Dem Denken auf der Spur – Backup von Google+ Thread

Herfried Münkler: Wann kippt der Stolz auf das eigene Land in die Angst, das Eigene zu verlieren?. NZZ, 26.1.19.
Wer selbstbewusst ist, kann anderen souverän begegnen. Das gilt für Individuen und Staaten gleichermassen. Wessen Selbstbewusstsein jedoch schwächelt, klammert sich an Selbstbehauptung. Es ist die typische Position von Verlierern.

Alleine sitzt der Rabe, die Möwen kreisen im Schwarm – die Frage nach der Heimat bringt auch das Problem des Kollektivs. (Bild: Goran Basic / NZZ)

Alleine sitzt der Rabe, die Möwen kreisen im Schwarm – die Frage nach der Heimat bringt auch das Problem des Kollektivs. (Bild: Goran Basic / NZZ)

Christoph Eisenring: Ist Deutsch dem Wohlstand zuträglicher als Italienisch?. NZZ, 10.1.19

Sprachstrulturen prägen das Denken und die Kultur – Benjamin Lee Whorf reloaded!

Kinder, die eine Sprache sprechen, die die Zukunft im Präsens formulieren kann („Es regnet morgen“ vs. „Es wird morgen regnen“) seien zukunftsorientierter als andere. Im zweisprachigen Meran haben Forscher Belege für diesen Zusammenhang gefunden.

Roman Bucheli: Die Welt darf getrost noch etwas unübersichtlicher werden. NZZ, 12.9.2017
Man mag das alte Lied schon gar nicht mehr hören, dass wir in komplexen, beschleunigten Zeiten leben und darum zu bedauern sind. Das Gegenteil ist der Fall. Wir müssten uns darüber freuen.

Stellen Sie sich vor, sie sollen das Ziel 10 erreichen, statt wie bisher 8. Das werden Sie nie schaffen, wenn Sie sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, 20 zu erreichen oder 50.

Guter Gedanke – statt auf Philosophen zu hören, die die (post-)moderne Welt als beschleunigte und unübersichtliche analysieren, drehen wir die Sache doch mal um: die Welt kann noch viel unübersichtlicher werden. Denken Sie doch einmal daran, eine Stufe zuzulegen. Wenn Ansprüche an Sie gelangen, diese nicht abzuwehren, sondern zu übertreffen. Drücken Sie mal aufs Gas!

Slavoj Žižek: Die Revolution findet doch statt, nur anders. NZZ, 26.6.2017
Trotz blinden Flecken im Auge des Philosophen: Auch Linke sollten die Werke des Philosophen von Karlsruhe lesen.

Der Philosoph Slavoj Žižek in einer Aufnahme aus dem Jahr 2014. (Bild: Andy Miah)

Der Philosoph Slavoj Žižek in einer Aufnahme aus dem Jahr 2014. (Bild: Andy Miah)


Über Peter Sloterdijks «Zorn und Zeit», diese interessante Verkehrung des gewohnten Denkens, dass es neben dem Begehren auch einen Stolz gibt.
Der Stolz, will nicht haben, sondern geben, aber wenn er verletzt wird wird er zornig. Der Zorn lebte in der griechischen Mythologie und in alten Religionen noch in vollen Zügen: die Mächtigen, die Titanen, die Götter waren zornig mit Blitz und Donner! Im Christentum wurde der Zorn dann sublimiert, aufgeschoben bis zum jüngsten Gericht. bei linken Parteien und Gruppierungen wird der Zorn der Benachteiligten verwaltet. Man nennt das auch Agitation. Der Zorn der Frustrierten und Gedemütigten wird geschürt und in Richtung der unterdrückenden Machthaber gelenkt. der Zorn wird für die Revolution instrumentalisiert. Doch heute ist nicht mehr klar, wer diese Träger der Revolution sein sollen – die Migrantinnen und Migranten etwa?

Die Kunst des guten Lebens: Wir Hasardeure. NZZ, 17.6.2017 – online nicht mehr verfügbar
Würfel, Postleitzahl und Überstunden

Ilija Trojanow: Einladung zur Weltliteratur: Runter vom Montblanc. NZZ, 26.5.2017
Er lese, um überrascht, herausgefordert und geschockt zu werden, schreibt der Schriftsteller Ilija Trojanow. Er plädiert für mehr Neugier und Leidenschaft im Umgang mit Literatur aus aller Welt.

Ein Artikel über Aufmerksamkeitsdefizite und Wahrnehmungsverzerrungen bei der Kanonisierung von Literatur. Dasselbe passiert in der Musik oder der Wissenschaft (und vermutlich in anderen Kunstarten). Der Mensch zeigt borniert oder ungewollt Tendenzen zum Chauvinismus.

Florian Aigner: Glaube nicht alles was du denkst!. Futurezone, 16.05.2017
Die 68er-Bewegung hat uns beigebracht, Autoritäten zu hinterfragen. Das ist schön, nützt aber wenig, wenn es dazu führt, dass sich alle selbst für unfehlbar halten.

Rolf Dobelli: Wir Meinenden. NZZ, 27.5.2017
Alle von uns haben zu allem und jedem sogleich eine klare Ansicht. Warum bloss? Meinungslosigkeit ist kein Zeichen von Dummheit, sondern von Intelligenz. Und sie macht glücklich.

Bild: El Bocho

Bild: El Bocho


«Aber Sie müssen doch eine Meinung haben!» «Nein, muss ich nicht. Das Thema liegt in meinem ‹zu kompliziert›-Eimer.»

Ich wage zu behaupten, dass 99 Prozent Ihrer Meinungen schlicht überflüssig sind.

Erst wenn Sie selbst Ihre Gegenposition ebenso eloquent vertreten können, haben Sie sich Ihre Meinung wirklich verdient.

Fazit: Je weniger vorschnelle Meinungen Sie haben, desto besser wird Ihr Leben sein.

Band vs. DJ

Wir schätzen es, wenn auf der Bühne eine Band steht, wenn wir diesen Menschen beim Spielen ihrer Instrumente zusehen können. Vor fünfzehn Jahren hatten wir es ziemlich satt, Bedroom-Produzenten auf der Bühne zu sehen, die an den Knöpfen ihres Laptops oder Equipments drehten.
Doch der Widerspruch wurde im elektronischen Indiepop nie wirklich produktiv gelöst. Es reicht ein Rechner plus Software, um prima Musik zu machen. Wenn jetzt aber eine Electronicpop-Band auf der Bühne steht, die Musik spielt, die auch ein DJ laufen lassen könnte, dann langweilt mich das auch. Warum der Aufwand? Eine Band muss etwas zu bieten haben, was erkennbar über Laptopmusik hinausgeht. Das kann instrumentale Virtuosität sein, kann aber auch in der Interaktion zwischen den Bandmitgliedern bestehen. Wo diese/solche Elemente fehlen, gehört die Musik zurück in den Laptop und weg von der Bühne.

Rock und Pop

Wie die beiden Begriffe «Rock Music» und «Pop Music» im «Corpus of Historical American English» repräsentiert sind (klicken Sie auf die Bilder in der Gallerie):

Falls die jeweils etwa 150 Verwendungsnachweise genügen, um aussagekräftige Schlüsse zu ziehen, dann würde ich sagen:
Rock wird erst ab den 70er Jahren thematisiert – die wenigen Verwendungen in den 50ern stehen vermutlich als Kurzbezeichnung für Rock ’n‘ Roll. Von den 70ern bis zu den 90ern wurde häufig von Rock gesprochen, dann nimmt es wieder ab. Diese drei Jahrzehnte sind die Zeit, in der dieses Musikgenre blühte. Man müsste allerdings noch neuere Zahlen haben, um definitive Schlüsse zu ziehen.

Bei der Popmusik ist es anders. Sie wird seit den 50ern thematisiert, wird aber seit den 90ern am häufigsten verwendet. Die 60er Jahre galten als Pop-Jahrzehnt, aber damals war Pop nicht so ein Thema im öffentlichen Diskurs. Dann natürlich die 80er. Eine klassische Popdekade, die in die 90er hinein anhält (wegen Britpop). Die neueren Verwendungsnachweise sind vermutlich so zahlreich, weil Pop zum öffentlichen Thema wurde. Ich nehme an, die Zahlen steigen in den 10er Jahren noch mehr an.

10 Thankful Songs For Your Thanksgiving Playlist – via hypebot

Hier haben wir ein Beispiel einer langweiligen Playliste, die jemand zusammengestellt hat, indem er oder sie eine Datenbank befragt hat. Suchbegriff «Thank you».

10 Thankful Songs For Your Thanksgiving Playlist „Alice’s Restaurant“ – Arlo Guthrie“Thank You (Falettinme Be Mice Elf Agin)“ – Sly & The Family Stone“Thank You“ – Dido“The Thanksgiving Song“ – Adam Sandler“Thank You For The Music“- Abba „Thank You Lord“ – Bob Marley“Thank You“ – Led Zeppelin“We Are Family“ – Sister Sledge“Thank U“ Alanis Morissette“Thank You Girl“ – The Beatles

Source: 10 Thankful Songs For Your Thanksgiving Playlist – hypebot

Lana Del Rey Says She Doesn’t Need To Talk About Feminism – Stereogum

Last year, in an interview with The FADER that instantly became somewhat notorious, Lana Del Rey more or less dismissed the entire idea of feminism, saying that it’s „just not an interesting concept.“ This led to people like Kim Gordon bashing LDR. So now, Lana Del Rey is trying to clarify what she meant, though she’s still doing it in characteristically opaque fashion. The actor James Franco recently wrote a book about LDR, though she doesn’t expect that book to come out. And now he’s sat down to talk with her for V Magazine. As Pitchfork points out, she talks a bit more about feminism in the interview: The luxury we have as a younger generation is being able to figure out where we want to go from here, which is why I’ve said things like, „I don’t focus on feminism, I focus on the future.“ It’s not to say that there’s not more to do in that area. I’ve gotten to witness through history the evolution of so many movements and now I’m standing at the forefront of new technological

Source: Lana Del Rey Says She Doesn’t Need To Talk About Feminism – Stereogum

Lunchveranstaltung: «Seminararbeiten ins Internet!»

In der Veranstaltungsreihe der UZH Publizieren im Zeitalter von Multimedia präsentierte Christian Schorno am 22. April 2015 einen Bericht über seine Lehrveranstaltungen am ISEK, in denen Studierende einen Blog geschrieben haben.

Unter dem Titel «Seminararbeiten ins Internet! Ein Erfahrungsbericht» sprach Schorno über Seminarstrukturen in den Kultur- und Geisteswissenschaften (auf BA-Stufe), speziell über strukturelle Probleme von Lektüreseminaren. Diese Probleme bestehen vor allem in einem Mangel an verschieden gelagerten Kompetenztransfers. Er fordert einen «productive turn», ein Verschieben des Schwerpunkts dieser Seminare vom Lesen aufs Schreiben.
Schreibseminare, in denen Studierende die Leistungsnachweise auf einem öffentlichen Blog erbringen, befinden sich in einem rechtlichen Graubereich. Drei rechtliche Dimensionen werden thematisiert: Persönlichkeits-/Datenschutz, das Recht auf Veröffentlichung und die Frage nach der Autorschaft. Schliesslich wird das didaktische Szenario eines Schreibseminars mit Blog vorgestellt und über die Erfahrungen damit berichtet.

Seminararbeiten ins Internet! (Screenshot)
Aufzeichnung der Lunchveranstaltung «Seminararbeiten ins Internet!» mit Christian Schorno

Die Blogs und ihre Adressen:

Gérard Genettes Architext

The Architext (Buchcover)

The Architext (Buchcover)

Der Architext nach Gérard Genette ist eine von mehreren Dimensionen der Intertextualität1, es ist eine der Arten wie ein anderer Text in einem bestimmten Text vorkommt. Die Architextualität ist vielleicht die am wenigsten greifbare Art der Intertextualität.

Was mich als Sammler und Archivar an der Intertextualität interessiert: dass ein Werk immer mit allen anderen Werken in einem Verhältnis steht. Mit allen? Nein natürlich nicht, aber mit einigen. Freilich kennt man als Spezialist/-in die relevanten intertextuellen Relationen – und mit dieser Kenntnis versteht man das einzelne Werk bzw. den einzelnen Text besser. Die Erfahrung der Relevanz der Intertextualität ist eine, die tendentiell Gelehrte, Belesene und Sammler machen. Sie ziehen ein einzelnes Werk aus dem Regal und wissen, dass es mit seinen Nachbarn (wenn man eine Ordnung im Regal hat), aber auch mit anderen bestimmten Büchern oder Veröffentlichungen in einem Verhältnis steht. Man zieht so gesehen mit dem Werk viele imaginäre Fäden mit aus dem Regal. Diese Szene vor dem Regal ist so etwas wie die intertextuelle Ursituation. Das herausgezogene Werk hat diese Fäden zu anderen Werken und es hat als ein naher Horizont die ganze Sammlung und als ferner Horizont das gesamte Dokuversum, das aus allen Werken überhaupt besteht.

Genette führt in einem hoch-dramatischen Moment seines Buches vor, dass wer (im Gegensatz zum oben Gesagten) glaubt, dass eine Textlektüre ohne den Architext auskäme, sich mächtig täuscht. Kurz vor Schluss im letzten Kapitel XI, nimmt die Erörterung eine dialogische (und in dem Sinn ebenfalls dramatische) Gestalt an. Der imaginäre Gesprächspartner2, wendet ein: «I can always shut myself up inside [the text] and comment on it in my own way.» – «You are, then, shutting yourself up inside a genre» – «What genre?» – «Textual commentary, for heaven’s sake, and even, to be exact, textual-commentary-that-doesen’t-care-about-genres: that’s a subgenre.» Das Argument von Genette besteht darin, dass die architexturale Dimension jedem Text eingeschrieben ist bzw. dass jeder Text den Architext als transzendentalen Horizont mitführt, vor dem er erst verständlich ist. Es gibt für Genette keinen Text, der ohne diesen Architext existieren könnte.

Anders gesagt: Es gibt keinen Genre-freien Text. Es gibt Genremixes, aber jeder Teil eines solchen Mixes kann wiederum einem Genre zugeschrieben werden. Es gibt Genrehybriden, zum Beispiel Rank Strangers von den Stanley Brothers, das sowohl ein Close-Harmony-Country- als auch ein Gospel-Stück ist. Selbstverständlich steht dieses Stück nicht allein da, denn Genrehybriden sind selbst Genres bzw. Stile (siehe Musikzimmer Stildiskografie). Manchmal streitet man, welchem Genre ein bestimmtes Werk zuzuordnen ist. Solche Zuordnungs-Schwierigkeiten sind kein Beweis für die Absenz von Genres.


Stanley Brothers: «Rank Strangers». Text und Musik: Albert Brumley. Nachweis (Album): Starday SLP 122, 1960.

Zur Architextuellen Dimension gehören für Genette: Genres, Subgenres, Stile, Modi, Narratologie, Figuren.3 Entscheidend an diesen Textdimensionen ist, dass die Formen frei kopiert werden können und nicht vom Urheberrecht geschützt sind. Das Genre des Märchens hat keinen Urheber. Auch ein neues Genre, ein neuer Stil darf imitiert werden.4

Im Feld der Populären Musik heisst Intertextualität, dass ein Song oder ein Album im Zusammenhang mit anderen Songs oder Alben steht, auch mit Songs oder Alben, die architextuell verwandt sind. Auch hier trägt der Architext zum (besseren) Verständnis des Texts bei.

Es fällt mir nicht leicht, architextuelle Beziehungen auf die Musik zu übertragen. Es stehen viele offene Fragen im Weg: Gibt es in der Musik eine dermassen fundamentale Teilung wie in der Literatur? Spielt die selbe Dreiteilung eine Rolle? Gewiss gibt es lyrische Musik, dramatische Musik und epische Musik. Doch, ist das gleich wichtig wie in der Literatur? Hat das einen gleich grossen Stellenwert? Reden wir vom Text (den LYRICS), von der Musik oder vom Song (Einheit von Text und Musik)?
Ist die Zweiteilung zwischen Song und Track so etwas Fundamentales?

Zwischen Texten gibt es Verbindungen: Verbindungen des Genres, Stils, des Themas, der Besetzung, Listenzugehörigkeiten, Korpuszugehörigkeiten, Katalogzugehörigkeiten, Genre/Stilzugehörigkeiten, thematische Verwandschaften, zeitliche Verwandtschaften … Solche Beziehungen werden in der Datenbank von Musikzimmer abgebildet.

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Postmoderne und Populäre Musik

Die Postmoderne steht für das Überbrücken von High und Low Art.1 Populäre Musik wird stets auf der Seite der Low Arts verortet, zusammen mit Comics, Werbung, Karikatur, Graffiti, Design. Daher wurde Populäre Musik im akademischen Diskurs erst mit dem Aufkommen der Postmoderne zum Gegenstand der Kunstgeschichte.2 Populäre Musik ist entweder kein Thema oder es wird Thema einer postmodernen Kunst(kritik).

In der Tat ist Populäre Musik und die Inszenierung von Popstars wie David Bowie, Grace Jones, Madonna, Talking Heads/David Byrne als postmoderne Kunst salonfähig geworden. Die V&A Ausstellung «Postmodernism: Style and Subversion 1970 – 1990» hatte diesbezüglich keine Berührungsängste und die Popexponate machten die Ausstellung für viele Besucher/-innen attraktiv.

Bleibt die Frage: Was ist mit der Präpunkmusik? Ist diese Musik kein Gegenstand postmoderner Erörterungen? Weil sie von der Epoche her nicht passt? Oder von der Ästhetik her? In den 60er-Jahren ging es los mit Tonbandmontagen (Beatles, Zappa) und mit Parodien (Zappa, 10CC, Monty Python). Diese Phänomene konstituieren eine Vorgeschichte der Postmoderne, sind aber für das Verständnis von Rockmusik vor Punk eher peripher. Rockmusik mit ihrem Authentizitätsanspruch ist aus der Sicht postmoderner Musiker/-innen lächerlich unreflektiert und untheoretisch. Die kulturelle Transformation 3, die mit der Postmoderne einsetzte, kann am besten bei Postpunk-Musiker/-innen verortet werden. Damit ist die Popouläre Musik nicht per se postmodern, sondern die Postmoderne setz auch bei ihr im Lauf der 70er-Jahre des 20′. Jahrhunderts als Transformation und kulturelle Verschiebung ein.

Ist die Postmoderne eine Epoche? Mit der Postmoderne kam Kritik an der Moderne auf, dass diese totalitär sei und ausgrenzend. Die Postmoderne war relativistisch und wenn sie den Relativismus auf sich selbst anwendet, kommt heraus, dass sie keinen Anspruch auf die Epoche haben kann, denn das wäre selbst totalitär und ausgrenzend. Die Postmoderne findet nach der Moderne statt, insofern ist sie aber Epoche. Die Kritik, die sie an der Moderne übt, verfährt allerdings anders als die Kritik, die die Moderne praktiziert hat. Exemplarisch für das Verfahren von postmoderner Kritik ist der Philosoph Jacques Derrida, dessen Dekonstruktion die den Strukturen der modernen Philosophie affirmativ folgt, bis sie sich selbst widerlegen. Für ihn gibt es kein Ausserhalb des Textes, keine Intentionalität, keine Präsenz wie er es nennt, die logisch vor dem Text kommt. Kritik ist so Arbeit am klassischen Text, Kritik ist das Verfassen eines Kommentars.
Postpunkmusiker kritisierten die ältere Generation, die Hippies (mit Ausnahmen), sie lachten sie aus. Sie wurden dafür und ihre Haltung auch kräftig verhauen.4 Ist Postmoderne eine Charakterisierung / Etikettierung einer Generation?

Diskutiert wird der Begriff der Postmoderne wieder in «Retromania» von Simon Reynolds. Die Frage stellt sich, ob die Postmoderne durch eine Postpostmoderne abgelöst wird, durch eine Epoche, die noch immer postmodern ist (wie die Postmoderne noch immer modern war?) aber durch eine Qualität ergänzt wird, die durch das Internet mit seiner Ästhetik des Klick-Moments gegeben ist.5

Notes:

  1. A. Huyssen, Mapping the Postmodern, New German Critique, No. 33, Modernity and Postmodernity (Autumn, 1984), pp. 5-52, p. 23
  2. Populäre Musik wird ausserdem noch Thema einer Analyse der Alltagskultur in der Inlandethnologie, der Ethnologie der Alltagskultur, den Cultural Studies.
  3. Huyssen thematisiert die Postmoderne als «cultural transformation in Western societies» (A. Huyssen, 1984, p. 8)
  4. NYT Popcast zur Chaos To Couture-Ausstellung, 17. Mai 2013
  5. Er diskutiert zum Beispiel den Begriff der «super-hybridity», der im Freeze Magazin exponiert worden ist (siehe: Jörg Heiser (2010). «Pick & Mix. What is ’super-hybridity‘?». In: Freeze 133).

Kinks: Muswell Hillbillies

Das Kinks-Album von 1971 ist benannt nach der Muswell Hill Gegend von Nord-London, in der die Davis-Brüder aufgewachsen sind. Seine Musik steht unter einem deutlichen Americana-Einfluss (Folk- und Country). Das Coverbild des Albums stammt aus dem Pub The Archway Tavern in Nord London. Die Songs überlagern typisch britische Szenen mit musikalischen, politischen und gesellschaftlichen Americana und fungieren damit als Metaphern für die Lage der europäischen Populären Musik nach dem zweiten Weltkrieg, die fast alle ihrer Impulse aus amerikanischen Stilen bezieht.
Das Album floppte in seiner Zeit, wurde aber in der Pubrock-freundlichen Postpunk-Zeit vom Chiswick-Label wieder aufgelegt und seit 1990 kommen alle paar Jahre neue Editionen des Albums heraus.1

Notes:

  1. gerade neulich die RCA-Legacy-Edition mit einer Bonus DVD – zur Editionsgeschichte siehe z.B. die RYM-Datenbank – diffus ist an dieser Editionsgeschichte, dass die Bonustracks der Legacy Edition (1 CD + 1 DVD) sich nicht mit denjenigen der Deluxe-Ausgabe (2 CDs) decken.