Suede

comingup

Albumcover „Coming Up“ (1996)

Am 6. März 1993 erreichte die Single „Animal Nitrate“, der britischen Rockband Suede Platz 7 der UK-Charts1. Dieses historische Ereignis wird retrospektiv als oft als Initialzündung der Britpop-Bewegung zelebriert, man attestiert der Band die Wiedereinsetzung althergebrachter britischer Pop-Traditionen wie „mystique and the three-minute single“.2

Britpop war eine heterogene Bewegung, ein Überbegriff für Bands, deren Musik sich häufig auf keinen gemeinsamen Nenner bringen lässt. Britpop ist kein Terminus, der eine Art von Musik bezeichnet: Er bezeichnet eine Ära und die Bestrebung vieler Bands, britische Rockmusik wieder in einen sozial-politischen Kontext einzubinden.3 Innerhalb dieser Bewegung gehörten Suede zu den weniger politischen Akteuren. Ihre schwarze Romantik, die grotesken, an David Bowie geschulten Auftritte und Videos, die theatralischen Gesten von Leadsänger Brett Anderson: Sie sind das l’art pour l’art gegenüber dem politischen Einfluss der beiden Schlüsselbands der Bewegung, Blur und Oasis.4

Sucht man nach Referenzpunkten, an denen sich die Band Suede bis heute orientiert, stösst man auf die britischen Gitarrenbands der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre (Smiths, Stone Roses) und auf die Grössen des Glamrock der Siebziger (David Bowie, Roxy Music) – und man stösst auf T.Rex.5 Erwiesenermassen haben Suede für ihre drittes Album „Coming Up“ (1996), das leichter, besser gelaunt daherkam, als die Vorgänger „Suede“ (1993) und „Dog Man Star“ (1994), die Werke von Marc Bolan und T.Rex, insbesondere die Alben „The Slider“ (1972) und „Tanx“ (1973) genau studiert6. Dies resultierte in einer Anlehnung an Bolans „fuzztoned, bubblegum aesthetics“ 7, der vor allem im speziellen Klang der Gitarren zum Ausdruck kommt.

T.Rex – Telegram Sam, 1972:
http://www.youtube.com/watch?v=iYzAHnVcD8A

Suede – Filmstar, 1996:

Anderson bezeichnete „Coming Up“ als „Suede’s party album“8 und trifft damit ins Schwarze – oder eher ins Bunte, denn das Album ist knietief in Siebziger-Dayglo-Glam getaucht, schimmert und scheint in allen Schattierungen dieses Jahrzehnts – und ist doch mehr als eine Hommage, mehr als retromanisches Besitzergreifen vom Vergangenen: es ist das Gefühl der Neunziger – die Auflehnung, der Hedonismus, die Freiheit – im Klangkleid der Siebziger.


  1. <a href="http://www.officialcharts.com/search-results-chart/_/1993/3/6" target="_blank"http://www.officialcharts.com/search-results-chart/_/1993/3/6, abgerufen: 14.2.2014
  2. http://www.allmusic.com/artist/suede-mn0000586694/biography, abgerufen: 14.2.2014
  3. Harris, John. The Last Party. Britpop, Blair and the Demise of English Rock, Harper 2003; xxi
  4. Blurs Damon Albarn etwa wurde 1995 von der Labour Party um Tony Blair aufgeboten, um sie im Wahlkampf zu beraten; vgl. Harris 2003, xiii
  5. http://www.allmusic.com/artist/suede-mn0000586694/related
  6. Harris 2003, 316
  7. Ebd.
  8. Harris 2003, 317

Foals: Total Life Forever

Albumcover des Foals Album "Total Life Forever"Knapp zwei Jahre liegen zwischen dem Debüt „Antidotes“ und dem neuen Foals Album. In diesen Jahren wurde an ihren Konzerten viel getanzt und viel Bier verschüttet. Bei „Total live forever“ haben Foals das Tempo merklich gedrosselt. Heisst das nun Feuerzeug statt Bier?

6 Minuten und 50 Sekunden, so lange dauert „Spanish Sahara“ die Vorabsingle von „Total Live Forever“. Knapp sieben Minuten, in denen der Song gemächlich aufbaut und mit unnachgiebigen Gitarren seinen Höhepunkt erreicht. Dies ist deshalb so erwähnenswert, da Foals auf ihrem Erstling noch mit kurzen, streng getimten Songs überzeugten. Auf ihrem Nachfolger lassen sie sich mehr Freiheiten und nehmen sich dafür auch die Zeit: Ganze drei Songs durchbrechen die 6 Minuten Grenze.

Auf dem Opener „Blue Blood“ mischt sich die überraschend sanft erklingende Stimme des Frontmann Yannis Philippakis mit spährischen Gitarren. In „This Orient“ liessen sie sich vermutlich von ihren Tourpartnern „Bloc Party“ insprieren, denn dieser Song hätte genauso auf dessen Album „Weekend in the city“ erscheinen können. In “Black Gold“ zeigen sich wieder die altbekannten Foals, mit dem Hang zum Disco-Punk und der streng, mathematischen Rhythmik. Textlich wirkt das Album ernster als sein Vorgänger. “The future’s not what it used to be” ertönt es in “Black Gold”, „I know a place, where I can go when I’m low down“ in „Total life forever“.

Insgesamt entwickeln sich Foals in „Total live forever“ weiter: Die Lyrics sind tiefgründiger geworden und die Melodien eingängiger. Die Stärken des Albums sind die monumentalen, aufbauenden Songs, allen voran „Spanish Sahara“. Dennoch wird auch bei der Tour mit dem Zweitling keine Tanzfläche leer bleiben.

http://vimeo.com/22990179

Puls Films, Foals – Spanish Sahara, 28.4.2011, http://vimeo.com/22990179 (Abgerufen am 19.11.2013).

Die kommerzielle Spitze der Retromania: Es wird zum ersten Mal mehr alte Musik verkauft als neue

Nielsen Soundscan (das ist die Firma, die seit 1991 für Billboard in den USA und Kanada Verkaufsdaten erhebt) stellte für das erste Halbjahr 2012 fest, dass mehr alte als neue Musik verkauft wurde. Es wurden 76.6 Mio. „catalog records“ verkauft (das sind Alben, die vor mehr als 18 Monaten herauskamen) und 73.9 Mio. neuere Alben.

Man muss diese Zahlen allerdings mit Bedacht interpretieren, bevor man die Nostalgie als das grössere Geschäft bezeichnet als die Neuigkeiten. Adeles 21 ist – so wie hier operationalisiert wird – bereits ein altes Album und trägt mit seinen riesigen Verkaufszahlen wesentlich zum Resultat der Statistik bei.
Sodann muss man den Preiszerfall bei den Katalogreleases bedenken, der zur Verschiebung der Verhältnisse beiträgt. In den USA kostet ein Katalogrelese mittlerweile 6 Dollar, das sind sFr. 5.86 sFr.

Quelle: Hypebot (17.7.2012)