Die Vorgeschichte meiner Hörgeschichte

Wiedergefundene Vergangenheit

In Umberto Ecos Buch Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana leidet der Protagonist unter einem durch einen Unfall verursachten Gedächtnisschwund. Er verfügt noch über die volle Kraft des so genannten semantischen Gedächtnisses, d.h. er erinnert sich an alles, was er gelernt und gelesen hat. Weil er als Antiquar ein Leben lang Bücher liebte, kann er aus ihnen zitieren, wie es nur ein Gelehrter kann. Aber es ist ihm unmöglich, das Zitierte in einen Zusammenhang mit dem eigenen Leben zu bringen – er hat nämlich sein episodisches Gedächtnis verloren. Und so erinnert er sich nicht mehr an die eigene Lebensgeschichte. Aus diesem Grund zieht er sich auf seinen Landsitz im Piemont zurück, wo er aufgewachsen ist und wo er von seinem Grossvater, der Antiquitätenhändler war, eine riesige Sammlung alter Trivialliteratur findet, darin herumliest, ahnend, dass er als Kind mit diesen Büchern aufgewachsen ist und dass diese Erzählungen seine Geschichte geprägt hat, die Art, wie er die Welt sah, die Frauen, von denen er sich anziehen liess usw.

Angeregt durch diese Geschichte habe ich mich aufgemacht, mich ebenfalls auf die Suche nach den Liedern zu begeben, die mein Hören prägten. Die Fragestellungen, die sich hier aufdrängen, lauten: Von welcher Musik war ich als Kind umgeben? Wann habe ich damit begonnen, Musik bewusst zu zu hören, wann sie zu suchen? Wo habe ich gesucht? Was war zugänglich? Und natürlich: Welche Medien waren dabei prägend? – denn jede Phase meines Musikhörens und -suchens war von einem bestimmten Medium geprägt: Zuerst war das Radio, dann kam der Kassettenrekorder, mit dem sich die Musik einfangen liess. Parallell dazu die für mich als Kind teuren Schallplatten, später die CDs, die Abhängigkeit von den Schallplattenläden mit ihrem begrenzten Sortiment, heute die MP3-Files und Filesharing-Communities im Internet, die kaum noch Wünsche offen lassen. Die Medienwelt hat sich in meiner bisherigen Lebensspanne extrem entwickelt, das neueste Medium war jeweils ein noch grösseres Glück des Suchenden und Hörenden.

Versunken blieb vor allem Musik aus der Zeit vor dem Kassettenrekorder. Ich hatte sie bloss im Radio gehört und konnte sie nicht aufzeichnen. Dann Musik aus der ersten Zeit mit Kassettenrekorder, die ich zwar aufgenommen habe aber relativ kurze Zeit danach wieder überspielt habe, weil mir auch Kassetten nicht in grosser Menge zur Verfügung standen.

Ich tastete mich wie folgt an die Beantwortung meiner Fragen nach der frühesten Musik heran, die mich prägte. Ich weiss noch genau, dass ich mir bestimmte Sendungen regelmässig angehört habe, weil praktisch nur sie Musik spielten, die mir gefiel. Eine dieser Sendungen war die Schweizer Radiohitparade, 1968 von Christoph Schwegler ins Leben gerufen. Diese Hitparade war natürlich durchsetzt mit übler Schlagermusik, aber etwa die Hälfte von zehn Stücken, die in der halben Stunde Sendezeit kaum ausgespielt werden konnten, waren damals genug toll, um die Sendung jede Woche gebannt anzuhören. Ich kann diese Radiohitparade zwar nicht mehr einschalten oder abspielen, aber weil es die Website der Schweizer Radiohitparade gibt, die alle Titel seit den Anfängen in einer Datenbank gespeichert hat, konnte ich nachschlagen, was ich damals gehört haben muss und konnte es mir herunter laden. Jetzt sind etwa 100 dieser Stücke, die zwischen 1968 und 1975 auf eine CD geb(r)annt und sind verfügbar geworden. Ich habe mir eine Zeitmaschine gebastelt. Ich weiss jetzt wieder, was mich damals musikalisch beschäftigte. Es waren vereinzelte Pop- und Rock-Klassiker von Ringo Starr, Dr. Hook And The Medicine Show oder den Sparks mit dabei – kein Bowie, kein Lou Reed, kein John Cale, keine Joni Mitchell. Es gab eine Menge Schlagermusik aus den verschiedensten europäischen Ländern (selten mal aus Amerika wie Neil Diamond oder Albert Hammond), viel Musik, die man aus dem europäischen Schlager-Concours kannte (ja, auch das hat man sich gegeben – in der Not frist der Teufel Fliegen). Oder die Schlager aus Frankreich, meist mit einer Prise Gepflegtheit, was ich damals nicht erkennen konnte, was einfach nur passabel war und durch ging, durch die Zensur, die mit Weghören drohte, und durch den Kopf hindurch, wie man so schön sagt. Das waren Chansons beispielsweise von Allain Barrière, Anne-Marie David, Dalida, Joe Dassin. Es gab Schlagermusik aus Deutschland, worüber ich hier kein Wort zu verlieren gedenke. Im Spätsommer kamen regelmässig die Ferienhits aus Italien und Spanien in die Charts, sei es, dass die Touristen sie in ihren Köpfen mit gebracht haben oder die Gastarbeiter, die jeden Sommer zu ihren Familien heimkehrten. Das war ein schlimmes sentimentales Zeug wie «Tornero» und «Piccola e fragile». Ich kann sie heute noch mitsingen. Hin und wieder tauchten natürlich schweizer Titel auf, die Sauterelles, Toni Vescoli, später dann Rumpelstilz.

Heavenly Club von den Sauterelles war wahrscheinlich das erste psychedelische Musikstück, das ich hörte. Eine Art Kopie des Byrds-Sounds aus der Phase von Fifth Dimension, aber die Byrds kannte ich damals noch nicht. Die ewig schöne Melodie und die warmen Harmonien des Stücks verfolgten mich im Traum: Ich habe vielleicht einmal, vielleicht mehrere Male, von einer Musik geträumt, die mich beim Anhören unendlich glücklich machte – und das sage ich nicht einfach so daher. Ich habe in meinem Leben kein grösseres Glück kennen gelernt als in diesem Traum. Lange Zeit suchte ich nach der Wiederholung dieser Glückserfahrung. Ich hoffte es eines Tages im Radio wiederzuhören und auf Kassette aufnehmen zu können, um das Glück per Knopfdruck abrufbar zu haben. Das Stück aus dem Traum verblieb aber vorerst ungreifbar. Ich musste jahrelang danach suchen. Und als ich es wiederhörte – ich weiss nicht wann genau, aber es muss so zehn Jahre später gewesen sein – war ich mir zuerst unsicher, ob es Heavenly Club war oder nicht doch Nights In White Satin von den Moody Blues, das wenige Wochen vor «Heavenly Club» in der Hitparade war. Heute meine ich, dass ich damals viel eher von Heavenly Club„>Heavenly Club geträumt habe als von Nights In White Satin, aber die letzte Gewissheit über diesen Sachverhalt fehlt mir. Woher dieses unerhörte Glück kam, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Natürlich stellte es sich bis heute nie mehr so ein, wie in jenem Traum – nicht einmal unter Drogeneinfluss.

Was mich beim Forschen nach den frühesten Härerlebnissen zu erstaunen vermochte, war die Tatsache, dass immer wieder Diskomusik in dieser Hitparade zu finden war: Barry White, 5000 Volts, Shirley and Company oder MFSB. Ich hätte geschworen, dass Disco erst später ein Thema geworden wäre, aber nein, Disco war von den Anfängen an in meinen Ohren.

Am meisten fasziniert war ich damals von einer Musik, die recht stark vertreten war: Glitter- bzw. Glamrock, vertreten durch Bands und Acts wie Gary Glitter, Mud (Tiger Feet), Slade oder Sweet. Von letzteren bekannte ich mich als Fan. Auf diese Musik fuhr ich damals voll ab. Co-Co, The Ballroom Blitz, Teenage Rampage. Diese Stücke strahlten die schiere Energie von Rockmusik und den Glamour aus, der aus grellen Klamotten und einer mir unerlaubten Haarpracht bestand. Durch die erhältlichen Platten (zumeist Singles) und durch die Jugendzeitschrift «Bravo» waren die Bilder dieser Bands gegenwärtig. So wollte ich auch aussehen! Bloss in den Schuhläden, die ich kannte, waren keine silbernen Platteauschuhe erhältlich, in den Kleiderläden keine glitzernden Hosen, oben eng, unten weit, so dass sie im Laufen wehen. Glam hat mich ein für alle Mal auf Britische Popmusik geprägt. Der Style dieser Bands war von höchster Signifikanz für mich. Er war genauso wichtig wie die Musik – ob ich diesen Stil mitleben konnte oder nicht. Style war eine Botschaft, das verstand ich von Anfang an. Die, die das nicht verstanden oder sich imun gegen diese Botschaften zeigten, waren immer die anderen, die Nicht-Eingeweihten. Ich verstand etwa im Alter von 10 Jahren, dass durch die Identifikation mit einer Band / mit einer Musik eine wesentliche Unterscheidung in die Welt kam, die zwischen mir und den anderen, und dass diese Unterscheidung mein Weltverständnis prägte. Die Musik, die ich hörte, provozierte das biedere Establishment, mit dem ich nichts zu schaffen hatte. Doch weil es diese modischen Kleider für mich zunächst nicht gab, war meine Rebellion gegen den Status Quo eine innere – eine Rebellion, die vor allem über die Musik und nicht über Klamotten lief.

Im Herbst 1973 sah ich dann den Film «A Hard Day’s Night» im Fernsehen. Seither kenne ich die grösste Band, die es je gegeben hat: Die Beatles. Und mit ihnen endet diese Vorgeschichte. Von jetzt an weiss ich mit einiger Gewissheit, was ich wann hörte.

[November 2004, ergänzt im August 2009]

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