Musikerbiografie fürs Schulbuch

Roger McGuinn Gründungs- und Langzeitmitglied  bei den Byrds sagt in einem Interview, das Mojo Magazine in der April-Ausgabe 2017 abdruckt: «I didn’t pay much attention to music until I heard Heartbreak Hotel. The transistor radio had just come out and I’d ride my bike around Chicago and listen to it. It was the drama of the song – and that really fabulous echo. I asked for a guitar after I heard it and got one.» (p. 44).

Es klingen gleich mehrere Themen in dieser Aussage an, die aus dem Geschichtsbuch zur Populären Musik, dem Kapitel «Rock ’n‘ Roll» stammen könnten:

  1. Von Elvis Presley geht eine magnetische Kraft aus: Wer ihn als junger Mensch hört, wird mitgerissen. Einige greifen selbst zu einer Gitarre und aus diesen Jungs rekrutieren sich die Rock-Musiker der nächsten Generation.
  2. Man hört Rock ’n‘ Roll im Transistorradio. Dieses neue Gadget gibt Teenagern ein eigenes Medium (während die Familie vor dem TV versammelt ist) und dieses ist mobil, d.h. es kann im Auto und unter der Bettdecke gehört werden, an Orten, die entweder ganz privat sind oder an denen Jugendliche unter sich sind.
  3. Das Echo von Heartbreak Hotel war ein Sound-Merkmal, das viele Rock-’n‘-Roll-Stücke gemeinsam hatten. Slapback-Echo, erzeugt durch eine zweite Tonbandmaschine oder das Echo aus dem Echo-Raum des Aufnahmestudios, ergaben einen «Signature Sound» von Rock ’n‘ Roll.

Glen Campbell

Glen Campbell war Mitglied der «Wrecking Crew» in Los Angeles, einer losen Gruppe von Msuiker/-innen, die als Session-Musiker mit allen, allen, allen Aufnahmen gemacht haben: «Bobby Darin, Ricky Nelson, Dean Martin, Nat King Cole, The Monkees, Nancy Sinatra, Merle Haggard, Jan and Dean, Elvis Presley, Frank Sinatra and Phil Spector» den Beach Boys und Bobbie Gentry (siehe Wikipedia). Eine wahre Legende. Vor einiger Zeit erhielt er eine Alzheimer-Diagnose. Daraufhin nahm er letztes Jahr seinen Fairwell-Song auf: «I’m not gonna miss you», ein sehr persönlicher Song über sein Leben, seine Liebe und seine Krankheit:

Was man immer wieder hören kann von ihm sind folgende drei Stücke:
Witchita Lineman (nicht übertrieben einer der besten Songs, die je aufgenommen worden sind)


Glen Campbell: «Wichita Lineman». Text und Musik: Jimmy Webb. Nachweis (Single): Capitol 2302 (Single), 1968.

By The Time I get To Phenix


Glen Campbell: «By The Time I Get To Phoenix». Text und Musik: Jimmy Webb. Nachweis (Single): Capitol 2015 (Single), 1967.

Rhinestone Cowboy


Glen Campbell: «Rhinestone Cowboy». Text und Musik: Larry Weiss. Nachweis (Single): Capitol P 4095, 1975.

Wo die Erzählung der musikalischen Revolutionen nicht aufgeht

Ich vermute, dass besonders Musikgeschichten, die von Journalisten geschrieben worden sind, der Erzähl-Logik der Revolutionen folgen: Journalisten sind auf News und Innovationen aus. Ausgelassen oder in die Fussnoten verdrängt wird in dieser Version der Geschichte (récit), dass es Stile und Acts gibt, die persistieren, anhaltend erfolgreich sind. Progrock wurde durch Punk nicht vollständig vom Tisch gewischt, einige Bands und MusikerInnen adaptierten sich an die neuen Verhältnisse und machten nach einer Verjüngungskur weiter Musik (Yes, Genesis, Kate Bush, Peter Gabriel). Alle Acts, die länger leben als die fünf bis zehn Alben, die eine durchschnittliche Popmusik-Karriere ausmacht (z.B. Elvis Costello, Nick Cave) wurden schon immer etwas a-historisch, passten nur am Anfang ihrer Karriere so richtig in die Erzählung der musikalischen Revolutionen.

Eine andere Erzählung der Geschichte

Bis zum Ende der Geschichte bestanden die Erzählungen von der Geschichte der populären Musik darin, dass in regelmässiger Folge Subkulturen in den Mainstream durchbrachen und eine kleine oder grosse Revolution auslösten. Mit der Revolutionierung der Genres und Stile ging das Überholen der alten Generation einher. Es gab diejenigen, die den Schritt mit der Geschichte mitmachten, und es gab diejenigen, die stehen blieben. Diese Erzähl-Logik ist die Logik der Revolutionen.

Unsere posthistorische Zeit macht hingegen aus, dass die ganze Geschichte topologisch ausgebreitet vor uns liegt (in iTunes, Spotify oder Youtube) und dass musikalische Innovationen in besonderen Bezugnahmen (Referenzen) auf vorliegendes ungeschichtliches Material bestehen.

Wie schlägt sich wohl die veränderte Sachlage in der Erzählung (récit) der posthistorischen Geschichte (histoire) nieder? Die Logik der Revolutionen macht hier keinen Sinn mehr. Man muss die Geschichte anders erzählen.