Wo die Erzählung der musikalischen Revolutionen nicht aufgeht

Ich vermute, dass besonders Musikgeschichten, die von Journalisten geschrieben worden sind, der Erzähl-Logik der Revolutionen folgen: Journalisten sind auf News und Innovationen aus. Ausgelassen oder in die Fussnoten verdrängt wird in dieser Version der Geschichte (récit), dass es Stile und Acts gibt, die persistieren, anhaltend erfolgreich sind. Progrock wurde durch Punk nicht vollständig vom Tisch gewischt, einige Bands und MusikerInnen adaptierten sich an die neuen Verhältnisse und machten nach einer Verjüngungskur weiter Musik (Yes, Genesis, Kate Bush, Peter Gabriel). Alle Acts, die länger leben als die fünf bis zehn Alben, die eine durchschnittliche Popmusik-Karriere ausmacht (z.B. Elvis Costello, Nick Cave) wurden schon immer etwas a-historisch, passten nur am Anfang ihrer Karriere so richtig in die Erzählung der musikalischen Revolutionen.

Eine andere Erzählung der Geschichte

Bis zum Ende der Geschichte bestanden die Erzählungen von der Geschichte der populären Musik darin, dass in regelmässiger Folge Subkulturen in den Mainstream durchbrachen und eine kleine oder grosse Revolution auslösten. Mit der Revolutionierung der Genres und Stile ging das Überholen der alten Generation einher. Es gab diejenigen, die den Schritt mit der Geschichte mitmachten, und es gab diejenigen, die stehen blieben. Diese Erzähl-Logik ist die Logik der Revolutionen.

Unsere posthistorische Zeit macht hingegen aus, dass die ganze Geschichte topologisch ausgebreitet vor uns liegt (in iTunes, Spotify oder Youtube) und dass musikalische Innovationen in besonderen Bezugnahmen (Referenzen) auf vorliegendes ungeschichtliches Material bestehen.

Wie schlägt sich wohl die veränderte Sachlage in der Erzählung (récit) der posthistorischen Geschichte (histoire) nieder? Die Logik der Revolutionen macht hier keinen Sinn mehr. Man muss die Geschichte anders erzählen.