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Musikzimmer: Beste Alben von 2009

Zur medialen Situation am Ende eines Jahrzehnts

Eirik Glambek Bøe von den Kings Of Convenience hat im Interview mit der de:bug gesagt: Früher war Musik wie eine Delikatesse, ein Luxus, den man sich leistete. Heutzutage aber ist Musik eher wie Sauerstoff, sie ist einfach da. Also genießen wir sie auch nicht mehr so bewusst.
Wir schauen nicht nur auf ein vergangenes Jahr zurück, sondern auf ein Jahrzehnt. Dieses war in musikalischer Hinsicht geprägt von einem nie zuvor gekannten Überangebot an Musik. Mit dem Millenium kam für die meisten von uns das Internet: Plötzlich gab es Tauschbörsen wie Napster, später Youtube, personalisierte Internetradios wie Pandora oder Last.fm, zehntausende von Myspace-Seiten mit Unmengen von Musik. Zu haben zum Preis einer Flatrate, die den wenigsten weh tut. Aber oha, in der vermeintlich paradiesische Situation häufen sich Geschichten von Verlust, wie Eirik Glambek Bøe sie erzählt. Verloren gegangen ist das Besondere, das Kostbare. Ein liebloser Umgang mit Musik hat Einzug gehalten, Unüberschaubarkeit und Beliebigkeit scheinen sich breit zu machen. Die Reaktionen auf das riesige Angebot an Musik sind verschieden: Die einen versuchen mitzuhalten und möglichst Vieles zu kennen. Sie rennen - enthusiastisch und immer etwas atemlos - den neuesten Entwicklungen hinterher. Die anderen verlieren das Interesse an Musik oder richten sich im Stillstand, im Freeze, im Fundamentalismus des Geschmacks ein, indem sie sich einfach auf ein Genre, eine Band festschreiben. Das bietet zwar Orientierung aber ist so spannend wie die Vertragsvereinbarungen einer Versicherungspolice. Wenn ich über die mangelnde Orientierung und über die damit einhergehende Verklärung des alten Zustands lese, erinnern mich diese Beschreibungen an das, was die Menschen aus der DDR berichtet haben, als sie schlagartig mit westlichen (Super-)Märkten konfrontiert wurden. Das war ein Schock. Ebenso verursacht die mediale Situation, wie heute Musik angeboten, vertrieben und beworben wird, nichts anderes als einen Schock. Und von diesem Schock müssen wir uns noch weiter erholen und in ein produktives Verhältnis mit der neuen medialen Situation treten.

Man kann oft von der Verfügbarkeit von Musik lesen, aber think twice: Verfügbarkeit ist doch eigentlich das falsche Wort und eine fehlerhafte Beschreibung dessen, was gerade abgeht. Überangebot ist eher richtig. Überangebot vom Uneigentlichen, denn fast jedes Angebot ist eine Werbung, denn das ist die Logik des Internets als Medium: Man macht den Leuten ein Geschenk, man bietet ihnen Content an, man beschäftigt sie in sogenannten Communities, man törnt ihre Spasszentren im Gehirn an und hofft auf Aufmerksamkeit und Umsatz. Man gibt ihnen ein Video auf Youtube, weil sie dann hoffentlich brav das ganze Produkt kaufen, das Album, gerne auch als hübsch verpackte und ultrarare Sonderpressung, das Konzert, die DVD. Verstehe mich recht: Das Problem ist nicht die Werbung an sich. Auch gute Produkte müssen beworben werden. Das Problem ist, dass im Internet Werbung selten als Banner daher kommt, d.h. als erkennbare Werbung. Der kritische Umgang mit den neuen Medien fehlt weitgehend. Die Schulen haben andere Probleme und keine Zeit, den kritischen Umgang mit dem heutigen Leitmedium zum Thema zu machen. Und so kommt es, dass alle Web 2.0 toll finden und ausblenden, dass es dabei nicht um die viel beschworenen Communities geht, sondern um das einzig im Internet funktionierende Geschäftsmodell. So darf ich mit meiner Webseite, die ja ein Filter darstellt und (so hoffe ich) Orientierung bieten könnte, die Musik, die ich besitze, nicht ins Internet stellen, so dass du sie hören könntest. Ich würde mich kriminell machen. Deshalb herrscht aus meiner Sicht nicht die totale Verfügbarkeit, sondern das unbewältigbare Überangebot - ein Überangebot an Werbung, nicht an Content. Alle wollen unsere Aufmerksamkeit und dafür machen sie Geschenke. Dem Vertreter an der Haustüre würde ich die Türe ins Gesicht schlagen, im Internet nehme ich die Werbegeschenke dankbar an. Ist das nicht absurd?

Mit dem Überangebot einher geht die Wahrnehmung, dass das Herausragende fehlt. Der musikalische Adel (Michael Jackson, der Prince of Pop, beispielsweise) ist tot und die musikalische Landschaft ist demokratisch und flach. Nichts was auffällt oder heraus ragt. Nur kurze Hypes, von denen zwei Monate später niemand mehr spricht und die - oft völlig zurecht - vergessen gehen. Die Flachheit des Angebots kommt meines Erachtens davon, dass die verlässliche Musikkritik dünn gesät ist und dass mit der Musik keine Politisierung mehr einhergeht wie noch in den 60er Jahren. Musik ist Geschmackssache, als Zeichen einer Lebenshaltung nicht mehr als jede andere Produktwahl. Die meisten kaufen bei Grossverteilern ein und fressen Massenware. Der Laden an der Ecke kämpft ums Überleben, sofern es ihn noch gibt. Aber schau genau hin: Es gibt ihn da und dort. Die Nischenmärkte für Musik sind schnelllebig, müssen erfindungsreich sein und bleiben den Massenströmen meist gänzlich unbekannt. Das macht sie auch wieder attraktiv, weil sie eine Insiderangelegenheit sind. Noch nie waren die Zeitungen und Magazine so voll mit Pop und Rock. Aber was da besprochen und gehypt wird, entbehrt jeder fundierten Fachkenntnis. Das Übel, das sich verbreitet hat, ist, dass jeder über Rock und Pop schreiben kann. Der subjektive Geschmack rechtfertigt jeden Artikel.

Mit der Gegenwartsmusik verbinden sich nur noch in den seltensten Fällen Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderung oder auf bessere Zeiten. Musik wird professionell von oft sehr jungen Leuten betrieben, die sich als Künstler/-innen zu etablieren versuchen. Einige schaffen es und können davon leben, die meisten geben den Versuch nach ein paar Jahren auf und nehmen eine nicht-künstlerische Tätigkeit auf. Nun, so ist das. Dieses System zeitigt aber viel interessante Musik. Man muss sie nur suchen und entdecken wollen.

Vielleicht fehlt es denen, die über die gegenwärtige Situation klagen, einfach an verlässlichen Filtern, die das unübersichtliche und weite Feld für uns vorstrukturieren. Gute Plattenläden sind verschwunden und das mag traurig sein. Doch das Internet ist als Marktplatz für Musik einfach genial. Du findest wirklich alles. Hier stimmt die Rede von der Verfügbarkeit. Musikzeitschriften, die an den Kiosken verkauft werden, haben meist einen fossilen Charakter und sind weitgehend verzichtbar. Die meisten von ihnen fungieren ohnehin als verlängerter Arm der Musikindustrie und hypen die Backkataloge und die Veröffentlichungen der Majors und ihrer Sublabels. Man darf das nur mit vollem Bewusstsein für den Filter lesen, der da am Wirken ist. Online Zeitschriften und Musikblogs sind da viel interessanter und offener, aber man muss auch ihre Präferenzen kennen lernen, die Funktionsweise ihres eingebauten Filters, und das braucht Zeit. Aber diese Zeit bringen nur wenige auf und so besteht dieser Teufelskreis mit der Aufmerksamkeit. Ohne zeitliche Investition keine Orientierung. Ohne Orientierung viel Zeitverlust. Zu wenig Zeit, um sich zu orientieren. Natürlich bestand dieser Teufelskreis schon immer, aber mit etwas zeitlichem Investment findet man in seinem Zentrum Leute wie John Peel (früher), Mary Anne Hobbs oder Zeitschriften wie The Wire, die mit ihrer Geschmackssicherheit und ihrer Offenheit für Neues Orientierung bieten (bzw. boten).

Das Jahr 2009 und seine Musik

Wo sind im Jahr 2009 die Epizentren herausragender Musik zu finden? Ganz grossartig sind die Alben von Animal Collective, Grizzly Bear und Atlas Sound. Genre und Stil haben leider noch keinen griffigen Namen. Die Musik ist zwischen Alternativerock und Indiepop anzusiedeln. Es sind herausragend produzierte psychedelische Popsongs, sehr melodisch, mit hörbaren Beach Boys und Van Dyke Parks Einflüssen. Gegenwärtig führe ich diesen Musikstil unter dem Freakfolk-Genre. Folgende Bands haben bleibendes Material zu diesem noch zu benennenden Stil geliefert: Neben den drei genannten sind das Deerhunter, Band of Horses, die Fleet Foxes, Department of Eagles, Dirty Projectors, Panda Bear und die dänischen Efterklang.

Erwähnenswert ist Ben Frost, der mit By The Throat ein geradezu brodelndes Postelectronica Album hingelegt hat.

In England zeigt Dubstep weitere Zeichen der Erschöpfung. Die Three EPs von Shackleton überzeugten mich zuerst nicht (gewinnt aber mit jedem Mal hören Punkte - Sam Shackleton gehört spätestens seit diesem Jahr zu den grossen Autoren gegenwärtiger elektronischer Musik), Burial schwieg dieses Jahr, abgesehen von seiner Single mit Four Tet, The Bug macht ein Dubtronica-Album (Milanese setzt mit dem massiven, stellenweise brutalen Album Lockout eine Landmarke. Erschöpfung im Zusammenhang mit Dubstep will heissen, dass das Genre an dem Punkt angekommen ist, an dem die ehemalige Musik aus dem Untergrund nun als Autorenmusik weiterlebt. Dubstep ist noch immer eine Ecke, in der Electronica sehr interessant sind.

Was ist sonst mit Electronica los? Unglaublich für mich, dass Oneohtrix Point Never in die Jahresendcharts von The Wire kommt. Auch der dort gewinnende Broadcast / Focus Group Release überzeugt mich nicht als wegweisende Musik. Besser gefallen hat mir im Analogelectronica-Genre Belbury Polys From An Ancient Star. Unter den Electronica-Releases sind Giuseppe Ielasis, Vladislav Delays und Hudson Mohawkes Alben weitaus am spannendsten. Mowhak behält mit seinem ersten Album für Warp den Wonky-Stil im Spiel.

Hervorragende Popalben lieferten Kid Cudi mit Man On The Moon: The End Of The Day und Gossip mit Music For Men, produziert von Rick Rubin. Dass im September endlich, endlich die geremasterten Beatles-Alben heraus kamen, macht 2009 zu einem Beatles-Jahr.

Wie in jedem der letzten Jahre habe ich mir viel Musik angehört, die älter als 20 Jahre ist. Postpunk und Newpop/Indiepop waren dieses Jahr Schwerpunkte. Mein Kompagnon dabei: Simon Reynolds Buch Rip It Up And Start Again. Noch stecke ich im Prozess des Durchhörens und entdeckens der Playlisten von Pitchfork (Pitchfork 500) und von Gary Mulholland (This is uncool).

Quelle: Christian Schorno, Musikzimmer

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