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Superterz: Insomnia-Sessions@Photobastei

Flyer Superterz Insomnia-Sessions Januar 2017Die zürcher Futurejazz-Formation Superterz spielt diesen Monat an 31 Abenden nacheinander in der Bar der Photobastei 2.0 – in der Wohnzimmer-Atmosphäre dieses wunderbarsten Ortes in Zürich seit der Schliessung der Dachkantine. An jedem Abend ist ein anderer Gast mit von der Partie. Unter anderen spielen Burnt Friedman (am 25.1.), Nils Petter Molvaer (am 27.1.) oder Mauro Pawlowski (26.1.) mit ihnen, letzterer Ex-Gitarrist von Deus aus Belgien. Superterz sind im Kern die Brüder Marcel und Ravi Vaid plus Schlagzeuger Simon Berz und Performance-Künstler Koho Mori-Newton.
Das Konzept, einen Monat lang jeden Abend mit verschiedenen Gästen in einer offenen Bandstruktur zu spielen, ist bemerkenswert. Es verlangt nach einem Publikum, das gewillt ist, mindestens zwei Mal hinzugehen, um wirklich zu erleben, was es mit dem Projekt Insomnia-Sessions 2017 auf sich hat. Die Erfahrung lohnt sich aus mindestens zwei Gründen:

erstens: Superterz machen auf neue Weise erlebbar, was es heisst, eine Band zu sein

Eine Band funktional betrachtet: Die einzelnen Musiker/-innen nehmen in der Regel im sonischen Raum sehr unterschiedliche Dimensionen ein. Das Schlagzeug sorgt für den Rhythmus, die Gitarre oder Tasteninstrumente für die melodische Dimension, die Rhythmusgitarre für die harmonische und rhythmische Dichte, ein Bass-Instrument gibt dem Stück Tiefe, einen Körper, der Gesang ergänzt den verbalen Ausdruck. Jedes Instrument (oder jede Section bei grösseren Formationen) hat ihre Funktion im Gefüge der Band. Die genannten Dimensionen machen zusammen das magische Ganze aus. Bei Powertrios wie Green Day oder Jimi Hendrix Experience und bei Powerpopbands (The Who, The Knack) als den funktional reduziertesten musikalischen Formationen wird dieser Sachverhalt offensichtlich: Beim analytischen Hören kann man, was man hört, klar einem der Instrumente bzw. einem der Spieler zuordnen.
Das ist bei Superterz nicht so einfach. Hier kann jeder Musiker im funktionalen Gehege des anderen spielen. Beats müssen nicht vom Schlagzeug kommen, Stimmen nicht vom Sänger/Performer. Das hat eine spezifische Wirkung auf die Hörer/-innen. Wir wissen nicht woher die Sounds kommen und lernen im Hören, dass es keine Rolle spielt. Die Band ist ein Ganzes in einem ausgezeichneten Sinn. Es kommt auch nicht darauf an, welches Instrument eine Mitmusikerin oder ein Mitmusiker spielt. Er, sie, es geht immer in den Bandsound ein, wird inkorporiert.


zweitens: Superterz machen live eine Grunderfahrung mit Archiven wie Spotify erfahrbar

Insomnia ist der Name des letzten Studio-Albums der Gruppe. Es erschien vor etwas mehr als sechs Jahren. Schon bei der Produktion des Albums ist so viel Material zusammen gekommen, dass es die Bandmitglieder geschmerzt hat, es auf ein Doppelalbum-Länge einzudampfen. Mit dem Insomnia-Projekt ist die Gruppe offenbar bei etwas angekommen, das grösser, sublimer ist als sie und mit dem sie nicht fertig werden können. (Sie machen Sessions für ein Album, das bereits erschienen ist!!!) Hier passt der Begriff der Muchness, die vor etwas mehr als einem Jahr vom damaligen New York Times Journalist Ben Ratliff verwendet worden ist, um musikalische Werke zu bezeichnen, die umfangreicher, länger sind als es bisherige Tonträgerformate zugelassen haben. Werke der «Muchness» erscheinen digital und behelfsmässig als Mehrfach-CDs. Exemplarische Beispiele sind The Epic, das Dreifachalbum von Kamasi Washington, das ebenfalls aus viel, viel mehr Material zusammengeschnitten worden ist, oder die letztjährige 5-fach-CD von Autechre: Elseq 1-5. Wohlgemerkt, als Muchness zählt nur ausgezeichnetes Material, nicht Füllmaterial, das jede und jeder zuhauf produzieren kann.
Das faszinierte Publikum erfährt, dass Insomnia zeitlich so ausgedehnt ist, dass es immer nur einen kleinen Ausschnitt daraus miterleben kann. Verfahren der «Muchness» lösen einmal mehr den klassischen Werkbegriff auf, dieses Mal in Richtung Archiv. Das Publikum versteht dies, weil es bei Spotify- oder Youtube täglich der Grunderfahrung ausgesetzt wird, dass das Hören nicht mehr zu einem Ende kommt. Superterz bringen diese Erfahrung an den Konzertort.

Die Musik von Superterz ist ein Spiel mit der Intensität von Klang-Texturen. Die Klänge, die von der Band in den Raum gesetzt werden, plätschern anfangs dahin und verdichten sich dann unversehens zu schierer Energie, die durch den Raum fliesst. Es entstehen überwältigende Momente als Manifestationen von etwas Umfassendem und Unfassbarem.



siehe: Artikel von Ueli Bernays (NZZ, 13. Januar 2017)

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