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Musikzimmer Rezensionen

Die neuste Rezension 30066

Bon Iver [x>] [D]: 22, A Million [F] [P]

CoverLabel: Jagjaguwar JAG 300
Erscheinungsdatum (JJJJ MM TT): 2016 09 30
Genre: Post-Millennial-Music - Indiefolk - Singer-Songwriter

Fünf Jahre und drei Monate brauchte Justin Vernon für sein neues Album 22, A Million. Der Songwriter, der sich 2007 mit seinem Erstling, For Emma, Forever Ago, ins Zentrum des Indiefolks spielte, ist einen weiten Weg gegangen: Als Musiker, der typischerweise in Clubs spielte, fand er sich plötzlich auf grossen Bühnen und Festivals wieder und erhielt gar einen Grammy für das zweite Album, Bon Iver, Bon Iver. Dieser Erfolg macht ihn zu einem der prominenten Crossover-Musiker der Zehnerjahre. Es besteht eine grosse biografische und existentielle Spannung zwischen dem, der sich während einer Lebenskrise in eine Hütte zurückzieht, um Songs zu schreiben, und dem, der mit Kanye West auf Augenhöhe musiziert. Den Weg zwischen diesen Extremen muss einer zuerst einmal zurücklegen. Er muss ihn fassen und verarbeiten.
Der 35-jährige Justin Vernon wusste, dass er auf dem dritten Album alles machen konnte: Sein Name wird das Album verkaufen. Doch er fragte sich, wo er mit seiner Musik hin will und zu welchem Zweck er sie macht. Wie ist 22, A Million nun also geworden? Musik mit Herz für Leute mit Herz. Wobei «Herz» keine billige Ausrede für fehlende Worte ist, sondern das Organ (oder metaphorisch: die psychische Instanz), die einen antreibt, weiter bringt, befähigt, offen (beherzt) auf das Ungewisse zuzugehen.
Im New York Times Popcast wird eine Rezension zitiert, die die Frage stellt und verneint, ob 22, A Million dem Publikum gefällt, das For Emma, Forever Ago liebten. Ich stelle mir diesen Diskurs vor, in dem es typischerweise um Emotion, Bauch und Herz geht. Die frühen Songs von Justin Vernon hatten diese Direktheit, die der Musik als Sprache oder Ausdruck zugeschrieben wird, wenn man sagt: «Musik vermag unmittelbar sublinguistische Schichten unserer Kommunikation anzusprechen». Musik spricht zum Herzen, das ist zweifellos der Fall. Doch das Herz sollte kein Gefängnis sein. Herzlich ist der Mensch, der offen auf Neues und andere zugeht, nicht der, der seinen Kreis von Freunden hat und nur in diesem warm und lebendig ist. Bon Iver ist ein beherzter Act, der das Neue sucht und sich nicht auf schöne, mit fragiler Stimme vorgetragene Folksongs festschreiben lässt. Warum also soll man nicht die frühen und diese neuen Songs genau so lieben können?
Es gibt zwei Faktoren, die das erste Bon Iver Album mit den folgenden, zunehmend experimentelleren verbinden: Justin Vernons Soul-Stimme und sein Geschick, verschiedene Instrumente zu spielen. Doch ein dritter Faktor macht die Musik mit aus, Vernons Experimentier- und Gestaltungsfreude im Studio. Sie hat von Album zu Album zugenommen, aber die Ansätze dazu finden sich schon im Erstling. Vernons Musik wollte nie einfach sein, das widerspiegelt sich schon im Künstlernamen des Acts, der eine Herausforderung ist, weil er französisch satt englisch ausgesprochen werden will. Bon Ivers Soul-Stimme fiel von Anfang an aus jedem Indiefolk-Rahmen: Ich erinnere mich, dass ich For Emma, Forever Ago, als es herauskam, im ganz anderen Kontext von Alternative-R'n'B wahrgenommen habe. Das andere Album, das damals bei mir in «Heavy Rotation» lief, war Love Remains von How To Dress Well. Von daher besteht m.E. gar kein Anlass, Bon Iver bzw. Justin Vernon in die Indiefolk-Ecke zu drängen und seine Auto-Tune-Effekte als «schwierige», «schwer verständliche» und «fremde» Elemente zu besprechen.
Gerade die Produktion von 22, A Million ist nämlich das Bemerkenswerteste an diesem Album: Sie verbindet das Klassische mit dem Experimentellen, das Analoge mit dem Digitalen, Lo-Fi und Auto-Tune. Die quadratische Yin-und-Yang-Ikonografie im Zentrum des Covers ist Ausdruck der Einheit dieser Gegensätze. Hier treffen digitale Glissandis der Stimme auf verwitterte Lo-Fi-Effekte und analoge Fehler. Dass Yin und Yang hier in einem Quadrat stehen, entreisst sie zudem einer perfekten, von einem Kreis symbolisierten Einheit und holt sie runter auf die Erde und ins Leben.
Interessant sind die Songtitel des Albums. Zahlen sind ihre Hauptkomponente und stehen für Abstraktion und Codierung. 33 ‘GOD’ verweist auf die Länge des Stücks (3 Minuten 33 Sekunden) oder 00000 Million soll mit der Tracknummer 10 zusammen gelesen werden und heisst dann «1,000,000». 715 - CRΣΣKS ist ein Ort und seine Postleitzahl in Wisconsin. Einige Zahlen tragen eine persönliche Bedeutung, wie der Verfasser der Linernotes schreibt. Die 22 im Titel steht z.B. für Vernon, für seine «Dualität» und für die Verzweiflung aus Psalm 22 («Mein Gott, warum hast du mich verlassen?»). Der Autor dieser Musik spielt mit den Sounds wie mit den Zahlen in den Titeln. Alles weist darauf hin: Musik ist codierte und gestaltete Information, deren Zweck nicht ist, festgeschriebene Genres und Formate oder Publikumserwartungen zu bedienen, sondern zum Herzen zu sprechen und beherzt das Neue zu suchen. (veröffentlicht: 2016 10 11)

Trackliste:

1. 22 (OVER S∞∞N) - 2:48 2. 10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄ (Ben Lester, BJ Burton, Justin Vernon) - 2:24 3. 715 - CR∑∑KS - 2:12 4. 33 “GOD” - 3:33 5. 29 #Strafford APTS (BJ Burton, Justin Vernon) - 4:05 6. 666 ʇ - 4:12 7. 21 M◊◊N WATER (Sean Carey, Justin Vernon) - 3:08 8. 8 (circle) Ryan Olson, BJ Burton, Michael Lewis, Justin Vernon) - 5:09 9. ____45_____ - 2:46 10. 00000 Million (Michael Lewis, Justin Vernon) - 3:54
Alle Tracks: Justin Vernon, ausser wo anders vermerkt.

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Zum Sinn dieser Rezensionen

Dietmar Dath schreibt in einem kuzen Beitrag in der «de:bug» (Nr. 100/März 2006, S. 55) eine im wesentlichen kantianische Antwort auf die Frage, warum wir überhaupt etwas mit Musik anfangen können: Die Liebe zur Musik ist wie jede Liebe zu einem ästhetischen Gegenstand (zur Kunst, zum Schönen) das Ergebnis der Vorstellungskraft, jenes Vermögens, das zwischen Wahrnehmung und Denken vermitteln kann. Diese Vermittlung ist nun aber nicht einfach eine ominöse Synthese von Ohr und Kopf. Die Vorstellungskraft ist das Vermögen, ein Urteil über Musik (oder eine andere Kunstform) zu finden, das auf der Wahrnehumung beruht, dabei aber möglichst alles, was man weiss, mit in Betracht zieht. Wer eine Rezension schreibt, wer einem Sinnesverwandten erklärt, weshalb eine Musik toll ist, der lebt in und mit dem Vorstellungsvermögen. Sie oder er versteht es, den ästhetischen Gegenstand einem andern vorzustellen. Das ist in etwa, was ich hier zu unternehmen trachte.

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