem Radio, Skipgeräusche und so Zeugs. Mixtapes waren richtig aufwändig. Und das Resultat: «Wow!» Ich hab Mixtapes von mir wieder angehört – sie waren besser als alles, was ich je auf iTunes zusammengestellt habe.

Unter dem Titel: «Poesie und Mixtape» spielte ich bei meinem fünfzehnten Musikraten in der Bar Rossi meine Playliste, las Blüten aus den Lyrics der Stücke vor und erzählte einiges über die guten alten Mixtapes.
1
Titel wie «Here we go again» oder «Hey Boy, hey Girl, superstar DJs, here we go ...» sind typische Anfänge für ein Mixtape. Die Frage «Mit welchem Stück beginne ich mein Mixtape?» ist eine gewichtige. Mixtapes verführen zum Denken in Alternativen. Man muss lernen, rechtzeitig eine von ihnen zu wählen, sonst entsteht das Mixtape nie und es bleibt nur beim Vorsatz, eines aufzunehmen.
Die falsche Wahl führt beim Medium Cassette aber auch zum Fiasko. Wenn man nach ein paar Tracks merkt, dass der Anfang nicht stimmt, muss man alles noch einmal neu aufnehmen. Reparieren ist fast nicht möglich.
2: halb autobiografischer halb erfundener Brief aus den frühen 80ern
Dear Milena

Thank you so so much for your wonderful mixtape. I can’t stop listen to it. Especially the tracks by the Velvet Underground are haunting, enchanting, breathtaking. Never heard anything like it. Must have listen to these tracks a hundred times during the last two weeks and to the integral tape about 50 times. I always wanted to hear the Velvet Underground. No radio station played it when I was listening and no record shop in Zurich has any of their albums. If only I would live in England. You’re so lucky, my dear.
How can I top your wonderful tape? I tried my best. Hope you will like it. It’s perfect music for Mondays. Actually, every not-yet-Friday will do for a listen. Like always I tried to combine tracks you might know and tracks I bet you don’t know. Let’s see.
My thoughts about some of the tracks are written on the sleeve – as always.

Love Christian
Please write again soon. And keep sending tapes!
3
In meinem Leben haben Mixtapes und Playlisten immer eine wichtige Rolle gespielt. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Musik zu suchen, auszuwählen und zusammenzustellen. Ich habe in den 80er Jahren vermutlich zwischen 50 und 100 Mixtapes für Freundinnen und Freunde aufgenommen. Einige Tapes kamen bis nach Neuseeland, Holland oder England. Ein paar von ihnen landeten natürlich längst im Abfall.
Gewissermassen sind die Playlisten für das Musikraten etwas ähnliches wie diese früheren Mixtapes. Aber jede Medienrevolution leitet den Drang zum Mixtape in eine neue Richtung. Die konkrete Praktiken verwandeln sich teils geringfügig, teils erheblich mit jedem neuen Medium: Das Grundinteresse aber bleibt: Pathetisch ausgedrückt: die Liebe zur Musik. Aber auch: das Bedürfnis gehört zu werden, verwandte Seelen zu finden, die zu den selben musikalischen Schwingungen in Resonanz geraten.
4
Mixtapes werden in der Regel als Momentaufnahme zusammengestellt. Ihre Titel beinhalten Jahreszeiten, Wochentage, Monate, Tageszeiten usw. Beispiele: «A Night Out», «Dream Mix», «Morning Train Songs» «Spring Moods» usw. Der Macher oder die Macherin zeigt damit an, dass sie oder er sich etwas bei der Zusammenstellung überlegt hat. Die Empfängerin oder der Empfänger weiss dadurch auch, dass auf den «Summer Mix» möglicherweise ein «The Colors of Autumn Mix» folgt und ein «Lost in the November Fog».
Aber eigentlich hat ein Mixtape nur eine Botschaft: Hör dir das an, das ist sooooo grossartig!
Der ideale Rezipient, die ideale Rezipientin hat wenig Ahnung von Musik bzw. ist hoch beeinflussbar. Von ihr oder ihm kommt Bewunderung zurück.
Der typische Mix-Tape-Macher mit seinem ständigen «Hör dir dies an, hör dir das an» kann einem mächtig auf den Wecker gehen – die Figur von Barry gespielt von Jack Black in High Fidelity.
5
Tonbandmaschinen sind ein Produkt der Nazis, damit Hitler seine Radioansprachen in den verschiedenen Landessendern bequem aus Berlin auf Band sprechen konnte. Bandkopien wurden dann an die Landesssender verteilt und eine Rede konnte so zur selben Zeit in ganz Deutschland ausgestrahlt werden.
Tonbandgeräte (mit Spulen) kamen in den 50er Jahren auf den Markt. Die billigeren und einfacher zu handhabenden Kassettengeräte konnten ab 1963 gekauft werden. Sie brachten zwei neue Dimensionen in die Welt:
1. Man konnte Musik nun privat speichern, ohne sie zu kaufen, man könnte sie itschneiden am Radio oder beim Live-Konzert (was natürlich verboten war aber trotzdem getan wurde – zum Glück, weil wir heute wertvolle Dokumente besitzen, die wir sonst nicht hätten).
2. Man konnte Musik nun in eine eigene Reihenfolge bringen, den eigenen Mix machen und die Tracks nach Belieben anordnen. Man wurde so die Regisseurin / der Regisseur des eigenen Lebens. Das war Kontrolle und Macht. Kontrolle im eigenen Leben, darüber was läuft und nicht läuft, Macht über die Experten, die einem zu oft die falsche Musik vorsetzten.
Diejenigen, die einen Teil ihrer Macht verloren hatten, haben uns später kriminalisiert: «Home Taping is Killing Music» sprachen sie. Der allerblödeste Spruch war dann später: «You wouldn’t steel a car». Ich dachte mir: Und ob ich würde, wenn es so einfach wäre wie eine CD kopieren.
6
Lavinia Greenlaw schreibt in einem Beitrag mit dem Titel The Joy of Mixtapes auf der BBC Webseite: «The mixtape is a unique meeting-point between two people – like a letter or a dance. It remains the best way to let music have your feelings for you.» Sind Mixtape also ein Surrogat, ein Ersatzmittel?
7
Was passiert mit den Tapes die man jemandem aufgenommen hat?
Nick Hornby, der sich darauf versteht, lässt Rob, den einen Angestellten im Schallplattenladen, lakonisch erzählen: «Meine Wohnung ist voll von Tapes, die Dick mir gemacht hat, die meisten habe ich mir nie angehört.»
8
Ein Zitat von Matias Viegener aus dem Mix-Tape Buch, das Thurston Moore (Sonic Youth) herausgab: «Mix-Tapes sind eine Form amerikanischer Folklore: Vorverdaute kulturelle Artefakte in Kombination mit handgestrickter Technik und einem Filzstift machen das Mix-Tape zu einer Flaschenpost. [Und diese sagt:] Ich bin kein bloßer Konsument der Popkultur, sondern ein Produzent von Mix-Tapes.».
Heute nennt man das «Prosumerism». Produzent und Konsument zugleich sein.
9
Zitat aus High Fidelity von Nick Hornby: «Ich verbrachte Stunden damit, die Kassette zusammenzustellen. Ein Tape zu machen, ist für mich wie einen Brief zu schreiben – da gibt es jede Menge auszuradieren, neu zu überdenken und von vorne anzufangen, und ich wollte, daß es ein gutes würde, weil … um ehrlich zu sein, weil ich, seit ich mit dem Plattenauflegen begonnen hatte, niemanden kennengelernt hatte, der so vielversprechend wie Laura war, und vielversprechende Frauen kennenzulernen, war mit ein Grund, DJ zu werden. Ein gutes Compilation-Tape aufzunehmen ist – wie Schluß machen – ein hartes Stück Arbeit. Man muß mit einer Klassenummer anfangen, um das Interesse wachzuhalten (Ich begann mit »Got To Get You Off My Mind«, aber mir wurde dann klar, daß sie möglicherweise über Stück eins, Seite eins nicht hinauskommt, wenn ich ihr direkt das gebe, was sie will, folglich versteckte ich es Mitte der zweiten Seite), dann muß man noch eine Klasse besser werden, oder eine Klasse runtergehen, man kann weiße Musik nicht mit schwarzer kombinieren, es sei denn, die weiße Musik klingt wie schwarze Musik, man kann nicht zwei Nummern desselben Künstlers hintereinander bringen, es sei denn, man macht alles paarweise, und … ach, es gibt da jede Menge Regeln.“
10
Mixtapes aufzunehmen war ein aktiver Teil des Werbeverhalten des Musik-liebenden Mannes – so zum Beispiel in High Fidelity, um nicht von mir zu reden ;-)
Die Hauptfigur, Bob, muss lernen, wenn er einer Frau ein Mixtape aufnimmt, dass es dabei nicht um seinen elaborierten Geschmack geht, sondern um das, was der Frau, Laura, gefällt. Das scheint er am Ende des Films zu checken. High Fidelity ist, so gesehen, ein Entwicklungsroman.

Quelle: Christian Schorno, Playliste des Musikratens in der Bar Rossi, Zürich, 5. Februar 2018

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