Take Me To The Water

Take Me To The River, Take Me To The Water, To Be Baptized ist ein Gemeinplatz (Topos) der Modernen Musik. Er kommt in vielen bekannten Songs zum Beispiel von Nina Simone, Al Green oder den Talking Heads vor – also nicht nur im Gospel oder Soul.

Dust-To-Digital ist ein Label aus Atlanta, das darauf spezialisiert ist, Aufnahmen aus der frühen Zeit der Schallplatten neu aufzulegen. Solche für die Populäre Musik verhältnismässig alte Musik kam zwischen den Nuller- und den Vierziger-Jahren des 20. Jahrhunderts auf Edison-Zylindern und alten Schellack-Platten heraus; manchmal ist sie auf Tonband aufgenommen worden und blieb so erhalten. Bei der Musik dieser CD handelt es sich um afroamerikanische Musik und Americana. Musik aus diesen Sparten wurde erst ab den Zwanziger-Jahren aufgenommen, die Stücke auf der CD zwischen 1924 und 1940. Take Me To The Water: Immersion Baptism In Vintage Music And Photography 1890-1950 kommt als Buch in etwa doppelter Postkartengrösse daher und enthält eine CD, die im hinteren Buchdeckel eingepackt ist. Das Buch ist ein Fotoband, mit Fotos von Taufszenen aus der Sammlung von Jim Linderman.

Immersion Babtism, Wassertaufe, ist die von verschiedenen christlichen Gemeinschaften bis heute praktizierte Taufe im Fluss, bei der die getaufte Person ins Wasser getaucht wird. Die an der schriftlichen Überlieferung hängenden Theologen unserer Zeit streiten natürlich über die Rechtmässigkeit dieses Rituals (siehe zum beispiel Wikipedia (en)), da die Bibel sich über den genauen Ablauf des Rituals nicht äussert, nicht darüber, ob der Priester dem Täufling das Wasser ins Gesicht spritzt, es ihm über den Kopf leert oder ob er ihm im Wasser stehend wie zum Tanz den Arm um die Lenden legt, worauf sich die zu taufende Person nach hinten ins Wasser fallen lässt bis der letzte Teil des Körpers, das Gesicht, unter der Oberfläche verschwindet.

Nachgestellt wurde eine solche Taufe wie viele für die frühe afroamerikanische Musik wesentlichen Gemeinplätze im Cohen Brothers Film O Brother, Where Art Thou?.

Das betörende Stück Musik kommt von Alison Krauss. Zur Wassertaufe wurde, besonders in den afroamerikanischen Communities wunderschön gesungen. Aus diesen Gesängen entstand Jahre später die Soulmusik, die bis heute ein wesentliches Segment der modernen Musik bildet.

Die Stücke auf Take Me To The Water: Immersion Baptism In Vintage Music And Photography 1890-1950 sind stilistisch bemerkenswert vielfältig: frühe Countrymusik, die ja damals noch viele Elemente aus dem Blues und dem Gospel enthielt (beispielsweise Tracks 11, 17 oder 24), sind genauso enthalten, wie Westernswing-Nummern (15, 20), Folk-Balladen (4, 9) oder Countryblues (22). Der Rest besteht aus Predigten und Gospelgesängen, wobei die Predigten natürlich interaktiv mit der Gemeinde praktiziert sind und jederzeit in Musik übergehen als wäre die Musik ihr eigentliches Element.

Mir kommt zum Thema «Wassertaufe» die Erzählung in den Sinn, die am Anfang des Films Hélas, pour moi von Jean-Luc Godard aus dem Off erzählt wird. Sie geht so: Als der Vater meines Vaters eine schwierige Aufgabe zu erfüllen hatte, ging er an einen bestimmten Ort im Wald, entzündete ein Feuer, und versank in ein inniges Gebet. Was er zu erfüllen hatte, wurde erfüllt. Als dann der Vater meines Vaters vor der selben Aufgabe stand, ging er zur selben Stelle im Wald und sprach: «Wir wissen zwar nicht mehr, wie man ein Feuer entzündet, aber wir kennen das Gebet noch genau» und was er zu erfüllen hatte, wurde erfüllt. Mein Vater ging seinerseits in den Wald und sprach: «Wir wissen nicht mehr, wie man ein Feuer entzündet, wir kennen auch das Geheimnis des Gebets nicht mehr, aber wir kennen noch genau den Ort im Wald, wo es geschah, und das muss genügen». Und es genügte. Als ich schliesslich vor dieser Aufgabe stand, blieb ich zu Hause und sprach: «Wir wissen kein Feuer mehr zu entzünden, wir kennen die Gebete nicht mehr, nicht mal mehr die Stelle im Wald. Aber wir können die Geschichte noch erzählen.» Take Me To The Water: Immersion Baptism In Vintage Music And Photography 1890-1950 trägt Zeugnisse zu einer Taufpraxis zusammen, Tondokumente der sie begleitenden Musik und Musikstücke, in denen die Wassertaufe thematisch im Zentrum steht. (O Brother, Where Art Thou? dagegen ist eine stark ironische Version der selben Geschichte).

Wir leben dank unseren Aufzeichnungs- und Speichermedien in einer fundamental anderen Zeit als die Autoren der Bibel: Mit CDs und Büchern wie diesen können wir den auf uns folgenden Generationen ein vollständigeres Bild der Taufe in afroamerikanischen Kreisen im Anfang des 20. Jahrhunderts geben: Wir haben Filmmaterial, Ton- und Bilddokumente. So bleiben der Nachwelt die gelehrten Dispute über die genaue Art des Rituals vielleicht erspart. (Allerdings bin ich überzeugt, sie werden vortrefflich über andere Dinge streiten können.)

CD und Buch sind ein grosses sinnliches Vergnügen. Diejenigen unter Ihnen, die aufgrund des Alters der Musik am Hörvergnügen zweifeln, seien mit dem Denomination Blues, Pt. 1 von Washington Phillips verlockt:

Das Instrument, das Phillips spielt ist eine Zither. Wunderschön, nicht wahr? Oder um mit den Cohen Brothers zu sprechen: «Come on in Boys, the water is fine!»

Garagerock- und Postpunk-Revival anders gedacht

In der (Alternative-)Rock-Musik gibt es in den Noughties, den Nullerjahren, zwei Retro- oder Revival-Megatrends: Garagerock-Revival und Postpunk-Revival. Beide trugen zum Beispiel dazu bei, dass Alternativerock wieder von grossstädtischen Hipsters gehört wurde, wo diese ein paar Jahre zuvor noch in der elektronischen Tanz- und Listening-Musik «immerdiert» waren (es gibt dieses Wort natürlich nicht, es müsste es geben, weil ich «völlig in etwas eingetaucht-sein» sagen will). Man lebte in einer Clubkultur und in den Clubs lief in den 90er Jahren ausschliesslich elektronische Musik.

Vielfach werden die beiden Revival-Megatrends als Retro-Phänomen wahrgenommen, als konservativer Backlash einer neuen Generation, die nur noch mit den Ideen hausierten, die Ihre Eltern haben mochten als sie noch jung waren, anstatt etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

Doch vielleicht kann man das anders denken: Es gab eine Sehnsucht nach Leuten, die ein Instrument spielen, statt wie die DJs nur an ein paar Knöpfen drehen (und dazu manchmal mit ihren Gesten Zauberlehrling-gleich vorgaben, sie kontrollieren Musik und tanzende Masse zugleich). Vielleicht waren die beiden Revivalgenres mehr ein Neuanfang als eine Wiedergeburt.

Vielleicht ist die Namensgebung für diese Genres missglückt. Vielleicht ist die Namensgebung mehr an den radikal neuen medialen Bedingungen orientiert als and er Beschreibung der Musik! Ich meine, dass «Revival» ja die Tatsache bezeichnen könnte, dass jetzt Archive da waren (damals noch private Archive, die im Rahmen von Mailinglisten und Filesharing gewachsen sind), in deren Kraftfeld die neue Musik entstanden ist. Wenn das nämlich so wäre, dann wären die neuen Genres keine Rückwärts-Wendungen, wie es Rückwärtswendungen früher gab, von Leuten in Szene gesetzt, die der Überzeugung waren, dass die früheren Zeiten und ihre Musik besser waren als die Gegenwart und die Gegenwartsmusik. Aus solcher Nostalgie kamen Rockabilly-, Ska-, Mod- und frühere Garagerock-Revivals zustande.

Man müsste diese Hypothese untersuchen, man müsste in Bandinterviews, bei Auftritten schauen, ob da Nostalgie als Motiv genannt wird, ob Inszenierungen vorliegen, die als nostalgisch bezeichnet werden müssen usw.

Retro v. Revival am Beispiel von Maria Minerva

Maria Minerva (feat. Chase Royal): Fire

Maria Minerva ist in Talinn (Estland) als Tochter von Mart Juur, einem Komiker, aufgewachsen. Seit einiger Zeit lebt sie in London und besucht die Goldsmiths University of London. Musikalisch gehört sie in die Lo-Fi-Electronica-Ecke; ihr Hypnagogicpop arbeitet sich an einer erträumten Discomusik ab. In der August-Ausgabe von The Wire erschien unter dem Titel Divine Styler ein zweiseitiger Artikel über Minerva, der einen Hinweis auf die Wahl ihres Künstlernamens Minerva gibt: Hegel, der deutsche Philosoph, hat die berühmten Zeilen geschrieben: Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. Das heisst: Weisheit, Klugheit und Philosophie kommen immer nach dem Fest und können es nicht noch einmal aufleben lassen. Sie können es nur noch feststellen, reflektieren, erkennen. So funktioniert die Retromusik von heute: Sie will sich nur noch auf das, was früher war, beziehen, sie kann es nicht wiederbeleben. Jeder Anspruch von Retro an Revival ist müssig.

Maria Minerva ist einer der Vorzeigeacts im Hypnagogipop-Genre. Ihre Musik erschien bisher auf den Lo-Fi-Labeln «Not Not Fun» und «100% Silk».

Der Track Fire ist mit der Stimme des Rappers Chase Royal entstanden, der einen interessanten Kontrast zum Reverb-reichen Sound hinein bringt.

siehe:
News Item auf Musikzimmer
Not Not Fun Label

gepostet 03.09.2012 (Google+)

Retromania Picks: Damon Albarn

Damon Albarn (Blur, Gorillaz) benutzt in verschiedenen Zusammenhängen und Bandprojekten eine ähnlich aus-Alt-mach-Neu Metaphorik: Die Müllhalde (die archivierte Geschichte), aus der Elemente neu kombiniert werden und so eine neue Welt (ein neues Werk) ergeben.

Im Magazin Artikel von Jean-Martin Büttner über Albarn „Der elastische Engländer“ (Magazin Nr. 20 (2012), S. 26-31) steht, wie Albarn die Abfallhalde der Hauptstadt von Mali, Bamako, beeindruckt hat: «Er sah Frauen und Kinder, die bei sengender Hitze nach Verwertbarem suchten. Das eingesammelte wurde weitergegeben, sortiert, geputzt, geflickt, neu zusammengesetzt, zum Laufen gebracht und am Strassenrand weiterverkauft: als Werkzeug, als Computer, als Motor. Der Musiker war von dieser Rückverwandlung so beeindruckt, dass er heute noch davon redet. Sieht er darin eine Metapher für sein eigenes Vorgehen? „Das hat etwas. Obwohl es bei mir möglicherweise umgekehrt funktioniert. ich fördere Schätze aus meiner Mine und verwandle sie in Abfall.“» In Mali nahm Albarn Alben auf wie die folgenden:

«Mali Music» (2002)

«Rocket Juice And The Moon» (2012)

Das Gorillaz-Album «Plastic Beach» (2010) erzählt die Geschichte der Band (die bekanntlich aus Comics-Figuren besteht), die in einem künstlich geschaffenen Headquarter auf See lebt, einer Insel gemacht aus dem Abfall der Industriestaaten und aus schwimmendem Plastik, der für die Weltmeere eine zunehmende Bedrohung darstellt.

gepostet: 01.06.2012 (Google+)

Retrofuturistisches Material

Retrofuturistischer Stoff

  1. Science Fiction der Vergangenheit (schon recht intensiv durchdekliniert)
  2. Avantgarden des 20. Jahrhunderts (siehe Cankun-Video unten, das mit einem der futuristischen Manifeste arbeitet)
  3. Utopien früherer Zeiten (z.B. Francis Bacon (1624): The New Atlantis, der in sonologischen Kreisen berühmte Para 72)
  4. Visionen (wie z.B. die Apokalypse)

Was haben diese Stoffe gemeinsam?
Es handelt sich um nicht wahr gewordene oder nicht auf die beschriebene Art wahr gewordene Projektionen in die Zukunft und heutige Gegenwart). Es entsteht eine Differenz, die produktiv exploriert werden kann. Wenn man sich die Projektion in die Zukunft und die Gegenwart je als Klarsichtfolie vorstellt, die man übereinanderlegt, entsteht ein auf interessante Weise unscharfes Bild.

gepostet: 12.05.2012 (Google+)

Retromania und «Kulturelles Gedächtnis»

Im Zusammenhang mit den Archiven und der Verfügbarkeit von Musik muss der Begriff des kulturellen Gedächtnisses (Jan Assmann und Aleida Assmann) fallen: Assmanns kulturelles Gedächtnis ist ein «Sammelbegriff für den jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten […], in deren >Pflege< sie ihr Selbstbild stabilisiert und vermittelt. ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Einheit und Eigenart stützt» (siehe: forum-interkultur.net)

Wieder muss man Musik hinzudenken (Warum wird sie von der Literaturwissenschaft so oft vergessen oder ausgegrenzt?)

Internet-Archive wie Youtube, Ubuweb, die National Jukebox der Library of Congress, das Cultural Equity Archiv mit den Aufnahmen von Alan Lomax oder John Peels Record Archive bei The Space) usw. bieten diesen Bestand von Wieder-Gebrauchstexten, von dem Assman spricht. So sind diese Archive ein Stück gelebte Kultur und Quell der gesellschaftlicher Selbstbeschreibung und Identität.

gepostet: 05.05.2012 (Google+)