Vielfalt abfeiern, auf der Suche nach dem Menschen, dem Nichts, dem Alles

Aller Vielfalt und aller scheinbaren Ungeordnetheit [unterliegt] ein verborgenes System […], dass der, der richtig schaute, diese Ordnung erkennen und nutzen konnte und dass der, der gelernt hatte, sie zu nutzen, sich die fließenden Übergänge zwischen den Zuständen undElementen gefügig machen konnte. Dies war die Grundidee einer Disziplin, die grosse Verwandtschaft mit der Welt der Wunderkammern hatte: die Alchemie. (P. Blom, S. 65)

Mein Musikraten vom 6. März 2017 steht Unter dem Motto: «Vielfalt abfeiern, auf der Suche nach dem Menschen, dem Nichts, dem Alles». Dieser Titel kommt mit einem Augenzwinkern daher, aber birgt wie jeder Humor ein Stück Ernsthaftigkeit: Als Sammler bin ich unheilbar an Musik interessiert. Nun gibt es aber verschiedene Arten von Sammlern. Leute, die alles von den Beatles haben wollen, alles von Kate Bush. Dagegen bin ich jemand, der an der musikalischen Vielfalt interessiert ist: alte populäre Musik (Traditionalpop) und auch Gegenwartsmusik (urbane Genres wie Trap, Gqom, Footwork), Musik zum Zuhören aber auch Musik zum Tanzen, Vokalmusik aber auch Instrumentalmusik – das ganze Feld. Als enzyklopädischer Sammler glaube ich, dass die Vielfalt meiner Sammlung ein «Ganzes» ergibt. Dieses «Ganze» bleibt immer unvollständig aber auf es habe ich es abgesehen. Es ist das Ganze der Möglichkeiten des menschlichen Ausdrucks im Feld der populären Musik.

Philipp Blom: «Sammelwunder Sammelwahn. Szenen aus der Geschichte einer Leidenschaft»

Philipp Blom: «Sammelwunder Sammelwahn. Szenen aus der Geschichte einer Leidenschaft…. Deutsche Ausgabe von 2014, dtv

Ich habe auf der Suche nach Selbstvergewisserung und als Vorbereitung auf ein Podiumsgespräch im vergangenen Herbst ein Buch über das Sammeln gelesen, das ich empfehlen kann: Philipp Blom «Sammelwunder, Sammelwahn». Darin legt der Autor dar, wie Menschen in verschiedenen Zeiten gesammelt haben. Im Mittelalter haben nur die Kirche und die Könige/Fürsten gesammelt. Ihre Sammlungen hatten in der Regel mit dem christlichen Glauben zu tun, der im Mittelalter eine wichtige Rolle im leben der Menschen spielte: Reliquien wurden angehäuft, Kunst, die allegorisch auf Gott verwies: Heiligenbilder, Illustrationen von Bibelszenen. In der Renaissance begannen Menschen sich als Wissenschaftler zu betätigen. Sie sammelten Dinge, die sie in der Natur fanden. Steine, Pflanzen, Tiere usw. Sie lernten diese vergänglichen Dinge zu präparieren, um sie dem natürlichen Zerfall zu entziehen. So sammelten sie zunächst kuriose Objekte (vermeintliche Drachen), seltene und exotische Objekte, die nur auf abenteuerlichen Entdeckungsfahrten in anderen Weltgegenden zu finden waren (Flora und Fauna aus aller Welt). Aus der Tätigkeit einiger besessener Sammlerinnen und Sammler (man muss allerdings feststellen, dass es meist Männer sind) sind Museen, Bibliotheken, botanische und zoologische Gärten und Archive entstanden.

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Logiken, wie man sammeln kann: Eine Sammlung kann eine Enumeration, eine Aufzählung sein. Das Wesentliche an dieser Logik ist, dass Stücke dazukommen: und noch eins und noch eins, bei gewaltigen Sammlungen noch hundert und noch tausend. Eine ganz andere Logik ist Sammlungen. Man sammelt partitiv. Jedes neue Stück in der Sammlung ist ein weiterer Teil des Ganzen.
Sammlungen haben es in letzter Konsequenz immer auf das Ganze abgesehen. Jedes Sammelstück ist ein Teil eines freilich unbekannten Ganzen: Gott, der Mensch, das All, das Universum, der Kosmos, die Natur. Das unbekannte und unfassbare Ganze wird angestrebt, ohne dass man es je erreichen könnte, es wird mitgedacht, ohne dass es deutlich begriffen wird. Ein einzelnes Sammlungsstück ist ein Teil dieses Ganzen, es ist ein Individuum (kann nicht weiter geteilt werden) aber ist selbst ein Teil des Ganzen. Das Individuum genügt sich selbst in vielfacher Hinsicht nicht: Es kann nur im Zusammenhang mit anderen Individuen wahrgenommen oder verstanden werden und letztlich nur vor dem Hintergrund des Ganzen: Dies ist ein Cover von dem. Dies ist ein Song, der von dem und dem komponiert worden ist, der auch das und das komponiert hat. Ein feingliedriges Netz von Zusammenhängen spinnt sich durch die Sammlung (und durch die Welt). Das Netz ist die beste Beschreibung des Ganzen, die ich geben kann. Es ist dieses Alles oder das Nichts, das ich als Sammler suche und das im Titel des nächsten Musikratens nenne.

Welche Auswirkung hat der iPod auf unseren individuellen Musikkonsum?

Technischer Aspekt des iPods

2001 entwickelte Jon Rubinstein den iPod der ersten Generation. Dieser besass eine 5-GB-Festplatte und ein bewegliches Scrollrad zur Navigation. Es folgten die zweite bis sechste Generation. Die Speicherkapazität, die Akkulaufzeit und die Navigation hatten sich immer mehr verbessert. 2004 wurde der iPod mini eingeführt. Er war wesentlich kleiner als seine Vorgängermodelle, hatte aber eine kürzere Akkulaufzeit und nur eine 4-GB-Speicherkarte. Nach dieser ersten Generation folgte noch eine zweite. 2005 kam die erste Generation des iPod nano auf den Markt. Von dem es drei Varianten mit unterschiedlicher Speicherkapazität gab. Der iPod nano war noch kleiner als sein Vorgänger und besass ein Farbdisplay. Der iPod nano wurde bis zu einer siebten Generation weiter entwickelt. Ebenfalls 2005 stellte Apple den iPod Shuffle vor. Anstatt einer Festplatte besitzt der iPod Shuffle einen Flash-Speicher von 512 MB oder 1024 MB. Eine Besonderheit war, dass der iPod Shuffle keinen Display besass. Weiterentwickelt wurde der iPod Shuffle bis zur vierten Generation. 2007 kam der iPod touch auf den Markt. Er verfügt über einen Multi-Touch-Bildschirm. Zudem kann man mit dem Gerät auf ein WLAN zugreifen. Bisher wurde der iPod touch bis zur 5. Generation vortentwickelt.1

Wirtschaftlicher Aspekt des iPods

Unumstritten ist, dass die iPod-Produktionskette der Firma Apple Arbeitsplätze generiert. Das Design ist amerikanisch, die Herstellung erfolgt hauptsächlich im asiatischen Raum. Die Tatsache, dass durch die iPod-Produktion mehr als doppelt so viele Stellen ausserhalb der USA entstehen muss in Relation zum Gewinn in Zahlen gesehen werden, so die Ökonomen Greg Linden, Jason Dedrick und Kenneth Kraemer. 13‘920 in die iPod-Kette involvierte Amerikaner haben insgesamt 750 Mio. US-Dollar verdient, während die 27‘250 Nicht-Amerikaner insgesamt nur auf 320 Mio. US-Dollar kommen. Dies ist auf die international unabhängigen und landesspezifischen Produktionsfaktoren zurückzuführen, vor allem auf die billigere Arbeitskraft ausserhalb der USA. Die iPod-Produktion biete wirtschaftlich aufstrebenden Ländern aber zugleich die Möglichkeit, wirtschaftlich global Anschluss zu finden.2
Mit der Lancierung der iPods (2001) bildete sich weniger eine verdrängende Konkurrenz heraus, vielmehr entstanden ein komplett neuer Markt, auf dem seit 2001 über 180 Millionen Geräte verkauft worden sind, und ein neuer Konsumenten-Typ. Dabei liegt der Fokus auch stark auf innovativen Extrafunktionen, der Handlichkeit (portabel, leicht) oder dem Design. Der Marktanteil des iPod beträgt bis heute über 80%. Man kann demnach vom Monopol des iPod sprechen, trotz ähnlicher und marktfähiger Produkte anderer Hersteller wie zum Beispiel Sony. Apple sicherte sich sein Monopol auf dem Markt durch das „Digital Rights Management System“ (DRM), welches bis 2009 sicherstellte, dass durch iTunes bezogene Songs nur auf Apple Produkten gespielt werden konnten. Seit 2009 bestehen Deals mit grossen Musiklabels, so dass DRM-freie Songs angeboten werden. Der durch iPod-Zubehör entstandene Markt wie auch Einsatz von patentierten Technologien (DRM) stärkt zudem Apples Position. Ob und in welcher Form zukünftig Nachfrage nach iPod-Geräten besteht, ist nicht eindeutig zu prognostizieren. Da sie viele Funktionen des iPods abdeckt, sind Smartphones von Happle oder anderen Herstellern wie Nokia sicherlich die stärkste Konkurrenz.3

Die Funktion und Bedeutung von iTunes

Um Musik auf den iPod zu laden bzw. diese zu verwalten, bietet Apple kostenlos die Software „iTunes“. Diese Software ermöglicht die Synchronisation zwischen Dateien auf dem mobilen iPod und dem Computer. Ein grosser ökonomischer Vorteil für Apple besteht in der integrierten Schnittstelle zum iTunes Store. Mit wenigen Klicks kann der Nutzer Musik, Filme oder Podcasts im Store erwerben, welche anschliessend in der iTunes-Mediathek zur Verfügung steht. Weiter beinhaltet iTunes die Musikempfehlungsfunktion „Genius“. Durch die Aktivierung von Genius stellt Apple dem Nutzer mithilfe von Algorithmen eine auf seine Vorlieben und Bedürfnisse abgestimmte Playlist zusammen. Neben Musik aus der Mediathek des Nutzers schlägt die Software zusätzlich passende, aber kostenpflichtige Lieder aus dem iTunes-Store vor, welche wiederum im Store erworben werden können.4 Durch die Kopplung von iTunes an das Internet können den Nutzern während der Musikwidergabe ausserdem künstlerbezogene Zusatzinformationen sowie personalisierte Werbung angeboten werden. Diese Funktion wurde aus Gründen des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre allerdings stark kritisiert. Als Konsequenz kann die Funktion in neuen Versionen von iTunes manuell ausgeschaltet werden.5

iPod – Was sagt Simon Reynolds dazu?

Mit dem iPod ist die eigene Musiksammlung jederzeit und überall handlich dabei. Riesige Schallplatten- oder CD-Sammlungen müssen nicht mehr mühsam durchforstet werden, auch braucht die digitale Musik keinen Stauraum mehr. Mit einem Klick kann zwischen tausenden Liedern hin- und hergewechselt werden. Dadurch tauchen HörerInnen weniger häufig in die Musik ein, Alben werden kaum mehr gänzlich durchgehört und nur noch angespielt. Besonders die Shuffle-Funktion verstärkt dieses Zappen. Sie nimmt dem Hörer die Entscheidung ab, welches Lied als nächstes gehört werden soll, ohne dass unerwünschte Überraschungen lauern. Alle Musik auf dem iPod ist bekannt und damit vertraut: Der eigene iPod wird zur privaten Musiktruhe, die digital abgespeichert und nicht mehr öffentlich zugänglich ist. Der Konsument wird zum Kurator und stellt Playlisten nach eigenen Wünschen zusammen. Dies birgt auch asoziale Aspekte: Der Anspruch an die eigenen Vorlieben kann jederzeit und überall gestellt werden. Der iPod wir so zum „Me Radio“: Das „i“ im Namen steht für das persönliche Musikvergnügen, nicht für das gemeinsame. Der iPod fungiert daher als Erinnerungsraum: Musik des eigenen individuellen Lebens ist darauf sorgfältig zusammengestellt. Erinnerungen an die eigene Vergangenheit werden so konserviert.6

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/IPod#Erste_Generation (abgerufen am 29.11.13).
  2. Livemint& the Wallstreet Journal. The economics of the iPod: http://www.livemint.com/Opinion/FB4w72IdmaNds97RxSO6VM/The-economics-of-the-iPod.html (Abgerufen 8.12.13).
  3. Tutor2u. Q&A: In what type of market does the iPod operate in? http://www.tutor2u.net/blog/index.php/economics/comments/qa-in-what-type-of-market-does-the-ipod-operate-in
    Abgerufen 8.12.2013)
  4. http://www.giga.de/downloads/itunes/</a< (abgerufen am 14.12.13).
  5. http://de.wikipedia.org/wiki/ITunes_Store (abgerufen am 14.12.13).
  6. Reynolds, Simon (2011): Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. Faber & Faber. S.  95-6, 113, 114-21, 357-8.