Produktions- und Verwertungsbedingungen von Musik im Internetzeitalter

Wenn man den Zustand und die Situation der Musikindustrie der Gegenwart analysiert, dann werden zumeist Verkaufszahlen angeschaut und die Geschichte erzählt, wie sich Musik, seit sie entmaterialisiert ist, nicht mehr verkaufen lässt.

US Recorded Music Revenue Dollars per Capital – siehe PUBLISHING IN THE DIGITAL ERA. A Bain & Company study for the Forum d’Avignon

Wenn man die Produktions- und Rezeptionsbedingungen der Gegenwartsmusik mit breitem soziologischem Fokus untersucht, erkennt man schnell, dass es noch immer unzählige Musikmillionäre gibt und dass die Musikindustrie eigentlich gute Kennzahlen produziert. Die Produktpolitik hat sich sehr stark verschoben (Lizenzierung und Livekonzerte sind heute einträglich und nicht der Verkauf von Tonträgern). Man hat auch die Ahnung, dass die Schere zwischen denen, die mit Musik reich werden und denen, die nicht davon leben können, grösser wird (ein Spiegel der Gesellschaft, in der die Schere der Einkommensverteilung grösser wird).
Historisch ist die Vermarktung von Musik eng an die Leitmedien einer Zeit gebunden. Als Radio in den 20er-Jahren aufkam, gab es zunächst einen Zusammenbruch der Plattenverkäufe, dann aber beflügelte das neue Medium den Absatz. In den 50er-Jahren wurde dann das Formatradio erfunden, was wiederum positive Effekte auf die Verkaufszahlen von Musik hatte, weil der nach Generationen und musikalischen Vorlieben/Geschmacksrichtungen differenzierte Markt im Rahmen der Formate überschaubar blieb. In den 80er-Jahren waren es MTV, seine Nachfolger und Ableger, die massgeblich beim Verkauf von Musik mitwirkten, wenigstens bei der jungen Generation. Heute gehören Streaming-Plattformen wie Youtube, Vimeo oder Soundcloud zu den wichtigsten Leitmedien der Musikdistribution. Diese Medien sind nicht durch Formate organisiert, sondern durch soziale (Follower, Peers) und Empfehlungslogiken (Tags, Playlisten, Blogs, Kanäle).
Vorhaben: (1) Die soziologsichen, juristischen, musikwirtschaftlichen, marketingmässigen Produktionsbedingungen der heutigen Absatzkrise analysieren (Vorbild sind dabei die Arbeiten von Richard Peterson über das Aufkommen von Rock’n’Roll.1)
(2) Die Geschichte der Verbindung von Musikindustrie und Leitmassenmedien kurz darstellen.
(3) Hauptfragestellung beantworten, wie eine Formatisierung der Streaming Media Dienste vorgenommen werden könnte.
Vermutung: Streamingmedia haben es verpasst, an die traditionellen Formate anzuknüpfen. Die Betreiber von Musikplattformen investieren Millionen für das Erkennen von Trends oder für die Verbesserung der Empfehlungsfunktionen (Spotify kaufte am 6. März 2014 für 25.6 Millionen Dollar Echonest, den führenden Musikdiscoverydienst im Netz, der grösste Teile aller Musikdaten im Netz akkumuliert hat, Apple kaufte den Zane Lowe, den bekanntesten Radio DJ Englands ein, um vergleichbare Zwecke zu erreichen wie Spotify mit Echonest 2). Die ins Hundertste und Tausendste zerfallenen Musikservices und Medien im Internet müssten durch geschickte Zusammenschlüsse von Services zu rentablen Plattformen integriert werden. Und die Musikindustrie muss partnerin dieser Services werden, wie sie Partnerin der Radios war. Wie wäre eine solche Integration anzustellen?
Dies wäre ein Vorhaben aus dem ich ein Buch, eine Habil oder eine Produkt entwickeln könnte …

Notes:

  1. Richard A. Peterson (1990): «Why 1955? Explaining The Advent Of Rock Music». In: Popular Music, Vol. 09 Iss. 01, pp. 97-116, Cambridge University Press
  2. siehe: Mark Mulligan: Why Zane Lowe Could Do More For Discovery At Apple Than Echonest’s $25.6 Million Does For Spotify, Music Industry Blog, 17. Februar 2015

Do Music Charts Still Matter?

Der Musikmarkt ist zersplittert wie noch nie und die Verkaufszahlen befinden sich auf einem absoluten Tiefpunkt. Kann eine Hitparade wie die Billboard Hot 100 noch so tun, als gäbe es einen Markt auf dem relevante Songs erfolgreich sind?

Dieser interessante Podcast aus der Reihe von Upward Spiral Deep Dive Podcasts vertieft das Thema der Relevanz von Charts/Hitparaden in unserer Zeit. Anlass für die Diskussion ist, dass ein Mobile-Anbieter eine Million Exemplare von Jay-Zs Album Magna Carta Holy Grail vorgekauft hat, um die Tracks ihren Kunden zu verschenken.


Für die Billboard Charts zählen alle verkauften physischen oder digitalen Alben, aber nur dann, wenn ein Kunde die Kaufentscheidung selbst trifft und das ist bei der Million Jay-Z-Alben nicht der Fall.
Der Podcast wirft allerlei interessante und wichtige Fragen im Zusammenhang mit Hitparaden auf: Was soll gemessen werden – ein Kauf, Aufmerksamkeit (seit Februar 2013 werden auch Youtube-Abrufzahlen für die Billboard Hot 100 berücksichtigt), Trends auf Twitter, geklickte Like-Buttons? Für wen sind Charts interessant – für oberflächliche MusikhörerInnen, die dem nachjagen, was sie verpasst haben könnten, oder für das Musikbusiness selbst?

Nachtrag: Posting über das Video zum Titeltrack des Albums, der bei Facebook und nicht bei VEVO erschien Why Jay-Z Premiered His «Holy Grail» Video On Facebook (Hypebot, 5. September 2013)

Notes:

  1. Richard A. Peterson (1990): «Why 1955? Explaining The Advent Of Rock Music». In: Popular Music, Vol. 09 Iss. 01, pp. 97-116, Cambridge University Press
  2. siehe: Mark Mulligan: Why Zane Lowe Could Do More For Discovery At Apple Than Echonest’s $25.6 Million Does For Spotify, Music Industry Blog, 17. Februar 2015

HAIM und Fleetwood Mac

Wer hat damit angefangen?

HAIM, der Sister-Act aus Los Angeles, der diesen Sommer verdientermassen in aller Munde ist, wird immer wieder mit Bands verglichen, die am Ende der 70er Jahre sehr erfolgreich waren, mit den Eagles oder Fleetwood Mac. Wer hat damit angefangen?

Diese Woche wurde der neue Track The Wire bei Stereogum wie folgt beschrieben:

Cali sisters HAIM have yet to release an LP, but when they do, the thing is gonna be an absolute destroyer. The band’s singles just get better and bigger with each subsequent release, and “The Wire” — which premiered today on Zane Lowe’s BBC show — is their most robust and confident track to date: It has the lushness of Fleetwood Mac and the swagger of the Pretenders over a drum track borrowed from Gary Glitter or T. Rex, with a studio-enhanced density of sound that stands up next to Ke$ha’s most frenetic and ambitious material. It’s a fucking great, great song. Listen. – Quelle: Stereogum (29. Juli 2013)

Dann kam der Track bei Stereogum in die fünf besten Songs der Woche und wurde wie folgt beschrieben:

It’s hard to talk about “The Wire” without throwing out a bunch of comparisons that make HAIM sound fussily retro-minded: Fleetwood Mac, the Pretenders, and (as was pointed out to me) the Eagles. And yeah, all those comparisons are earned and accurate. But “The Wire” never feels old or overly reverent; instead, it’s one of the freshest, funnest things to be released this summer: all head-bobbing handclaps, lite bass drops, funk guitar wah, string stabs, and vocal mini-runs over an infectious melody. Sisters Danielle, Alaina, and Este Haim trade vox on the verses like tag-team wrestlers, and come together in a rush of harmony on the bridge. It’s pure energy, really, pure joy. – Quelle: Stereogum (Autor: Michael, 2. August 2013)

Nun aber zu meinem Problem: Ich höre weder Fleetwood Mac noch die Egales (höchstens das Schlagzeug aus Heartache Tonight, aber das ist weit her gezogen). Es regt sich mir der Verdacht, dass hier bei einem Act, dem der Erfolg des ersten Albums jetzt schon sicher ist, der Megaerfolg herbeigeredet wird. Fleetwood Mac und die Eagles meinen hier nur «höchste Verkaufszahlen in der Rock-Geschichte» – oder hören Sie den Zusammenhang vom HAIM-Sound und Fleetwood Mac?

Die Eagles-Connection wurde dem Autor offenbar zugeflüstert «(as was pointed out to me)». Der Text vermerkt es: Es handelt sich um Rumours. Bei Fleetwood Mac soll der Zusammenhang in der Üppigkeit des Sounds bestehen («the lushness of Fleetwood Mac»). Sorry, das spricht immer noch nicht zu mir und irritiert weiter. Was wird da herbeigeredet? 40 Millionen verkaufte Tonträger? Was sollen die drei Schwestern da für Wunder bewirken?

Lese ich doch diese Woche auch, dass die Schallplattenverkäufe in den USA ein Rekordtief erreichten: Zum ersten Mal seit 1991 (das ist seit Nielson SoundScan die verkäufe sondiert), d.h. wahrscheinlich seit viel, viel früher, fielen die Verkäufe in fünf aufeinander folgenden Wochen auf unter 5 Millionen Stück (siehe: U.S. Album Sales Hit Record Lows, Hypebot, 2. August 2013).

Konklusion: Den Zusammenhang zwischen der immer noch krankenden Musikindustrie und den Pressetexten über HAIM (falls das die Quelle ist) halte ich für grösser als der Zusammenhang zwischen HAIM- und Fleetwood-Mac-Sound.

Nachbemerkung: Wenn ich eine der HAIM-Schwestern wäre, dann wäre ich beleidigt, dass meine frische Musik so tief in der Musikgeschichte verwurzelt wird. Ich würde drauf bestehen wollen, dass das neu ist, was ich mache. Aber die Zeiten wollen von einem Act, der ein Megaseller wird, dass er Retro oder Revival ist, wie zum Beispiel Adele. Auch wenn die Sache neu klingt, muss sie an der Geschichte angeknüpft und in einem möglichst goldenen Zeitalter verortet werden. Auf Teufel komm raus.

Notes:

  1. Richard A. Peterson (1990): «Why 1955? Explaining The Advent Of Rock Music». In: Popular Music, Vol. 09 Iss. 01, pp. 97-116, Cambridge University Press
  2. siehe: Mark Mulligan: Why Zane Lowe Could Do More For Discovery At Apple Than Echonest’s $25.6 Million Does For Spotify, Music Industry Blog, 17. Februar 2015