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Publikations-Factsheet: Retromania. Pop Culture's Addiction To its Own Past (Sachbuch) von Simon Reynolds

Simon Reynolds [D]: Retromania. Pop Culture's Addiction To its Own Past   [PDF]

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Datum (JJJJ MM TT)
– 2011 07 19 [D]
Verlag
– Faber & Faber (New York)
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Tags
– Geschichte 6: Retro-Age [Tag]
– Digiculture [Tag]
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– Sammeln [Tag]

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Retromania ist ein verheissungsvoller Titel f�r ein Buch �ber die Popmusik der Noughties, der Nullerjahre. Das ganze Jahrzehnt war nach der Implosion der elektronischen Musik, die das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts dominierte, voller Revival-Bewegungen. Garagerock der 60er-Jahre und Postpunk der fr�hen 80er-Jahre schienen f�r junge Bands diesseits und jenseits des Atlantiks der Hauptbezugspunkt zu sein. Elektro und Disco kamen auf die Dancefloors zur�ck und die Musikindustrie verhielt sich, nachdem der CD-Markt vollends zusammengebrochen war, vermeintlich paradox, indem sie wie noch nie zuvor Wiederauflagen auf den Markt warf: Deluxeausgaben und Boxsets voller Demo- und Liveaufnahmen, Mono- und Stereomixes, von denen man sich fragen muss, wer sich das alles anh�ren soll.
Nach den wichtigen B�chern zu Postpunk (Rip It Up And Start Again), zur Zeit nach Postpunk (Bring The Noise) und zu Techno (Energy Flash) stand eine Arbeit von Simon Reynolds zu den Nullerjahren an. Mit Retromania h�tte er es in den H�nden gehabt, ein solches Buch zu schreiben. Leider lernen die Leser aber eine neue Seite von Reynolds kennen: Ein Mann, der sich statt mit der Materie der Gegenwartsmusik mit pessimistischen Kulturtheorien besch�ftigt! Es ist entt�uschend, dass weite Felder der Musik nach dem Millenniumswechsel kein Thema f�r Reynolds sind, nicht die Strokes oder die White Stripes, nicht The Rapture oder LCD Soundsystem, auch keiner der Ausl�ufer der elektronischen Musik wie Folktronica, Indietronica, Jazztronica, Dronetronica, Noisetronica, Neo-Klassik usw. Im dritten und letzten Teil des Buchs behandelt er Sampling, Hauntology und Mash-Ups. Hier werden unter dem interessanten Namen HYPNAGOGIC-POP Chillwave und Glo-Fi (Ariel Pink) thematisiert sowie nat�rlich Hauntology (Reynolds hat schon vor Retromania �ber dieses Thema ver�ffentlicht).
Wirklich gut gelungen sind die Kapitel, in denen Reynolds �ber Musik schreibt, statt �ber den vermeintlichen kulturellen Stillstand. Im zweiten und am Anfang des dritten Teils f�hrt er an den Beispielen verschiedener Revival-Kulten (z.B. Northern Soul, Mod-Revival, Proto-Punk) vor, wie die Retromanie die Popgeschichte schon immer begleitet und mitgepr�gt hat. Dass Retro und Revival die Geschichte von Pop und Rock schon immer mitgeschrieben haben ist eine wesentliche Erkenntnis, werden doch Rock- und Popgeschichte haupts�chlich entlang kleiner und gr�sserer Revolutionen geschrieben: Rock�n�Roll, Beat, Rock, Hippies, Punk, Postpunk, Hip-Hop, Techno. Immer scheint es, setzt sich ein Underground gegen den Mainstream durch und sorgt f�r eine Sensation oder einen Umsturz der Verh�ltnisse. Dabei geht ein grosser Teil von Musik vergessen: Alle die (Mainstream-)Genres, die sich langlebig durch die Geschichte bewegen: Powerpop, Rockabilly, Surfrock, Dancepop, Janglepop usw.
In den ausgedehnten Passagen des Buchs, in denen es um die Diagnose des kulturellen Zustands unserer Gegenwartsgesellschaft geht, ist Retromania schwach. Es gelingt Reynolds nicht, eine Fragestellung aufzubauen und sich daran nachvollziehbar abzuarbeiten. Statt dieser Fragestellung steht das diffuse Gef�hl, dass die Musikgeschichte im Jahr 2000 stehen geblieben ist und das junge Bands nur noch Zombies sind, die vom Blut der Geschichte, von den Leistungen der Vorfahren und Vorg�nger leben. Als Erkl�rung f�r diesen Umstand muss - wiederum diffus - die gegenw�rtige Medientechnologie hinhalten: IPod, Youtube, MP3 etc. Hier operiert Reynolds mit kulturtheoretischen Plattit�den, vor allem mit dem Gegensatz zwischen analoger und digitaler Technologie.
Leider gelingt es Reynolds nicht, mit den wichtigsten Begriffen seiner Abhandlung (Nostalgie, Retro, Revival) nachvollziehbar zu arbeiten: Das Retro-Ph�nomen fasst Reynolds als selbstbewusste Fetischisierung eines Stils einer bestimmten Zeit (also deren Musik, Kleidung und Design) ausgedr�ckt durch Pastiche und Zitat. Diejenigen, die fr�her einen Retrokult gelebt haben, seien Kenner, Sammler, Leute mit einer quasi-akademischen Gelehrtheit gewesen, die Sinn f�r Ironie hatten. Wenn Reynolds sich dann aber daran macht, die Exponenten von Retrokults n�her zu beleuchten, so erscheinen diese als ziemlich humorlose Gestalten, die eher verbissen als mit Ironie an einem Zeitalter festhalten. Und so passen in Retromania die Begriffe und die Ph�nomene einfach nicht zusammen.
Die Zielsetzung des Buchs ist, die Bereiche auszuloten, in denen die Gegenwart die Vergangenheit gebraucht und misbraucht: Back-Kataloge, Youtube und iPods als Archive, Comebacks l�ngst aufgel�ster Bands, Wiederverwertung alter Popideen durch junge Bands. Solche R�ckw�rtsbesinnung hat es immer gegeben, weiss Reynolds, aber noch nie sei ein Zeitalter dermassen fasziniert von der eigenen unmittelbaren Vergangenheit gewesen wie das unsere. Retromanie sei die dominante Kraft der Gegenwartskultur. Unsere Zeit bringe statt Pionieren und Innovatoren Arch�ologen, Kuratoren und Archivisten hervor. Dies beurteilt der Autor als beklagenswert und armselig. Die Musik der Gegenwart habe viele Bezugspunkte in der Tradition. Die in Anspruch genommenen Bez�ge heutiger Bands zur Musikgeschichte seien aber nicht mehr von einem Eintauchen in ein fr�heres Zeitalter gepr�gt, sondern sei ein vielschichtiges und beliebiges Spiel mit Referenzen, mit denen sich die Musiker nicht zu identifizieren brauchen.
Vor allem erstaunt die These, dass in der Musik der 2000er Jahre nichts mehr passiert sei, ausser dass Mikrotrends, Subgenres und Hybrid-Stile entstanden seien. Es bleibt der Eindruck zur�ck, das Reynolds der Gegenwartsmusik nichts mehr abgewinnen kann, was ihn als den, der die sie mitverfolgt und ihren geschichtlichen Gang dokumentiert leider disqualifiziert. Zuletzt dr�ngt sich mir auf, die Verh�ltnisse umzukehren: Nicht mit der Gegenwartsmusik ist nichts los, sondern mit Reynolds. Er ist es, der stehen geblieben ist, nicht die Musik. Er h�ngt an kulturellen Verh�ltnissen, die einmal waren und heute vorbei sind. Nur weil er stehen geblieben ist, ist die Musik der Naughties nicht schlechter geworden als die Musik davor.

TechCrunch Interview via Youtube (Publ. Okt. 2011)


Zu einigen Kapiteln des Buchs, gibt es interaktive Concept Maps, die die Themen des Texts zusammenfassen und übersichtlich darstellen.

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Zitierhilfe
Formel: Autor: «Titel». Nachweis Ort, Verlag.

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