Wie verändert Spotify das Musikhören, Suchen, Finden und Sammeln

Spotify ist eine der jüngsten Entwicklungen im Bereich des Musikangebots. Wir machen hier einen Vergleich mit der Situation vor der Internet-Ära, um die Entwicklung möglichst umfänglich darzustellen. Die Auswirkungen von Spotify auf das Musikhören, Suchen und Finden, sowie das Sammeln sind im Diagramm zirkulär dargestellt. Dabei wurde vom Musikangebot ausgegangen und anschliessend über die relevanten Zwischenschritte die Rückkopplungseffekte auf dasselbe dargestellt. Abgebildet ist jeweils die Situation vor der Internet-Ära im oberen Teil der Felder, im unteren die „neue“ Situation mit Spotify.

Spotify Diagramm

1.   Angebot

Das Angebot war vor der Internet-Ära durch diverse Instanzen vorselektiert, beziehungsweise moderiert. Zum einen entschieden A&Rs und Labels was überhaupt produziert und veröffentlicht wurde, zum anderen waren auch die Vertriebswege und Shops längst nicht für alle Produktionen offen – was keinen Verkaufserfolg versprach war nur in spezialisierten Läden erhältlich.
Durch die webbasierte Streaming-Technologie, welche Spotify verwendet, fällt der Zwang physischer Vertriebswege und Verkaufsfläche weg. Zudem wächst das Angebot dank kostengünstiger digitaler Produktionsmethoden im Allgemeinen.

In klassischen Plattenläden war das Angebot gezwungenermassen nach Stilrichtungen und/oder Alphabet sortiert. Da Spotify die Archivierung der Werke mittels einer Datenbank realisiert sind diese auf verschiedene Weisen abrufbar.

2.   Finden

Einst war es die Fachpresse, in welcher der Musikkonsument primär über Neuerscheinungen informiert wurde. Auch das soziale Umfeld, vor allem informierte Freunde, waren eine relevante Informationsquelle. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte zudem der Verkäufer im Lieblingsplattenladen, welcher oft mit interessanten Entdeckungen aufwarten konnte. Zufallsfunde beim durchstöbern des Angebots im Laden führten ebenfalls oft Spannendes zu Tage.
Die Suchfunktion bei Spotify hingegen findet zwar wegen des grossen Angebots meistens das Gesuchte, bietet aber jene Möglichkeiten auf Neues zu stossen nicht. Dieses Manko jedoch versucht Spotify auf verschiedene Weisen auszugleichen: Nebst Vorschlägen von Spotify, welche auf dem Ähnlichkeitsprinzip zu Gehörtem beruhen, besteht die Möglichkeit, komplette Playlists verschiedenen Ursprungs zu laden und diese auch zu bearbeiten und zu teilen. Dank der Verlinkung mit Facebook, wird der User zudem darüber informiert, was seine Freunde hören. Schliesslich besteht die Möglichkeit, mittels integrierter Apps (Pitchfork etc.) rezensierte Inhalte zu durchstöbern und somit den Plattenverkäufer in gewissem Masse zu substituieren.

3.   Besitz

Vinyl, CDs und MCs kann man physisch besitzen. Der Besitz muss auf individuelle Weise sortiert (oder nicht sortiert) aufbewahrt werden. Sowohl zum Tonträger selbst, als auch zur Archivierungsmethode, bestand ein persönlicher Bezug. Bei Spotify entfällt dies. Der „Besitz“ von Musik ist verwaltender Natur, er besteht darin, in der „Cloud“ gespeicherte Inhalte abrufbar zu machen. Eine klassische Plattensammlung konnte zudem eine Wertanlage sein. Nicht so bei Spotify: Selbst Premium-User mit Abo „besitzen“ keine Inhalte, sondern abonnieren lediglich den Zugriff darauf für die jeweilige Dauer der Abonnements.

4.   Konsumort

Physische Tonträger wie Vinyl oder CD wurden hauptsächlich auf einer Stereoanlage zuhause abgespielt. Mit der MC wurde (dank dem Sony-Walkman, später Discman) der Musikkonsum unterwegs möglich. Auch das Auto stellte oft einen bevorzugten Konsumort für MCs und CDs dar. Spotify hingegen wird bevorzugt auf PCs, Laptops und Mobilgeräten konsumiert. Oft werden hierzu Kopfhörer verwendet.

5.   Qualität

Besonders bei Vinyl waren die Qualitätsansprüche an die Aufnahmen hoch. Natürlich waren diese jeweils stark Stilrichtungsabhängig. Auch die CD bot – wenn auch in Kennerkreisen vor allem zu Beginn nicht gemocht – immer noch einen hohen Qualitätsstandard. Bei der MC hingegen überwogen  die Möglichkeiten der Flexibilität (Aufnahme, Portabilität). Das MP3 Format, welches der Streaming Technologie zu Grunde liegt, komprimiert die Daten der Aufnahmen stark, was zu erheblichen Qualitätsverlusten führt. Die Flexibilität der Verfügbarkeit und auch des mobilen Konsums scheint den Usern wichtiger zu sein als die bestmögliche Qualität zu erhalten. Zudem würden es die oft verwendeten (meist billigen) Kopfhörer nicht ermöglichen, Qualitätsunterschiede ab einem gewissen Niveau überhaupt noch zu erkennen. Premium-Kunden stehen zwar auch hochauflösende MP3s zur Verfügung, letztendlich sind aber auch diese im Datenvolumen stark komprimiert.

6.   Vergütung

Da beim Kauf physischer Tonträger stets mehrere Songs gekauft wurden, war deren Erwerb vergleichsweise teuer. Diese Einnahmen ermöglichten es der Musikindustrie sämtliche an der Produktion, dem Vertrieb und dem Verkauf Beteiligten zu entschädigen. Spotify lebt hauptsächlich von Werbeeinnahmen, zudem von den Abo-Verkäufen. Die vergleichsweise niedrigen Einnahmen verteilen sich auf ein viel grösseres Angebot. Somit bleibt für die an der Produktion Beteiligten (Künstler, Labels, Produzenten etc.) weniger. Damit ein Künstler denselben Betrag via Spotify verdient, den er mit einem Tonträgerverkauf bekommen hätte, müssten seine Werke zigfach abgespielt  werden.
Wie sich das konkret auf das insgesamt verfügbare Angebot auswirkt bleibt abzuwarten. Noch wächst das Angebot auf Spotify. Alternative und innovative Finanzierungsmethoden stellen eine Zukunftsperspektive dar. Die Wahrscheinlichkeit ist aber gross, dass aufwändige, von Labels finanzierte Produktionen, wie sie einstmals für Bands wie Roxette oder die Rolling Stones getätigt wurden, künftig rar werden.
(MR) (Lh) (dm) (nana)

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