Skeletonwitch: Serpents Unleashed (2013)

Mächtig, voller Energie knallt der erste Schlag in die Realität, gefolgt von maschinell anmutenden Gitarrenakkorden, getaktet durch das Schlagzeug. Es betont immer den 1 Schlag des 4/8 Taktes und leitet diesen dadurch ein. Dann ein Gitarrenriff, aus dem eine hauchende Stimme auftaucht. Sie treibt das Lied vorwärts und verleiht ihm durch den monoton krächzenden Sprechgesang eine unverwechselbare Note. Unmelodiös und geisterähnlich, wie aus einem Grab hervor steigend. Mit Triolen webt die Elektrogitarre die Melodie in die Komposition. Beide, Stimme und Gitarre verfolgen den gleichen Rhythmus, schaukeln sich hoch. Dann fundiert die Stimme, während die E-Gitarre zunehmend virtuoser wird und die Tonleiter hoch und runter klettert. Derweil schreitet das Schlagzeug taktgenau weiter und akzentuiert immer wieder mit den Becken.

Es ist eine neue Welt die sich da auftut: „The darker side of life“ krächzt der Leadsänger von Skeletonwitch, Chance Garnette, in das Mikrophon. Die Elektrogitarre spielt unbekümmert ihre Triolen weiter und bildet ein Gegenstück zur Stimme, nur um sich gleich wieder mit ihr zu vereinen.

In der Mitte des Stückes, nach 1 Minute und 10 Sekunden übernimmt der Bass für acht Schläge und gestaltet mit Hilfe des Schlagzeuges einen Takt, der wie ein Herzschlag anmutet. „My soul…“ sprengt plötzlich die Stimme hinein. Sie singt sich krächzend aus und verschwindet mehr und mehr bis sie verstummt. Zurück bleiben nur noch Herzschläge.

Schliesslich kehrt das Muster zurück, mächtig. In sich stimmig schmettern die Instrumente Töne, die sich zu perfekt konstruierter Musik zusammen fügen.

Erstaunlich: Solide Musik mutet da an. Was sich auf den ersten Moment wie ein Durcheinander anhört, ist in Wirklichkeit ein minutiös durchdachtes Werk. Im Interview wird es von seinem Sänger liebevoll Baby genannt.[1]

 

 


[1] Skeletonwitch: The Making of „Serpents Unleashed“ (part 2): http://www.youtube.com/watch?v=iYyn9FhHg1Y (Abgerufen 4.1.2014).

Arcade Fire – Reflektor

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=7E0fVfectDo[/youtube]

Mit „Reflektor“, dem vierten Album der kanadischen Band Arcade Fire, hat die Band ein zugängliches Doppel-Album kreiert, das ungefähr gleich viele Unterschiede wie Gemeinsamkeiten mit ihrem bisherigen Schaffen aufweist.

Eine entscheidende ungewohnte Nuance erhält das Album zunächst durch die Zusammenarbeit mit dem Produzenten James Murphy, dem Frontmann von LCD-Soundsystem, der seine Handschrift in der besonderen Rhythmik der Discobeats erkennen lässt, was einigen Tracks des Albums einen potenziellen Platz auf der Tanzfläche ermöglicht1. Eine weitere hörbare Inspiration für „Reflektor“ scheint eine Reise von Frontpaar Régine Chassagne und Win Butler nach Haiti gewesen zu sein, woher die Familie von Chassagne stammt2. Die Erfahrung mit der Musik einer anderen Kultur, führte dazu, dass sich diese exotischen Elemente auf eine ganz eigene Art und Weise in die Musik integrierten3, was beispielsweise in Awful Sound ansatzweise durch die verwendeten Trommeln zu hören ist.

Der einst opulente Auftritt der Band, der in „The Suburbs“ noch von epischen Orgel- und Bläserarrangements gekennzeichnet war, weicht nun durch diese Modifikationen treibenden elektronischen Arpeggi und Synthesizern4. Dies führt jedoch nach wie vor keineswegs dazu, dass Arcade Fire ihrer Eigenart beraubt werden.

Thematisch dreht sich das Werk um den titelgebenden Begriff „Reflektor“. Die Band erfasst in diesem Album den Geist einer Generation, in der aufgrund ihrer komplexen Umwelt der Grad zwischen Wirklichkeit und Sinnestäuschung oft verschwommen bleibt. Das Album verliert sich mit Phrasen wie „it’s just a reflection of a reflection“ in den Weiten und führt dann auf einem teils beschwerlichen Weg zurück in die Wirklichkeit und zu einem in sich geschlossenen Ende.

Grizzly Bear – «Shields: Expanded» (2013)

Ob man will oder nicht, man hat sie noch im Kopf, die Stakkato-Klaviermelodie von «Two Weeks», den Song der New Yorker Band Grizzly Bear. Und damit nahm eine bemerkenswerte Entwicklung ihren Lauf: Die nachfolgende Platte, «Veckatimest» (2009), übertrumpfte den Song um Längen; sie war vielschichtig, abwechslungsreich, durchsetzt von den unterschiedlichsten Stilelementen aus Folk, Rock, Psychedelic und Pop – ein abgerundetes Werk, in sich schlüssig und mit feinen Arrangements angereichert. Nun waren die Klänge auf «Veckatimest» nicht völlig neu, aber auch nicht altbacken, sie waren eingängig, gleichwohl verschlüsselt, mal rund, mal kantig; düster, voller Lebensfreude. Kurzum, die kluge musikalische Mischung traf den Nerv der Zeit, und die vier Jungs aus Brooklyn avancierten zu den Darlings der zeitgenössischen Musikkritiker.

Grizzly Bear – Shields (Albumcover).

Grizzly Bear – Shields (Albumcover).

Doch auf den Lorbeeren ausgeruht wird bei Grizzly Bear nicht, nein, selbst einen ausgedehnten Winterschlaf kennt die Band nicht. 2012 veröffentlichten die vier Musiker bereits ihr nächstes, insgesamt viertes Studioalbum: «Shields». Die Single «Yet Again» gab schon einmal einige Aufschlüsse über das kommende Werk: Die Scheibe würde düsterer sein als ihr Vorgänger, die Melodien weniger rund, dafür mit psychedelischer Tiefe. Vergleiche mit dem Arcade-Fire-Album «Neon Bible» liegen da auf der Hand, nur ist «Shields» weniger pompös, weniger sakral, sondern vielmehr verträumt. Als läge man irgendwo tief in einem verschneiten Nadelwald auf dem Dach einer Holzhütte und schaue sich die Sterne an. Und wenn man trotz der Kälte einige Zeit dort oben verharrt, ist plötzlich eine Sternschnuppe zu sehen. Dann noch eine. Und noch eine – bis der Nachthimmel damit über und über bedeckt ist und einem ganz warm ums Herz wird. Genauso verhält es sich nämlich auch mit «Shields»: Lasse ich mich in Ruhe auf die versonnene Musik ein, wird sie mir ans Herz wachsen. Und zwar nicht nur an grau-kalten Wintertagen.

Im letzten Herbst hat das New Yorker Quartett eine 2-CD-Ausgabe des Albums auf den Markt gebracht, «Shields: Expanded», auf das zusätzliche acht Stücke draufgepackt wurden. Darunter mit «Smothering Green» und «Listen and Wait» zwei feine Bonustracks, einige Demos von den Recording-Sessions und Remixes von Lindstrøm, Liars und Nicolas Jaar. Ob sich nun ein Kauf von «Shields: Expanded» lohnt? Je nach dem. Mit der erweiterten Version von «Shields» hält es sich so wie mit praktisch allen Deluxe-Ausgaben eines Albums: Vielleicht schön und «nice to have» für hartgesottene Fans, für Liebhaber guter Musik hingegen genügt die vorzügliche Original-Version.
Anspieltipps: «Yet Again», «The Simple Answer».

Line-Up: Christopher Bear (Schlagzeug, Perkussion, Backing Vocals, Wurlitzer, Steel-Gitarre, Synthesizer); Edward Droste (Leading und Backing Vocals); Daniel Rossen (Leading und Backing Vocals, Gitarre, Piano, Synthesizer, Cello, Bläser- und Streicherarrangements); Chris Taylor (Bass, Backing Vocals, Synthesizer, Saxophon, Klarinette, Flöte, Bläser- und Streicherarrangements)

Trackliste – Disc 1: 1. Sleeping Ute; 2. Speak in Rounds; 3. Adelma; 4. Yet Again; 5. The Hunt; 6. A Simple Answer; 7. What’s Wrong?; 8. Gun-Shy; 9. Half Gate; 10. Sun in Your Eyes
Disc 2: 1. Smothering Green; 2. Taken Down; 3. Listen and Wait; 4. Everyone I Know; 5. Will Calls; 6. Sleeping Ute (Nicolas Jaar Remix); 7. A Simple Answer (Liars Remix); 8. Gun-Shy (Lindstrøm Remix)

Laufzeit – Disc 1: 47:55 min; Disc 2: 47:19 min; Stil: Indie/Psychedelic Rock, Folkrock; Label: Warp Records

Juana Molina – Wed 21: Schräg aber schön

Juana Molina - Wed 21

Juana Molina – Wed 21

Das neue Album von Juana Molina, Wed 21, kommt gut an. Das Online-Musikmagazin Pop Matters US schrieb zum Beispiel:  „If one adjective sums up Juana Molina’s recent work, it is ‚dreamlike’… like other great popular music musicians who toe the avant-garde line—Tom Waits comes to mind, as does Radiohead—there is a vision here“.1 Das sind hohe Töne, in denen hier gesprochen wird. Doch was liegt dahinter? Um das herauszufinden gibt es nur eins: Auf den Weg durch ihr neuestes Werk!

Zuerst stellt sich die Frage: Was bedeutet eigentlich Wed 21? Ist damit Mittwoch der 21. gemeint? Tatsächlich wurde das zweite Lied, welches auch wed 21 heisst, am 21. Nov. 2011 aufgenommen. Seither habe sich der Name nicht mehr gerändert.2 Und wie klingt das Lied? Schräge Töne und schöne Melodien vermischen sich, Keys werden verzerrt, Gitarre und Hintergrundgesang in Loops versetzt und darüber schwingt Juana Molinas ruhige und sanfte Stimme, teilweise verträumt. Eingängige Rhythmen und Bassline geben der ganzen Atmosphäre eine prägnante Kontur. Mit diesen Beats und ohne Gesang könnte die Musik genauso gut einem Remake eines 8-bit Spieles aus den 80 Jahren entnommen sein, nur schöner und runder. Aber der Effekt könnte der gleiche sein: Trance-artiges mitschwingen, tanzen und geniessen (oder eben mit Ansporn und tranceartiger Musik das nächste Level spielen). Das ganze Album kommt in seiner Art sehr natürlich herüber, als wäre es ein altbekanntes, und doch überrascht es mit einer Ästhetik die nichts dem Zufall überlässt. Molina experimentiert mit neuen Sounds; es ist, als würde sie die eine Hand auf die Tasten fallen lassen und mit der anderen Effekte ausprobieren. Dabei fällt alles dorthin, wo es soll. Es klingt harmonisch, trotz Disharmonien, richtig und eingeübt, als hätte jeder Ton und jeder Effekt seinen Platz gefunden; das Ausprobieren treibt den Zufall aus den Melodien. Die Musik scheint unauffällig und dezent, und doch trommeln die Rhythmen: „Geh weiter!“

Und wo lässt sich die argentinische Singer-Songwriterin einordnen? Tendiert die Musik zu Folk oder doch zu Elektro? Aber da sind ja auch noch die Latin-Elemente. Und nicht zu vergessen die teilweise ungeraden und abgeschnittenen Rhythmen, also doch Math-Rock? „Avantgarde“ und „Vision“ erfassen es vielleicht am ehesten. Sie singt auf Spanisch, meistens jedenfalls, was bei nicht spanischsprechenden aber nicht weiter ins Gewicht fällt, denn die erschaffene Stimmung spricht für sich selbst. Und wenn sie auf Englisch singt, ist die Aussage klar: “Come, come quickly” und höre diese zauberhafte Musik. (mj)

[youtube]http://youtu.be/Cl7h3KDMJFU[/youtube]

Juana Molina: Wed 21 (2013).

 

Rezension: Death Grips – Government Plates

Das Trio Death Grips aus Sacramento, bestehend aus Rapper Stefan Burnett, Schlagzeuger Zach Hill und Produzent Andy Morin1, hat mit „Government Plates“ im November 2013 ihr drittes Studioalbum innerhalb von nur 18 Monaten veröffentlicht. Nach ihrem Debüt „The Money Store“, dem durchs Band positive Kritik beschieden war2, begann die Band ihre Musik als Skandal zu inszenieren. Es folgten Konzertabsagen, ein selbst-veröffentlichtes zweites Album mit Penis-Cover („No Love Deep Web“) trotz eines laufenden Vertrags mit dem Label Epic, der Rausschmiss bei Epic, öffentliche Gehässigkeiten gegen das Label.

deathgrips

Vielleicht mit Recht mutmasst Spin-Rezensent Grayson Currin, dass brave Death Grips inzwischen noch immer einen Vertrag bei Epic hätten, aber ihnen ständig die Kündigung drohte weil ihre Musik nicht besonders gut zu vermarkten („not especially marketable“) sei.3. Durch die Inszenierung als Skandal aber, wurde auch ihrem dritten Album Government Plates grosse Aufmerksamkeit zuteil.

Und die Musik?

„Music without a past about a present with no future“ sei es, schreibt Pitchfork-Rezensent Ian Cohen4, Musik ohne narrativen Kontext, ohne Referenzen, ohne Ideal. „Fuck your idols suck my dick“ singt die Band selbst zur Bestätigung in „Two Heavens“. Und tatsächlich fällt es schwer, die merkwürdig zerstückelten Tracks, einzuordnen. Es sind Collagen aus nervös-radikalem Rap, amorphen Klangfetzen und dissonantem Noise, die manchmal geradezu hässlich und hörerfeindlich anmuten5. Darin aber liegt auch der Reiz dieser einzigartigen neuen Musik, die sich allen Vorbildern und Genrezuweisungen bisher erfolgreich zu entziehen versucht.


MellowHigh – MellowHigh

MellowHigh - MellowHighAlbum CoverWas geschieht wenn sich Domo Genesis zu den „MellowHype“ Mitglieder Hodgy Beats und Left Brain gesellt? Es entsteht ein Hiphop-Trio namens „MellowHigh[1] und dessen gleichnamiges Album. Am 31. Oktober 2013 veröffentlichten die drei Mitglieder des OddFuture-Kollektivs[2] aus Kalifornien ihr erstes gemeinsames Projekt.

Domo berichtet in der Mitte des ersten Songs, wie unglaublich dies alles ist: „This shit is amazing, i can’t believe it. It’s like unbelievably amazing.“[3] Er gibt schliesslich an und in diesen Zeilen ist auch zu erkennen, dass das Album ohne grosse Erwartungen aufgenommen wurde.[4] Das Ergebnis ist trotz oder vielleicht gerade wegen den geringen Erwartungen gut geworden. Das nicht vorhandene Konzept von MellowHigh hätte vor wenigen Jahren noch nicht gefruchtet. Erst das durch die Jahre gestiegene Selbstbewusstsein der Interpreten und deren Erfahrungen ermöglichen es ihnen, Spontanität in ihren Werken benutzen zu können – und nicht zu „müssen“.[5] Die Zuversicht ist vor allem in der Wahl der Beats von Left Brain zu erkennen.[6] So fächert „Goon’n“ das sphärische Klangspektrum des Albums langsam auf und in „Nobody“ ertönen recht unheimliche und fast hypnotisierende Klänge. „Roofless“ ist – anders als „Air“ – weniger von der klanglichen als von der rhythmische Ebene mit Schlagwerk geprägt.

Schliesslich haben „OddFuture“ auch mit der neuen Konstellation „MellowHigh“ ihr Ziel, interessante Musik zu schaffen, erreicht. Die Interpreten treiben sich in dieser neuen Zusammenstellung gegenseitig an und bringen durch ihre Erfahrungen erschreckend vertraute, aber gute Musik hervor.[7]

(YS)


[1] Wikipedia: MellowHigh http://en.wikipedia.org/wiki/MellowHigh_(album) (Abgerufen 9. Januar 2014)

[2] Wikipedia: OddFuture http://en.wikipedia.org/wiki/Odd_Future (Abgerufen 8. Januar 2014)

[3] Kearse, Stephen: Albumreview. Mellowhigh – Mellowhigh. Respect. 12.11.2013 http://respect-mag.com/album-review-mellowhigh-mellowhigh/ (Abgerufen 8. Januar 2014)

[4] Kearse, Stephen: Albumreview. Mellowhigh – Mellowhigh. Respect. 12.11.2013 http://respect-mag.com/album-review-mellowhigh-mellowhigh/ (Abgerufen 8. Januar 2014)

[5] Kearse, Stephen: Albumreview. Mellowhigh – Mellowhigh. Respect. 12.11.2013 http://respect-mag.com/album-review-mellowhigh-mellowhigh/ (Abgerufen 8. Januar 2014)

[6] Kearse, Stephen: Albumreview. Mellowhigh – Mellowhigh. Respect. 12.11.2013 http://respect-mag.com/album-review-mellowhigh-mellowhigh/ (Abgerufen 8. Januar 2014)

Rezension: Lorde – Pure Heroine

LORDE – PURE HEROINE

Liest man ohne jegliche Vorkenntnisse den Titel des Albums und den Namen der Interpretin, würde man wohl nicht davon ausgehen, dass sich dahinter ein gerade einmal 17-jähriges Mädchen versteckt. Erklingen dann die ersten Töne des Songs „Tennis Court“ findet man noch weniger Gründe dafür anzunehmen, dass die Sängerin wirklich noch ein Mädchen ist.

Lorde, die in Neuseeland unter dem Namen Ella Yelich-O’Connor geborene Sängerin, ist wohl eine der ungewöhnlichsten Newcomerinnen des Jahres 2013. Ihre poppigen, von Elektro und Rap angehauchten Songs, die mit ihrer rauchigen, fast schon lustlos klingenden Stimme gesungen sind, erinnern direkt an Lana Del Rey, ohne dass sie deswegen ein Abklatsch wäre. Bekannt wurde sie übers Internet mit dem Song „Royals“. Ein einfacher Beat und ihre spezielle Stimme lassen dieses Lied direkt ins Ohr gehen.

Schon allein die Tatsache, dass die junge Frau alle Songs auf dem Album selbst geschrieben hat, beweist ihr großes Potenzial. Lorde will eine Botschaft vermitteln.
Achtet man auf die Texte, so offenbaren sich für ein so junges Mädchen sehr ernste gesellschaftskritische Töne.
Sie singt Lorde vor allem über die neue Pop-Generation – sich selbst eingeschlossen -, die nach Ruhm und Anerkennung strebt und deren Träume doch zu häufig zerplatzen. Doch gleichzeitig distanziert sich die Sängerin vom Mainstream und betont mehrmals, dass sie einfach nur gelangweilt sei.

„Don’t you think that it’s boring how people talk
Making smart with their words again, well I’m bored“
lauten die ersten Zeilen des Albums.

Es ist mutig von einer 17-jährigen, solche „Wahrheiten“ so unverblümt auszudrücken und dahinter zu stehen. Die nüchternen und teilweise sehr kalten Klänge des Albums werden zu Grundbausteinen für Erzählungen aus Lordes Teenagerzeit.
Sie steht musikalisch auf der gegenüberliegenden Seite von Teenstars wie Justin Bieber. So erzählt der Song „White Teeth Teens“ von Jugendlichen, die mit ihren weißen Zähnen für Perfektion in der medialen Öffentlichkeit stehen und einfach nur glatt gebügelt sind. So möchte Lorde nicht sein und das kaufen ihr ihre Fans in jeder Sekunde ab.

Dennoch ist zu vermerken, dass man in jedem Song des Albums ähnliche musikalische sowie lyrische Komponenten entdeckt. Trotz dem sehr reifen und rebellischen Unterton, welcher sich durch das gesamte Werk zieht, bleibt ein teilweise oberflächlicher und fader Nachgeschmack.

(Lh)

Rezension zum Album „Moon Landing“ von James Blunt

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Melancholie, Texte über Liebe, Schmerz und Hoffnung das ist die Musik von James Blunt. Auch sein viertes am 18. Oktober 2013 erschienenes Studioalbum „Moon Landing“ passt in eine Reihe solcher Alben über Herzschmerz und Liebe.

Der Albumtitel „ Moon Landing“ lässt auf etwas eher Exploratives hoffen, ein Vordringen in unbekannte Gebiete. Doch mehr als eine Reise in eine unbekannte Welt ist Moon Landing eher eine Reise in die eigene Vergangenheit, des Singer/Songwriters. Das Album hat viele Parallelen zu seinem Debütalbum „Back to Bedlam“. „Moon Landing“ führt zurück zu den Wurzeln von James Blunt, und zwar, wie er selber sagt, an einen Punkt, wo ihm die Musik Kraft gab, seine Emotionen auf ganz pure und aufrichtige Art auszudrücken.1

Den Titel hat er nach eigenen Angaben gewählt, weil eine Mondlandung für ihn wie die erste Liebe ist. Also so unfassbar, wenn wir es erlebt haben, gleichzeitig aber auch traurig, weil wir dieses Gefühl auf diese Art und Weise nie wieder erleben können.2

Beim Hören dieses Albums hat man das Gefühl, James Blunt möchte auch nach 17 Millionen Platten immer noch versuchen, die Menschen mit seinen Texten und seiner Musik zu berühren und zu zeigen, wie ehrlich er es meint. Der ehemalige Soldat macht Musik für die Seele.

Auch wenn auf dem ganzen Album klassische Instrumente wie Gitarre oder Klavier dominieren, wagt sich James Blunt im Lied Postcards, das durch die Klänge einer Ukulele begleitet wird, an für ihn etwas eher Experimentelles. Mit der ersten Singleauskopplung „Bonfire heart“ riskiert Blunt nicht viel. Es ist der altbekannte und bei den Fans auch schon sehr beliebte Sound.

Im Grossen und Ganzen enthält das Album wenig wirklich Neues, es ist der gewohnte gefühlvolle Sound, den wir von James Blunt kennen. Fans werden dieses Album genau deswegen lieben. (jl)

 

Omar Souleyman – Wenu Wenu

Es gibt viele Gründe, weshalb wir ab und zu unseren musikalischen Wohlfühlbereich verlassen und uns auf unbekanntes Sound-Terrain begeben sollten. Der syrische Künstler „Omar Souleyman“ reicht uns mit seinem neuen Studioalbum „Wenu Wenu“ zu diesem Schritt praktisch die Hand. Der Klang arabischer Musik, charakterisiert durch Instrumente wie die Bouzouki,1 ist in einer globalisierten Gesellschaft dank dem Distanzen und kulturellen Schranken überwindenden Internet für westliche Ohren schon längst keine musikalische Sonderbarkeit mehr.2 Dass arabische Rhythmen in Europa und Amerika sogar grossen Anklang finden, stellte das Plattenlabel „Sublime Frequencies“ bereits 2004 unter Beweis. Die „Sound-Anthropologen“ aus Seattle brachten Souleymans Tanzmusik von syrischen Hochzeitsfesten direkt auf die Bühnen und Tanzflächen der angesagtesten Clubs und Musikfestivals der Welt.3 Souleyman, so darf man also annehmen, kann richtig Stimmung machen. Ein kurzes Reinhören in „Wenu Wenu“ bestätigt diese Annahme in wenigen Takten – nicht umsonst bezeichnet Ian Maleney auf Residentadvisor Souleymans Stil als „high energy party music“.4 „High energy“ ist in der Tat ein Element, welches sich durch das ganze Album zieht. Sein Publikum bringt Souleyman mit einer geballten Mischung aus syrischem Dabke, bzw. orientalischer Reihzanz-Musik5, irakischem Choubi und türkisch-kurdischen Rythmen zum Beben,6 verstärkt, verzerrt und elektrifiziert durch Drum Machines, Keyboards und Synthesizers.7 Das energetische Spiel zwischen Tradition und Neuinterpretation ist auch für ungeübte Ohren herauszuhören. So geben beispielsweise in „Ya Yumma“ traditionelle arabische Instrumente den Ton an, zwischendurch aber lassen Synthi-Melodien den Track westlich angehaucht erklingen. Das für die arabische Musik charakteristische Element des „call-and-response“ ist besonders schön in „Nahy“ zu hören.8 Es scheint hier fast, als würde Souleyman einen rythmisch-gesanglichen Dialog mit der durch Instrumente erzeugten Melodie führen.

Wie bereits gesagt, existieren viele Gründe, die für das Erkunden neuartiger Beats und Klänge sprechen. Einer davon liefert uns der Musikjournalist von „The Quietus“, Tristan Bath. Er spricht „Wenu Wenu“ eine wichtige Rolle im Durchbrechen der westlichen Musikhegemonie zu – ein Bruch, welcher viel zur Erschaffung einer multizentrischen Welt beitragen würde.9 Wir befinden uns, so Bath, auf dem richtigen Weg.

Eine Hörprobe von „Wenu Wenu“ gibt es hier auf Youtube.

 

The Melvins – Tres Cabrones (2013)

melvins-tres-cabronesWie veröffentlicht eine Band mit 30-jähriger Geschichte und mehr als zwanzig Alben ein Debüt? Die Melvins haben mit „Tres Cabrones“,  ihrem 22. Album, dem 19. Studioalbum genau das getan. Originaldrummer Mike Dillard, extra für dieses Album zur Band zurückgekehrt, kommt nun endlich auch offiziell zu Veröffentlichungsehren, war er doch bislang nur auf Demos und Bootlegs zu hören.[1] Musikalisch gesehen enthält das Album eine gelungene und im Grunde auch logische Mischung von Musik, die so ziemlich sämtliche Facetten des Melvins-Universums abdeckt. Zum einen die frühen Sludge Elemente, welche für die Enstehung des Grunge so wichtig waren, aber auch die ausufernden, teils psychedelischen Rockparts späterer Tage und natürlich die humoristischen, fast schon avantgardistischen Momente, die immer schon integraler Bestandteil der Band waren.[2] Einzelne Songs hervorzuheben würde dem Album daher nicht wirklich gerecht werden. Pink Floyd-Paraphrasen werden aufgebrochen von Gitarrenattacken, die Black Sabbath oder Black Flag ebenso gut gestanden hätten. Jimi-Hendrix-Zitate werden verbunden mit der rohen Energie der Dead Kennedys und all dies ohne verzettelt zu wirken. Die Melvins klingen in jedem Moment vor allem nach sich selbst. Man mag darüber streiten wie hoch das Album im bandeigenen Katalog anzusiedeln ist, aber bei dieser Band spielen derartige Betrachtungen eine untergeordnete Rolle: Bei den Melvins wird nicht nur Musik konsumiert, sondern immer auch eine individualistische Geisteshaltung. Nicht grundlos reden wir hier von einer Band, bei deren blossen Erwähnung Chris Cornell und Dave Grohl heute noch stramm stehen.
(MR)

 

Quellen:
[1]http://en.wikipedia.org/wiki/Tres_Cabrones (Wikipedia Tres Cabrones, abgerufen 08.12.2013)
[2]http://www.popmatters.com/review/176210-melvins-tres-cabrones/ (Popmatters, abgerufen 08.12.2013) 
http://www.youtube.com/watch?v=AEGT0qNNKU4 (Youtube – Tres Cabrones)