Kommunikation mit Kulturmaschinen

Luhmann behauptet in seinem Aufsatz „Kommunikation mit Zettelkästen – Ein Erfahrungsbericht“, er könne mit seinem Zettelkasten kommunizieren. Dieser Satz
überrascht und provoziert den herrschenden Commonsense, wonach nur die mit Intelligenz und Sprache ausgerüsteten Menschen kommunizieren können und nicht Einrichtungen wie Bibliotheken, Zettelkästen, Bücher, Datenbanken usw.

Im Anschluss an diesen kurzen Aufsatz möchte ich hier klären,
1. was es denn für Luhmann heisst, „mit einem Zettelkasten zu kommunizieren“ und
2. – falls wir diesen provozierenden Ausdruck stehen lassen können – ob die Kommunikation mit einem Zettelkasten auf ein Musikarchiv übertragbar ist, so dass man auch mit einer Musikdatenbank oder einem Archiv kommunizieren kann.

1 Was heisst es für Luhmann, mit einem Zettelkasten zu kommunizieren?

Der Ausdruck „mit einem Zettelkasten kommunizieren“ kann dreierlei heissen: das „mit“ hat dabei jeweils eine andere Bedeutung:
a) instrumentelles „mit“: Der Zettelkasten ist ein Instrument, ein Hilfsmittel beim Kommunizieren.
b) soziales „mit“: Der Zettelkasten ist ein Kommunikationspartner.
c) quasi-soziales „mit“: Der Zettelkasten ist wie ein Kommunikationspartner.

ad a) Die instrumentelle Bedeutungsdimension leuchtet wahrscheinlich allen ein: Mit einem Zettelkasten schafft man sich einen wirkungsvollen Erinnerungsapparat und eine symbolische Ordnung der Dinge. Präsenz, Verfügbarkeit und Ordnung schaffen bessere Kommunikate und damit ist ein Zettelkasten ein Instrument der Kommunikation.
ad b) Die soziale Bedeutungsdimension hingegen impliziert, dass ein Zettelkasten nicht nur eine mnemonische und taxonomische Maschine ist, sondern ein Kommunikationspartner. Man neigt, ausser in Gebieten wie der AI-Forschung oder der Futurologie, zumeist der Ansicht zu, dass nur Menschen fähig sind, zu kommunizieren, nicht aber Maschinen oder technische Apparate. Luhmann spielt in seinem Text mit dieser Verständnisweise, wenn er Sätze schreibt wie: „Es betrifft mich und einen anderen: Meinen Zettelkasten“ oder „Das wir uns für Systeme halten, wird niemanden überraschen. Aber Kommunikation, oder gar erfolgreiche Kommunikation? Der eine hört auf den anderen? Das bedarf der Erläuterung.“ Aber wenn man weiss, was Luhmann unter Kommunikation versteht, muss man diese starke These revidieren und landet schliesslich bei c).
ad c) Kommunikation findet für Luhmann nicht zwischen Menschen statt (oder zwischen Menschen und Maschinen), sondern ist die Operationsweise eines sozialen Systems. Diese Operationsweise bedarf nicht eines Menschen, um zu funktionieren, sondern ist darauf angewiesen, dass Kommunikation anschlussfähig bleibt, d.h. dass weiter kommuniziert wird. Wer kommuniziert ist zweitrangig. Das soziale System kommuniziert.

Auffassung b) hat damit zu tun, dass ein Zettelkasten einige wesentliche Eigenschaften eines Kommunikationspartners teilt. Das ist vielleicht am ehesten damit vergleichbar, wenn man sich einen Kommunikationspartner einbildet, der kein tatsächlicher, sondern eben ein imaginierter Partner ist. Dieser imaginierte Gesprächspartner hilft einem beim Ausformulieren, beim Einüben der tatsächlichen Kommunikationshandlung (diese Dinge habe ich in meiner Dissertation (link) Autokommunikation erläutert; in der Forschung werden solche Phänomene zum Beispiel als „imaginierte Interaktion“ behandelt).

In systemtheoretischer Hinsicht lautet die Frage, ob der Zettelkasten ein Teil des psychischen Systems ist, quasi ein Verstärker, so dass dieses besser funktioniert (weil es die Erinnerungsleistung erhöht) oder ein Teil des Kommunikationssystems.

Luhmann provoziert und fordert die gängige Ansicht aber auch mit allen seinen systemtheoretischen Ansichten heraus: Es sind nicht Menschen, die kommunizieren, auch nicht Bewusstseinssysteme. Es sind allein soziale Systeme die Kommunizieren und das läuft als Prozess aus anschlussfähigen Kommunikationen ab. Ein soziales System läuft oder „lebt“, solange seine Kommunikationen weiterprozessiert werden.

Konkreter: Luhmanns Zettelkasten

Luhmann arbeitete mit einem physischen Zettelkasten. Er war ein Fürsprecher eines festen Stellsystems statt einer (sys)thematischen Ordnung. Das heisst, die Zettel erhielten eine Laufnummer und waren so eingeordnet. Das ist dasselbe Prinzip wie in einer Datenbank, wo die Einträge eine ID erhalten. Die Reihenfolge der IDs ist eine historisch-zufällige, keine Ordnung der Dinge, da diese sich laufend ändert und da ein Zettel an mehreren Stellen vorkommen kann. Wesentlich ist, dass Einträge auf andere verweisen können (und ich würde hinzufügen, dass die Art des Verweises erwähnt ist) und dass es Register gibt, die thematische Zusammenhänge zwischen den IDs herstellen.

Was durch eine solche Anlage entsteht, nennt Luhmann eine Art Zweitgedächtnis (S. 57). Unserem organischen Gedächtnis nicht unähnlich versichern einzelne Ereignisse ganz und andere werden mannigfaltig verknüpft, so dass sich Klumpen oder thematische Aggregationen bilden. Und diese Zentren bzw. Aggregationen können sich im Lauf des Lebens umschichten und verschieben, was bei einer (sys)thematischen Ordnung nur unter grösster Anstrengung ginge (z.B. durch umsortieren aller Karten).

Der Zettelkasten wächst laut Luhmann in dem Mass zu einem Kommunikationspartner heran, wie er es schafft, Selbständig zu sein bzw. Eigenkomplexität aufzuweisen. Das Mass an Komplexität wächst mit der Anzahl der Abfragemöglichkeiten und der Zugangsmöglichkeiten. Ist der Zettelkasten klein, ist auch seine Komplexität nicht gross. Mit der wachsenden Anzahl an Einträgen wächst aber diese und irgendwann ist eine „kritische Masse“ erreicht, dank der das System komplex wird und mehr und mehr zu überraschen vermag: „Der Zettelkasten gibt aus gegebenen Anlässen kombinatorische Möglichkeiten her, die so nie geplant, nie vorgedacht, nie konzipiert worden waren“. Allerdings spricht Luhmann hier von der Rolle der Generalisierung bei Abfragen: „Die Kommunikation mit dem Zettelkasten wird erst auf höher generalisierten Ebenen fruchtbar, nämlich auf der Ebene der kommunikativen Relationierung von Relationen“. Das heisst, man muss nicht nur Verweise herauslesen und die Verzeichnisse „herunterbeten“, sondern muss diese auf einer höheren Ebene miteinander neu verknüpfen.

Das ist ein kreativer Akt, den man einem Menschen (dem Archivar, dem Verfasser des Zettelkastens oder der Person, die mit dem Zettelkasten arbeitet) zuzuschreiben geneigt ist – und nicht dem Zettelkasten. Aber da Luhmanns Systemtheorie nicht mit dem Menschen operiert, muss man diesen Sachverhalt richtig verstehen: Kommunikation ist Weiterprozessieren von Information. Wer oder was sie weiterprozessiert ist dabei sekundär.

Der Zettelkasten selber funktioniert somit als eine Zufallsmaschine, eine Art intelligenter Würfel, der nicht den blossen Zufall erzeugt, sondern zufällige aber anschliessbare Kommunikationen. Ein biologischer Vergleich: Die Zettelkästen, Datenbanken und Archive beschleunigen Mutation und Variation von Informationen.

Eine wesentliche Eigenschaft an der Information, die in Kommunikationssystemen entsteht, ist ein Moment der Überraschung, des Zufalls. Information ist Überraschung, so könnte man formelhaft sagen. Luhman schreibt: Es „wird – durchaus punktuell, […] aus Anlaß eines Suchimpulses – mehr an Information verfügbar, als man bei der Anfrage im Sinn hatte; und vor allem mehr an Information, als jemals in der Form von Notizen gespeichert worden waren. Der Zettelkasten gibt aus gegebenen Anlässen kombinatorische Möglichkeiten her, die so nie geplant, nie vorgedacht, nie konzeptioniert worden waren.“

Nun liegt das kreative Moment aber beim Benutzer der Zettelkästen und nicht bei den Zettelkästen selbst. Ohne den Zettelkasten wäre sie oder er nicht so kreativ wie mit ihm. Der Zettelkasten ist eine nicht einmal notwendige und schon gar nicht zureichende Bedingung für Kreativität und Kommunikation. Aber der Zettelkasten ist ein Katalysator für Kreativität und Kommunikation. Wo Zettelkästen, Archive, und Bibliotheken und vergleichbare Kulturmaschinen stehen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass dort kommuniziert wird.

2 Ist Luhmanns Kommunikation mit einem Zettelkasten auf ein Musikarchiv übertragbar?

Auch ein digitales Musikarchiv besteht aus Einheiten, deren Ordnung erst einmal zufällig-historisch ist. Jede Archivalie wird mit einer ID versehen, die frei von jeder Sachlogik ist.

Die Ordnung kommt dadurch hinein, dass bestimmte Eigenschaften der Archivalien (Datum, Personen, Orte, Labels usw.) eine eigene Ordnung bilden (zum Beispiel Diskografien). Oder die Ordnung entsteht durch relativ systematische Tags / Zuschreibungen (zum Beispiel Genrezuschreibungen). Diese Ordnungen sind vergleichbar mit den Registern eines Zettelkastens. Bei Luhmans Zettelkasten enthalten die Register Schlagworte und Autorennamen (S.57). In der Datenbank des Archivs für Moderne Musik sind die Diskografien solche Register: die Act-, Produzenten- Label-, Monats- bzw. Jahres- sowie die Genrediskografie. Eine weitere Art der Ordnung sind Listen.

(Quer-)Verweise zwischen Karteikarten sind prinzipiell überall möglich. Das ist auch in der Datenbank des Archivs für Moderne Musik der Fall. Zumeist entstehen Querverweise über die Texte der Rezensionen und Bemerkungsfelder.

Luhmann schreibt: „Jede Notiz ist nur ein Element, das seine Qualität erst aus dem Netz der Verweisungen und Rückverwesungen im System erhält. Eine Notiz, die an dieses Netz nicht angeschlossen ist, geht im Zettelkasten verloren, wird vom Zettelkasten vergessen.“ Ebenso verhält es sich mit Archivalien ohne Querverweise und ohne Registerzusammenhänge. Zum Beispiel geht ein Album von einem Interpreten, von dem es nur dieses Album gibt, das bei einem Label erscheinen ist, von dem kein anderer Release erfasst ist und das keine Genre-Tags erhält, buchstäblich in der Menge des Archivs unter. Er geht wahrscheinlich vergessen.

Wenn ein Zettelkasten ein Kommunikationspartner sein soll, muss er mit Selbständigkeit ausgerüstet sein. Diese besteht in seinen oben erläuterten Eigenschaften, die eine Kombination von Ordnung und Unordnung darstellen (S. 58). Diese Selbständigkeit setzt voraus, dass das System komplex ist bzw. Eigenkomplexität aufweist (S.58). Die Kommuniaktion mit ihm gewinnt „an Fruchtbarkeit, wenn es gelingt, aus Anlass von Eintragungen oder von Abfragen das interne Verweisungsnetz in Betrieb zu setzen“ (S. 59). Dasselbe gilt auch für ein digitales Musikarchiv. Dieses überrascht mich in dem Moment, wo ich etwas abfrage, nach etwas suche und ich ein anderes, oder mehr Resultate als erwartet zurück erhalte.

Hier schliessen die technischen Fragen an, wie das Archiv aufgebaut werden soll, damit es die erhofften Überraschungen schafft. Es braucht die manuell zugefügten Querverweise, man muss Texte (Bemerkungen, Rezensionen) schreiben, man muss möglichst alle diskografiebildenden Eigenschaften der Archivalien möglichst genau erfassen (man muss nach diesen Eigenschaften recherchieren), man muss Tags vergeben (diese müssen gar nicht immer so präzis sein), man muss Links zu externen Rezensionen und Artikeln erfassen, weil dort drin wiederum Querverweise erscheinen können und man muss Listen zusammenstellen.

Die bei einer Abfrage entstehenden Überraschungen sind für Personen nützlich, die mit Musik arbeiten: Musikredakteur/-innen, Radiomacher/-innen, Musikjournmalist/-innen usw.

Es gibt aber auch Abschnitte im Zettelkasten-Aufsatz von Luhmann, die sich nicht so gut wie die bisher erläuterten auf digitale Musikarchive übertragen lassen: Das liegt in der Natur der erfassten Gegenstände. Zettelkästen enthalten Zettel mit konkret Notiertem. Abfragen erfolgen generalisiert: „Die Kommunikation mit dem Zettelkasten wird erst auf höher generalisierten Ebenen fruchtbar, nämlich auf der Ebene der kommunikativen Relationierung von Relationen“ (S. 60). Diese abstraktere Ebene ist mit den sprachlichen Inhalten der Zettel jederzeit machbar. Man bringt Konkretes zum Beispiel auf theoretisch-abstrakte Begriffe. Allerdings kann man zweifeln, ob das mit den Archivalien eines Musikarchivs ebenso leicht machbar ist. Diese interessieren eigentlich immer als die konkreten Dinge, die sie sind.

Nachbemerkung zur Hörerfahrung

Die Hörerfahrung – was jemand kennt, was jemandem gefällt –soll in einem Archiv nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Hörerfahrung wird für die eigentliche Arbeit vorausgesetzt, die kommunikativ anschlussfähig sein muss. Für Archivare spielt es keine Rolle, ob sie die Archivalien kennen oder mögen. Man erwartet von Bibliothekar/-innen, dass sie viele Bücher gelesen haben, man erwartet aber nicht, dass sie alle gelesen haben. Als Menschen dürfen sie Präferenzen haben und zum Beispiel vor allem Reiseberichte lesen oder Krimis gering schätzen. Ebenso muss ja kann ein Forscher auf seinem Arbeitsgebiet nie alle Publikationen kennen. Als Mensch kennt er ein paar wichtige und arbeitet sich an diesen ab. So ähnlich ist das mit dem Archivar, der immer auch ein Filter ist, was ins Archiv rein kommt und was unbeachtet bleibt. Natürlich wird dieser Filter, der mit der Hörerfahrung mitkommt, etwa bewirken, dass Schwerpunkte im Archiv entstehen.

Ein Kommentar

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