Welche Auswirkung hat der iPod auf unseren individuellen Musikkonsum?

Technischer Aspekt des iPods

2001 entwickelte Jon Rubinstein den iPod der ersten Generation. Dieser besass eine 5-GB-Festplatte und ein bewegliches Scrollrad zur Navigation. Es folgten die zweite bis sechste Generation. Die Speicherkapazität, die Akkulaufzeit und die Navigation hatten sich immer mehr verbessert. 2004 wurde der iPod mini eingeführt. Er war wesentlich kleiner als seine Vorgängermodelle, hatte aber eine kürzere Akkulaufzeit und nur eine 4-GB-Speicherkarte. Nach dieser ersten Generation folgte noch eine zweite. 2005 kam die erste Generation des iPod nano auf den Markt. Von dem es drei Varianten mit unterschiedlicher Speicherkapazität gab. Der iPod nano war noch kleiner als sein Vorgänger und besass ein Farbdisplay. Der iPod nano wurde bis zu einer siebten Generation weiter entwickelt. Ebenfalls 2005 stellte Apple den iPod Shuffle vor. Anstatt einer Festplatte besitzt der iPod Shuffle einen Flash-Speicher von 512 MB oder 1024 MB. Eine Besonderheit war, dass der iPod Shuffle keinen Display besass. Weiterentwickelt wurde der iPod Shuffle bis zur vierten Generation. 2007 kam der iPod touch auf den Markt. Er verfügt über einen Multi-Touch-Bildschirm. Zudem kann man mit dem Gerät auf ein WLAN zugreifen. Bisher wurde der iPod touch bis zur 5. Generation vortentwickelt.1

Wirtschaftlicher Aspekt des iPods

Unumstritten ist, dass die iPod-Produktionskette der Firma Apple Arbeitsplätze generiert. Das Design ist amerikanisch, die Herstellung erfolgt hauptsächlich im asiatischen Raum. Die Tatsache, dass durch die iPod-Produktion mehr als doppelt so viele Stellen ausserhalb der USA entstehen muss in Relation zum Gewinn in Zahlen gesehen werden, so die Ökonomen Greg Linden, Jason Dedrick und Kenneth Kraemer. 13‘920 in die iPod-Kette involvierte Amerikaner haben insgesamt 750 Mio. US-Dollar verdient, während die 27‘250 Nicht-Amerikaner insgesamt nur auf 320 Mio. US-Dollar kommen. Dies ist auf die international unabhängigen und landesspezifischen Produktionsfaktoren zurückzuführen, vor allem auf die billigere Arbeitskraft ausserhalb der USA. Die iPod-Produktion biete wirtschaftlich aufstrebenden Ländern aber zugleich die Möglichkeit, wirtschaftlich global Anschluss zu finden.2
Mit der Lancierung der iPods (2001) bildete sich weniger eine verdrängende Konkurrenz heraus, vielmehr entstanden ein komplett neuer Markt, auf dem seit 2001 über 180 Millionen Geräte verkauft worden sind, und ein neuer Konsumenten-Typ. Dabei liegt der Fokus auch stark auf innovativen Extrafunktionen, der Handlichkeit (portabel, leicht) oder dem Design. Der Marktanteil des iPod beträgt bis heute über 80%. Man kann demnach vom Monopol des iPod sprechen, trotz ähnlicher und marktfähiger Produkte anderer Hersteller wie zum Beispiel Sony. Apple sicherte sich sein Monopol auf dem Markt durch das „Digital Rights Management System“ (DRM), welches bis 2009 sicherstellte, dass durch iTunes bezogene Songs nur auf Apple Produkten gespielt werden konnten. Seit 2009 bestehen Deals mit grossen Musiklabels, so dass DRM-freie Songs angeboten werden. Der durch iPod-Zubehör entstandene Markt wie auch Einsatz von patentierten Technologien (DRM) stärkt zudem Apples Position. Ob und in welcher Form zukünftig Nachfrage nach iPod-Geräten besteht, ist nicht eindeutig zu prognostizieren. Da sie viele Funktionen des iPods abdeckt, sind Smartphones von Happle oder anderen Herstellern wie Nokia sicherlich die stärkste Konkurrenz.3

Die Funktion und Bedeutung von iTunes

Um Musik auf den iPod zu laden bzw. diese zu verwalten, bietet Apple kostenlos die Software „iTunes“. Diese Software ermöglicht die Synchronisation zwischen Dateien auf dem mobilen iPod und dem Computer. Ein grosser ökonomischer Vorteil für Apple besteht in der integrierten Schnittstelle zum iTunes Store. Mit wenigen Klicks kann der Nutzer Musik, Filme oder Podcasts im Store erwerben, welche anschliessend in der iTunes-Mediathek zur Verfügung steht. Weiter beinhaltet iTunes die Musikempfehlungsfunktion „Genius“. Durch die Aktivierung von Genius stellt Apple dem Nutzer mithilfe von Algorithmen eine auf seine Vorlieben und Bedürfnisse abgestimmte Playlist zusammen. Neben Musik aus der Mediathek des Nutzers schlägt die Software zusätzlich passende, aber kostenpflichtige Lieder aus dem iTunes-Store vor, welche wiederum im Store erworben werden können.4 Durch die Kopplung von iTunes an das Internet können den Nutzern während der Musikwidergabe ausserdem künstlerbezogene Zusatzinformationen sowie personalisierte Werbung angeboten werden. Diese Funktion wurde aus Gründen des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre allerdings stark kritisiert. Als Konsequenz kann die Funktion in neuen Versionen von iTunes manuell ausgeschaltet werden.5

iPod – Was sagt Simon Reynolds dazu?

Mit dem iPod ist die eigene Musiksammlung jederzeit und überall handlich dabei. Riesige Schallplatten- oder CD-Sammlungen müssen nicht mehr mühsam durchforstet werden, auch braucht die digitale Musik keinen Stauraum mehr. Mit einem Klick kann zwischen tausenden Liedern hin- und hergewechselt werden. Dadurch tauchen HörerInnen weniger häufig in die Musik ein, Alben werden kaum mehr gänzlich durchgehört und nur noch angespielt. Besonders die Shuffle-Funktion verstärkt dieses Zappen. Sie nimmt dem Hörer die Entscheidung ab, welches Lied als nächstes gehört werden soll, ohne dass unerwünschte Überraschungen lauern. Alle Musik auf dem iPod ist bekannt und damit vertraut: Der eigene iPod wird zur privaten Musiktruhe, die digital abgespeichert und nicht mehr öffentlich zugänglich ist. Der Konsument wird zum Kurator und stellt Playlisten nach eigenen Wünschen zusammen. Dies birgt auch asoziale Aspekte: Der Anspruch an die eigenen Vorlieben kann jederzeit und überall gestellt werden. Der iPod wir so zum „Me Radio“: Das „i“ im Namen steht für das persönliche Musikvergnügen, nicht für das gemeinsame. Der iPod fungiert daher als Erinnerungsraum: Musik des eigenen individuellen Lebens ist darauf sorgfältig zusammengestellt. Erinnerungen an die eigene Vergangenheit werden so konserviert.6

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/IPod#Erste_Generation (abgerufen am 29.11.13).
  2. Livemint& the Wallstreet Journal. The economics of the iPod: http://www.livemint.com/Opinion/FB4w72IdmaNds97RxSO6VM/The-economics-of-the-iPod.html (Abgerufen 8.12.13).
  3. Tutor2u. Q&A: In what type of market does the iPod operate in? http://www.tutor2u.net/blog/index.php/economics/comments/qa-in-what-type-of-market-does-the-ipod-operate-in
    Abgerufen 8.12.2013)
  4. http://www.giga.de/downloads/itunes/</a< (abgerufen am 14.12.13).
  5. http://de.wikipedia.org/wiki/ITunes_Store (abgerufen am 14.12.13).
  6. Reynolds, Simon (2011): Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. Faber & Faber. S.  95-6, 113, 114-21, 357-8.

YouTube – Eine Illustration des Portals zu den Möglichkeiten und Folgen für den Umgang mit Musik im Internet

Das Internet-Videoportal Youtube hat den Zugang zur Musik für jeden einzelnen Nutzer auf drastische Weise verändert und deren Erreichbarkeit massiv gesteigert. Youtube ermöglicht es jedem Nutzer, kostenlos (Musik-)Videos im Internet hochzuladen und anzuschauen.1 Das gesamte Online-Archiv an Videos ist dabei öffentlich zugänglich und für jeden Nutzer verfügbar. Es sind die Nutzer selbst, welche den Inhalt der Plattform bestimmen.

Nach Videos kann gesucht werden. Gefundene Inhalte können in einer Liste gesammelt werden. Für das Sammeln von Videodateien muss der User ein Konto eröffnen Ist erstmals ein Konto erstellt, bietet Youtube dem Nutzer auch die Möglichkeit, selbst Dateien hochzuladen und aktiv Einfluss auf den Content zu nehmen. Die hochgeladenen Videos können auch jederzeit wieder gelöscht werden.

Weil der Content der Plattform von jedem einzelnen User beliebig verändert werden kann, sind rechtliche Einschränkungen nötig, um die Kontrolle zu wahren. Es ist untersagt, Videos hochzuladen, deren Inhalte gegen das Urheberrecht verstossen. Videos mit anstössigem Inhalt können gemeldet werden, was eine Löschung zur Folge hat. Die rechtlichen Einschränkungen von Youtube sind auf der Webseite unter dem Punkt „Nutzungsbedingungen“ festgehalten.2

Mit der gesteigerten Erreichbarkeit und der erhöhten Verfügbarkeit von Musik, verändert Youtube das Musikhören in hohem Masse. Während der Inhalt des Onlineportals wächst, steht den Nutzern ein immer grösser werdendes musikalisches Archiv zu Verfügung. Die Nutzer werden dazu gedrängt, immer grössere Mengen an Musik zu konsumieren. Die Qualität von einzelnen musikalischen Werken rückt dabei in den Hintergrund ganz nach dem Motto: Quantität geht vor Qualität.3

Trotz der revolutionären Leistung, welche Youtube für den Konsum und die Erreichbarkeit von Musik erbracht hat, führt das Internetportal auch negative Folgen herbei.

(gi, sg, ys, bw)

  1. Wikipedia: Youtube. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/YouTube (Abgerufen: 18.12.2013)
  2. Youtube: Nutzungsbedingungen. URL: http://www.youtube.com/t/terms (Abgerufen: 30.12.2013).
  3. Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction to Its Own Past. London: Faber and Faber Ltd, 2011, 56-62.

Wie verändert Spotify das Musikhören, Suchen, Finden und Sammeln

Spotify ist eine der jüngsten Entwicklungen im Bereich des Musikangebots. Wir machen hier einen Vergleich mit der Situation vor der Internet-Ära, um die Entwicklung möglichst umfänglich darzustellen. Die Auswirkungen von Spotify auf das Musikhören, Suchen und Finden, sowie das Sammeln sind im Diagramm zirkulär dargestellt. Dabei wurde vom Musikangebot ausgegangen und anschliessend über die relevanten Zwischenschritte die Rückkopplungseffekte auf dasselbe dargestellt. Abgebildet ist jeweils die Situation vor der Internet-Ära im oberen Teil der Felder, im unteren die „neue“ Situation mit Spotify.

Spotify Diagramm

1.   Angebot

Das Angebot war vor der Internet-Ära durch diverse Instanzen vorselektiert, beziehungsweise moderiert. Zum einen entschieden A&Rs und Labels was überhaupt produziert und veröffentlicht wurde, zum anderen waren auch die Vertriebswege und Shops längst nicht für alle Produktionen offen – was keinen Verkaufserfolg versprach war nur in spezialisierten Läden erhältlich.
Durch die webbasierte Streaming-Technologie, welche Spotify verwendet, fällt der Zwang physischer Vertriebswege und Verkaufsfläche weg. Zudem wächst das Angebot dank kostengünstiger digitaler Produktionsmethoden im Allgemeinen.

In klassischen Plattenläden war das Angebot gezwungenermassen nach Stilrichtungen und/oder Alphabet sortiert. Da Spotify die Archivierung der Werke mittels einer Datenbank realisiert sind diese auf verschiedene Weisen abrufbar.

2.   Finden

Einst war es die Fachpresse, in welcher der Musikkonsument primär über Neuerscheinungen informiert wurde. Auch das soziale Umfeld, vor allem informierte Freunde, waren eine relevante Informationsquelle. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte zudem der Verkäufer im Lieblingsplattenladen, welcher oft mit interessanten Entdeckungen aufwarten konnte. Zufallsfunde beim durchstöbern des Angebots im Laden führten ebenfalls oft Spannendes zu Tage.
Die Suchfunktion bei Spotify hingegen findet zwar wegen des grossen Angebots meistens das Gesuchte, bietet aber jene Möglichkeiten auf Neues zu stossen nicht. Dieses Manko jedoch versucht Spotify auf verschiedene Weisen auszugleichen: Nebst Vorschlägen von Spotify, welche auf dem Ähnlichkeitsprinzip zu Gehörtem beruhen, besteht die Möglichkeit, komplette Playlists verschiedenen Ursprungs zu laden und diese auch zu bearbeiten und zu teilen. Dank der Verlinkung mit Facebook, wird der User zudem darüber informiert, was seine Freunde hören. Schliesslich besteht die Möglichkeit, mittels integrierter Apps (Pitchfork etc.) rezensierte Inhalte zu durchstöbern und somit den Plattenverkäufer in gewissem Masse zu substituieren.

3.   Besitz

Vinyl, CDs und MCs kann man physisch besitzen. Der Besitz muss auf individuelle Weise sortiert (oder nicht sortiert) aufbewahrt werden. Sowohl zum Tonträger selbst, als auch zur Archivierungsmethode, bestand ein persönlicher Bezug. Bei Spotify entfällt dies. Der „Besitz“ von Musik ist verwaltender Natur, er besteht darin, in der „Cloud“ gespeicherte Inhalte abrufbar zu machen. Eine klassische Plattensammlung konnte zudem eine Wertanlage sein. Nicht so bei Spotify: Selbst Premium-User mit Abo „besitzen“ keine Inhalte, sondern abonnieren lediglich den Zugriff darauf für die jeweilige Dauer der Abonnements.

4.   Konsumort

Physische Tonträger wie Vinyl oder CD wurden hauptsächlich auf einer Stereoanlage zuhause abgespielt. Mit der MC wurde (dank dem Sony-Walkman, später Discman) der Musikkonsum unterwegs möglich. Auch das Auto stellte oft einen bevorzugten Konsumort für MCs und CDs dar. Spotify hingegen wird bevorzugt auf PCs, Laptops und Mobilgeräten konsumiert. Oft werden hierzu Kopfhörer verwendet.

5.   Qualität

Besonders bei Vinyl waren die Qualitätsansprüche an die Aufnahmen hoch. Natürlich waren diese jeweils stark Stilrichtungsabhängig. Auch die CD bot – wenn auch in Kennerkreisen vor allem zu Beginn nicht gemocht – immer noch einen hohen Qualitätsstandard. Bei der MC hingegen überwogen  die Möglichkeiten der Flexibilität (Aufnahme, Portabilität). Das MP3 Format, welches der Streaming Technologie zu Grunde liegt, komprimiert die Daten der Aufnahmen stark, was zu erheblichen Qualitätsverlusten führt. Die Flexibilität der Verfügbarkeit und auch des mobilen Konsums scheint den Usern wichtiger zu sein als die bestmögliche Qualität zu erhalten. Zudem würden es die oft verwendeten (meist billigen) Kopfhörer nicht ermöglichen, Qualitätsunterschiede ab einem gewissen Niveau überhaupt noch zu erkennen. Premium-Kunden stehen zwar auch hochauflösende MP3s zur Verfügung, letztendlich sind aber auch diese im Datenvolumen stark komprimiert.

6.   Vergütung

Da beim Kauf physischer Tonträger stets mehrere Songs gekauft wurden, war deren Erwerb vergleichsweise teuer. Diese Einnahmen ermöglichten es der Musikindustrie sämtliche an der Produktion, dem Vertrieb und dem Verkauf Beteiligten zu entschädigen. Spotify lebt hauptsächlich von Werbeeinnahmen, zudem von den Abo-Verkäufen. Die vergleichsweise niedrigen Einnahmen verteilen sich auf ein viel grösseres Angebot. Somit bleibt für die an der Produktion Beteiligten (Künstler, Labels, Produzenten etc.) weniger. Damit ein Künstler denselben Betrag via Spotify verdient, den er mit einem Tonträgerverkauf bekommen hätte, müssten seine Werke zigfach abgespielt  werden.
Wie sich das konkret auf das insgesamt verfügbare Angebot auswirkt bleibt abzuwarten. Noch wächst das Angebot auf Spotify. Alternative und innovative Finanzierungsmethoden stellen eine Zukunftsperspektive dar. Die Wahrscheinlichkeit ist aber gross, dass aufwändige, von Labels finanzierte Produktionen, wie sie einstmals für Bands wie Roxette oder die Rolling Stones getätigt wurden, künftig rar werden.
(MR) (Lh) (dm) (nana)

Das Archiv für moderne Musik

Das Archiv für moderne Musik ist eine private Initiative von Christian Schorno. Meine Musiksammlung ist im Lauf der Zeit so umfangreich geworden, dass deren Verwaltung einen systematischen Ansatz nötig machte. Auf dem Markt verfügbare Software, um private Musiksammlungen zu verwalten, zum Beispiel iTunes oder Collectorz, bringt unannehmbare Beschränkungen mit sich. Deshalb musste ich die Verwaltung meiner Musiksammlung auf der Basis von Standard-Webtechnologie selbst konzipieren, einrichten und programmieren. Es entstand das Archiv für moderne Musik.

Die Datenbank des Archivs für moderne Musik

Timeline von Musikzimmer.ch

Timeline von Musikzimmer.ch

2001 wurde die Sammmlung zunächst in einer Access-Datenbank erfasst – von Anfang an mit dem Ziel, diese Daten später ins Internet zu stellen, wo ich seit dem Jahr 2000 regelmässig Rezensionen veröffentlichte. Die Idee war, die Daten verfügbar zu haben und Abfragen bedürfnisgerecht programmieren und bequem ausführen zu können. Die Technologie dazu, ein Webserver mit MySQL-Datenbank, angesprochen mit PHP, stand zur Verfügung und ist einfach handhabbar.

Die erste Implementation in der lokalen Access-Datenbank weckte das Bedürfnis nach einem genauen und konsistenten Datensatz: Releasedaten wo möglich auf den Monat (oder besser noch auf den Tag) genau zu erfassen, Katalognummern so zu verzeichnen, dass die Sortierreihenfolge stimmt, Compilations mit V. A. (Labelbezeichnung) in der Datenbank zu führen, damit Abfragen darauf möglich sind und vieles mehr.

Diskografie-Dimensionen

Diskografie-Dimensionen

Das wichtigste Anliegen, das mit der Online-Datenbank ins Spiel kam, war, dass jedes Item der Datenbank (also ein Song oder ein Release) immer auch als Bestandteil von fünf Diskografie-Typen angeschaut werden kann: als Bestandteil der Diskografie des Interpreten / Acts, der Produzentendiskografie, der Monats- oder Jahresdiskografie, der Labeldiskografie und passender Genrediskografien. Das heisst, dass diese fünf Dimensionen in der Datenbank vollständig und konsistent erfasst werden müssen.

Es dauerte bis im Dezember 2006, bis die Datenbank dann endlich online ging. Vorher, im Spätsommer 2006, migrierte ich alle statischen Seiten über Musik auf meine neue Domain, auf Musikzimmer.ch. Als dann die ersten Seiten programmiert waren, entstand der Wunsch, die Musik auf einem Intranet-Webserver verfügbar zu machen. Den Server gibt es seit dem Herbst 2007. Die Digitalisierung der Musiksammlung dauert noch mindestens bis Ende 2011.
Die Timeline zeigt schliesslich noch mein Zusammentreffen mit open broadcast, dem ersten «user-generierten Radio» der Schweiz. Es besteht die Absicht, das Archiv für moderne Musik den Programmmacher/-innen von open broadcast zur Verfügung zu stellen. (Die hier verwendeten Screenshots von Folien entstammen einer Präsentation, die ich im Rahmen vom Open Broadcast Exchange im Juni 2010 in Basel gehalten habe.)
 

Was ein Archiv ausmacht

Archiv = Sammlung + Katalog

Archiv = Sammlung + Katalog

Ein Archiv besteht aus einer Sammlung von Objekten (die Archivalien) und einem Verzeichnis oder Katalog dazu. Früher waren diese Kataloge Listen oder Zettelkästen. Heute legt man hierfür Datenbanken an. Datenbanken haben verschiedene Vorteile, die das Suchen, Sortieren und Anzeigen von Archivalien erleichtern oder flexibilisieren.

Musikarchive enthalten typischerweise Musik in verschiedenen Medienformaten: CDs, LPs, Singles, EPs, Cassetten, Tonbänder oder neuerdings Soundfiles. Eine wichtige Aufgabe des Katalogs oder Verzeichnisses besteht darin, zu dokumentieren, in welchem Format eine bestimmte Musik vorliegt und wo sie physisch aufgefunden werden kann.

Die Abbildung zeigt im linken Foto einen Teil der Sammlung des Archivs für moderne Musik sowie im rechten Foto zwei klassische Verzeichnisarten von Archivalien: eine Liste und einen Zettelkasten.

Die Digitalisierung eines Musikarchivs

Es ist aus mindestens drei Gründen dankbar, ein Musikarchiv zu digitalisieren. Diese Gründe will ich kurz darlegen.

Digitalisierung eines Musikarchivs

Technologie für digitale Musikarchive

Technologie für digitale Musikarchive

1) Musik ist dank heutiger Web- und Hypertext-Technologie etwas, das im Internet bzw. auf einem Bildschirm repräsentiert und abgespielt werden kann. Zum Vergleich: Eine Sammlung von Oldtimer Autos müssen in einem Museum ausgestellt werden. Auf Bildschirmen können lediglich fotografische Abbilder dargestellt werden.
2) Traditionelle Archive hatten ihren Katalog und ihre Sammlung an je einem eigenen Ort. Wer eine Archivalie suchte, musste zuerst zum Katalog laufen, dort den Standort der Archivalie nachschlagen/recherchieren und danach zur Archivalie gehen, um diese anzusehen oder anzuhören. In einem digitalen Archiv können alle diese Teilhandlungen in der selben Datenbankapplikation abgewickelt werden. Medientechnisch kann man sagen, zwischen Katalog und Sammlung gibt es im Fall digitaler Musikarchive keinen Medienbruch mehr.
3) Die Indizes traditioneller Archive waren ein- oder zweidimensional. Man hatte zum Beispiel einen Zettelkasten, in dem die Titel von LPs verzeichnet waren und einen zweiten, in dem die Acts (Künstler oder Interpreten) alphabetisch sortiert waren. In digitalen Datenbanken kann man nach allen Feldern (zum Beispiel: Act, Titel, Label, Erscheinungsdatum usw.) suchen, die Suchresultate alphabetisch ausgeben und sie auch gleich anhören.
Diese Vorteile machen, dass sich das Digitalisieren der Musiksammlung lohnt und dass man Freude hat, im digitalen Archiv zu stöbern.

Nachteile digitaler Archive und einige Abhilfen gegen sie

Also kann man die CDs nach dem Digitalisieren getrost verkaufen? Hm …, da bin ich mir nicht so sicher. Ein digitales Musikarchiv hat gegenüber einem klassichen Archiv, in dem die CDs auf Regalen stehen, doch einen entscheidenden Nachteil. Ich glaube, dass Benutzer/-innen digitaler Musikarchive in der Regel nach dem suchen und das finden, was sie bereits kennen. Digitale Datenbanken sind perfekte Werkzeuge, um Informationslücken zu füllen. Wie hiess diese EP der Band Pavement mit dem Gockelkopf drauf? Wann erschien Sgt. Pepper von den Beatles? War es das erste Konzeptalbum oder gab es solche vor ihm? Es sind in der Regel solche Informationsfragen, die an Datenbanken gestellt und die von ihnen zuverlässig beantwortet werden. Datenbanken sind Informationstechnologie, nicht Wissenstechnologie. Sie helfen uns zum Beispiel nur beschränkt dabei, neue Musik zu finden, die wir noch nicht kennen.

Webbasierte Musikdatenbanken haben Zusatzfunktionen eingebaut, die Benutzer/-innen animieren, mehr mit ihnen zu machen als bloss Informationslücken zu füllen: Discogs ist auch ein Marktplatz für Musik, auf Rate Your Music können Benutzer/-innen Rezensionen schreiben, Listen zusammenstellen, Ratings abgeben. Durch solche Zusatzfunktionen werden Benutzer/-innen an die Datenbankapplikation gebunden und eingeladen, systematischer als ohne sie damit zu arbeiten.

Datenbankmodell von Musikzimmer.ch

Datenbankmodell (Musikzimmer.ch)

Musikzimmer.ch hat keine vergleichbare Zusatzfunktion. Das ist auf den ersten Blick ein Nachteil. Musikzimmer.ch ist aber auch keine Musikdatenbank, sondern ein Archiv. Der Nutzen eines Archivs besteht darin, die verzeichnete Musik zum Anhören zur Verfügung zu haben – aus rechtlichen Gründen natürlich nicht frei im Internet angeboten.
Und inwiefern ist Musikzimmer.ch mehr als ein Informationsplattform über Musik? Ich versuche, sehr verschiedene Informationstypen miteinander zu vernetzen, indem ich neben der Datenbank auch diesen Blog führe, Web 2.0 Technologien einsetze (vor allem den Google Reader mit täglichen Empfehlungen und Twitter) und indem die Datenbank neben Musikformaten auch Bücher und Artikel zur modernen Musik enthält, was wunderbare Möglichkeiten zur Vernetzung von Daten bzw. Information schafft. Ein Musikgeschichtsbuch hat im Anhang einige Referenzalben aufgelistet. Diese werden in der Datenbank erfasst, eine Bestenliste erstellt und vom Buch wird ein Link auf diese Bestenliste gemacht. Auf diese Weise erhalten die Benutzer/-innen von Musikzimmer.ch wertvolle Informationen zur modernen Musik.

Links zu wertvollen Onlinequellen

Einen wesentlichen Zusatznutzen gegenüber vielen Musikdatenbanken versuche ich damit zu schaffen, dass ich Links zu relevanten Online-Quellen einarbeite und pflege. Zu einem Release findet man Verweise auf Musikdatenbanken, Lyrics-Seiten und Rezensionen. Damit ist der Musikzimmer-Katalog nicht nur eine kleine aber feine Musikdatenbank, sondern ein Hypertext zur modernen Musik.

 

 

Archivregale als Fläche

Archivregale als zweidimensionale Fläche

Es gibt ein noch schwerwiegenderes Problem digitaler Musikarchive als das der informationstechnologischen Beschränkung: Man interagiert über einen Bildschirm mit dem gesamten Archiv und dieser Bildschirm ist in der Regel von beschränkter Grösse. Zum Vergleich: Meine CD-Regale bilden eine zweidimensionale Fläche auf der ich meine Musik geordnet habe. Von links nach rechts verläuft eine imaginäre Zeitachse. Das heisst, Musik, die links eingeordnet ist erschien früher als Musik die rechts steht. Und die Dimension von unten nach oben repräsentiert die stilistische Vielfalt einer Zeit. Dieses System ist grandios zum Schmökern und Herumstöbern. In herkömmlichen digitalen Archiven gibt es nichts Vergleichbares.

Kleine Bildschirme

Kleine Bildschirme

Das Problem wird drastisch, wenn die Anzeigen (die Screens) besonders klein sind, wie in vielen gängigen Heim- oder Mobilgeräten (siehe Abbildung). Auf solchen kleinen Bildschirmen lässt sich ein Musikarchiv einfach nicht abbilden, du kannst nicht in ihm herumgehen, du kannst die Archivalien nicht anfassen. Dabei geht es mir nicht um den Verlust der Sinnlichkeit alter Medien, der oft beklagt wird, sondern um die fehlende Repräsentation der Musiksammlung als ganzer auf zu kleinen Bildschirmen. Ich glaube, dass die Screens unseren Blick in einem sehr konkreten Sinn einschränken oder verengen.

Kognitive Karte

Kognitive Karte

Die bisher einzige Abhilfe, die mir gegen diese Verengung in den Sinn kommt, sind grafischer Natur. Was Datenbanken und Archive brauchen, sind grafische Repräsentationen musikalischer Zusammenhänge, zum Beispiel Genremaps (Landkarten oder kognitive Karten, die die historsiche Entwicklung der Musik abzubilden versuchen). Einige prototypische kognitive Karten habe ich gezeichnet: eine Sparten-Übersicht, eine Genremap zu Americana, eine nicht interaktive Genremap zu Rock und Alternativerock, eine Kapitelübersicht zum Buch: Modulations von Shapiro (Ed.) und eine zu On The Wild Side von Martin Büsser (leider auch nicht interaktiv). Leider ist es sehr aufwändig, solche kognitive Karten zu erstellen und an ihnen Änderungen vorzunehmen, besonders wenn sie interaktiv sein sollen.

Was kommt rein und was bleibt draussen?

Wer ein Archiv führt, trennt das, was rein kommt von dem, was draussen bleibt. Ich werde oft gefragt, was meine Auswahlkriterien sind. Wenn ich versuche, solche Kriterien zu nennen, kann man immer gleich schaurig akademische Diskussionen über deren Validität führen. Aber damit will ich mich nicht aufhalten. Nenne ich keine Kriterien, scheint alles, was ich tue, völllig willkürlich.

Quellen fürs Musikzimmer

Quellen fürs Musikzimmer

Nun, die beste Antwort, die ich auf die Frage nach meinen Auswahlkriterien geben kann, ist folgende: Ich bin sowohl darum bemüht, Neuerscheinungen als auch die einflussreichste Musik der vergangenen Jahrzehnte im Archiv zu haben. Ich schaue mir fast täglich die RSS-Feeds von Online-Musikmagazinen durch, um nichts zu verpassen. Ich lese Bücher zur modernen Musik, Online-Artikel und Bestenlisten, um das was in ihnen verhandelt wird, verzeichnet zu haben. Bei der Auswahl sind dann weder klare Kriterien noch blosse Willkür am Werk, sondern vielmehr mein Interesse an der modernen Musik, das von einer grossen Hörerfahrung gespeist ist. Mir geht es so: Je mehr Musik ich kenne, desto grösser wird mein Interesse an Neuem. So ist, was rein kommt und was drausssen bleibt, zwar von meiner Person abhängig und sicherlich mit blinden Flecken geschlagen. Diese werden aber durch die Berücksichtigung möglichst vieler Quellen hoffentlich kleiner und kleiner.