Was bewirken die modernen Aufzeichnungstechnologien in der Musik?

Technologischer Wandel

Durch die im 20. Jahrhundert gewonnenen technischen Möglichkeiten der Aufzeichnung und Reproduktion von Schallereignissen gelingt es uns, Geister zu bannen. Eine Schallplatte/CD auflegen heisst, ein vergangenes Ereignis wieder aufleben zu lassen. Billie Holliday ist tot, die Beatles haben sich getrennt. Dennoch bleibt die Musik, die diese Musiker gespielt, und die Lieder, die sie gesungen haben, zugänglich, nicht nur als Notation, sondern als Interpretation, nicht nur als Niederschrift von Tönen, sondern als Aufzeichnung, von der her die Tonkomposition und – ungleich wichtiger – der Sound erfahrbar bleiben.

HisMastersVoice

His Master’s Voice; Quelle: Wikimedia Commons

Abbildung wird Konstruktion

Zunächst hatten Aufnahmen vor allem eine abbildende Funktion: Eine Schallaufzeichnung wurde gemacht, wo es galt, einen grossen Moment oder eine aussergewöhnliche Person einzufangen und zu konservieren. Die Stars dieser Epoche waren in der Regel grosse performative Künstler/-innen. Ihre Leistungen konnten jetzt für die Nachwelt erhalten werden, wie ja auch die Leistungen von Malern und Schriftstellern erhalten bleiben. Die Überlieferung stellte zwar bestimmt nicht die primäre Motivation dar, Musik aufzuzeichnen. Viel wichtiger war die Distribution. Der Tenor Enrico Caruso konnte dank der Schallplattenaufnahme überall in der modernen Welt gehört und seine Stimme bewundert werden. Die modernen Aufnahmetechnologien weckten so den Durst eines wachsenden internationalen Marktes nach neuen Popstars.

Die ersten Stars auf Schallplatte waren vor der Aufnahme einem lokalen oder urbanen Publikum als grosse Live-Interpreten bekannt. Diese Bekanntheit war die Bedingung dafür, dass sie aufgezeichnet wurden. Später dann begann das Verhältnis von Liveauftritt und Aufzeichnung sich umzukehren. Seit den 60er Jahren, teils schon zuvor, produzieren Musiker/-innen Musik im Studio und gehen dann mit diesen Stücken auf Tournee. Damit wird die Aufnahme das Original, die Interpretation die Kopie, wo dieses Verhältnis früher gerade umgekehrt war.

In neuster Zeit scheint sich dieses Verhältnis zwischen Live- und aufgezeichneter Musik wieder umzukehren. Im Zeitalter der umfassenden Verfügbarkeit von aufgezeichneter Musik erhält das Liveerlebnis wieder einen besonderen Wert (G. Schulze: Auf der Suche nach dem unwiederholbaren Erlebnis; NZZ 63/2008, S. B3) und es kann für Musiker finanziell interessant sein, die Musik erst nach der Tournee zu veröffentlichen.

Notation und Aufnahme

Damit löst die Schallaufzeichnung allmählich die Notenniederschrift (die Sheetmusic) ab. Bis zu den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die meiste Pop-Musik vor allem als Sheetmusic vertrieben. Spitzenkomponisten wie Cole Porter schrieben ihre Lieder und Stücke auf, Musikverlage verkauften die Noten an Interpreten, die diese Stücke dann eine bestimmte Zeit lang sangen oder spielten, stets bemüht, mit einem aktuellen und beliebten Programm aufwarten zu können. Seit den Beatles und der Rockmusik geht Musik als Aufzeichnung um die Welt, das heisst sie wirkt vor allem als Aufzeichnung und nicht mehr als Sheetmusic.

Notation von J.S. Bach

Handschriftliche musikalische Notation von J. S. Bach; Quelle: Wikimedia Commons

Mehr zum Thema: Historie der Schallaufzeichnung (PDF) des Deutschen Rundfunkarchivs.

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