Glen Campbell

Glen Campbell war Mitglied der «Wrecking Crew» in Los Angeles, einer losen Gruppe von Msuiker/-innen, die als Session-Musiker mit allen, allen, allen Aufnahmen gemacht haben: «Bobby Darin, Ricky Nelson, Dean Martin, Nat King Cole, The Monkees, Nancy Sinatra, Merle Haggard, Jan and Dean, Elvis Presley, Frank Sinatra and Phil Spector» den Beach Boys und Bobbie Gentry (siehe Wikipedia). Eine wahre Legende. Vor einiger Zeit erhielt er eine Alzheimer-Diagnose. Daraufhin nahm er letztes Jahr seinen Fairwell-Song auf: «I’m not gonna miss you», ein sehr persönlicher Song über sein Leben, seine Liebe und seine Krankheit:

Was man immer wieder hören kann von ihm sind folgende drei Stücke:
Witchita Lineman (nicht übertrieben einer der besten Songs, die je aufgenommen worden sind)


Glen Campbell: «Wichita Lineman». Text und Musik: Jimmy Webb. Nachweis (Single): Capitol 2302 (Single), 1968.

By The Time I get To Phenix


Glen Campbell: «By The Time I Get To Phoenix». Text und Musik: Jimmy Webb. Nachweis (Single): Capitol 2015 (Single), 1967.

Rhinestone Cowboy


Glen Campbell: «Rhinestone Cowboy». Text und Musik: Larry Weiss. Nachweis (Single): Capitol P 4095, 1975.

Was ist und wozu dient ein Kanon der modernen Musik?

Eine Liste mit essentiellen Werken

Ein Kanon ist eine Sammlung mit Werken (Alben, Songs, Videos, Büchern/Texten), die als essentiell oder verbindlich angesehen werden (siehe Wikipedia am Beispiel der Literatur). Auf Musikzimmer finden Sie verschiedene Listen, die einen kanonischen Anspruch für die Rock- und Popmusik erheben können (auch wenn sie das nicht explizit tun):

Ein solcher Kanon der modernen Musik, des Jazz, des Rocks, des Pops besteht demnach aus der Aufzählung von Alben oder Songs, die als essentiell oder verbindlich gelten dürfen. Doch: Was heisst «essentiell», was «verbindlich»? Und: Für wen ist der Kanon essentiell bzw. verbindlich? Und schliesslich die pragmatische Frage: Was machen wir mit einem Kanon bzw. was zieht diese Verbindlichkeit nach sich?

Sinn und Unsinn des Kanons

Vermutlich stammt die Idee eines Kanons ursprünglich aus der Theologie, wo verschiedene Schriften, die sich inhaltlich teils widersprachen, zu einer verbindlichen Bibel zusammengestellt wurden, um eine kohärente Darstellung der Glaubensinhalte zu erhalten und um Glaubensfragen entscheiden zu können. An diesem exemplarischen Beispiel eines Kanons sieht man: Das Zusammenstellen eines Kanons geschieht somit durch Ein- und Ausschliessen von Werken. Hier liegen bewusste Entscheidungen von den Personen und Institutionen, die den Kanon zusammenstellen, zugrunde. Diese Personen haben ihre Sicht der Dinge, diese Sicht ist beschränkt (man kann unmöglich alles kennen) und verzerrt (man hat Vorlieben).

Vielleicht sind Begriffe wie «Beschränkung» und «Verzerrung» doch sehr einseitig und negativ. So von Beschränkung und Verzerrung geprägt muss ein Kanon gar nicht sein. Das Wertvolle an ihm ist, dass man eine Messlatte für «gute» Werke hat – was immer das heisst –, dass man Weitsicht pflegt, dass man sich vom Kanon anregen lässt, über das unmittelbare und persönliche Interesse und Wohlgefallen hinaus Musik zu hören. Es ist interessant, was Fachleute (Musiker, A&Rs von Labeln und Musikjournalisten) als wichtig und einflussreich erachten!

Ich möchte den Umgang mit dem Kanon als eine Grundhaltung des Interesses an einer möglichst «objektiven» Sicht auf die Dinge verstanden wissen, nicht als Autoritätsgläubigkeit. Wenn Sie es relativistisch mögen können wir auch von «Kanonvorschlägen» sprechen. Es kommt hier auf den kritischen Umgang mit solchen Kanonvorschlägen an. Kennt man die Blickwinkel, unter denen ein einzelner Kanonvorschlag entstanden ist, kann man seinen Verbindlichkeitsanspruch relativieren. Und hier stellen wir wieder die eingangs gestellte Frage: Was heisst «essentiell», was «verbindlich»? Wie lässt sich die Essentialität operationalisieren und messen? Wie erkennt man sie? Wie weist man sie aus und rechtfertigt somit seine Entscheidungen bei der Auswahl von Werken für den Kanon?

Fragen und Probleme des Kanons der Modernen Musik

Wie Nico Thom in seinem Aufsatz Aktuelle Prozesse der Kanonbildung in multimedialen Magazinen populärer Musik betont, dass die meisten Autoren von Kanones (respektive Kanonvorschlägen) die Stilgebundenheit von Kanonisierungsprozessen übergehen und und «sich auf einen idealtypischen Kanon der populären Musik kaprizieren» (Thom, 2012, S. 78). Wenn man die Schwierigkeiten mit der Kanonbildung etwas analysiert, dann kommt man auf mindestens die folgenden Problemdimensionen von Kanones:

1. Das Genre-Problem

In bestehenden Kanonvorschlägen gibt es offensichtlich unterrepräsentierte Genres: Progrock, Elektronische Musik, House, Techno, moderne Klassik, Jazz und vieles mehr. Die meisten Kanonvorschläge entstammen der Rockmusikpresse. Deren Journalisten haben unglaubliche Blinde Flecken. Ganz andere Blinde Flecken hat die eigentlich sehr offene Bestenliste The 100 Most Important Records Ever Made von The Wire. Zwischen dieser Liste und sagen wir den 500 grössten Alben und Songs vom Rolling Stone Magazine gibt es nur einige Überschneidungen.

2. Das Nationen-Problem

Die meisten Kanonvorschläge sind durch die amerikanische und die englische Musik geprägt. Deutsche Musik (Krautrock, NDW oder Deutscher Rap) fehlt weitgehend, jamaikansiche Musik zu grossen Teilen (Dub ganz klar – hingegen ist Reggae gut reräsentiert). Französische Musik von Piaf, Brel oder Vian fehlt ganz, obwohl diese nicht ohne Einflüsse auf die englischsprachige Musik geblieben ist (Scott Walker zum Beispiel). Diese Liste lässt sich nahezu beleibig lang fortführen. Hingegen tauchen, seit «World Music» eine Marktposition darstellt, einige Titel aus nicht-angelsächsischen Ländern in der neuesten Ausgabe der Mojo Collection auf.

3. Das Kompilations-Problem

Besteht ein Kanon nur aus Original-Alben oder auch aus Compilationen (Greatest Hits von Bands/Interpreten oder Genres, Labelsampler usw.)? Konkret geht es um die Frage ob ABBAs The Definitive Collection oder V. A. The Best Glam Rock Album in the World … Ever zum Kanon gehören sollen oder nicht. Diese Frage wird von der «Mojo Collection» verneint, wobei aber die Buchausgabe eine Liste mit Compilations enthält. Der Rolling Stone hat einzelne Zusammenstellungen in seine 500 grössten Alben aufgenommen und die All-Time 100 Albums von «Time» hat acht Compilations in der Liste.

4. Das Problem der neueren Musik

Neuere Musik ist im Kanon immer unterrepräsentiert. Die alten Werke sind offenbar die kanonfähigeren Werke. Diese Verzerrung wird oft als «Genration Bias» bezeichnet. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Generations-Problem in dem Sinn ist, dass die Leute, die den Kanon zusammenstellen, nicht mehr jung sind. Vielmehr denke ich, dass es eine Charakteristik des Kanons ist, dass er vorzugsweise ältere Werke enthält, deren Wirkungsmächtigkeit deutlich geworden ist. Die Wirkungsgeschichte eines Werks ist für dessen Aufnahme in den Kanon essentiell, woraus folgt, dass junge Werke, die eben noch keine Wirkungsgeschichte entfalten konnten, deutlich weniger Chancen haben, in den Kanon aufgenommen zu werden.

5. Soziale Verzerrungen

Schwarze Musik ist gegenüber weisser Musik in der Regel unterrepräsentiert (dieses Problem deckt sich teils mit dem Genre-Problem), Frauen bzw. weibliche Acts gegenüber männlichen. Dies liegt mit Sicherheit daran, dass es weniger Schwarze und Frauen in den Berufen gibt, die Kanonvorschläge machen.

6. Die Alben oder Songs Entscheidung

Besteht der Kanon eigentlich aus Alben oder Songs? Und warum gibt es keinen Kanon aus Bands oder Genres. Mir ist nur ein Buch bekannt, das Alben und Songs kombiniert (Sean Eagans «100 Albums That Changed Music and 500 Songs You Need to Hear »). Der Rolling Stone hat 500 Songs und 500 Alben erkürt, Acclaimed Music je 3000.

Wider das Lustprinzip?

Wer Musik hört tut dies meist nach dem Lustprinzip. Warum soll man sich etwas anhören, das einem nicht gefällt oder dem man sich mühsam annähern muss. Musikhören ist das Gegenteil von Mühsal und Arbeit.

Dieses Lustprinzip steht aber der Kanonbildung und der Auseinandersetzung mit ihm nicht unbedingt entgegen. Es kann ja gerade wegen meiner Lust an der Musik sein, dass ich mich mit dem Kanon auseinandersetze. Über diese Beschäftigung hinaus bereitet es Lust, einen eigenen Kanonvorschlag zusammenzustellen, eigene Bestenlisten zu erstellen und die Alben oder Songs, die darin enthalten sind, andern zum Anhören oder Kaufen vorzuschlagen. Diese eigenen Listen mögen zwar durch grosse persönliche und biografische Verzerrungen geprägt sein und damit ideosynkratischer sein als die Listen der Fachleute. Diese Vorschläge stellen aber interessante Diskussionsangebote mit Gleichgesindten dar, wenngleich diese Diskussionen oft mit furchtbar altkluger Haltung geführt werden.

Aneignung des Kanons

Wer sein Interesse am Rockmusik-Kanon hat, dem empfehle ich, mit einem nicht so umfangreichen Kanonvorschlag anzufangen und sich dann weiter zu arbeiten. Zum Einstieg in den Kanon von Alben eignen sich Bestenlisten mit 50 bis 100 Titeln:

Später kann man auf 500 und auf 1000 und mehr erhöhen:

Bestenlisten von Songs sind meist umfangreicher als Bestenlisten mit Alben – man findet kaum eine brauchbare Liste mit nur 100 Songs. Meine Empfehlungen hier sind:

Heute ist es mit Soulseek oder vergleichbarer P2P-Software endlich kein Problem mehr, an die Musik heranzukommen. Alles, was man braucht, ist etwas Zeit …