Vashti Bunyan – Just Another Diamond Day (1970)

„Die in Zitaten aufgelöste Gegenwart erzeugt eine Sehnsucht nach Originalen, wie man sie am ehesten in den verborgenen Winkeln der Popbestände zu finden glaubt. Und sei es, dass sie gar keine Musik mehr machen, sondern Kühlschränke entsorgen.“1

Vashti Bunyan um 1970

Vashti Bunyan um 1970.

Als die zierliche Vashti Bunyan im Jahr 1970 ihr Solo-Debutalbum „Just Another Diamond Day“ veröffentlichte, blieb das Werk der damals 25-jährigen Sängerin aus Newcastle beinahe komplett unbeachtet. Und die wenigen Kritiker, die sich überhaupt mit dem Album beschäftigten, machten sich über das naive Blumenmädchen mit der engelsgleichen Stimme und dessen tagträumenden „hippy dippy“-Idealismus lustig.2 „Just Another Diamond Day“ avancierte zu einem kommerziellen Reinfall, kaum hundert Platten konnten davon verkauft werden.3 Dieser Misserfolg traf Vashti Bunyan – auch in Anbetracht der überaus persönlichen Themen, die sie in ihren Songs verarbeitete – mitten ins Herz. Kurz darauf hängte sie nämlich nicht nur ihre Karriere als Musikerin an den Nagel, sondern soll angeblich, wie ein Rezensent von altmusic den Mythos um ihre Person unlängst weitersponn, noch Jahrzehnte danach nicht mehr gewagt haben, ausserhalb ihres eigenen Hauses zu singen.
Im Laufe der Jahre jedoch entwickelte sich das von Joe Boyd produzierte „Just Another Diamond Day“ zu einem regelrechten „Heiligen Gral“ für Plattensammler4, zuweilen wurden Original-LPs für bis zu 1000 Dollar versteigert.5 Als das Label Spinney Records eine bearbeitete Neuauflage des Albums auf den Markt brachte6, hatte das Werk längst Kultstatus erreicht, und wurde als Wiederentdeckung eines verlorenen Klassikers gefeiert; einem tiefgründigen Relikt flüsternd-ruhiger Folksongs aus einer ursprünglicheren Zeit,7 gar  –  auf seine eigene, einfache Art – als nahezu perfektes Werk.8 Vom grauen, hässlichen Entlein zum anmutigen Schwan: Vashti Bunyans „Just Another Diamond Day“ wurde von einem obskuren Stück nordenglischer Folkmusik zu einem „echten“ Klassiker hochstilisiert.

http://youtu.be/5WKHTW9oucA

  1. Fellmann, Christoph: Wenn der Flop der wahre Hit ist, in: Tages Anzeiger vom 4.7.2013 – http://www.tagesanzeiger.ch/ipad/kultur/Wenn-der-Flop-der-wahre-Hit-ist/23857047/print.html (1.12.2013)
  2. http://altmusic.about.com/od/top10lists/tp/Obscure-Albums-That-Became-Classics.htm (3.12.2013)
  3. Ebd.
  4. Ebd.
  5. http://pitchfork.com/reviews/albums/1135-just-another-diamond-day (3.12.2013)
  6. http://en.wikipedia.org/wiki/Just_Another_Diamond_Day (3.12.2013)
  7. http://altmusic.about.com/od/top10lists/tp/Obscure-Albums-That-Became-Classics.htm (3.12.2013)
  8. http://pitchfork.com/reviews/albums/1135-just-another-diamond-day (3.12.2013)