Was ist und wozu dient ein Kanon der modernen Musik?

Eine Liste mit essentiellen Werken

Ein Kanon ist eine Sammlung mit Werken (Alben, Songs, Videos, Büchern/Texten), die als essentiell oder verbindlich angesehen werden (siehe Wikipedia am Beispiel der Literatur). Auf Musikzimmer finden Sie verschiedene Listen, die einen kanonischen Anspruch für die Rock- und Popmusik erheben können (auch wenn sie das nicht explizit tun):

Ein solcher Kanon der modernen Musik, des Jazz, des Rocks, des Pops besteht demnach aus der Aufzählung von Alben oder Songs, die als essentiell oder verbindlich gelten dürfen. Doch: Was heisst «essentiell», was «verbindlich»? Und: Für wen ist der Kanon essentiell bzw. verbindlich? Und schliesslich die pragmatische Frage: Was machen wir mit einem Kanon bzw. was zieht diese Verbindlichkeit nach sich?

Sinn und Unsinn des Kanons

Vermutlich stammt die Idee eines Kanons ursprünglich aus der Theologie, wo verschiedene Schriften, die sich inhaltlich teils widersprachen, zu einer verbindlichen Bibel zusammengestellt wurden, um eine kohärente Darstellung der Glaubensinhalte zu erhalten und um Glaubensfragen entscheiden zu können. An diesem exemplarischen Beispiel eines Kanons sieht man: Das Zusammenstellen eines Kanons geschieht somit durch Ein- und Ausschliessen von Werken. Hier liegen bewusste Entscheidungen von den Personen und Institutionen, die den Kanon zusammenstellen, zugrunde. Diese Personen haben ihre Sicht der Dinge, diese Sicht ist beschränkt (man kann unmöglich alles kennen) und verzerrt (man hat Vorlieben).

Vielleicht sind Begriffe wie «Beschränkung» und «Verzerrung» doch sehr einseitig und negativ. So von Beschränkung und Verzerrung geprägt muss ein Kanon gar nicht sein. Das Wertvolle an ihm ist, dass man eine Messlatte für «gute» Werke hat – was immer das heisst –, dass man Weitsicht pflegt, dass man sich vom Kanon anregen lässt, über das unmittelbare und persönliche Interesse und Wohlgefalen hinaus Musik zu hören. Es ist doch interessant, was Fachleute (Musiker, A&Rs von Labeln und Musikjournalisten) als wichtig und einflussreich erachten.

Ich möchte den Umgang mit dem Kanon als eine Grundhaltung des Interesses an einer möglichst «objektiven» Sicht auf die Dinge verstanden wissen, nicht als Autoritätsgläubigkeit. Wenn Sie es relativistisch mögen können wir auch von «Kanonvorschlägen» sprechen. Es kommt hier auf den kritischen Umgang mit solchen Kanonvorschlägen an. Kennt man die Blickwinkel, unter denen ein einzelner Kanonvorschlag entstanden ist, kann man seinen Verbindlichkeitsanspruch relativieren. Und hier stellen wir wieder die eingangs gestellte Frage: Was heisst «essentiell», was «verbindlich»? Wie lässt sich die Essentialität operationalisieren und messen? Wie erkennt man sie? Wie weist man sie aus und rechtfertigt somit seine Entscheidungen bei der Auswahl von Werken für den Kanon?

Fragen und Probleme des Kanons der Modernen Musik

1. Das Genre-Problem

In bestehenden Kanonvorschlägen gibt es offensichtlich unterrepräsentierte Genres: Progrock, Elektronische Musik, House, Techno, moderne Klassik, Jazz und vieles mehr. Die meisten Kanonvorschläge entstammen der Rockmusikpresse. Deren Journalisten haben unglaubliche Blinde Flecken. Bezüglich der Genres sehr offen ist The 100 Most Important Records Ever Made von The Wire.

2. Das Nationen-Problem

Die meisten Kanonvorschläge sind durch die amerikanische und die englische Musik geprägt. Deutsche Musik (Krautrock, NDW oder Deutscher Rap) fehlt weitgehend, jamaikansiche Musik zu grossen Teilen (Dub ganz klar – hingegen ist Reggae gut reräsentiert). Französische Musik von Piaf, Brel oder Vian fehlt ganz, obwohl diese nicht ohne Einflüsse auf die englischsprachige Musik geblieben ist (Scott Walker zum Beispiel). Diese Liste lässt sich nahezu beleibig lang fortführen. Hingegen tauchen, seit «World Music» eine Marktposition darstellt, einige Titel aus nicht-angelsächsischen Ländern in der neuesten Ausgabe der Mojo Collection auf.

3. Das Kompilations-Problem

Besteht ein Kanon nur aus Original-Alben oder auch aus Compilationen (Greatest Hits von Bands/Interpreten oder Genres, Labelsampler usw.)? Konkret geht es um die Frage ob ABBAs The Definitive Collection oder V. A. The Best Glam Rock Album in the World … Ever zum Kanon gehören sollen oder nicht. Diese Frage wird von der «Mojo Collection» verneint, wobei aber die Buchausgabe eine Liste mit Compilations enthält. Der Rolling Stone hat einzelne Zusammenstellungen in seine 500 grössten Alben aufgenommen und die All-Time 100 Albums von «Time» hat acht Compilations in der Liste.

4. Das Problem der neueren Musik

Neuere Musik ist im Kanon immer unterrepräsentiert. Die alten Werke sind offenbar die kanonfähigeren Werke. Diese Verzerrung wird oft als «Genration Bias» bezeichnet. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Generations-Problem in dem Sinn ist, dass die Leute, die den Kanon zusammenstellen, nicht mehr jung sind. Vielmehr denke ich, dass es eine Charakteristik des Kanons ist, dass er vorzugsweise ältere Werke enthält, deren Wirkungsmächtigkeit deutlich geworden ist. Die Wirkungsgeschichte eines Werks ist für dessen Aufnahme in den Kanon essentiell, woraus folgt, dass junge Werke, die eben noch keine Wirkungsgeschichte entfalten konnten, deutlich weniger Chancen haben, in den Kanon aufgenommen zu werden.

5. Soziale Verzerrungen

Schwarze Musik ist gegenüber weisser Musik in der Regel unterrepräsentiert (dieses Problem deckt sich teils mit dem Genre-Problem), Frauen bzw. weibliche Acts gegenüber männlichen. Dies liegt mit Sicherheit daran, dass es weniger Schwarze und Frauen in den Berufen gibt, die Kanonvorschläge machen.

6. Die Alben oder Songs Entscheidung

Besteht der Kanon eigentlich aus Alben oder Songs? Und warum gibt es keinen Kanon aus Bands oder Genres. Mir ist nur ein Buch bekannt, das Alben und Songs kombiniert (Sean Eagans «100 Albums That Changed Music and 500 Songs You Need to Hear »). Der Rolling Stone hat 500 Songs und 500 Alben erkürt, Acclaimed Music je 3000.

Wider das Lustprinzip?

Wer Musik hört tut dies meist nach dem Lustprinzip. Warum soll man sich etwas anhören, das einem nicht gefällt oder dem man sich mühsam annähern muss. Musikhören ist das Gegenteil von Mühsal und Arbeit.

Dieses Lustprinzip steht aber der Kanonbildung und der Auseinandersetzung mit ihm nicht unbedingt entgegen. Es kann ja gerade wegen meiner Lust an der Musik sein, dass ich mich mit dem Kanon auseinandersetze. Über diese Beschäftigung hinaus bereitet es Lust, einen eigenen Kanonvorschlag zusammenzustellen, eigene Bestenlisten zu erstellen und die Alben oder Songs, die darin enthalten sind, andern zum Anhören oder Kaufen vorzuschlagen. Diese eigenen Listen mögen zwar durch grosse persönliche und biografische Verzerrungen geprägt sein und damit ideosynkratischer sein als die Listen der Fachleute. Diese Vorschläge stellen aber interessante Diskussionsangebote mit Gleichgesindten dar, wenngleich diese Diskussionen oft mit furchtbar altkluger Haltung geführt werden.

Aneignung des Kanons

Wer sein Interesse am Rockmusik-Kanon hat, dem empfehle ich, mit einem nicht so umfangreichen Kanonvorschlag anzufangen und sich dann weiter zu arbeiten. Zum Einstieg in den Kanon von Alben eignen sich Bestenlisten mit 50 bis 100 Titeln:

Später kann man auf 500 und auf 1000 und mehr erhöhen:

Bestenlisten von Songs sind meist umfangreicher als Bestenlisten mit Alben – man findet kaum eine brauchbare Liste mit nur 100 Songs. Meine Empfehlungen hier sind:

Heute ist es mit Soulseek oder vergleichbarer P2P-Software endlich kein Problem mehr, an die Musik heranzukommen. Alles, was man braucht, ist etwas Zeit …

Konsumentenverhalten in der Wolke

Zwei neue Marketing-Studien (von der Insight Research Group) über Präferenzen von Musikkonsumenten auf dem Cloudservice-Markt zeigen:
1. Konsumenten besitzen die Musik lieber als dass sie sie über Streaming-Services abonnieren – und zwar 91% der Befragten!
2. Sie mögen einen Mix von Musikbesitz und freiem Anhören.

Method of Purchasing Music

Method of Purchasing Music (9.2011)


Das Resultat der Poll überrascht niemanden: Folgende Nachteile von Streaming-Services liegen für mich auf der Hand: Man muss online sein (das kostet – gerade, wenn man unterwegs ist) und mir fehlt das Vertrauen in die Nachhaltigkeit dieser Services – gibt es sie in fünf Jahren noch und kann ich dann auf die Musik, die ich heute gesammelt und gehört habe, noch zugreifen?

Was die Poll auch zeigt, ist dass bei der gekauften Musik das digitale Format die CDs und das Vinyl bereits überholt hat.

Sodann wurden in einer zweiten Studie (von Parks Associates im Auftrag von TargetSpot) Internet Radiohörer/-innen befragt, wie sie Musik kaufen. Es zeigt sich, dass sieben von zehn Personen Musik kaufen, nachdem sie das Stück im Radio gehört haben.

Purchasing Music, Internet Radio Listeners

Purchasing Music, Internet Radio Listeners (12.2010)


Die Poll bei dieser Konsumentengruppe zeigt, dass Musik vor allem gekauft wird, wenn sie bereits aus Streaming.Angeboten (in dem Fall Radio – aber die Resultate dürften wohl auf andere Services, Online-Musikzeitschriften und Blogs übertragbar sein) bekannt ist. Welche Entscheidungen zum Kauf führen, scheint aber noch nicht bekannt zu sein.

Vielleicht ist das alles gar nicht so anders, wie im Zeitalter vor der digitalen Revolution: Auch früher hatte man Radiostationen und Magazine seines Vertrauens, die wesentliche Rolle bei Kaufentscheidungen spielten. Auch Freunde spielen hierbei eine wichtige Rolle. Diese Dimension ist aber nicht Gegenstand dieser Untersuchungen. Und dies führt zu den (mindestens) zwei Faktoren, die sich grundlegend verändert haben:
1. Die Freunde sind beim Vorhören der Musik potentiell immer dabei: Man teilt interessante Musik über Facebook oder vergleichbare Plattformen und diskutiert dabei die Musik.
2. Die Musik, die vorgehört werden kann, ist in der Öffentlichkeit des Internets verfügbar. Diese Öffentlichkeit ist grundsätzlich anders als früher; unmittelbarer, gleichzeitiger. Ich musste früher Radiosendungen mitschneiden, die Sache auf dem Pausenplatz und Schulhof mit Freunden thematisieren (Hast du gestern … gehört?). Heute geht das alles synchron mit ein paar Mausklicks.

Erleben wir den Tod des Albums?

Eine kurze Geschichte des Albums
In den 60er Jahren wurde das Album gegenüber den Singles zum führenden Schallplatten-Format – zumindest in Rock und Folk. Populäre Musikformen wurden zuvor vor allem durch Singles und EPs, also durch Kurzformate verkauft. Pop-Alben gab es schon auch, doch diese bestanden in der Regel aus ein bis zwei Singles plus Füllmaterial. Das Füllmaterial bestand meist aus Standards, die auch zum Live-Set eines Acts gehörten. Da viele Live-Konzerte damals kürzer dauerten als heute, vielleicht 20 bis 30 Minuten, füllten aber auch die Live-Stücke selten ein Album.

Das Füllmaterial verschwand bei Bands zusehends, die ihre Kunst ernst nahmen, d.h. als Autoren ihres Songmaterials auftraten. Bei den Beatles kann man diese Tendenz daran festmachen, dass ab dem 1965er Album Rubber Soul keine Fremdkompositionen mehr auf ihre Alben kamen. Sodann wurde das Format Album für Rockbands ab 1964/65 ein Anlass von Wettbewerb untereinander, zum Beispiel zwischen den Beatles und den Beach Boys. Dieser Wettbewerb bescherte uns Alben wie Rubber Soul, Pet Sounds, Revolver und das in den 60ern nicht mehr erschienene Smile, über dem Brian Wilson zusammenbrach. Als das finale Kunstwerk in dieser Reihe kann man Sgt. Pepper sehen, das erste Album, das in einem Gatefold-Sleeve erschien und die Texte abgedruckt hatte. Wie kein anderss Kunstwerk seiner Zeit sprach Pepper zu einer ganzen Generation und läutete die Zeit der Konzeptalben ein: Alben, die die klassischen Grossformate wie Konzert und Oper konkurrenzierten. Es entstanden mit Tommy und Quadrophenia Rock-Opern und mit Hair, Jesus Christ Superstar oder der Rocky Horror Picture Show Rock-Musicals. Diese Grossformate wiesen eine durch die einzelnen Songs hindurchgehende Erzählung auf.

Das Album als Leitmedium wurde zum ersten Mal von der Tanzmusik (Disco bis Techno und Dubstep) in Frage gestellt, wo kleinere Formate dominierten und heute noch dominieren. Das Aufkommen der CD in den 80er Jahren festigte das Format des Albums eher.

Neuste Entwicklungen
Wir leben in einer Zeit, in der das Album als Leitmedium vielleicht abtreten muss. Andere Formate wie Vinyl-Releases oder Kassetten-Releases in kleinen Auflagen sprechen Sammler und Liebhaber an.

Im März 2011 erschien in Death To The Shiny Disc von Ethan Kaplan @ Blackrimglasses ein Artikel, der den Tod der CD und damit des Albums verkündet.

Simon Reynolds stellt fest, dass die heutigen Alben (bzw. Musik überhaupt) lausig produziert sei und diese Tatsache trägt
zum Verlust der Aura des Albums bei. Musik muss in iPods und auf Copmputerlautsprechern, ja über das Mobiltelefon gut klingen. Für meien Hi-Fi-Anlage, für die ich so richtig Geld ausgegeben habe, produziert niemand mehr.

Ich bleibe dran und berichte, was passiert, aber vorläufig stelle ich fest, dass immer noch Alben produziert und veröffentlicht werden.

Warum ich keine Musikzeitschriften mehr kaufe

Ich kaufe keine Musikzeitschriften mehr. Im schlechtesten Fall sind sie voll mit Werbung, offensichtliche und versteckte: Jede Rezension und jeder Artikel scheint von der Industrie bezahlt zu werden. Die Musik, die mich interessiert, ist nicht repräsentiert. Diese Aussagen gelten m.E. für den Rolling Stone, Mojo, Uncut und wie sie alle heissen – Magazine als verlängerter Arm der Musikindustrie, Magazine als Marketinginstrument.

Im besseren Fall sind sie langweilig geworden. Spex schon vor langer, de:bug seit geraumer Zeit.

Musikjournalismus, sofern er Neuigkeiten betrifft, findet im Internet statt. Dort gibt es die Blogs und Onlinemagazine: Pitchfork, PopMatters, TinyMixTapes, Dusted usw. veröffentlichen jeden Tag Rezensionen zu Neuerscheinungen. Und es gibt Online-Händler wie Boomkat, die top aktuell sind die wirtschaftliche Tätigkeit mit ansprechendem Musikjournalismus verbinden. Ich sehe nicht, wozu ich noch ein gedrucktes Musikmagazin brauche.

Nun habe ich aber noch immer The Wire abonniert, weil er Hintergrundinformationen bringt, die Onlinemagazine selten bringen. Nur The MilkFactory «featuret» einen längeren Beitrag über einen Act pro Monat. PopMatters hat immer wieder Hintergrundartikel, die aber wie von Schulbuben oder angehenden Doktoranden geschrieben sind. Im besten Fall sind es Auszüge aus bald erscheinenden Büchern (also auch versteckte Werbung?). Dies ist der Schwachpunkt meiner Orientierung auf Internetpublikationen: Ich erhalte wenig Hintergrundinformation und systematisiertes Zusammenhangswissen.

Angfangs März 2011 schrieb Kyle Bylin im Hypebot-Blog, dass sich Musikmagazine (gemeint sind Printmagazine) auf dem absteigenden Ast befänden – weil die Art der Information, die sie publizieren, im Internet schneller verfügbar ist und weil im Internetzeitalter eine Art der Mystifizierung von Musiker/-innen wegfällt, die diese Magazine stets betrieben hätten. Im gegenwärtigen Zeitalter des Direct-to-Fan-Marketings können über die Künstler keine Mythen und Mystifizierungen mehr aufgebaut werden, schreibt Bylin. Der klassische Musikjournalismus lebte aber genau von so einem Hohepriestertum, hatte eine Licence to lie, so der Titel des Blogeintrags.

Blogs machen ihren Leser/-innen weniger vor, sie vermitteln und propagieren Musik als Fans.
Als Fans haben auch die klassischen Musikmagazine wie Rolling Stone einmal angefangen und waren so lange gut, wie Leute in der Redaktion sassen, die diese Fanrolle vor wirtschftlichen Interessen geschützt haben. Dies hat oft etwas Selbstausbeuterisches. Irgendwann muss oder will man von der eigenen Arbeit leben können. Dann geht man Konzessionen ein. Die Art der Schreibe, die Gegenstände verändern sich dann langsam aber sicher. Selten zum Guten.

Um auch schneller und aktueller zu werden, führen viele klassische Musikmagazine mittlerweile ebenfalls einen Blog, beispielsweise der NME, der Rolling Stone, de:bug. Relevant sind sie deswegen nur beschränkt.

Viele Rezensionen entstehen als Gratisarbeit von Fans. Das macht man mal eben so in der Freizeit, auch ohne dafür bezahlt zu werden. Um hingegen einen längeren Gedanken zu formulieren braucht man viel Zeit. Und wenn diese auch unbezahlt sein soll, dann lässt man das in der Regel. Das Resultat ist: Guter Musikjournalismus, der über das Tagesgeschäft der Neuigkeiten hinaus geht, existiert nur in unabhängigen Gefässen wie The Wire oder in wissenschaftlichen Artikeln und Büchern.

Moderne Musik ist an den wenigsten Hochschulen ein anerkanntes wissenschaftliches Fach und somit ist aus dieser Ecke auch nicht viel zu erwarten. Auch bis ein Buch über die Gegenwartsmusik erscheint, muss man wohl warten, bis eine andere Musik als Gegenwartsmusik bezeichnet wird. Das hinkt immer hintennach.

Eine grossartige Ausnahme sind die Blogs von Symon Reynolds, in denen der englisch-amerikanische Musikjournalist mit grosser Umsicht und immensem Wissen über das aktuelle Geschehen schreibt; ein öffentliches Skizzenbuch führt.

Listen / Playlisten

Das Spannende an einer Playliste ist, dass sie etwas darstellt, das wie früher Singles oder Alben in unserer Aufmerksamkeit liegt. Wir begehren Playlisten wie früher Alben oder Singles. Wir nehmen Musik nicht mehr allein als Inhalt von Trägermedien (Alben, Maxis, Singles, DVDs) wahr, sondern als Inhalt von persönlichen Archivierungsmedien (als einzelne MP3-Files oder als Playlisten aus diesen Files). iTunes ist ein Paradebeispiel einer Archivierungssoftware. Von jetzt an ist Musik etwas Digitales: Wir laden sie über’s Internet auf unsere Rechner und verwalten sie mit einer Archivierungssoftware. Was durch alle Medienformate hindurch gleich bleibt: Die verwendeten Medien(formate) bestimmen die Grundstruktur unserer Verhaltensweisen. In einer Welt aus Trägermedien gehen wir in Schallplattenläden und hören uns Musik an, die wir, wenn sie uns gefällt, kaufen. Im digitalen Zeitalter formiert sich die Praxis der Musikauswahl und Aneignung neu. Die Playlist dürfte in diesem Zusamenhang eine zentrale Wahrnehmungseinheit sein. Zwar bewahren wir immer noch ganze Alben auf, weil sie so auf Trägern herausgegeben werden. Aber ob das auch in der weiteren Zukunft so sein wird, steht in Frage. Erkennbare Tendenzen seit der Digitalisierung der Musik bzw. ihrer Erhältlichkeit im Internet bestehen erstens darin, dass wir uns umfassender mit Klassikern ausstatten. So ist meine Musiksammlung dank dem MP3-Format exponentiell gewachsen, auch meine Erfahrung mit Musik, mein Horizont hat sich extrem erweitert. Verfügbarkeit sei dank! Mit unseren iPods und Speicherplatten sammeln wir alle erdenkliche Musik, auch solche, die wir uns nur potentiell anhören – hierzu zählt alle Musik, die man gut finden müsste, die in eine Sammlung gehö,rt, auch wenn man sie sich vielleicht nie richtig anhören wird. Hierzu hätte uns das Budget früher gefehlt. Zweitens kauft man sich heute eher mal ein einzelnes Lied, das einem gefällt, statt dass man das ganze Album bzw. die ganze CD mit allen Füllern anschafft. Und wenn sich viele solcher einzelner Stücke ansammeln, wie ordnet man sie, wenn nicht in Playlisten? Die Kriterien um Playlisten zu bilden können sein: Rhythmen, Stile, Erscheinungsjahr, Stimmung, Künstler/in, Gruppe, geografische Lage, … Das Spannende an einer Playliste ist, dass sie etwas darstellt, das wie früher Singles oder Alben in unserer Aufmerksamkeit liegt. Wir begehren Playlisten wie früher Alben oder Singles. Wir nehmen Musik nicht mehr allein als Inhalt von Trägermedien (Alben, Maxis, Singles, DVDs) wahr, sondern als Inhalt von persönlichen Archivierungsmedien (als einzelne MP3-Files oder als Playlisten aus diesen Files). iTunes ist ein Paradebeispiel einer Archivierungssoftware. Von jetzt an ist Musik etwas Digitales: Wir laden sie über’s Internet auf unsere Rechner und verwalten sie mit einer Archivierungssoftware. Was durch alle Medienformate hindurch gleich bleibt: Die verwendeten Medien(formate) bestimmen die Grundstruktur unserer Verhaltensweisen. In einer Welt aus Trägermedien gehen wir in Schallplattenläden und hören uns Musik an, die wir, wenn sie uns gefällt, kaufen. Im digitalen Zeitalter formiert sich die Praxis der Musikauswahl und Aneignung neu. Die Playlist dürfte in diesem Zusamenhang eine zentrale Wahrnehmungseinheit sein. Zwar bewahren wir immer noch ganze Alben auf, weil sie so auf Trägern herausgegeben werden. Aber ob das auch in der weiteren Zukunft so sein wird, steht in Frage. Erkennbare Tendenzen seit der Digitalisierung der Musik bzw. ihrer Erhältlichkeit im Internet bestehen erstens darin, dass wir uns umfassender mit Klassikern ausstatten. So ist meine Musiksammlung dank dem MP3-Format exponentiell gewachsen, auch meine Erfahrung mit Musik, mein Horizont hat sich extrem erweitert. Verfügbarkeit sei dank! Mit unseren iPods und Speicherplatten sammeln wir alle erdenkliche Musik, auch solche, die wir uns nur potentiell anhören – hierzu zählt alle Musik, die man gut finden müsste, die in eine Sammlung gehö,rt, auch wenn man sie sich vielleicht nie richtig anhören wird. Hierzu hätte uns das Budget früher gefehlt. Zweitens kauft man sich heute eher mal ein einzelnes Lied, das einem gefällt, statt dass man das ganze Album bzw. die ganze CD mit allen Füllern anschafft. Und wenn sich viele solcher einzelner Stücke ansammeln, wie ordnet man siem wenn nicht in Playlisten. Die Kriterien um Playlisten zu bilden können sein: Rhythmen, Stile, Erscheinungsjahr, Stimmung, Künstler/in, Gruppe, geografische Lage, …

Die Ewigbestenliste von «musikzimmer.ch»

Über den Sinn von Ewigbestenlisten

Ewigbestenlisten sind das allerwichtigste auf der Welt. Ewigbestenlisten zu lesen und noch mehr selbst welche zu verfassen ist das süsseste Vergnügen im Leben. Es gibt nichts Wichtigeres als darüber Rechenschaft abzulegen und mit anderen darüber zu streiten, welche Platten die besten sind, welche mit auf die Insel kommen und welche ihren Ort im Zentrum des Herzens haben oder an die und die Stelle unserer kollektiven Biografie gehören, weil sie genau das zum Ausdruck bringen, was ich/wir damals empfunden und durchgemacht habe/n. Mit der einsamen Insel und dem Herzen geht es hier um den zentralsten, eingeschlossensten und privatesten Ort überhaupt. Um den Ort, wo kein anderer wirklich hinkommt. Da, wo vielleicht jemand mal in die Nähe kommt, aber sich nicht weiter nähern kann. Da, wo die Anderen nie und niemals hinkommen. In deren ganzen Leben nicht. Da, wo der Planet ist, wo jede(r) von uns herkommt.

Der Streit über die besten und wichtigsten Platten ist immer die reine Gigantomachie, denn Diskografien mit den ewigbesten Alben sind ein Stelldichein der Superlative: Es sind die Besten, die Grössten, die Liebsten, die Wirkungsmächtigsten, die Wahrsten.

Die Bestenliste dient natürlich auf keinen Fall – hörst du, ich sage: auf keinen Fall! – dazu, in der verzeichneten Reihenfolge durchgespielt und durchgehört zu werden wie eine billige Hitparade. Diese gigantischen Alben löschen sich gegenseitig aus und das darf nicht geschehen. In diesen Platten liegt zum einen Zeitgeschichte, zum andern haben sie meine eigene Lebensgeschichte aufgezeichnet. In ihnen liegen meine Erinnerungen, meine Eindrücke und ALLE meine Gefühle. In sie habe ich mich verlegt, in ihnen habe ich mich verloren.

Schallplatten und CDs sind Aufzeichnungsmedien. Wie jedes Medium stehen sie in der Mitte zwischen zwei Seiten und zeichnen zwei unterschiedliche Dinge auf: Schallwellen bzw. Klänge zum einen, meine Gefühle und Erinnerungen zum andern. Schallplatten sind die Aufzeichnungsmedien meiner selbst bzw. die Aufzeichnungsmedien unseres kollektiven Lebens. Die Biografie entsteht deshalb unter anderem in solchen Medien. Was in einer persönlichen Bestenliste aufgezeichnet ist, ist das Leben selbst.

Schliesslich ist jede Bestenliste doch auch ein von vornherein verlorener Versuch, die eigene Welt mit der Welt eines oder der anderen in Verbindung zu bringen, denn wie jede Person, die eine Bestenliste verfasst, rechne ich damit – und mein Herz weiss, weiss, weiss: Eines Tages kommt mir aus der Ferne jemand mit einer weitgehend gleichen Bestenliste entgegen. Dann wird meine Sehnsucht gestillt sein. Wir gründen eine Band, werden erfolgreich und gehen in eure Bestenlisten ein.
Nachbemerkung zur Ewigbestenliste des Musikzimmers

Die Mischung von Stilen, die meine Bestenliste ausmacht wird dir vielleicht verständlich, wenn du dir vergegenwärtigst, was Jim O’Rourke in einem Interview einmal gesagt hat: «Ich bin nicht darauf versessen, unbedingt in einem Genre zu arbeiten und darauf zu achten, ob ich die Generegrenzen vielleicht verletze. Ich arbeite ganz nach Gehör. Ich höre Musik, die ich mag, und Musik, die ich nicht mag – und ich kann ziemlich genau sagen, warum ich eine Musik mag. Es hat damit zu tun, dass die Musiker sich auf der Höhe der Zeit befinden, ihre eigene Stimme gefunden haben und mit ihr auch weiterarbeiten – das sind die Faktoren, die zählen, unabhängig von jedem Genre.» (zitiert nach F. Klopotek, How they do it, 2002, Mainz, Ventil)

Und hier geht’s zu meiner Ewigbestenliste.

Das Archiv für moderne Musik

Das Archiv für moderne Musik ist eine private Initiative von Christian Schorno. Meine Musiksammlung ist im Lauf der Zeit so umfangreich geworden, dass deren Verwaltung einen systematischen Ansatz nötig machte. Auf dem Markt verfügbare Software, um private Musiksammlungen zu verwalten, zum Beispiel iTunes oder Collectorz, bringt unannehmbare Beschränkungen mit sich. Deshalb musste ich die Verwaltung meiner Musiksammlung auf der Basis von Standard-Webtechnologie selbst konzipieren, einrichten und programmieren. Es entstand das Archiv für moderne Musik.

Die Datenbank des Archivs für moderne Musik

Timeline von Musikzimmer.ch

Timeline von Musikzimmer.ch

2001 wurde die Sammmlung zunächst in einer Access-Datenbank erfasst – von Anfang an mit dem Ziel, diese Daten später ins Internet zu stellen, wo ich seit dem Jahr 2000 regelmässig Rezensionen veröffentlichte. Die Idee war, die Daten verfügbar zu haben und Abfragen bedürfnisgerecht programmieren und bequem ausführen zu können. Die Technologie dazu, ein Webserver mit MySQL-Datenbank, angesprochen mit PHP, stand zur Verfügung und ist einfach handhabbar.

Die erste Implementation in der lokalen Access-Datenbank weckte das Bedürfnis nach einem genauen und konsistenten Datensatz: Releasedaten wo möglich auf den Monat (oder besser noch auf den Tag) genau zu erfassen, Katalognummern so zu verzeichnen, dass die Sortierreihenfolge stimmt, Compilations mit V. A. (Labelbezeichnung) in der Datenbank zu führen, damit Abfragen darauf möglich sind und vieles mehr.

Diskografie-Dimensionen

Diskografie-Dimensionen

Das wichtigste Anliegen, das mit der Online-Datenbank ins Spiel kam, war, dass jedes Item der Datenbank (also ein Song oder ein Release) immer auch als Bestandteil von fünf Diskografie-Typen angeschaut werden kann: als Bestandteil der Diskografie des Interpreten / Acts, der Produzentendiskografie, der Monats- oder Jahresdiskografie, der Labeldiskografie und passender Genrediskografien. Das heisst, dass diese fünf Dimensionen in der Datenbank vollständig und konsistent erfasst werden müssen.

Es dauerte bis im Dezember 2006, bis die Datenbank dann endlich online ging. Vorher, im Spätsommer 2006, migrierte ich alle statischen Seiten über Musik auf meine neue Domain, auf Musikzimmer.ch. Als dann die ersten Seiten programmiert waren, entstand der Wunsch, die Musik auf einem Intranet-Webserver verfügbar zu machen. Den Server gibt es seit dem Herbst 2007. Die Digitalisierung der Musiksammlung dauert noch mindestens bis Ende 2011.
Die Timeline zeigt schliesslich noch mein Zusammentreffen mit open broadcast, dem ersten «user-generierten Radio» der Schweiz. Es besteht die Absicht, das Archiv für moderne Musik den Programmmacher/-innen von open broadcast zur Verfügung zu stellen. (Die hier verwendeten Screenshots von Folien entstammen einer Präsentation, die ich im Rahmen vom Open Broadcast Exchange im Juni 2010 in Basel gehalten habe.)
 

Was ein Archiv ausmacht

Archiv = Sammlung + Katalog

Archiv = Sammlung + Katalog

Ein Archiv besteht aus einer Sammlung von Objekten (die Archivalien) und einem Verzeichnis oder Katalog dazu. Früher waren diese Kataloge Listen oder Zettelkästen. Heute legt man hierfür Datenbanken an. Datenbanken haben verschiedene Vorteile, die das Suchen, Sortieren und Anzeigen von Archivalien erleichtern oder flexibilisieren.

Musikarchive enthalten typischerweise Musik in verschiedenen Medienformaten: CDs, LPs, Singles, EPs, Cassetten, Tonbänder oder neuerdings Soundfiles. Eine wichtige Aufgabe des Katalogs oder Verzeichnisses besteht darin, zu dokumentieren, in welchem Format eine bestimmte Musik vorliegt und wo sie physisch aufgefunden werden kann.

Die Abbildung zeigt im linken Foto einen Teil der Sammlung des Archivs für moderne Musik sowie im rechten Foto zwei klassische Verzeichnisarten von Archivalien: eine Liste und einen Zettelkasten.

Die Digitalisierung eines Musikarchivs

Es ist aus mindestens drei Gründen dankbar, ein Musikarchiv zu digitalisieren. Diese Gründe will ich kurz darlegen.

Digitalisierung eines Musikarchivs

Technologie für digitale Musikarchive

Technologie für digitale Musikarchive

1) Musik ist dank heutiger Web- und Hypertext-Technologie etwas, das im Internet bzw. auf einem Bildschirm repräsentiert und abgespielt werden kann. Zum Vergleich: Eine Sammlung von Oldtimer Autos müssen in einem Museum ausgestellt werden. Auf Bildschirmen können lediglich fotografische Abbilder dargestellt werden.
2) Traditionelle Archive hatten ihren Katalog und ihre Sammlung an je einem eigenen Ort. Wer eine Archivalie suchte, musste zuerst zum Katalog laufen, dort den Standort der Archivalie nachschlagen/recherchieren und danach zur Archivalie gehen, um diese anzusehen oder anzuhören. In einem digitalen Archiv können alle diese Teilhandlungen in der selben Datenbankapplikation abgewickelt werden. Medientechnisch kann man sagen, zwischen Katalog und Sammlung gibt es im Fall digitaler Musikarchive keinen Medienbruch mehr.
3) Die Indizes traditioneller Archive waren ein- oder zweidimensional. Man hatte zum Beispiel einen Zettelkasten, in dem die Titel von LPs verzeichnet waren und einen zweiten, in dem die Acts (Künstler oder Interpreten) alphabetisch sortiert waren. In digitalen Datenbanken kann man nach allen Feldern (zum Beispiel: Act, Titel, Label, Erscheinungsdatum usw.) suchen, die Suchresultate alphabetisch ausgeben und sie auch gleich anhören.
Diese Vorteile machen, dass sich das Digitalisieren der Musiksammlung lohnt und dass man Freude hat, im digitalen Archiv zu stöbern.

Nachteile digitaler Archive und einige Abhilfen gegen sie

Also kann man die CDs nach dem Digitalisieren getrost verkaufen? Hm …, da bin ich mir nicht so sicher. Ein digitales Musikarchiv hat gegenüber einem klassichen Archiv, in dem die CDs auf Regalen stehen, doch einen entscheidenden Nachteil. Ich glaube, dass Benutzer/-innen digitaler Musikarchive in der Regel nach dem suchen und das finden, was sie bereits kennen. Digitale Datenbanken sind perfekte Werkzeuge, um Informationslücken zu füllen. Wie hiess diese EP der Band Pavement mit dem Gockelkopf drauf? Wann erschien Sgt. Pepper von den Beatles? War es das erste Konzeptalbum oder gab es solche vor ihm? Es sind in der Regel solche Informationsfragen, die an Datenbanken gestellt und die von ihnen zuverlässig beantwortet werden. Datenbanken sind Informationstechnologie, nicht Wissenstechnologie. Sie helfen uns zum Beispiel nur beschränkt dabei, neue Musik zu finden, die wir noch nicht kennen.

Webbasierte Musikdatenbanken haben Zusatzfunktionen eingebaut, die Benutzer/-innen animieren, mehr mit ihnen zu machen als bloss Informationslücken zu füllen: Discogs ist auch ein Marktplatz für Musik, auf Rate Your Music können Benutzer/-innen Rezensionen schreiben, Listen zusammenstellen, Ratings abgeben. Durch solche Zusatzfunktionen werden Benutzer/-innen an die Datenbankapplikation gebunden und eingeladen, systematischer als ohne sie damit zu arbeiten.

Datenbankmodell von Musikzimmer.ch

Datenbankmodell (Musikzimmer.ch)

Musikzimmer.ch hat keine vergleichbare Zusatzfunktion. Das ist auf den ersten Blick ein Nachteil. Musikzimmer.ch ist aber auch keine Musikdatenbank, sondern ein Archiv. Der Nutzen eines Archivs besteht darin, die verzeichnete Musik zum Anhören zur Verfügung zu haben – aus rechtlichen Gründen natürlich nicht frei im Internet angeboten.
Und inwiefern ist Musikzimmer.ch mehr als ein Informationsplattform über Musik? Ich versuche, sehr verschiedene Informationstypen miteinander zu vernetzen, indem ich neben der Datenbank auch diesen Blog führe, Web 2.0 Technologien einsetze (vor allem den Google Reader mit täglichen Empfehlungen und Twitter) und indem die Datenbank neben Musikformaten auch Bücher und Artikel zur modernen Musik enthält, was wunderbare Möglichkeiten zur Vernetzung von Daten bzw. Information schafft. Ein Musikgeschichtsbuch hat im Anhang einige Referenzalben aufgelistet. Diese werden in der Datenbank erfasst, eine Bestenliste erstellt und vom Buch wird ein Link auf diese Bestenliste gemacht. Auf diese Weise erhalten die Benutzer/-innen von Musikzimmer.ch wertvolle Informationen zur modernen Musik.

Links zu wertvollen Onlinequellen

Einen wesentlichen Zusatznutzen gegenüber vielen Musikdatenbanken versuche ich damit zu schaffen, dass ich Links zu relevanten Online-Quellen einarbeite und pflege. Zu einem Release findet man Verweise auf Musikdatenbanken, Lyrics-Seiten und Rezensionen. Damit ist der Musikzimmer-Katalog nicht nur eine kleine aber feine Musikdatenbank, sondern ein Hypertext zur modernen Musik.

 

 

Archivregale als Fläche

Archivregale als zweidimensionale Fläche

Es gibt ein noch schwerwiegenderes Problem digitaler Musikarchive als das der informationstechnologischen Beschränkung: Man interagiert über einen Bildschirm mit dem gesamten Archiv und dieser Bildschirm ist in der Regel von beschränkter Grösse. Zum Vergleich: Meine CD-Regale bilden eine zweidimensionale Fläche auf der ich meine Musik geordnet habe. Von links nach rechts verläuft eine imaginäre Zeitachse. Das heisst, Musik, die links eingeordnet ist erschien früher als Musik die rechts steht. Und die Dimension von unten nach oben repräsentiert die stilistische Vielfalt einer Zeit. Dieses System ist grandios zum Schmökern und Herumstöbern. In herkömmlichen digitalen Archiven gibt es nichts Vergleichbares.

Kleine Bildschirme

Kleine Bildschirme

Das Problem wird drastisch, wenn die Anzeigen (die Screens) besonders klein sind, wie in vielen gängigen Heim- oder Mobilgeräten (siehe Abbildung). Auf solchen kleinen Bildschirmen lässt sich ein Musikarchiv einfach nicht abbilden, du kannst nicht in ihm herumgehen, du kannst die Archivalien nicht anfassen. Dabei geht es mir nicht um den Verlust der Sinnlichkeit alter Medien, der oft beklagt wird, sondern um die fehlende Repräsentation der Musiksammlung als ganzer auf zu kleinen Bildschirmen. Ich glaube, dass die Screens unseren Blick in einem sehr konkreten Sinn einschränken oder verengen.

Kognitive Karte

Kognitive Karte

Die bisher einzige Abhilfe, die mir gegen diese Verengung in den Sinn kommt, sind grafischer Natur. Was Datenbanken und Archive brauchen, sind grafische Repräsentationen musikalischer Zusammenhänge, zum Beispiel Genremaps (Landkarten oder kognitive Karten, die die historsiche Entwicklung der Musik abzubilden versuchen). Einige prototypische kognitive Karten habe ich gezeichnet: eine Sparten-Übersicht, eine Genremap zu Americana, eine nicht interaktive Genremap zu Rock und Alternativerock, eine Kapitelübersicht zum Buch: Modulations von Shapiro (Ed.) und eine zu On The Wild Side von Martin Büsser (leider auch nicht interaktiv). Leider ist es sehr aufwändig, solche kognitive Karten zu erstellen und an ihnen Änderungen vorzunehmen, besonders wenn sie interaktiv sein sollen.

Was kommt rein und was bleibt draussen?

Wer ein Archiv führt, trennt das, was rein kommt von dem, was draussen bleibt. Ich werde oft gefragt, was meine Auswahlkriterien sind. Wenn ich versuche, solche Kriterien zu nennen, kann man immer gleich schaurig akademische Diskussionen über deren Validität führen. Aber damit will ich mich nicht aufhalten. Nenne ich keine Kriterien, scheint alles, was ich tue, völllig willkürlich.

Quellen fürs Musikzimmer

Quellen fürs Musikzimmer

Nun, die beste Antwort, die ich auf die Frage nach meinen Auswahlkriterien geben kann, ist folgende: Ich bin sowohl darum bemüht, Neuerscheinungen als auch die einflussreichste Musik der vergangenen Jahrzehnte im Archiv zu haben. Ich schaue mir fast täglich die RSS-Feeds von Online-Musikmagazinen durch, um nichts zu verpassen. Ich lese Bücher zur modernen Musik, Online-Artikel und Bestenlisten, um das was in ihnen verhandelt wird, verzeichnet zu haben. Bei der Auswahl sind dann weder klare Kriterien noch blosse Willkür am Werk, sondern vielmehr mein Interesse an der modernen Musik, das von einer grossen Hörerfahrung gespeist ist. Mir geht es so: Je mehr Musik ich kenne, desto grösser wird mein Interesse an Neuem. So ist, was rein kommt und was drausssen bleibt, zwar von meiner Person abhängig und sicherlich mit blinden Flecken geschlagen. Diese werden aber durch die Berücksichtigung möglichst vieler Quellen hoffentlich kleiner und kleiner.

Technologie, Kultur und Recht des Filesharings

Technologie prägt Kultur

Was hat sich mit dem Breitband-Internetzugang und der Erfindung der MP3-Audiodatenkompression verändert? Musik kann direkt über das Internet verbreitet werden, Musikliebhaber sind auf der Suche nach Musik nicht mehr auf Händler angewiesen, die zumeist das in die Regale stellen, was sich gut verkauft. Auch die Gewohnheit, unter Freunden Musik auszutauschen, hat sich dank Filesharing: Software globalisiert. Musik als Kulturgut ist damit zugänglicher geworden. Sammler und Liebhaber sind dafür unendlich dankbar.

Auf dem technologischen Wandel folgt ein Wandel der gewohnheiten und Praktiken rund um das Musiksammeln. Man bezieht seine Musik über das Internet, man findet umfangreiche Informationen zu Musik in internetbasierten Datenbanken (z.B. im All Music Guide oder bei Discogs) oder in Onlinemagazines (z.B. bei Pitchfork, themilkfactory oder PopMatters). Man legt Sammmlungen mit speziell dafür vorgesehener Hard- und Software an (zum Beispiel mit NAS und iTunes).

Kriminalisierungskampagnen statt rechtliche Aufklärung

Statt rechtliche Aufklärung bekommt der Konsument zumeist die Begriffe und die Argumente einer gross angelegten Werbekampagne zu hören und zu lesen. Deshalb empfehle ich Schweizern die Lektüre der hervorragenden Site www.copyright.ch (Menu: Musikdownload und Filesharing). Dort kann man lernen, dass Downloaden in der Schweiz erlaubt ist (obwohl in anderen Ländern Bemühungen im Gang sind, das Downloaden von unrechtens ins Netz gestellten Files als Vergehen zu definieren). Sodann ist es jederzeit erlaubt, Verwandten und Freunden (nicht jedoch einem Bekannten) eine Kopie eines erworbenen Mediums herzustellen. Auch die Verwendung von Medien im Rahmen der Lehre ist erlaubt. Eine digitale Datei darf in einer passwortgeschützten Umgebung/Plattform angeboten werden, sofern der Passwortschutz den Kreis der Nutzer auf den tatsächlichen Klassenverband/Studierendenkreis einschränkt.

Die Musikindustrie will Konsumenten glauben machen, dass sie kriminell sind, wenn sie einen Track oder eine CD statt käuflich erwerben kopieren oder downloaden. Das Musikverlagswesen reagiert damit auf die Veränderungen der Gewohnheit (cultural shift), die auf die veränderten technologischen Möglichkeiten folgt, die sichtbar zu Umsatzeinbussen geführt haben. Schallplatten- und CD-Läden verschwinden und die, die bleiben, werden noch schlechter.

«Download» oder «sharing»?

Noch einige eher philosophische Bemerkungen zum Begriff «downloaden»: Das ist der Begriff, bei der die von der Werbekampagne der Musikindustrie versuchte Kriminalisierung ansetzen soll: Die Formel der Kampagne heisst: downloaden = illegal. Über diese Formel mokiert sich der Song «Downloading» von Negativland (2005), der viele Audio-Dokumente zum Thema zu einer Klangcolage montiert (siehe das Album No Business).

Die Realität ist zum Glück nie so einfach wie die Werbung es suggeriert. «Downloaden» ist als Begriff zu eng. Es geht um die Verbreitung über das Internet. Es geht um eine Form von Kommunikation, von sozialer Tauschhandlung, um eine soziale, nicht private Handlung. Der Begriff «downloaden» tut so, als kämen die Inhalte aus dem Himmel. Was tatsächlich passiert ist aber doch, dass jemand etwas (vielleicht oft widerrechtlich) ins Internet stellt, damit es jemand anders herunter laden kann. Oder jemand digitalisiert Medien (unter dem Gesichtspunkt «Recht auf Privatkopie», also kein Vergehen) und teilt die digitalen Kopien mit anderen Internetbenutzern (filesharing). Das ist, was im hohen Mass passiert: Wir «downloaden» nicht, wir «sharen» unsere Medien als digitalisierte Dateien im Rahmen einer Community.

Recht hinkt hinten nach

Auf die Filesharing-Praxis sind die traditionellen Gesetze nur zum geringen Teil vorbereitet: Recht auf Privatkopie und Weitergabe an Freunde und Verwandte schliesst globales Filesharing natürlich aus. Die schweizerisxche Gesetzgebung erlaubt aber das Downloaden und verfolgt nur das uploaden. Aber was heisst das in der Welt des Filesharings als sozialer Handlung? Wenn ich ein Soundfile legal downloade, biete ich es sofort wieder in der Community an. Damit mache ich mich strafbar. Das heisst mit einer legalen Handlung (download) mache ich mich strafbar, weil jeder Download auch ein Upload ist. Man sieht an diesem Beispiel, wie wenig die Gesetzgebung die gegenwärtige technologische Entwicklung reflektiert. Reflektiert ist die Kopier- und Verbreitungskultur einzig in der Tatsache, dass seit vielen Jahren Abgaben auf Speichermedien (Kassetten, CDRs, iPods etc.) erhoben werden, zur Abgeltung des Urheberrechts/Copyrights. Die Frage lautet, ob mit diesen Abgaben die Autoren nicht zu ihrem Recht kommen können.

Verbot oder totale Kontrolle als Option?

Die Alternativen, die der konservativen Musikindustrie wahrscheinlich am ehesten behagen, bestehen darin, zunächst Filesharingprogramme zu verbieten und dann nötigenfalls vollständige Kontrolle über den Gebrauch von Dateien auszuüben. Man würde dann für jedes einzelne Anhören eines Files zur Kasse gebeten.

Nun, alle diese Strategien sind heikel: Filesharing zu verbieten ist nicht sehr praktikabel, denn es könten innert kürzester Zeit andere, nicht serverbasierte Technologien verwendet werden. Diese zu verbieten hiesse, an der Substanz der Vernetzung zu rütteln. Man könnte dann gleich das Internet verbieten und zurück zum Papier und zum Buch gehen. Komplexe Kontrollsysteme und -technologien für Dateien zu entwickeln, wäre kostspielig und gäben dem Internet zumindest partiell eine totalitäre Struktur. Will das tatsächlich jemand?

Man mag Lücken im Gesetz feststellen und beklagen. Das Leben geht aber trotzdem weiter. Man benutzt Programme wie iTunes und Soulseek und löst die kognitive Dissonanz zwischen technischer Möglichkeit und eventueller Widerrechtlichkeit mit der Stimme des gesunden Menschenverstands. Dieser spricht: «Come on, Leute, macht von Soulseek und vergleichbarer Software Gebrauch, wenn euch danach ist! Kauft aber auch die Musik und die Filme, die euch am Herzen liegen. Die Musik wird deshalb bestimmt nicht sterben. Es gehen höchstens diejenigen Musiker und Verlage ein, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen.»

Das Paradies auf Erden

Filesharing, speziell Soulseek, ist für den Musikliebhaber das Paradies auf Erden. Und dieses Paradies hat ja seinen Preis, den man mit der Zeit zahlt, die das suchen und herunterladen kostet, den man monetär mit den Abgaben auf CD-Rohlingen und Speichermedien zahlt. Reicht das nicht? Sollten diese Abgaben tatsächlich nicht genügen? Dann müssten eben die Sätze neu verhandelt werden, statt die Gewohnheiten von Abertausenden zu kriminalisieren oder das Internet einer zentralen Kontrolle zu unterwerfen.

Weiterlesen
Dokumentarfilm Good Copy Bad Copy (Dänemark, 2007)
Das aktuelle Urheberrecht ist die eigentliche Katastrophe (Neunetz.com, Oktober 2011)

Bericht des Bundesrates zur unerlaubten Werknutzung über das Internet in Erfüllung des Postulates 10.3263 Savary (August 2011)

Die Vorgeschichte meiner Hörgeschichte

Wiedergefundene Vergangenheit

In Umberto Ecos Buch Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana leidet der Protagonist unter einem durch einen Unfall verursachten Gedächtnisschwund. Er verfügt noch über die volle Kraft des so genannten semantischen Gedächtnisses, d.h. er erinnert sich an alles, was er gelernt und gelesen hat. Weil er als Antiquar ein Leben lang Bücher liebte, kann er aus ihnen zitieren, wie es nur ein Gelehrter kann. Aber es ist ihm unmöglich, das Zitierte in einen Zusammenhang mit dem eigenen Leben zu bringen – er hat nämlich sein episodisches Gedächtnis verloren. Und so erinnert er sich nicht mehr an die eigene Lebensgeschichte. Aus diesem Grund zieht er sich auf seinen Landsitz im Piemont zurück, wo er aufgewachsen ist und wo er von seinem Grossvater, der Antiquitätenhändler war, eine riesige Sammlung alter Trivialliteratur findet, darin herumliest, ahnend, dass er als Kind mit diesen Büchern aufgewachsen ist und dass diese Erzählungen seine Geschichte geprägt hat, die Art, wie er die Welt sah, die Frauen, von denen er sich anziehen liess usw.

Angeregt durch diese Geschichte habe ich mich aufgemacht, mich ebenfalls auf die Suche nach den Liedern zu begeben, die mein Hören prägten. Die Fragestellungen, die sich hier aufdrängen, lauten: Von welcher Musik war ich als Kind umgeben? Wann habe ich damit begonnen, Musik bewusst zu zu hören, wann sie zu suchen? Wo habe ich gesucht? Was war zugänglich? Und natürlich: Welche Medien waren dabei prägend? – denn jede Phase meines Musikhörens und -suchens war von einem bestimmten Medium geprägt: Zuerst war das Radio, dann kam der Kassettenrekorder, mit dem sich die Musik einfangen liess. Parallell dazu die für mich als Kind teuren Schallplatten, später die CDs, die Abhängigkeit von den Schallplattenläden mit ihrem begrenzten Sortiment, heute die MP3-Files und Filesharing-Communities im Internet, die kaum noch Wünsche offen lassen. Die Medienwelt hat sich in meiner bisherigen Lebensspanne extrem entwickelt, das neueste Medium war jeweils ein noch grösseres Glück des Suchenden und Hörenden.

Versunken blieb vor allem Musik aus der Zeit vor dem Kassettenrekorder. Ich hatte sie bloss im Radio gehört und konnte sie nicht aufzeichnen. Dann Musik aus der ersten Zeit mit Kassettenrekorder, die ich zwar aufgenommen habe aber relativ kurze Zeit danach wieder überspielt habe, weil mir auch Kassetten nicht in grosser Menge zur Verfügung standen.

Ich tastete mich wie folgt an die Beantwortung meiner Fragen nach der frühesten Musik heran, die mich prägte. Ich weiss noch genau, dass ich mir bestimmte Sendungen regelmässig angehört habe, weil praktisch nur sie Musik spielten, die mir gefiel. Eine dieser Sendungen war die Schweizer Radiohitparade, 1968 von Christoph Schwegler ins Leben gerufen. Diese Hitparade war natürlich durchsetzt mit übler Schlagermusik, aber etwa die Hälfte von zehn Stücken, die in der halben Stunde Sendezeit kaum ausgespielt werden konnten, waren damals genug toll, um die Sendung jede Woche gebannt anzuhören. Ich kann diese Radiohitparade zwar nicht mehr einschalten oder abspielen, aber weil es die Website der Schweizer Radiohitparade gibt, die alle Titel seit den Anfängen in einer Datenbank gespeichert hat, konnte ich nachschlagen, was ich damals gehört haben muss und konnte es mir herunter laden. Jetzt sind etwa 100 dieser Stücke, die zwischen 1968 und 1975 auf eine CD geb(r)annt und sind verfügbar geworden. Ich habe mir eine Zeitmaschine gebastelt. Ich weiss jetzt wieder, was mich damals musikalisch beschäftigte. Es waren vereinzelte Pop- und Rock-Klassiker von Ringo Starr, Dr. Hook And The Medicine Show oder den Sparks mit dabei – kein Bowie, kein Lou Reed, kein John Cale, keine Joni Mitchell. Es gab eine Menge Schlagermusik aus den verschiedensten europäischen Ländern (selten mal aus Amerika wie Neil Diamond oder Albert Hammond), viel Musik, die man aus dem europäischen Schlager-Concours kannte (ja, auch das hat man sich gegeben – in der Not frist der Teufel Fliegen). Oder die Schlager aus Frankreich, meist mit einer Prise Gepflegtheit, was ich damals nicht erkennen konnte, was einfach nur passabel war und durch ging, durch die Zensur, die mit Weghören drohte, und durch den Kopf hindurch, wie man so schön sagt. Das waren Chansons beispielsweise von Allain Barrière, Anne-Marie David, Dalida, Joe Dassin. Es gab Schlagermusik aus Deutschland, worüber ich hier kein Wort zu verlieren gedenke. Im Spätsommer kamen regelmässig die Ferienhits aus Italien und Spanien in die Charts, sei es, dass die Touristen sie in ihren Köpfen mit gebracht haben oder die Gastarbeiter, die jeden Sommer zu ihren Familien heimkehrten. Das war ein schlimmes sentimentales Zeug wie «Tornero» und «Piccola e fragile». Ich kann sie heute noch mitsingen. Hin und wieder tauchten natürlich schweizer Titel auf, die Sauterelles, Toni Vescoli, später dann Rumpelstilz.

Heavenly Club von den Sauterelles war wahrscheinlich das erste psychedelische Musikstück, das ich hörte. Eine Art Kopie des Byrds-Sounds aus der Phase von Fifth Dimension, aber die Byrds kannte ich damals noch nicht. Die ewig schöne Melodie und die warmen Harmonien des Stücks verfolgten mich im Traum: Ich habe vielleicht einmal, vielleicht mehrere Male, von einer Musik geträumt, die mich beim Anhören unendlich glücklich machte – und das sage ich nicht einfach so daher. Ich habe in meinem Leben kein grösseres Glück kennen gelernt als in diesem Traum. Lange Zeit suchte ich nach der Wiederholung dieser Glückserfahrung. Ich hoffte es eines Tages im Radio wiederzuhören und auf Kassette aufnehmen zu können, um das Glück per Knopfdruck abrufbar zu haben. Das Stück aus dem Traum verblieb aber vorerst ungreifbar. Ich musste jahrelang danach suchen. Und als ich es wiederhörte – ich weiss nicht wann genau, aber es muss so zehn Jahre später gewesen sein – war ich mir zuerst unsicher, ob es Heavenly Club war oder nicht doch Nights In White Satin von den Moody Blues, das wenige Wochen vor «Heavenly Club» in der Hitparade war. Heute meine ich, dass ich damals viel eher von Heavenly Club“>Heavenly Club geträumt habe als von Nights In White Satin, aber die letzte Gewissheit über diesen Sachverhalt fehlt mir. Woher dieses unerhörte Glück kam, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Natürlich stellte es sich bis heute nie mehr so ein, wie in jenem Traum – nicht einmal unter Drogeneinfluss.

Was mich beim Forschen nach den frühesten Härerlebnissen zu erstaunen vermochte, war die Tatsache, dass immer wieder Diskomusik in dieser Hitparade zu finden war: Barry White, 5000 Volts, Shirley and Company oder MFSB. Ich hätte geschworen, dass Disco erst später ein Thema geworden wäre, aber nein, Disco war von den Anfängen an in meinen Ohren.

Am meisten fasziniert war ich damals von einer Musik, die recht stark vertreten war: Glitter- bzw. Glamrock, vertreten durch Bands und Acts wie Gary Glitter, Mud (Tiger Feet), Slade oder Sweet. Von letzteren bekannte ich mich als Fan. Auf diese Musik fuhr ich damals voll ab. Co-Co, The Ballroom Blitz, Teenage Rampage. Diese Stücke strahlten die schiere Energie von Rockmusik und den Glamour aus, der aus grellen Klamotten und einer mir unerlaubten Haarpracht bestand. Durch die erhältlichen Platten (zumeist Singles) und durch die Jugendzeitschrift «Bravo» waren die Bilder dieser Bands gegenwärtig. So wollte ich auch aussehen! Bloss in den Schuhläden, die ich kannte, waren keine silbernen Platteauschuhe erhältlich, in den Kleiderläden keine glitzernden Hosen, oben eng, unten weit, so dass sie im Laufen wehen. Glam hat mich ein für alle Mal auf Britische Popmusik geprägt. Der Style dieser Bands war von höchster Signifikanz für mich. Er war genauso wichtig wie die Musik – ob ich diesen Stil mitleben konnte oder nicht. Style war eine Botschaft, das verstand ich von Anfang an. Die, die das nicht verstanden oder sich imun gegen diese Botschaften zeigten, waren immer die anderen, die Nicht-Eingeweihten. Ich verstand etwa im Alter von 10 Jahren, dass durch die Identifikation mit einer Band / mit einer Musik eine wesentliche Unterscheidung in die Welt kam, die zwischen mir und den anderen, und dass diese Unterscheidung mein Weltverständnis prägte. Die Musik, die ich hörte, provozierte das biedere Establishment, mit dem ich nichts zu schaffen hatte. Doch weil es diese modischen Kleider für mich zunächst nicht gab, war meine Rebellion gegen den Status Quo eine innere – eine Rebellion, die vor allem über die Musik und nicht über Klamotten lief.

Im Herbst 1973 sah ich dann den Film «A Hard Day’s Night» im Fernsehen. Seither kenne ich die grösste Band, die es je gegeben hat: Die Beatles. Und mit ihnen endet diese Vorgeschichte. Von jetzt an weiss ich mit einiger Gewissheit, was ich wann hörte.

[November 2004, ergänzt im August 2009]