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Musikzimmer: Beste Alben von 2012

Wer nicht selbstgefällig, sondern kritisch gegenüber sich selbst eine Jahresbestenliste zusammen stellt, hat immer einen Rest Zweifel, ob nichts vergessen gegangen ist. Die Welt der Gegenwartsmusik ist dermassen unüberschaubar, dass meine Zweifel am Ende von 2012 riesengross sind. So vieles ging an mir vorbei, so vieles blieb noch ungehört, so vieles hab ich noch nicht zur Kenntnis genommen. Dass ich diese Zweifel hier formuliere, ist nicht als Rechtfertigung gemeint, weil dies und das möglicherweise fehlt. Vielmehr gehören diese Zweifel konstitutiv zum Geschäft der Musikkritik in unserer Zeit. Die Musik ist extrem diversifiziert: Es gibt unzählige Genres und Mikrogenres (fast alle alten/historischen Genres sind wiederbelebt), es gibt geografische Ecken, die noch wenig erkundet aber sehr lebendig sind (K-Pop), Musik wird von Majors und deren Sublabels veröffentlicht (corporate music), hunderte interessanter Speziallabel mischen mit (independent music) und viele Musiker/-innen versuchen auf eigenen oder öffentlichen Vertriebskanälen ihre Musik bekannt zu machen. Die Welt der Gegenwartsmusik ist auf einem bisher nicht gekannten Komplexitätsniveau angelangt.

Als beste Alben von 2012 wählte ich aus:

  • Born To Die von Lana Del Rey: Lana Del Rey, meine ich, steht auch in ein paar Jahren noch für 2012 und ist typisch für eine Künstlerin, die sich über die öffentlichen Kanäle bekannt gemacht hat und innert kurzer Zeit zu einem Major-Act wird. Die Blogs, über die sie bekannt geworden ist, haben Sie nach diesem Major-Release fallen gelassen. Diesen Mechanismus kennt man aus den 80er Jahren, als Indie-Bands zu Major-Labeln wechselten.
  • Channel Orange von Frank Ocean: Er führt viele andere Bestenlisten an, sein Album ist ein Common-Sense-Favorit, aber auch das Beste, was das R'n'B-Renaissance-Genre hervorgebracht hat. Dieses Genre stand für mich sehr im Zentrum des musikalischen Geschehens. Knapp abgeschlagen in diesem Feld die Alben von How To Dress Well und Fort Romeau.
  • Ekstasis von Julia Holter: Ein Wunderwerk impressionistischer elektronischer Musik, Julia Holter hat Potential wie auch Holly Herndon und Laurel Halo, die mit Ihrem Album Quarantine die Jahresbestenliste von The Wire anführt. Frauen, die elektronische Musik machen, sind gross am Kommen!
  • Kill For Love von den Chromatics: Die emsigen Chromatics sind eine Band, die Indiecharme mit grossem Mainstreampop zu verbinden vermag. Hinter dieser Musik steckt eine ganz eigene Vision!
  • good kid, m.A.A.d city von Kendrick Lamar: Dies ist das Hip-Hop-Album des Jahres. Wie Lana Del Rey schiesst Kendrick Lamar aus dem Internet direkt in den Pophimmel. Offenbar verkaufte sich das Album in der ersten Woche gleich 240000 Mal!
  • Bei den Dubstep und Postdubstep Releases fiel Dean Blunt und Inga Copelands Black is Beautiful besonders auf.
  • Devotion von Jesse Ware war für mich das solideste Album aus dem New-UK-Soul.
  • An Awesome Wave von Alt-J war meine Lieblings-Entdeckung im Artpop.
  • In musikalischer Hinsicht überlebende Dinosaurier des Jahres sind Scott Walker, Bruce Springsteen und Bobby Womack; Bish Bosch, Wrecking Ball und The Bravest Man In The Universe sind tolle Altersalben.
  • Im Alternativerock fielen mir positiv auf: die Dum Dum Girls mit End Of Daze und Tame Impala Lonerism.
  • Bei den Singer-Songwriter waren Tramp von Sharon Van Etten und Come Home To Mama von Martha Wainwright Alben, die ich nachdrücklich empfehlen kann.
  • Bei den Wiederauflagen machen für mich zwei Releases des Harmless Labels das Rennen: Philadelphia International Classics: The Tom Moulton Remixes (4 CDs) und Philadelphia International Records The 40th Anniversary Box Set (10 CDs). Tom Moulton ist der Mann, der den Remix erfand, indem er Discotracks in mühsamer Studioarbeit an Tonbandmaschinen neu montierte und die Tracks vor allem verlängerte und den Rhythmus besser herausarbeitete als dies bei den Originalversionen der Fall war. Harmless ist ein Label, das auf Disco, Funk und Afrobeat spezialisiert ist und seit Jahren grossartige Rereleases herausgibt.

Quelle: Christian Schorno, 1.1.2013

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