Ding Dong, The Witch Is Dead

Ob er auf Platz eins kommt? Ob die BBC ihn spielt? Das sind die Fragen, die ganz Grossbritannien nach dem Tod von Margaret Thatcher, der Iron Lady, bewegt(e). Ganz Grossbritannien, nein! Die ganze Popwelt! Ding Dong, The Witch Is Dead von Judy Garland, «eine infantil wirkende Varietémusiknummer», so der Spiegel in Verkennung der kulturellen Bedeutung des Lieds (siehe Artikel), ist unterwegs, die englischen Charts zu stürmen. Von langer Hand geplant und über Facebook propagiert, soll dieser Song aus The Wizard Of Oz – das ist für die englischsprachige Kultur etwa wie für die deutsche «Hänsel und Gretel» – als letztes Geleit für die ungeliebte ehemalige Premierministerin gesungen und gespielt werden.

Wie der Spiegel richtig weiss, hat Thatcher und ihr streitbares politisches Programm hunderte von Protestsongs inspiriert (siehe Artikel), nicht nur von den üblichen Verdächtigen wie den Agitpoppunkern Chumbawamba, von Songwriter Billie Bragg oder vom scharfzüngigen Morrissey, auch von Sting, U2 oder den Dire Straits (bei diesen vielleicht eher als «social comment» statt als Protestsong, aber immerhin).

Es war die schlimmste Zeit des kalten Kriegs. Thatcher, obwohl unbeliebt, wurde drei Mal (!) gewählt. Der Spiegel zitiert in dieser Sache den Cultural-studies-Papst Stuart Hall, der diesen Widerspruch mit «einem masochistischen Zug der Briten … von der Nanny ohne Pudding ins Bett geschickt zu werden» erklärt. Vielleicht wissen die Briten, dass in (auch kalten) Kriegszeiten besonders integere Gestalten das Land führen müssen. Ich erinnere an Churchill während dem Zweiten Weltkrieg, der danach prompt abgewählt worden ist, genau wie Thatcher nach dem Fall der Mauer, was das Ende des kalten Kriegs bedeutete.

Thatcher würde es wegstecken, dass sie als «Wicked Witch» bezeichnet wird, sie hat auch ihre Rolle in der Muppets Show weggesteckt. Politisch hatte sie ja Erfolg – und wie! Im Krieg muss das Volk bluten, das wussten die Briten und das verlangte sie wie vormals Churchill von ihrem Volk. Aber wie sich das anfühlt, hat Morrissey treffend im Song Margaret on The Guillotine besungen: Dort heisst es «Leute wie Sie geben mir das Gefühl, dass ich müde und alt bin. Bitte sterben Sie endlich!».

Thatcher (und Reagan) waren der Alptraum der späten Babyboom-Generation, die die Jahre, in denen man politisch geprägt wird, in einem giftigen Klima verbrachte. Zwar hatten wir (ich gehöre zu dieser Generation) keinen offen ausgetragenen Krieg auf europäischen Boden, aber wer nicht in der rosa Blase des damals neuen Kasino-Kapitalismus glücklich dahinlebte, die oder der lebte in einer ständigen Angst vor einem atomaren Vernichtungskrieg. Kein Album hat diese Angst besser thematisiert als The Final Cut von Pink Floyd.

Im Stück The Fletcher Memorial Home fantasiert der Erzähler alle Tyrannen in eine psychiatrische Anstalt, wo sie ihre böse und kranke Energie spielerisch in einem geschützten Rahmen ausleben können. Der Song schliesst mit den Zeilen: «Sind nun alle drin (in der Anstalt)? Habt ihr auch eine gute Zeit? Dann können wir nun mit der Endlösung beginnen».

http://www.youtube.com/watch?v=AqonCo0A68o

Solche scharfen Worte von Roger Waters gaben den Kritikern und den Opfern der damaligen Politik kompensatorisch einen Brosamen Genugtuung. Gewählt wurde Thatcher dann noch zwei Mal. Den Song von der toten Hexe hätte man 1990 schon singen sollen. Es schadet aber nicht, es noch einmal zu tun und sich zu freuen, dass diese Zeiten vorbei sind.

Zum Weiterlesen: Sean Bell: Tomorrow Belongs to Her: The Art That Rose Against Thatcher (PopMatters, 3. Juni 2013)

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