Retro v. Revival am Beispiel von Maria Minerva

Maria Minerva (feat. Chase Royal): Fire

Maria Minerva ist in Talinn (Estland) als Tochter von Mart Juur, einem Komiker, aufgewachsen. Seit einiger Zeit lebt sie in London und besucht die Goldsmiths University of London. Musikalisch gehört sie in die Lo-Fi-Electronica-Ecke; ihr Hypnagogicpop arbeitet sich an einer erträumten Discomusik ab. In der August-Ausgabe von The Wire erschien unter dem Titel Divine Styler ein zweiseitiger Artikel über Minerva, der einen Hinweis auf die Wahl ihres Künstlernamens Minerva gibt: Hegel, der deutsche Philosoph, hat die berühmten Zeilen geschrieben: Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. Das heisst: Weisheit, Klugheit und Philosophie kommen immer nach dem Fest und können es nicht noch einmal aufleben lassen. Sie können es nur noch feststellen, reflektieren, erkennen. So funktioniert die Retromusik von heute: Sie will sich nur noch auf das, was früher war, beziehen, sie kann es nicht wiederbeleben. Jeder Anspruch von Retro an Revival ist müssig.

Maria Minerva ist einer der Vorzeigeacts im Hypnagogipop-Genre. Ihre Musik erschien bisher auf den Lo-Fi-Labeln «Not Not Fun» und «100% Silk».

Der Track Fire ist mit der Stimme des Rappers Chase Royal entstanden, der einen interessanten Kontrast zum Reverb-reichen Sound hinein bringt.

siehe:
News Item auf Musikzimmer
Not Not Fun Label

gepostet 03.09.2012 (Google+)

Retromania Picks: Damon Albarn

Damon Albarn (Blur, Gorillaz) benutzt in verschiedenen Zusammenhängen und Bandprojekten eine ähnlich aus-Alt-mach-Neu Metaphorik: Die Müllhalde (die archivierte Geschichte), aus der Elemente neu kombiniert werden und so eine neue Welt (ein neues Werk) ergeben.

Im Magazin Artikel von Jean-Martin Büttner über Albarn „Der elastische Engländer“ (Magazin Nr. 20 (2012), S. 26-31) steht, wie Albarn die Abfallhalde der Hauptstadt von Mali, Bamako, beeindruckt hat: «Er sah Frauen und Kinder, die bei sengender Hitze nach Verwertbarem suchten. Das eingesammelte wurde weitergegeben, sortiert, geputzt, geflickt, neu zusammengesetzt, zum Laufen gebracht und am Strassenrand weiterverkauft: als Werkzeug, als Computer, als Motor. Der Musiker war von dieser Rückverwandlung so beeindruckt, dass er heute noch davon redet. Sieht er darin eine Metapher für sein eigenes Vorgehen? „Das hat etwas. Obwohl es bei mir möglicherweise umgekehrt funktioniert. ich fördere Schätze aus meiner Mine und verwandle sie in Abfall.“» In Mali nahm Albarn Alben auf wie die folgenden:

«Mali Music» (2002)

«Rocket Juice And The Moon» (2012)

Das Gorillaz-Album «Plastic Beach» (2010) erzählt die Geschichte der Band (die bekanntlich aus Comics-Figuren besteht), die in einem künstlich geschaffenen Headquarter auf See lebt, einer Insel gemacht aus dem Abfall der Industriestaaten und aus schwimmendem Plastik, der für die Weltmeere eine zunehmende Bedrohung darstellt.

gepostet: 01.06.2012 (Google+)

Retrofuturistisches Material

Retrofuturistischer Stoff

  1. Science Fiction der Vergangenheit (schon recht intensiv durchdekliniert)
  2. Avantgarden des 20. Jahrhunderts (siehe Cankun-Video unten, das mit einem der futuristischen Manifeste arbeitet)
  3. Utopien früherer Zeiten (z.B. Francis Bacon (1624): The New Atlantis, der in sonologischen Kreisen berühmte Para 72)
  4. Visionen (wie z.B. die Apokalypse)

Was haben diese Stoffe gemeinsam?
Es handelt sich um nicht wahr gewordene oder nicht auf die beschriebene Art wahr gewordene Projektionen in die Zukunft und heutige Gegenwart). Es entsteht eine Differenz, die produktiv exploriert werden kann. Wenn man sich die Projektion in die Zukunft und die Gegenwart je als Klarsichtfolie vorstellt, die man übereinanderlegt, entsteht ein auf interessante Weise unscharfes Bild.

gepostet: 12.05.2012 (Google+)

Retromania und «Kulturelles Gedächtnis»

Im Zusammenhang mit den Archiven und der Verfügbarkeit von Musik muss der Begriff des kulturellen Gedächtnisses (Jan Assmann und Aleida Assmann) fallen: Assmanns kulturelles Gedächtnis ist ein «Sammelbegriff für den jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten […], in deren >Pflege< sie ihr Selbstbild stabilisiert und vermittelt. ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Einheit und Eigenart stützt» (siehe: forum-interkultur.net)

Wieder muss man Musik hinzudenken (Warum wird sie von der Literaturwissenschaft so oft vergessen oder ausgegrenzt?)

Internet-Archive wie Youtube, Ubuweb, die National Jukebox der Library of Congress, das Cultural Equity Archiv mit den Aufnahmen von Alan Lomax oder John Peels Record Archive bei The Space) usw. bieten diesen Bestand von Wieder-Gebrauchstexten, von dem Assman spricht. So sind diese Archive ein Stück gelebte Kultur und Quell der gesellschaftlicher Selbstbeschreibung und Identität.

gepostet: 05.05.2012 (Google+)

Retromania und Intertextualität

Aus der struturalistischen/poststrukturalistischen Literaturtheorie (speziell bei Roland Barthes, Julia Kristeva oder Harold Bloom) kommt eine interessante Perspektive: Ein Text (ein Werk überhaupt, also auch Musik) ist nicht nur aus sich selbst zu begreifen, sondern auch aus dem KonTEXT, den anderen Texten, die einem konkreten Text vorangingen und die Autor/-innen beim Schreiben (bewusst oder weniger bewusst) vor Augen gehabt haben.

Formen von Intertextualität sind: Zitat, Plagiat, Pastiche, Stil-Kopie, Imitation, Travestie, Persiflage, Satire, Parodie, Cento oder Hypolepse (Anknüpfung).

Wer ein Texthandwerk lernt, arbeitet sich an bestehenden Texten ab, schreibt diese ab, dann um, bis sie oder er eine eigene Sprache entwickelt.
Beispiel: Das Frühwerk von Bob Dylan klingt noch nach Woody Guthrie. Erst mit «Bringing It All Back Home» (= «Subteranean Homesick Blues») wird Dylan als Songwriter wirklich eigen.

Gepostet: 05.05.2012 (Google+)

Labelgründung Kinta

Kinnta ist ein neues Label aus Montréal.

Es passt wie viele andere beispielhaft zum Thema «Retromania». Es ist spezialisiert in 60er Jahre Vintage Psychedelia, in Library Music / Archivreleases. Das Format der Releases: Cassetten. Diese Format-Wahl dürfte markttechnische Gründe haben, kann aber auch mit der Zeit, in die das Label spezialisiert ist, in Verbindung stehen: Die CompactCassette ging 1964 in die Massenproduktion und penetrierte den Konsumentenmarkt just zur Zeit, als 60er Psychedelia (Psychedelicpop und Psychedelicrock) aufkamen.

Gefunden bei No Fear Of Pop.
Gepostet: 05.05.2012 (Google+)

Pastiche: «Elephant Love Medley» aus Moulin Rouge

Beispiel für ein Pastiche
Pastiche (von ital. pasticcio, Pastete), eine Parodie ohne satirischen, komischen oder polemischen Unterton.

https://www.youtube.com/watch?v=dOPmgkentZk

Andere (musikalische) Beipiele sind:
– Beatles: Happiness is a Warm Gun
– Queen: Bohemian Rhapsody

Beides sind rhapsodische Stücke. «Rhapsodisch» ist ein Stück, wenn es auf die konventionelle Song-Form (= Abwechslung von Strophen und Refrain) verzichtet und statt dessen stilistisch heterogene Teilen hintereinander setzt.

Dann kann man anhand dieser Beispiele einen Unterschied zwischen modernem und postmodernem Pastiche ausmachen: Die Beatles und Queen komponieren die Teile selbst (Moderne), das «Elephant Love Medley» besteht aus lauter Zitaten aus bekannten Liebesliedern (Postmoderne).

gepostet: 01.06.2012 (bearbeitet) (Google+)